imaginäre bilder ...!
ich bin einmal in marokko einem kleinen jungen begegnet. ich weiss nicht
mehr, wo es war. wenigstens lief er mit kleinen, bunten ketten in der hand
durch die strassen und bot sie den touristen an. sie sollten ihm auch eine
flasche arganien-öl abkaufen, die er dabei hatte.
er streckte mir die ketten und die flasche hin. ich wollte weiter gehen.
er lief aber hartnäckig hinter mir her. er sagte nichts, sondern zeigte
nur fortwährend auf die ketten in seiner hand. er wurde mir nun wirklich
lästig. also blieb ich stehen und sagte sehr laut und bestimmt:
„no!“
ich hörte ein gurgeln, das tief aus seiner kehle kam. der junge öffnete
den mund und schloss ihn wieder.
er war stumm!
eine welle von mitleid erfasste mich. ich schnappte nach luft. mir wurde
schwindelig. schweiss brach mir aus ...
.
.. dann war ich ertrunken!
hier, im ksar von ait benhaddou beschloss ich, nur noch dieses eine mal
die grosse tür aufzustossen, um in das halbdunkel zu treten, das marokko
auch ist und alle zeit war.
in welchem der dämmrigen labyrinthe hatte sich nur meine zuversicht
versteckt, die mich einmal in dieses land geführt hatte? in welche der
dunklen räume hatte sich die lebensfreude zurückgezogen, die ich
meinte, in marokko gefunden zu haben?
hatte sie sich nur verborgen - oder war ich der lächelnden lüge
aufgesessen, die allgegenwärtig in marokko auf uns wartet?
wie konnte ich in einem land, das aus mangel und not besteht - und das
im überfluss -, auf die suche nach der freude am leben gehen?
während ich durch den ksar von ait benhaddou lief, erkannte ich mit
aller deutlichkeit, dass es stets die bilder in meinem kopf waren, die ich
in marokko wiederfinden wollte. einige wenige facetten hatte ich auch entdeckt,
die aber nur meinen vorgefassten vorstellungen entsprachen.
ich reiste also seit jahren durch ein imaginäres land, das nur in
meiner fantasie vorhanden war! ausserhalb meiner vorstellungen begann die
hitze, der staub, not, dürre, mühsal ...
ich hatte wohl mit meiner liebe zu marokko die menschen provoziert, mir
MEIN, anstatt IHR bild des landes zu spiegeln! ich hatte - mit einem
wort - immer nur von meinem marokko erzählt, anstatt still zuzuhören,
um marokko zu begreifen!
(...)
ich erinnere mich an die gebückten frauen, - mit riesigen reisig-bündeln
auf dem rücken! ich sehe sie auf den knien in ihren feldern. körbe
voller datteln tragen sie nach hause und treiben einen störrischen esel
an, der keinen schritt mehr weiter will. viele winken, wenn ich an ihnen
vorüberfahre. manche hocken am strassenrand und sehen mir lange nach.
ich denke an die alte frau, deren rücken so gebeugt ist, dass die wenigen
haare auf ihrem kopf fast den staub von der strasse in der medina von marrakesch
fegen. mit einen stock, fest in ihrer rechten hand, sucht sie sich einen
weg durch das menschenmeer.
aber sie läuft doch nicht durch ein imaginäres leben in einem
imaginären land!
sie tut nur das, was sie tun muss - bis zum ende ihrer tage: sich sorgen
und mühen, arbeiten und vergessen ... denn vergessen müssen wir
alle, um leben zu können.
diese frau in der medina von marrakesch ist kein imaginäres bild,
von dem ich in einem augenblick der müdigkeit dachte, ganz marokko sei
davon vollgestellt.
selbstverständlich bleibt sie für mich ein bild - aber doch
nur deshalb, weil ich mit ihrem leben nichts zu tun und in ihrem leben nichts
zu suchen habe.
bevor ich in ourzazate einschlafe, nehme ich mir vor, mit den grossen
und manchmal traurigen bildern marokkos nicht mehr zu streiten, sondern
sie fortan mit verwunderung, neugier, mitleid und staunen zu betrachten
...
