lübeck - keineswegs WINDSTILLE PROVINZ!
als thomas mann (kurz vor seinem tod) in lübeck die ehrenbürgerwürde der stadt entgegen nahm und bei dieser gelegenheit im stadttheater eine grosse, vielbeachtete rede hielt ("lübeck als geistige lebensform"), hatte er sich endlich mit seiner vaterstadt ausgesöhnt (und sie sich mit ihm).
wenn im oktober im stadttheater in lübeck der 80. geburtstag von günter grass gefeiert wird - wozu der bundespräsident anreisen wird - kann man von irgendeiner "versöhnung" nicht sprechen, denn es hat nie ein zerwürfnis zwischen günter grass und lübeck gegeben.
günter grass wählte lübeck vielmehr zu seiner wahlheimat - deswegen, weil lübeck ihn an seine wirkliche heimat (danzig) erinnert. lübeck dankt es und richtet ihm schon zu lebzeiten ein museum ein: das günter-grass-haus in der glockengiesserstrasse.
dieses haus grenzt an ein anderes haus, das willy brandt gewidmet ist. das wird im dezember feierlich eingeweiht.
mit willy brandt standen die dinge in lübeck allerdings über viele jahre nicht zum besten. als uneheliches kind in lübeck geboren, verweigerte man ihm lange den respekt. dieser herr frahm (so hiess brandt mit geburtsnamen) war den bürgern mehr als suspekt. dazu gehörte er auch noch der äussersten linken an, pflegte kontakt zu julius leber (manche behaupten, der sei sein vater gewesen) und ging ins exil, als die nazis an die macht kamen.
das tat auch thomas mann und es zerriss ihm das herz, als lübeck 1943 in einer einzigen nacht im feuersturm unterging. in der BBC sprach er jedoch von der gerechten strafe und mahnte die deutschen zur umkehr.
nun hat es sich so ergeben, dass lübeck mit dem buddenbrook-, günter-grass- und willy-brandt-haus gleich drei deutschen nobelpreisträgern eine art geistige heimat gibt. wenn manche (ich tat es auch) von lübeck als der "windstillen provinz" sprechen, so sei doch angemerkt, dass der jüngste, günter grass, einigen frischen wind in die stillen gassen der stadt brachte ... und dass der ältere, willy brandt, zum bundeskanzler aufstieg, gar den nobelpreis erhielt, und damit lübeck zu besonderer ehre verhalf. vergessen war die häme und der missbilligende blick. jetzt war man stolz auf den sohn der stadt - ob er nun frahm oder brandt hiess.
der älteste, thomas mann, hatte wohl von allen dreien das problematischste verhältnis zu lübeck. es war geprägt von regelrechter hassliebe. als der roman "buddenbrooks" erschienen (für den er immerhin den nobelpreis gewann) schimpften ihn die lübecker als "nestbeschmutzer" und thomas mann blieb seiner vaterstadt viele jahre fern - auch wenn es in seinem literarischen werk stets präsent war.
keine andere stadt in deutschland kann sagen, dass gleich drei nobelpreisträger in ihren mauern lebten. lübeck kann sich diese feder voller stolz an den hut stecken und tut im übrigen einiges, um ihrer daraus erwachsenen verpflichtung nachzukommen.
vergessen wir also die "windstille provinz" und gratulieren stattdessen lübeck zu so viel nobelpreislichem glück!
