gänsebraten und schlechte GEDICHTE!
man kann in ein kleines gedicht eine ganze apokalypse stecken. es muss dem dichter schon ziemlich trüb ums herz gewesen sein, als er diese zeilen verfasste. manchmal reicht es aber auch, abends zu spät und zu schwer zu essen, um in albträume zu verfallen. dann steht man vielleicht wieder auf, setzt sich an den tisch und schreibt ein gedicht mit düstersten visionen.
natürlich würde auch ein magenbitter helfen - übrigens immer ein probates mittel gegen schlechte lyrik - aber soetwas haben wohl nur die zur hand, die hin und wieder ein gedicht lesen, und nicht jene, die sich nächtlich die schrecknisse der welt von der seele schreiben.
was soll man viel sagen, wenn ganze kathedralen einstürzen und mitsamt der gerippe aus den gräbern zu tale rollen? wer würde bei einem solchen getöse nicht aufwachen? ... wir erinnern uns: gänsebraten zu später stunde lässt nicht nur kathedralen, sondern sogar den schiefen turm von pisa zu tale stürzen ...
es hilft auch nichts, sich die decke bis zur nase zu ziehen und zu hoffen, dass das unheil an uns vorbei gehen möge. der magen grummelt und die toten schädel rollen und rollen ... geradewegs durch unsere schlafstube.
ich sage es noch einmal: wer jetzt keinen magenbitter zur hand hat, muss sich die pein - weniger wohl, mehr übel - vom leibe schreiben. wohlan, herr herwegh, berichten sie uns, was ein zu fetter gänsebraten in jener nacht in ihnen anrichtete:
Georg Herwegh (1817-1875)
Herüber zog eine schwarze Nacht
Herüber zog eine schwarze Nacht.
Die Föhren rauschten im Sturme;
Es hat das Wetter wild zerkracht
Die Kirche mit ihrem Turme.
Zerschmettert das Kreuz; zerdrückt den Altar;
Zermalmt das Gebein in den Särgen -
Die gotischen Bögen wälzen sich
Donnernd hinab von den Bergen.
Zum Dorfe stürzt sich Turm und Chor
Als wie zu einem Grabe -
Da fährt entsetzt vom Lager empor
Und spricht zur Mutter der Knabe:
"Ach Mutter, mir träumte ein Traum so schwer,
Das hat den Schlaf mir verdorben.
Ach Mutter, mir träumte, soeben wär'
Der liebe Herr Gott gestorben."

Gern sing ich abends zu dem Reigen,
Vor Thronen spiel ich niemals auf;
Ich lernte Berge wohl ersteigen,
Paläste komm ich nicht hinauf;
Indes aus Moder, Sturz und Wettern
Sein golden Los sich mancher zieht,
Spiel ich mit leichten Rosenblättern;
Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.
Georg Herwegh