weihnachten auf DEUTSCH!
woran
liegt es, dass wir deutschen weihnachten zu einem fest voller kitsch und
rührseliger sentimentalität gemacht haben? wenn ich mir das bild
eines „typisch deutschen“ weihnachtsfests vorstellen soll, denke ich geradewegs
an eine illustration, die ein um 1900 erschienenes „weihnachtsbuch“ schmückt.
natürlich darf der engel nicht fehlen - immerhin: es handelt sich um
ein christliches fest ...
... das sollte nicht vergessen werden.
... kann es aber! weil haargenau dieses bild selbst den nazis, die
nun überhaupt nichts mit dem christentum im sinn hatten, als illustration
ihrer ideologie hätte dienen können - und es auch tat. selbst
in den schlimmsten kriegswintern und unter dem bombenhagel alliierter flugzeuge
wurde dieses weihnachtliche bild noch tausendfach verbreitet: eine „heile
deutsche familie“, die sich um einen deutschen weihnachtsbaum versammelt
und ... so möchte man am liebsten fortfahren ... an den deutschen
endsieg glaubt.
es ist dieses immer wieder beschworene bild eines friedlich biedermeierlichen
weihnachtsfestes, das gerade in den grössten krisen unserer geschichte
den menschen durch den kopf spukt: sorgenfrei zu sein und sich innig aufgehoben
zu fühlen im kreis lieber, vertrauter menschen, im glanz eines ganz
und gar verzauberten lichts, das nicht nur vom weihnachtsbaum herrührt,
sondern viel mehr noch vom glanz jubilierender engel, die nichts anderes
tun sollen, als die weihnachtsidylle zu behüten und alles fern zu halten,
was nur irgendwie nach realität und alltag aussieht.
wir deutschen sind wahre meister darin, uns weltflüchtig in idyllen
zurückzuziehen, weswegen unsere geschichte auch voller brutalitäten
ist, die zu sehen wir uns so lange weigern, bis die katastrophen über
uns zusammen schlagen. dann heisst es: weihnachten frierend und bei schwarzbrot
zu feiern - aber doch nicht ohne die bilder im kopf, von denen hier die
rede war.
(VON MEINEM ADVENTSKALENDER 2005)
