mein ONKEL - robinson crusoe!
vor kurzem schrieb ich etwas von den „geheimnissen“, die jede familie mit sich herum trägt. irgendwann kommen aber auch die gehütetsten geheimnisse ans licht - wenn auch manchmal auf seltsamen wegen.
bei feiern meiner familie wurde manchmal eine recht kuriose geschichte erzählt. sie handelt von einem onkel, der viele jahre auf einer einsamen südseeinsel lebte.
wie er dort hingekommen war und was er dort wollte, wusste keiner so recht. für die exotik der geschichte reichte es aber völlig aus, sich diesen sohn eines pastors aus der pommerschen provinz als eine art robinson crusoe vorzustellen, der sein leben unter palmen fristete.
natürlich stimmte die geschichte nicht. sie liess sich aber nett erzählen und stillte vielleicht auch die sehnsucht nach fernweh und abenteuer.
wie es sich wirklich mit diesem onkel verhielt, reimte ich mir erst viel später zusammen, als ich etwas mehr über ihn erfahren hatte.
dieser onkel war ein rechter trunkenbold. das aber erwähnten die verwandten nicht, wenn sie im fröhlichen familienkreis bei einem glas likör zusammen sassen. soetwas schickt sich einfach nicht.
wie aber sollte man erklären, dass dieser trunkenbold eines tages aus der stadt, in der er lebte, verschwand? nicht genug damit. wie sollte man die frage beantworten, wohin er gegangen war?
immerhin: er war der sohn eines pastors. da machen sich die menschen schon einmal gedanken, wenn jemand aus dem pfarrhaus verschwindet. als die fragen immer dringlicher wurden, entschloss sich der pastor, seine gemeinde nicht länger im unklaren zu lassen. er sagte ihnen jedoch höchstens die halbe wahrheit ... ach, was - er flunkerte, als er erklärte: „mein sohn lebt für eine weile auf einer einsamen insel in der südsee!“
damit schien das verschwinden des trunkenbolds allerdings aufgeklärt zu sein und die fragen verstummten. es ist ja auch völlig normal und nicht weiter erklärungsbedürftig, wenn jemand aus der pommerschen provinz so mir nichts, dir nichts in die südsee aufbricht ...
wie gesagt: das war - wenn überhaupt - nur die halbe wahrheit, die im übrigen sorgfältig die tatsache verschwieg, dass dieser sohn der trunksucht verfallen war. davon sprach man nicht - höchstens hinter vorgehaltener hand.
der pastor hatte noch einen zweiten sohn, der als kapitän zur see fuhr. er hatte seinem vater vielleicht von der schönen südsee erzählt, wohin er auf seinem schönen schiff gereist war ...
das wenigstens würde die antwort des pastors erklären, als er gefragt wurde, wohin sein sohn verschwunden war. es fiel ihm halt nur die südsee ein ...
die wahrheit ist aber doch etwas verzwickter und erschöpft sich nicht in einem kapitän, der in die südsee reist - einem pastor, der von der südsee spricht - und einem trunkenbold, der in der südsee lebt.
überhaupt: es ist doch sehr seltsam, dass die pommersche provinz in dieser geschichte, je länger ich sie erzähle, der südsee immer näher rückt. schon allein deswegen kann an dieser geschichte etwas nicht stimmen.
und so ist es auch!
die südsee hatte der arme pastor nur deswegen erfunden, weil sie ganz weit weg war, er also nicht weiter erklären musste, warum sein sohn sehr lange fortbleiben würde.
wie es zu der reise kam, ist schnell erzählt:
der kapitän zog seinen bruder eines tages in ein ernstes gespräch. er warf ihm seine trunksucht vor und prophezeite ihm ein schlimmes ende. um ihn aber doch noch auf den pfad der tugend zurückzuführen, erklärte er dem verblüfften bruder, ihn auf sein schiff und mit auf reisen zu nehmen - allerdings ohne schnaps und andere spirituosen.
„ich schwöre dir“, sagte er, „bevor wir in der südsee sind, bist du von deiner trunksucht kuriert!“
der bruder musste - ob er wollte oder nicht - an bord des schiffes gehen, von dem man zuvor sorgfältig und peinlich genau alle spirituosen geschafft hatte.
noch ehe sie die pommersche bucht verliessen und in die ostsee segelten, war der bruder schon einigermassen nüchtern und der kapitän zufrieden. es mag sein, dass sich im ärmelkanal heftige entzugserscheinungen bemerkbar machten, die aber spätestens vor der afrikanischen küste abgeklungen waren ... und als sie nach vielen monaten vielleicht die südsee erreichten (so ganz genau weiss man es nicht!), konnte keiner an bord mehr sagen, wie schnaps und genever eigentlich schmecken ...
das also ist die geschichte von meinem onkel, der ein trunkenbold war, in die südsee (oder sonst wohin) reiste und von dort geheilt zurückkehrte. weil man aber bei familienfeiern nicht besonders gern von einem, dem alkohol verfallenen onkel spricht, wurde aus ihm kurzerhand ein zweiter robinson crusoe ...
... und das ist ja auch viel spannender!
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