noch ein wort zu ALEXANDER VON HUMBOLDT!
zitiert aus "kreuz und quer", 2004:
einer meiner besucher bei KREUZ UND QUER - swift - bemerkte in einem
kommentar, dass in der neuerlichen würdigung
humboldts dessen homosexualität einmal wieder fahrlässig übergangen
wird. swift zitiert dazu theodor fontane, der schon ende des 19. jahrhunderts
anmerkte, dass sich ein richtiges bild alexander von humboldts erst einstellen
könnte, wenn dessen sexuelle präferenz mit bedacht wird.
rechtzeitig zum erscheinen der humboldt-edition hat hans-magnus enzensberger einen historischen lehrdialog zwischen humboldt und seinem pariser
kollegen francois arago verfasst und veröffentlicht. humboldt sagt darin
auch einiges zum deutschen nationalismus:
"Sogar mein Bruder meint, es fehle mir an 'Deutschheit', was immer das heißen
mag. Aber ich finde, dass es nicht schade ist um unser Ancien regime. Wer
wird all diesen lächerlichen Duodezfürstentümern nachtrauern,
die uns zum Gespött Europas gemacht haben! Und im übrigen, ich
gesteh' es dir gerne, bin ich lieber hier in Paris als in der Berliner Sandwüste.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie bigott und beschränkt die Leute
sind, die dort das Sagen haben. Diese Monotonie, diese sumpfartige Stille!
Einen Freund wie dich hätte ich in Berlin nie und nimmer gefunden."
es scheint, als möchte enzensberger humboldts sätze nur als politisches
statement verstanden wissen. sie sind aber doch auch - und vielleicht vor
allem - die abrechnung eines homosexuellen mannes mit einer engen, doppelmoralischen
welt. wir dürfen uns die forschungsreisen humboldts nach südamerika
und asien getrost als flucht vorstellen - aus einer puritanisch verklemmten
gesellschaft, in der ein freier geist und homosexueller mann nie und nimmer
leben konnte und wollte. dass er es schliesslich - älter werdend - doch
tat, hat wohl etwas mit dem ruf an die berliner universität, mit seiner
bruderliebe, der grosszügigen förderung durch den preussischen
könig - und nicht zuletzt mit der deutschen sprache zu tun, in der er
sein hauptwerk „kosmos, entwurf
einer physischen weltbeschreibung“ schliesslich publizierte.
