KREUZ @ QUER - notwendige notizen!

22.12.2006 um 16:13 Uhr

weihnachtspost von bea!

von: rolf   Kategorie: **in eigener sache!

Lieber Rolf,
 
ich wollte folgenden Text in Deinem Weblog unter dem traurigen Weihnachtsgedicht veröffentlichen, es ging aber nicht, wie schon öfters davor auch nicht. hier also der Text, Du kannst ihn druntersetzen, worunter Du willst und kannst ihn auch kürzen, wenn er zu lang ist.
 
ich habe Dich kennengelernt, nachdem Du mir eine klitzekleine Mail auf eines meiner ersten Postings im Marokko-Forum geschickt hattest: die einzige mail, die positiv war, die mich bestärkt hat, die ohne erhobenen Zeigefinder dahergekommen ist und neidlos mir zu meinem Abenteuer Marokko gratuliert hat: voller Vertrauen und Zutrauen, daß es mir gelingen würde, aus diesem Traum nicht mit einem schmerzhaften Aua-Schrei aufzuwachen (was im Kern die Botschaft aller anderen mails war und einige davon waren bitterbösest) und mit dem Angebot versehen, Dich bei Bedarf benutzen zu dürfen, wenn es denn mal notwendig sein sollte.
 
Danach warst Du dann oft meine erste Anlaufstelle, wenn verwirrende, unerklärliche oder nie gesehene und gehörte Dinge geschehen sind, ich musste nicht ein einziges Mal nachdenken, ob ich Dir alle meine Unsicherheiten in voller Gänze schildern kann, ja ich habe sie oft schonungsloser Dir vor die Füsse gelegt als mir selber, manches Mal, wenn ich durch eine alte mail streife, dann erschrecke ich vor meiner eigenen Hellsichtigkeit, denn gefühlt habe ich sie so nie und schon gar nicht bewußt verarbeitet: das war so, als ob man böse Post vom Schicksal in einen grossen braunen Umschlag steckt, diesen mit einer bekannten Adresse möglichst weit weg vom eigenen Einflußbereich versieht (an den Weinachtsmann ginge auch) und irgendwann dann die Auswertung bekommt, wie bei der Rückzahlung vom Finanzamt, die einem ja auch immer sehr entgültig und sehr pragmatisch vorkommt, Widerspruch irgendwie ausgeschlossen.
 
Trotzdem befand sich jedesmal in Deinem Bescheid wie durch ein Wunder ein neues Guthaben, was im Laufe der Jahre das Zutrauen in Deine Fähigkeit ein guter Übersetzer zu sein, nicht gemindert, sondern bestärkt hat.
 
Ich für meinen Teil habe beschlossen, daß Du Deine Einsamkeiten genau so haben möchtest, wie Du sie hast, daß Dich Ratschläge belästigen, weil sie Dich ablenken von diesem sicheren Ort, denn immer einsamer sollen wir ja werden ("Was hast Du gegen das Schwere?" Rilke) und mit leichthingesagten Gegenbeweisen von Kompetenz in Lebensfragen ist jemandem nicht geholfen, der wenn überhaupt, sich selbst geholfen haben und an seiner eigenen Verzweiflung zugrunde gehen möchte.
 
Nun noch ein kleiner Seitenhieb (ohne den es hier nie abgeht und das ist auch gut so):
 
die gemeinsame Zeit im "satirischen Marokko-Forum" war superlustig und superbefreiend. Wenn einem übel mitgespielt wird, dann gibt es zwei, denen solcherlei Heimzahlungen gut tun (der Seele, dem Ansehen, dem Sinn für die wahren Werte) - dem, der sie austeilt und dem, dem sie erteilt werden (die Lehre: daß man immer das Ende bedenken sollte). Nachdem dieses Phänomen (Forenkriege, Blogger-Schlammschlachten, Verleumdungsblogs, Gegenverleumdungsblogs und alle haben sie ihre Ja-Sager-Meute) inzwischen ein internetweites ist, darf ich sagen, daß wir eine der erfolgreichsten Konstellationen waren und eine der fairsten: ein bischen Mokieren, Sichkugeln und sehr viel einfach nur unkommentiert übernehmen und in einen neuen Bezugsrahmen setzen, das hat bei dem O-Ton-Material der Vorlage (dem Marokko-Forum) ja auch völlig ausgereicht, mehr konnte man sich nicht wünschen.
 
Irgendwann ist es dann wieder Ernst geworden, ganz wie im richtigen Leben auch: wenn die Wahl der Waffen nicht für beide Seiten geregelt sind und die Regeln von beiden Seiten abkzeptiert werden, bzw. die Sekundanten hinterrücks die Munition austauschen und den Zeitpunkt manipulieren, an dem abgedrückt wird, dann wird es nicht nur ernst, sondern bitterernst: die Hausdurchsuchung bei Dir, die Beschlagnahme Deiner Unterlagen und viele andere traumatische Erfahrungen mehr, hatten ihre Ursache in einem gefaketen Auftritt mit vollem Namen und voller Adresse in einem dämlichen Forum, das vom Ton und von allem, was dort zu lesen war (IPs lassen grüssen) aus Marokko kam und dort von einem dieser Deutschen, wie wir sie davor sattsam und ausführlich karikiert und kommentiert hatten.
 
Aussenstehende könnten also jetzt empört sich aufplustern und sagen: da siehst Du mal, was man davon hat, wenn man andere durch den Kakao zieht! Das trifft es aber nicht, sonst müssten alle Kritiker und alle Journalisten, die jemals sich über Geschriebenes, Gesottenes und Gebratenes geäussert haben, auch geteert und gefedert werden, was sicher viele Betroffene (Kinderschänder, Vergewaltiger, Betrüger, korrupte Politiker, gemeine Manager, verhohnepiepelte Damen) auch immer wieder gerne täten (was sagte Putin einmal zu einer Journalistin: daß man ihr leicht auch die Ohren abschneiden könnte, wenn sie weiterfrägt oder so ähnlich), wir dann aber auch Verhältnisse wie in Rußland hätten (obwohl: das mit dem radioaktiven Gift, das war doch auch in einer Suppe?)...
 
Oder anders ausgedrückt: sich mokieren, Kritik üben, Texte zerpflücken ist noch kein Angriff auf die Menschenwürde, sondern gehört zum gesellschaftlichen Diskurs ebenso wie ein x-beliebiger Großkritiker das auch tut. Denunzieren, falsche Fährten legen, bösartigem Verdacht Ausdruck geben durch Rundmails und andere Medien, das ist eine völlig andere Kategorie, die auf die Vernichtung der realen Person zielt und nicht auf die Kritik an deren öffentlichem Auftreten: in diesem Sinne darf man natürlich auch Reisebüroprospekte "besprechen", sich über die Inhalte hermachen, wenn sie denn so sind, daß man sich darüber freuen kann und man darf sich über das Verhalten von Mitgliedern eine Forum unterhalten, wenn man es denn seltsam, merkwürdig, aufregend oder langweilig findet - schliesslich finden diese Treffen in der Öffentlichkeit statt und sind für diese gedacht, man darf sie dann auch durchaus mal als nicht relevant bezeichnen und als portiiersmässig. Gerne darf das Marokko-Forum auch schreiben, wie belanglos man Rolfs Weblog findet, solange dort nicht steht, er würde von der Polizei gesucht, bloß weil einem sonst nichts Gemeineres einfällt, ist das alles ganz in Ordnung.
 
Du hast mir jetzt auch sofort gesagt, daß es ein Fehler war, mich nochmal anzumelden im Marokko-Forum und irgendwie habe ich bis heute dasselbe Gefühl: allerdings aus anderen Gründen als Du - man sollte niemals sich mit etwas beschäftigen, was man eigentlich nicht schätzt und nicht mag. Ich mag die Kommunikation in Foren nicht (der Konsens zerstört jede Qualität und für Mobber ist es ein ideales Folterinstrument), ich mag auch die Veräusserung nicht, die mit dem öffentlichen Schreiben einhergeht und nicht jeder ist geeignet für Kleingruppen, weil das Hocharbeiten in denselben immer mit soviel Zugeständnissen einhergeht, daß auch sie jede Qualität und jede pointierte Meinung schon im Keim ersticken und sei es, weil jemand sich gerade darüber ärgert, daß andere so intensive Interaktionen miteinander haben (Schimpfen, Mobben, lange postings abzulassen, was für ein Charakterschwein der andere ist: auch das ist Aufmerksamkeit und Intensität) und man selbst außen vor bleibt, weil man sich dafür sich durch langatmige Grüssereien disqualifiziert hat.
 
Nicht immer einig waren wir uns bei Fragen des Islam und der Beurteilung mancher Protagonisten - aber Freunde sollten das aushalten können, sowohl in die eine, wie in die andere Richtung, da gab es dann auch schonmal heftige Dispute und klirrendscharfe e-mails - gut für die Waffen, gut für die eigene Gedankenwelt und gut für die Schärfung der Weltsicht, für beide Seiten.
 
Nachdem ich an Weihnachten trotz (oder gerade) einer riesengrosser Familie nur zu zweit bin, freue ich mich auf allerschönste zwei Tage zu Hause, im Bett, vor der Glotze, mit gutem Essen, das ich nicht selbst machen muß, mit schönen Gespräche, die ich mir nicht selbst ausdenken muß und mit Langeweile, die mir keiner verbietet, weil sie zum Leben gehört - und denke mit Erleichterung daran, wieviel in diesem Jahr gut ausgegangen ist, das auch hätte schiefgehen können und wieviel besser geworden ist, als ich jemals zu hoffen gewagt hatte.
 
Dir alles Liebe
 
Deine
Bea

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