ruanda - massenmord als koloniales erbe!
massenmord als koloniales erbe
der genozid an den tutsis in ruanda
eine schwere detonation erschütterte das flugzeug, das sich am 6. april 1994 im landeanflug auf kigali, der hauptstadt von ruanda, befand. von einer rakete getroffen, explodierte es und stürzte ab. an bord befand sich auch der ruandische staatspräsident, juvenal habyarimana. er war sofort tot, ihm hatte der anschlag gegolten.
nur wenig später setzte in ruanda die jagd auf die vermeintlichen täter - die tutsis ein. ein morden unvorstellbaren ausmasses begann. die genaue zahl der getöteten blieb unbekannt. schätzungen sprechen von 500.000 bis zu einer million menschen, die in ruanda von april bis juli 1994 auf bestialische weise abgeschlachtet wurden.
wie konnte es zu dieser tragödie - diesem genozid - kommen?
ruanda war bis spät ins 19. jahrhundert ein weisser fleck auf der landkarte afrikas - eine „terra incognita“. erst kurz vor der jahrhundertwende drangen forscher, entschlossen der malaria und anderen fährnissen trotzend, ins landesinnere vor. die ihnen nachfolgenden europäischen kolonialisten reklamierten - wie es damals üblich war - das land sogleich für sich. ruanda wurde auf diese weise zusammen mit burundi teil deutsch-ostafrikas und blieb es bis zum ausbruch des 1. weltkriegs.
1916 drangen belgische truppen - von kongo herkommend, das zu ihrem einträglichen, kolonialen besitz gehörte - in ruanda ein. sie zwangen die deutschen, sich aus dem land zurückzuziehen. deutschland musste schliesslich - nach der niederlage im 1. weltkrieg - nicht nur ruanda, sondern auch alle anderen kolonien in afrika aufgeben. der völkerbund übertrug stattdessen belgien das mandat über ruanda-burundi, das bis zur unabhänigkeit des landes (1962) in kraft blieb.
die bevölkerung ruandas hat eine einheitliche sprache, gleiche sitten und gebräuche. allerdings nahmen die sogenannten tutsis in der gesellschaftshierarchie traditionell eine überlegene, beherrschende stellung ein. unter den rinderzüchtern - also der wohlhabenden bevölkerung des landes - fand man die tutsis, während die sogenannten hutus in der mehrzahl kleinbauern waren.
diese sozialen unterschiede deuteten die europäischen kolonialisten allerdings in einen gegensatz der rassen um, was angesichts der gemeinsamen kultur und geschichte der tutsis und hutus vollkommen abwegig war, jedoch in eine zeit passte, in der rassistisches gedankengut in den köpfen der europäer fest verankert war.
angeblich waren die tutsis, die von den ethnologen als hochwüchsig und hellhäutig beschrieben wurden, einst aus dem niltal eingewandert und herrschten seitdem über die - so hiess es wenigstens in den einschlägigen volkskundlichen schriften - untersetzten, negroiden und zum sklavendienst geborenen hutus.
wegen der angeblichen „rassischen überlegenheit“ der tutsis übertrugen die europäer ihnen wichtige administrative aufgaben, während die hutus unterpriviligiert blieben. das fiel um so schwerer ins gewicht, weil das land von den deutschen nicht wie eine kolonie, sondern als protektorat geführt wurde. sie besetzten das land nicht, sondern liessen die tutsis - ihr verlängerter arm - stellvertretend vor ort das ausführen, was sie ihnen zuvor befohlen hatten.
noch einfacher machten es sich die belgier, als sie 1920 das mandat für ruanda erhalten hatten. weil die unterscheidung der bevölkerung nach rassen nach wie vor schwierig (und wie wir inzwischen wissen: unmöglich) war, führten sie eine volkszählung durch. bei dieser gelegenheit wurden alle familien, die mehr als 10 rinder besassen (also als wohlhabend gelten konnten), den tutsis zugeschlagen, während alle anderen zu hutus erklärt wurden. um dem ganzen auch noch einen amtlichen anstrich zu geben, wurden ab 1939 in die pässe der ruander „tutsi“ beziehungsweise „hutu“ gestempelt.
diese völlig unsinnige, kolonialer willkür entspringende zweiteilung der gesellschaft hatte unter anderem zur folge, dass es nur den tutsis gestattet wurde, ihre kinder auf die missionsschulen zu schicken. dort wurden die tutsis für ihre aufgaben in der verwaltung des landes ausgebildet. die hutus hingegen blieben von jeglicher bildung ausgeschlossen und mussten für die kolonialherren zwangsarbeit leisten, wobei sie von den tutsis beaufsichtigt wurden.
es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie bald neid, missgunst und streit zwischen den bevölkerungsgruppen an der tagesordnung waren.
die belgier hatten - dünkelhaft und rassistisch wie fast alle europäer in afrika - diesen streit zwischen tutsis und hutus fahrlässig provoziert und sahen sich nun einem kaum noch zu lösenden konflikt in der bevölkerung gegenüber. weil sie zudem die tutsis nach kräften gefördert und weitreichende administrative aufgaben übertragen hatten, mussten sie mit ansehen, wie die tutsis von jahr zu jahr selbstbewusster wurden und am ende sogar den kolonialen anspruch der europäer kritisierten und in frage stellten.
um ihren kolonialen machtanspruch auch weiterhin zu zementieren, zogen die belgier nunmehr die hutus ins vertrauen, denen sie nach und nach grössere politische rechte zuerkannten und mit aufgaben betrauten, die zuvor den tutsis vorbehalten waren.
schon bald hatten sich dadurch die verhältnisse in ruanda vollständig umgekehrt. wo früher die tutsis herrschten, gaben jetzt die hutus den ton an. sie übernahmen - ganz die gelehrigen schüler ihrer kolonialen lehrer - auch gleich deren rassistische argumente und behandelten die tutsis fortan verächtlich als „eingewanderte fremde“.
die belgier konnten den hass der hutus und tutsis, an dem sie so unmittelbar schuld waren, zunächst noch einigermassen in schach halten. das änderte sich jedoch schlagartig, als ruanda am 1. juli 1962 in die unabhängigkeit entlassen wurde.
zwischen 1962 und 1994 - in der ersten und zweiten republik - entlud sich dieser hass mehrfach hemmungslos und ungehindert. die hutus, die an der regierung waren, verfolgten die tutsis gnadenlos, töteten oder vertrieben sie aus dem land. viele der überlebenden fanden zuflucht in uganda, burundi, in tanzania, der republik kongo und in kenia.
dort im exil bildeten die geflüchteten tutsis die ruandische patriotische front (RFP), die am 1. oktober 1990 ruanda angriff und den norden des landes besetzte. damit wollten die tutsis ihre rückkehr nach ruanda erzwingen.
1992 wurde zwischen den tutsis und hutus ein waffenstillstand vereinbart, dem 1993 ein friedensvertrag folgte. allerdings konnten entscheidende vereinbarungen nicht durchgesetzt werden, weil die militanten kräfte auf beiden seiten sich jedem gespräch verweigerten.
in dieser äusserst gespannten und fragilen politischen situation war der angriff auf das flugzeug des (politisch gemässigten) ruandischen hutu-präsidenten wie die lunte am pulverfass. die massaker an den tutsis begannen bereits eine halbe stunde nach bekanntwerden des attentats und waren offensichtlich von langer hand vorbereitet worden. in einer blutorgie ohne beispiel massakrierten marodierende hutus jeden tutsi, dem sie habhaft werden konnten. dazu benutzten sie macheten, die - aus china eingeführt - längst in grosser zahl für diesen anlass gehortet worden waren. der rasende mob machte aber nicht nur jagd auf die verhassten tutsis, sondern ermordete auch gleich alle hutus, die zu den gemässigten, friedensbereiten kräften in ruanda gehörten - unter ihnen die ministerpräsidentin des landes.
die kleine schutztruppe der vereinten nationen, die in der mehrzahl aus belgiern bestand, sah sich - schlecht bewaffnet und von der UN dazu angehalten, unter keinen umständen von der schusswaffe gebrauch zu machen - ausserstande, gegen das bestialische morden vorzugehen. selbst aufs äusserste bedroht, konnte die schutztruppe nur dafür sorgen, die in ruanda lebenden ausländer ausser landes zu bringen.
als das geschehen war, sahen die amerikaner und europäer keinen grund mehr, in ruanda militärisch einzugreifen. sie stuften den völkermord eilig als eine innere angelegenheit ruandas ein und erklärten den tausendfachen mord als folge eines bürgerkriegs. hätten die vereinten nationen den völkermord beim namen genannt, wäre eine sofortige intervention zwingend notwendig gewesen. aber genau das sollte verhindert werden - man scheute ein militärisches eingreifen, das mit hohem risiko verbunden war. bill clinton, der damalige amerikanische präsident, bezeichnete später die weigerung, sich in ruanda zu engagieren, als den schwersten fehler seiner amtsszeit.
die welt schaute einfach weg, als ruanda im mörderischen chaos versank.
bis juni 1994 terrorisierten die hutus das land und hinterliessen eine blutig grauenvolle spur. man schätzt, dass von april bis juni 1994 mindestens 500.000 - wenn nicht gar eine million - tutsis von marodierenden hutus niedergemetzelt und umgebracht wurden - und das bei einer gesamtbevölkerung von knapp neun millionen.
an diesen zahlen ist abzulesen, welche grausam tiefe wunde ruanda mit dem völkermord an den tutsis zugefügt wurde. es braucht nicht viel phantasie, um sich vorzustellen, dass dieser genozid im gedächtnis der bevölkerung bleiben wird, dem mistrauen vorschub leistet, zu immer neuen zerreissproben führt und tief deprimierende spuren hinterlässt.
erst im juli 1994 war die aus tutsis bestehende ruandische patriotische front (RFP) in der lage, sich so weit zu organisieren, um den kampf gegen die hutus aufzunehmen. sie konnten den norden, osten und südosten ruandas sowie - das war das wichtigste strategische ziel - die hauptstadt kigali erobern. ihr zur hilfe kamen endlich auch französische truppen, die von ostkongo aus in die kämpfe eingriffen und sie zu gunsten der tutsi entschieden.
am 19. juli 1994 installierte die RFP mit pasteur bizimungu einen neuen präsidenten in ruanda und bildete eine koalitionsregierung, in der tutsis und hutus gleichermassen vertreten waren. die von den hutus dominierte „nationale bewegung für demokratie und entwicklung“, aus deren reihen heraus der völkermord an den tutsis organisiert und gelenkt worden war, wurde umgehend verboten.
freie und geheime wahlen zum parlament und für das präsidentenamt fanden jedoch erst wieder 2003 in ruanda statt - in einem land, das nach wie vor unter dem bürgerkrieg, wirtschaftlichen problemen und der fragilen politischen situation der gesamten region leidet. eine aufarbeitung des völkermords ist indes kaum möglich, weil viel zu viele menschen in dieses, für afrika beispiellose verbrechen verwickelt waren und schreckliche, persönliche schuld auf sich geladen haben.
(jetzt auch in meinen "notizen zum kolonialismus")
