zivilcourage!
der beitrag von beate (als kommentar in meinem weblog geschrieben) ist so brilliant, dass ich ihn noch einmal an diese stelle kopiere. er bietet genug stoff zum nachdenken und ist durchaus beunruhigend für alle, denen recht und gerechtigkeit am herzen liegen:
wenn man Recht haben und Recht bekommen lakonisch als unvereinbar
bezeichnet, dann verschiebt man die Verantwortung auf denjenigen, dem
Unrecht geschehen ist, weil er nicht erkannt hat, daß es kein Recht
gibt und daß es aussichtslos ist, auf dasselbe zu vertrauen.
Unser Staat ist jedoch ein Rechtsstaat und ohne Vertrauen in die
Rechtmässigkeit egal welcher Handlungen sind wir verloren: es liegt
also an jedem Einzelnen von uns, dort wo wir Recht als Unrecht
empfinden, tätig zu werden und das ist JEDEM möglich, auch dem, der
kein Geld, keinen Einfluß und keine Lobby mehr hat.
Dazu braucht man nämlich nur seinen eigenen Kopf, d.h.: man geht ins
Internet, man macht sich kundig (wieviele fassen diese langweilige
Materie "Präzedenzfälle" etc. nicht an!), man schaut nach, was wo wie
üblich ist und dann geht man auf die Suche nach Verbündeten. Hier sind
sie doch alle schon! Geballtes Wissen ist allemal mehr wert als ein
Wald- und Wiesenanwalt, der die nächste Niederlage vor Gericht
vermeiden will, schon gar mit einem unangenehmen Fall.
Denn:
Amts-Richter sind in der Regel gesellschaftliche Aufsteiger, kommen aus
dem kleinbürgerlichen Milieu und haben sich mit Fleiß in diese Stellung
hineingelernt (nur 1er Juristen schaffen den Sprung in den
Staatsdienst, der Rest muß Rechtsanwalt oder Syndicus oder sonstwas
weniger ehrenhaftes werden) - sie haben also ALLE Vorurteile, alle
Vorbehalte, alle Ressentiments, die diesem Milieu eigen sind,
mitgenommen in ihre Position, zusätzlich zu einem niedrigen Gehalt im
Verhältnis zu denen, über die sie urteilen dürfen.
Das schafft diese Atmosphäre GEGEN bestimmte gesellschaftliche
Gruppierungen und wenn wir schon dabei sind: Frauen gehören absolut
nicht vor Gericht (in deren Augen), höchstens als Vergewaltigungsopfer
oder wenn sie ihren gewalttätigen Mann der Wohnung verweisen wollen -
ich kann also ein Lied davon singen, wie Richter es finden, wenn eine
Frau (schon gar jemand wie DU!) das Heft selbst in die Hand nimmt und
nicht nur Recht haben, sondern auch noch Schadenersatz haben will.
Dazu muß man erstmal schadenersatzfähig sein und das heißt nichts
anderes als leidensfähig. Schau mal in den Gerichtsurteilen nach, wie
Richter vor noch gar nicht allzulanger Zeit geurteilt haben, wenn es
darum ging, jemand eine Leidensfähigkeit zuzugestehen und wer da alles
durch das Raster gefallen ist: Juden an erster Stelle, Rassenschande
sofort an zweiter Stelle und gleich danach kamen dann die Homosexuellen.
Und DIESE Geschichte wollen wir ohne Zäsur, ohne Katharsis, ohne Strafe
für denjenigen, der UNRECHT gesprochen hat, erledigt haben?
Es ist besser, zu jeder Zeit gewappnet zu sein, daß dem nicht so ist,
ganz im Gegenteil, es hat sich frisch erhalten in der wunderbaren Welt
der Gerichte, der Justizpaläste, der dicken Wälzer in grossen Senaten
und trotzdem oder gerade weil es so ist: es gibt Mittel und Wege, sie
bei ihren eigenen Glaubenssätzen zu packen und sie notfalls daran
aufzuhängen.
Wie das geht, weißt Du eigentlich selbst ganz gut, in jedem Fall
braucht man aber solidarische Netzwerke und die gibt es überall, man
muß nur suchen, man muß zwei/drei schmerzhafte Irrwege gehen und zum
Schluß steht die Gegenwehr (schönes Beispiel die Geschichte mit dem
Züricher Flughafen, die einfach nicht ernst nehmen wollten, daß ein
paar "Hanseln" es nicht richtig fanden, daß die Flugzeuge über sie
wegflogen - jetzt sitzen sie plötzlich in der Tinte und sehen alt aus.
Dasselbe mit Steinmeier. Da sitzt nicht der arme Türke dahinter, da
sitzen die dahinter, die ihn vertreten - so ist es immer).
Deshalb: traue nie einem Spruch wie "Recht haben..." oder noch besser
"vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand" und zwar
deshalb, weil der ins gleiche Fach gehört, wie "zu einem Streit gehören
immer zwei" bzw. "wenn man es genau betrachtet, hat jeder immer einen
Anteil von 50 % an einem Streit" - da hätten die Kurden, die Juden und
die Armenier sich eine Menge zuschulden kommen lassen müssen, wenn man
50% auf sie abwälzen wollte, da reicht ein bischen Geldverleihen nicht
aus dafür und auch nicht, daß die Frauen schöner gewesen sein sollen
(Lanzmann: Shoa) und den polnischen Frauen die Männer wegnehmen
wollten, nichtmal mit einem rituellen Kindermord wäre es aufzuwiegen,
weil der bei 50% mindestens 125.000 Kinder betragen müsste, um nur auf
die Hälfte der jüdischen Kinder zu kommen, die allein in Auschwitz
vergast wurden (alles aufgrund von Urteilen, die zuvor von irgendwem
gesprochen worden waren: Enteignung, Verfügung, Verbot - es muß ja
alles seine Ordnung haben).
Etwas viel, ich weiß und niemand soll sich auf den Schlips getreten
fühlen, man muß nur IMMER aufpassen, welche Gemeinplätze man
weiterleitet und welchem Herrn diese dienen, es kann genau der sein,
der einem den Strick um den Hals legt.
Beate
