friedrich alfred krupp auf capri!
die diagnose war schnell gestellt: bei elisabeth von österreich genau so wie bei friedrich nietzsche oder friedrich alfred krupp. sie alle litten unter der modekrankheit „neurasthenie“, die - wenigstens in den „besseren kreisen“ - um 1900 epidemisch grassierte.
ob die anfälle von schwarzer melancholie und allgemeiner schwäche wirkliche krankheitszeichen waren, sei dahin gestellt. sie alle litten wohl eher unter einer bigotten und heuchlerischen gesellschaft, die dem einzelnen - eingezwängt in konventionen und rigiden moralvorstellungen - keine luft zum atmen liess.
so war es wohl auch bei friedrich alfred krupp.
sein vater, alfred krupp, hatte ihn zu keinem zeitpunkt im unklaren darüber gelassen, wer eines tages die führung der krupp´schen gussfabriken übernehmen müsste. dabei war friedrich alfred alles andere als ein kaufmann und industrieller. sein interesse galt den naturwissenschaften, für die jedoch in der „villa hügel“, dem krupp´schen neobarocken herrschaftssitz in essen, niemand verständnis aufbrachte.
friedrich alfred krupp, 1854 geboren, übernahm - nicht aus neigung, sondern aus pflichtgefühl - als 33-jähriger die leitung des unternehmens und führte es, sich selbst verleugnend, zu ungeahnten erfolgen. die zahl der arbeiter stieg auf 45.000, die bei krupp vor allem rüstungsgüter produzierten.
das alles ist nur zu verstehen, wenn deutschlands enorme wirtschaftliche expansion bedacht wird, die nach dem krieg von 1870/71 einsetzte und das kaiserreich - beflügelt von der stürmischen industriellen entwicklung - innerhalb weniger jahre zur europäischen grossmacht werden liess.
die aufträge für krupp kamen aus berlin, wo ein ins militär verliebter kaiser, wilhelm II., alles daran setzte, sowohl seinen englischen cousins als auch dem französischen „erzfeind“ paroli zu bieten - also im europäisch-imperialen spiel der mächte seinen platz zu erobern. dazu gehörten kanonen genau so wie panzerschiffe.
alles das lieferte krupp und wurde auf diese weise zum grössten rüstungslieferanten des kaiserreichs.
friedrich alfred krupp trug nicht leicht am erbe seines grossvaters und vaters. das heisst aber nicht, dass er besonders skrupulös war, wenn es um waffenlieferungen ans kaiserreich ging. das war in seinen augen ein geschäft wie jedes andere auch und machte seine familie überdies noch reich - sehr reich.
vielmehr fühlte er sich zeitlebens nicht als unternehmer, sondern als wissenschaftler. sein linkisches und schüchternes auftreten verrieten die zwänge, unter denen er lebte. dazu kam seine homoerotische neigung, die sorgsam verborgen blieb. deswegen - und weil es in seiner position gar keine andere wahl gab - heiratete er margarete freiin von ende, mit der er die töchter berta und barbara hatte.
wenn es ihm die zeit gestattete, floh er vor der familien- und unternehmensräson ins südliche europa.
kennengelernt hatte er italien auf einer reise, die seiner gesundheit dienen sollte. die ärzte rieten damals ihren von neurasthenie und melancholie geplagten patienten nur allzu gern zu einem aufenthalt im süden. die wärme, das licht und die scheinbar unbekümmerte lebensart der südeuropäer war - so meinten sie - die richtige medizin, um die dunklen gedanken und den schwermütigen sinn der allzu müden und lebensüberdrüssigen zu kurieren.
friedrich alfred krupp fand tatsächlich zeitweilige genesung auf capri, wo er fortan die wintermonate verbrachte. quartier nahm er im hotel „quisisana“, das bequemlichkeit und - wenn auch bescheidenen - luxus für verwöhnte mitteleuropäer bot.
an ein eigenes haus, wie es sich andere weltflüchtige auf der insel bauten, hat er nie gedacht. er liess jedoch eine waghalsig-steile serpentinen-strasse in die felsen schlagen, die das hotel auf kürzestem weg mit dem hafen „marina piccola“ verband und noch heute in betrieb ist. ganz in der nähe befand sich eine höhle, die friedrich alfred krupp zu seinem refugium ausbaute. dort - inmitten neugotisch wilhelminischer pracht - empfing er gäste, tafelte und plauderte mit ihnen - oder gab sich, allein und die einsamkeit suchend, weltenfernen gedanken hin.
standesdünkel war ihm fremd und berührungsängste kannte er nicht. mit einem jungen friseur, der von der insel stammte, pflegte er - warum auch immer - freundschaftlichen umgang, wie überhaupt die bewohner der insel immer wieder seine gäste waren.
das dies nur einige jahre später anlass zu gerüchten und böser rede werden sollte, ahnte er nicht.
im hafen „marina piccola“ lag auch das schiff, mit dem friedrich alfred krupp die fauna des mittelmeers erforschte. angeregt durch felix anton dohrn, der in deutschland eine universitätskarriere ausgeschlagen hatte, um auf capri die weltweit erste forschungsstation für meeresbiologie zu errichten, entdeckte friedrich alfred krupp eine vielzahl von unbekannten meerestieren, die er wissenschaftlich katalogisierte und beschrieb.
er unterstützte das meeresbiologische institut von dohrn genau so freigiebig, wie er der einheimischen bevölkerung finanziell unter die arme griff. noch heute bewahren ihm deswegen die einwohner auf capri ein ehrendes andenken.
capri war für friedrich alfred krupp ein ort, an dem er sich - weit ab von beruflichen pflichten und familiären zwängen - seinen neigungen widmen konnte ... wozu wohl auch sein faible für junge männer gehörte.
wenigstens erschien 1902 ein artikel in einer italienischen zeitung, der genau dies kolportierte und von einem reichen ausländer schrieb, der auf capri seinen homoerotischen neigungen nachgehe und die jugend der insel verderbe. mit welchem ziel diese intrige ins werk gesetzt wurde, blieb im dunklen.
in deutschland griff der sozialdemokratische „vorwärts“ die vorwürfe auf und spitzte sie zu einem angriff, der nicht nicht nur den rüstungs-industriellen friedrich alfred krupp, sondern auch - und vor allem - seinen auftraggeber, wilhelm II. treffen sollte, dessen politik den sozialdemokraten ein greuel war. der kaiser war der politische adressat des diffamierenden artikels, wobei irgendwelche gerüchte benutzt wurden, um auf heuchlerische weise die homosexualität eines "freundes" des kaisers an den pranger zu stellen.
heuchlerisch deswegen, weil die sozialdemokraten zur gleichen zeit sturm gegen den § 175 liefen, der die „unzucht unter männern“ unter strafe stellte und gerade ins strafgesetzbuch des kaiserreiches aufgenommen worden war.
am 15. november 1902 erschien der kompromittierende artikel im „vorwärts“ - und sollte tragische folgen haben.
am 22. november erfuhr die öffentlichkeit, dass friedrich alfred krupp im alter von 48 jahren einem gehirnschlag erlegen war. schon bald spekulierte die presse über einen selbstmord - die konsequenz eines in seiner ehre gekränkten mannes, der, einem strengen kodex gehorchend, wegen der herrschenden moral keinen anderen ausweg sah.
an seiner trauerfeier nahm auch kaiser wilhelm II. teil. er verurteilte mit scharfen worten die verleumderische kampagne gegen friedrich alfred krupp - dabei ging es ihm aber wohl gar nicht so sehr um das andenken des industriellen, der vergeblich ein leben jenseits der wilhelminischen gesellschaft gesucht hatte. wilhelm II. sah sich vielmehr durch den skandal selbst bedroht und wollte ihn, um keinen politischen schaden zu nehmen, schon im keim ersticken.
er konnte zu jenem zeitpunkt nicht wissen, dass dies alles nur das wetterleuchten eines weitaus schwerwiegenderen skandals war, der fünf jahre später, 1907, durch einen artikel von maximilian harden ausgelöst wurde. darin verdächtigte er einen engen vertrauten des kaisers, fürst eulenburg, der homosexualität, behauptete, wilhelm II. würde sich von einer „kamarilla von homosexuellen“ beraten lassen und liess unter der hand anklingen, dass der kaiser womöglich selbst homosexuell veranlagt sei.
jetzt verstehen wir vielleicht besser, warum sich menschen um die jahrhundertwende - von neurasthenie und melancholie gepeinigt - in den süden flüchteten, um vor böswilligen und bigotten verdächtigungen und nachstellungen sicher zu ein - dass aber damals moralisch-verlogene rachsucht selbst an so heiter-freundlichen orten wie capri lauerte.
friedrich alfred krupp hat dies alles das leben gekostet.
auch auf meiner homepage:
