wenn einer nach griechenland reist ...!
es ist schon reichlich kurios, davon zu lesen, wie martin heidegger, ein deutscher philosoph, 1962 nach griechenland reiste. um sich sein bild von "griechenland", das er im kopf hatte, nicht zerstören zu lassen (?), blieb er sowohl auf korfu, als auch auf patmos und rhodos in seiner schiffskabine. erst in delos ging er an land, um "sein" (hellenistisches) griechenland zu besuchen.
lesen wir doch einmal, was mark terkessidis darüber zu erzählen weiss:
Martin Heidegger reiste zum ersten Mal 1962 nach Griechenland. Am
Morgen eines Frühlingstages steht er an der Reling des
Kreuzfahrtschiffes „Jugoslavija“ und blickt auf die Küste der Insel
Korfu. Zwei Tage zuvor hatte sich Heidegger in Venedig eingeschifft und
seitdem bietet sich ihm zum ersten Mal die Gelegenheit, das Schiff zu
verlassen. Doch Heidegger ist enttäuscht. Was er sieht, stimmt
überhaupt nicht mit dem überein, was er in Homers „Odyssee“ über die
Insel gelesen hatte. Die Landschaft mutet ihm eher Italienisch an –
Heidegger bleibt auf dem Schiff. Tatsächlich hatte er längst
beschlossen, was das Ziel seiner Reise sein sollte: Die Insel Delos.
Diese Insel war bereits markiert – durch ein Gedicht von Hölderlin mit
dem Titel „Gesang der Deutschen“. Auf Delos, einem kargen und nicht
umsonst kaum bewohnten Eiland, hat Heidegger später sein wohlgeplantes
Erlösungserlebnis – er findet das „Griechische“, das Abendland,
Deutschland, sich selbst.
Da schon alles abgekartet war,
verläuft ein bedeutender Teil der Reise ähnlich wie vor Korfu. Vor
Delos ist alles ein Noch-Nicht, nach Delos ein Nicht-Mehr. Die anderen
Orte, die er sieht, dienen ihm lediglich als Folie, um jenes
Authentisch-Griechische, das er sucht, von allen „fremden“ Einflüssen
zu reinigen. In Korfu kann er nichts spüren, denn im Italienischen
verbirgt sich das Römische. In Ithaka kann es nicht gelingen, denn da
begegnet ihm „Morgenländisches, Byzanthinisches“ – ein orthodoxer Pope
hatte ihm eine Kirche gezeigt. Auch in Kreta trügt die Hoffnung, denn
sowohl Knossos als auch der „Bazar“ von Iraklion erweisen sich als zu
„ägyptisch-orientalisch“. In Rhodos bleibt er wieder einmal auf dem
Schiff. Man ist der kleinasiatischen Küste nähergekommen und Heidegger
muss sich auf die Auseinandersetzung mit dem „Asiatischen“ – etwas
„Wildem“ mit „dunklen Kräften“ – konzentrieren. Auch in Patmos geht er
nicht von Bord: Die Insel ist ihm durch Hölderlin gegenwärtiger, als
sie es in Wirklichkeit je sein könnte. In Athen schließlich verhüllen
der „Dunst über der modernen Großstadt“ die im Hafen liegende
amerikanische Mittelmeerflotte und das „lebhafte Gewimmel der
Südländer“ die Erfahrung des Griechischen.
wer sich für den ganzen - sehr lesenwerten - aufsatz von mark terkessidis interessiert, klickt bitte HIER !
