marokkanische KISSENPYRAMIDEN 4.!
der oberkellner kam in den garten und bat die gäste zum abendessen. mir wurde der tisch neben ilse und karim angeboten, was mir missfiel, denn ich war hungrig und wollte ungestört zu abend essen. mit der in ihren kissen schwebenden ilse über mir war das aber wohl kaum möglich.
ich nahm dennoch das angebot an und tröstete mich damit, dass es jedem stadttheater zur zierde gereichen würde, ilse zu präsentieren - sie also auftreten zu lassen. denn mittlerweile brachte sie zwischen ihrem lauten stöhnen auch immer einmal wieder einen triller zu gehör, der sich wie der anfang der tonleiter anhörte, dann aber leider regelmässig erstarb und - wie inzwischen gewohnt - einem dumpfen „aua“ platz machte.
nun, dieses problem hätte man vielleicht mit etwas übung lösen können. schwieriger aber schien es mir, um ilse herum einen einigermassen plausiblen spielplan zu entwickeln. so ganz viele opern mit von kamelen geschädigten damen fielen mir nicht ein. in wahrheit war es nur verdis oper „aida“ und selbst da wusste ich nicht, ob aida jemals auf einem kamel geritten war -
- ganz davon abgesehen, dass man nicht ein ganzes jahr unablässig “aida“ mit ilse auf dem spielplan haben konnte.
das langweilt dann doch wohl mit der zeit.
die in der runde sitzenden gäste bemühten sich höflich, ilse zu ignorieren. manche schüttelten aber auch mit den köpfen und ein vater ermahnte laut seinen sohn: „harald, man schaut einer hemmungslos - hmmm - frau nicht so hemmungslos zu - iss deinen salat!“
als ich in der vorspeise stocherte und mir überlegte, ob es sich bei der frikadelle um kamelfleisch handelte (dann hätte man titan-ja womöglich inzwischen ihrer gerechten strafe zugeführt), überkam mich ganz plötzlich das mitleid mit ilse - oder besser gesagt: es war ein mitleid für tier und mensch.
nur wenige machen sich eine vorstellung davon, was es heisst, stundenlang auf einem kamel durch die wüste zu reiten. die sich unablässig am fell der tiere reibenden, zarten oberschenkel der touristen sind am ende blutrot unterlaufen und ihre schmerzenden hintern erinnern sie nur noch an die sadistischen prügel hemmungsloser volksschullehrer.
der preis der wüste ist nicht die hitze - sondern der schmerz.
jetzt aber war ich doch nahe daran, mir die ohren zuzuhalten, denn ilse bäumte sich plötzlich in ihren kissen auf, schluchzte besonders laut... und fiel in sich zusammen.
... manchmal fallen wollust und schmerz in einem kurzen moment zusammen - nur ich begreife das zuweilen nicht.
karim war als erster auf den beinen - und mit ihm einige hotelgäste. alle schauten besorgt zu ilse hinauf, die stöhnend, schwer atmend und gekrümmt auf ihren kissen lag.
„wir müssen etwas tun, sie stirbt!“ rief ein mädchen am nebentisch. sie trug immer noch ihren bikini vom strand, liess ein kaugummi vor ihrem mund platzen und wurde in massvollem abstand von einigen glutaugen hinter den büschen umlauert.
jetzt sprang die tür zum restaurant auf und der oberkellner eilte in den garten. „madam, was sollen wir tun - sind sie verletzt? ich habe eine salbe für schmerzen dabei. vielleicht hilft sie!“
ilse entfaltete sich aus ihrer stöhnenden verknotung und richtete sich auf. sie versuchte sogar ein lächeln.
„salbe gegen schmerzen? ich brauche immer etwas gegen meine schmerzen. die salbe wird mir helfen, ich musste erst nach marokko kommen, um zu genesen ...“
sie warf einen blick in den dunklen himmel und rief: „es ist die reine, unverstellte natur, die in marokko hilft ...“
„und der biss der schlange!“ ergänzte der oberkellner. „diese salbe ist das pure nattergift. in massen aufgetragen, hilft sie aber auch gegen anderen schmerzen ... und natürlich gegen schlangenbisse ...!“
er lächelte. ich aber hörte ...
.... das aufstöhnen von ilse - nur der melodische triller am ende fehlte.

wann fällt sie denn nun endlich runter?
Mit grinsendem Gruß
Lale