Ein Jahr in Santiago

01.12.2005 um 06:51 Uhr

Dinge die ich an Chile liebe, Teil 1

von: melb

 

 

 

Das letzte mal, als ich in Chile war habe ich es geschafft innerhalb von 8 Wochen fünfzehn Kilo zuzunehmen. Ich bin jetzt einige Tage hier und es werden noch ein paar Wochen vergehen, bis ich den Schritt auf die Waage wage. Der Grund für diese Maaßlosigkeit leicht gefunden.

Geht man durch die Straßen Santiagos oder der Privinz, überall findet man diese kleinen Läden, bestehend aus einer Küche und einigen wenigen Tischen mit Sühlen.

 

03.05.2005 um 10:00 Uhr

Ein ereignisreiches Wochenende

von: melb

Ist schon wieder ein paar Tage her, daß ich mich an dieser Stelle äußerte, doch das Wochenende ließ mir nur wenig Zeit, über das erlebte nachzudenken. Ich war heute Möbel kaufen und sitze grad' an einem neuem Schreibtisch. Ich glaub manchmal, ich bin ausgewandert, dabei bin ich doch nur für'n Jahr hier, so wenig vermisse ich Berlin.

 

Freitag hatte ich meinen ersten Lehrtag. Mit DV-Kammera bewaffnet erschoss ich erst einmal einige Arbeiter, denen es nicht gelang, sich rechtzeitig aus dem Fokus meiner Waffe zu flüchten, was ihnen die Arbeit auf dem Dach meines Lehrmeisters Agustin unangenehm werden ließ. Aus dem Bildmaterial soll ein Werbefilm für die Firma werden, die das verwendete Isolierungmaterial herstellt. Danach machte ich mich an seinem Computer zu schaffen. Er wußte trotz all seiner Virtuosität nicht, wie man eine Video-CD erstellt.

Als Agustin vor einigen Tagen los ging, das Werkmaterial für die Sanierung seines Dachs zu besorgen, war sein Geld knapp. Doch als der Verkäufer von seiner Produktionsfirma hörte, schlug dieser im sofort einen Tauschhandel vor. Wir Produzieren einen Werbefilm und sie sanieren sein Dach. Ähnlich ist auch meine Anstellung verlaufen. Agustin hat sich bereit erklärt, mir all seine Kenntnisse zu vermitteln, außerdem steht mir seine gesammte Ausrüstung zur Verfügung. Als Gegenleistung halte ich sein Computersystem am laufen und zerstöre einen regulären Arbeitsplatz.

 

Am Abend war ich das erste mal aus, dachte eigentlich, 'nen ruhigen Abend nach der Arbeit verbringen zu können. Martha, ihr Freund Rafael, ihr Bruder und sein Freund waren zum essen geladen, doch Fidel rief an, verriet mir, er habe Geburtstag und zwang mich damit, meine Pläne zu überdenken. Gegen eins wollte er mich noch mal anrufen, um mich auf ’ne Party mitzunehmen. Martha kannte ich aus frühster Kindheit, mit ihr hatte ich schon Sex, als ich dies noch nicht zu schätzen wußte. Doch zwischenzeitlich traff ich sie wieder, um die Vergangenheit zu bewältigen. Als sie mit Gefolge auftrat, ewähnten sie eben diese Party: Rafael arbeitet für den Sponsor (Chiles größter Klingeltonvertreiber und damit der natürliche Feind der Menschheit) und hatte geschäftlich da zu tun. Nach hervorragender Speisung und ein bischen generve von Athuro Bosque, der inzwischen dazugekommene alte Freund meines Vaters, durch Wein und Cannabis unerträglich geworden, brachen wir auf.

 

Eine ganze Straße war abgesperrt und als ich am Eingang meine Vipkarte vorzeigte, mußte ich zum nächsten Durchgang, wo mir das Ticket dann durch Abriss entwertet wurde, um dann wieder zurück zu kommen, mir dort das Statussymbol umbinden zu lassen. Mit Vipbändchen am Handgelenk schaute ich von der Galerie der Reichen und Schönen auf den tanzenden Pöbel herab, bis Rodrigo kam und ich merkte, daß die Drinks unten billiger waren.

Eine der Sachen, die mir immer an diesem Land gefiehl, war daß sich in Chile Sachen so einfach lösen lassen. Man konnte so vieles auf die eine oder andere Weise regeln, doch so wie ich am Eingang aus unerfindlichen Gründen die paar Schritte hin und zurück gehen mußte, wollte mir kein Barkeeper einen "Wodka ohne was" verkaufen, da er nicht auf der Karte stand. Als Vip war ich natürlich dekadent genug, überall ungeöffnete Bitter Lemon Dosen stehen zu lassen. Der Fortschritt hält Einzug und mit ihm die Bürokratie. Kein Mensch ist mehr gewillt, eine Entscheidung zu treffen, durch die er seinen lausig bezahlten Job verlieren könnte.

Elektro ist voll angesagt im modernen Santiago. Auf allen Tanzflächen der Partymeile donnerten die Bässe, doch sehen die Chilenen und Chileninnen beim tanzen noch etwas unbeholfen aus, als würden sie europäische Steifheit erlernen wollen. Überhaupt hatte ich die Chileninnen anders in Erinnerung. Die haben überhaupt keine Taillie! Statt dessen schwabbt meistens eine Fettschwarte über die zu enge Jeans. Dabei sind ihre Gesichter noch immer wunderschön - eben ein merkwürdiges Bergvolk.

 

Als Rafaels Chef dann die Getränkecoupons heraus gab, war ich kaum noch in der Lage seinen Ausführungen über Arbeitslosigkeit in Deutschland und die Loveparade, die nun zum zweiten mal in Santiago und nicht in Berlin stattfindet, zu folgen. Fidel lud uns zu sich ein und da er Geburtstag hatte, sagte ich zu, obwohl ich noch lange nicht genug hatte. Wir stiegen mit seinem Cousin in ein Taxi und mußten einen Preis aushandeln, da der Fahrer augenblicklich an diesem Ort das Verkehrsmonopol innehatte und uns nicht zum üblichen Tarif befördern wollte. 4€ erschienen mir zu hoch. Auf der Fahrt gestand er uns, die Rechtsextreme UDI wählen zu wollen, doch würde Gladis, ehemals Parteichefin der KP, die durch ihren Tod große Beliebtheit erlangte, noch leben, könnte sie mit seiner Stimme rechnen. Nach unserer Ankunft wurde Fidel geil und fuhr betunken los, uns allen Prostituierte zu holen. Da ich aber seit nun einem Jahr autoerogenem Training meine neu gewonnene Jungfrauenschaft nicht unter Wert preigeben wollte, verzichtete ich auf den Spaß und legte mich schlafen. Nach einer Stunde wurde ich durch laute Musik geweckt. Fidel saß allein mit seinem Cousin im Wohnzimmer und steckte mir 'ne Tüte in's Maul. Ich setzte mich dazu und quatschte noch ein bischen, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Fidel hatte es nicht abwarten können und die erste Prostituierte, die er fand, gleich im Auto gefickt.

 

Gegen drei am nächtsten Nachmittag wachte ich auf. Das reichhaltige Abendessen und konsequentes Wodka trinken haben das schlimmste verhindert. Doch weniger als vier Stunden Schlaf taten das Übrige, so daß ich den Abend im Kreise der Familie nur dank einer großen Tasse pechschwarzen Espressos überstand. Ich nutzte die Gelegenheit hier eine meiner Tanten mütterlicher Seits und ihre Familie wiederzusehen. Ihr Mann sieht aus wie eine Mischung aus Peter O'Tool und Henry Fonda und mit ihrem Nachwuchs hat es etwas besonderes auf sich. Nachdem sich einer ihrer Sprösslinge in eine acht Jahre ältere Frau verliebte, heiratete er und zeugte ein Kind mit ihr. Dann stellte er seinem jüngerem Bruder ihre Zwillingschwester vor. Nur kurze Zeit später wurde geheiratet. Als eine ihrer älteren Schwestern sich scheiden ließ, wurde diese dem Bruder der Zwillinge vorgestellt - auch diese heirateten. Nur ihre älteste Tochter mußte sich selbst einen Mann suchen. Überall krümmelten Kinder herum und der zweijährige Pipin, benannt in dritter Generation, bezauberte alle mit seinem Lächeln, wenn er sich nicht gerade dem Schäferhund näherte, um sich sofort wieder erschreckt abzuwenden, was ihm viel spaß zu bereiten schien. Auf dem Heimweg fragte mich der Taxifahrer nach dem Filmregisseur, den er schon häufig von dieser Adresse abgeholt hatte und der mein Vater ist. Ich sollte ihm schöne Grüße ausrichten, denn er sei ja so sympatisch.

 

Sonntag mußte ich früh aus dem Bett, so daß das wochenendliche Ausschlafen ausfiel. Um zehn war ich mit den ehemals minderjährigen Gefangenen der Militärdiktatur zu den Maifestspielen verabredet. Besser an die hiesige Lebensart angepasst als die Einheimischen, kam ich über eine Stunde zu spät und vesuchte verzweifelt meine Verabredung in der Masse auszumachen. Zehntausende von Menschen marschierten brav in ihren Blöcken, hielten ihre Fahnen hoch, forderten alle das Ihrige. Da waren große und stolze Gruppen und kleine, die für sich viel zu viel Platz beantspruchten und dabei noch verlorener wirkten als ich. Wie die Schwulen und Lesben (das Cliche US-Amerikanischer Filme heißer Lesben traf hier erstmals zu, doch war die Gruppe zu klein, um representativ sein zu können), die gerademal zu zehnt ihre Rechte einforderten. Vor wie hinter sich fünfzig Meter Platz und dann eine winzige linksradikale Partei, die all ihre Wähler mobilisierte, um hier und heute ganz groß zu wirken. Die Anarchisten marschierten den Kapitalismus verdammend in ihren lizensierten Chucks an mir vorüber und machten später noch einmal auf sich aufmerksam. Die Maoisten hielten Marx, Engels, Lenin und Stalin nebeneinander abgebildet auf ihren Fahnen hoch und bemerkten nicht, wer sich im Grabe umdrehte.

Irgendwann traf ich dann mein Grüppchen, das zu den kleineren gehörte und unterhielt mich mit der Redelsführerin. Sie erzählte von den großen Erfolgen und ich bewunderte sie dafür. Sie haben erreicht, daß von den 102 Opfern nun 93 eine reguläre Rente anstatt einer Pauschlentschädigung erhalten. Damit gelten sie als vollwertige Opfer der Diktatur. Leider gehöre ich nicht zu ihnen, doch sie versicherte mir, der Kampf sei für sie noch lange nicht ausgestanden. Es ist mir peinlich das jemand, den ich nicht kenne so viel für mich tut. Ich fühle mich auf eine seltsame, sehr anonyme und unangenehme Art geliebt und bin ihnen allen sehr Dankbar. Doch wie demütigend ist es, um eine Entschuldigung für nicht Wiedergutzumachendes zu bitten, weil man auf sie angewiesen ist.

Auf der Abschlußkundgebung sang einer der ehemals drei und die Anarchisten drängelten sich nach vorne. Mein Vater sah als erster kommen, wovon die Abendnachrichteten später berichten sollten und wir entfernten uns vom Tatort. Kurz darauf klingelte das Mobiltelefon und obwohl ich bei Marthas Mutter zum essen eingeladen war, sagte ich Fidel zu, der mich zu einem spontanen Ausflug mit seinem Cousin in's Valle Nevado einlud.

 

Eine Stunde später fuhr Fidel bekifft die engen Serpentinen hoch, während ich die wunderschöne Aussicht genoß. Sodann erreichten wir einen von Santiagos chicken Winterssportorten. Ohne Mittagessen und fast ohne Frühstück mußte ich in der Erkenntnis leben das man auf 3400 Meter außerhalb der Saison nicht satt wird, aber die Großartigkeit der Natur in seltener Einsamkeit genießen kann. Ich verzichtete erneut auf Spaß aus der Tüte und wir rangen bei einem Spaziergang um Sauerstoff, bis wir uns niederließen, einen großartigen Sonnenuntergang inmitten der Anden zu genießen.

28.04.2005 um 02:30 Uhr

Egotrip

von: melb

Ich bin jetzt schon über eine Woche hier und die Routine stellt sich nicht ein. Ich fühle mich als weitgereister Botschafter meiner eigenen Kultur und genieße die von mir empfundene Einzigartigkeit meines Daseins in der Fremde. Das gibt dem Begriff Egotrip einen ganz neuen Sinn. Noch nie hatte ich ihn mit "Reisen" assoziert.

Vieles von dem, was ich mir vornahm, habe ich noch nicht in Taten umgesetzt. Ich habe kleine Teile meiner Familie besucht und gut gegessen, habe emails geschrieben und leider nur wenige erhalten (Ich habe viel zu sagen, doch keiner hört mir zu – schniff). Ich wollte täglich in dieses Weblog schreiben und tat es nur jeden zweiten. Seit zwei Tagen will ich mich mit meinem zukünftigen Arbeitgeber treffen und wurde immer wieder auf Morgen vertröstet. Ich muß meinen Pass verlängern lassen, der seine Gültigkeit schon vor Jahren verloren hat. Außerdem brauche ich einen Personalausweis und weiß nicht, wo ich den her bekomme. Doch jetzt muß ich mir erst mal die Fernsehdebatte der beiden Kandidatinnen der Concertacion (Zusammenschluß fast aller Parteien des Landes Mitte-Links, der seit dem Ende der Militärregierung regiert) für die Presidentschaftswahlen im September anschauen, nutze die Gelegenheit und schreibe nachher weiter.

 

Die Debatte ist vorbei und ein weiteres Mal wurde bewiesen, wie viel Worte man um nichts machen kann. Als Kind ärgerte ich mich sehr über die Verfilmung der Unendlichen Geschichte, zum einen da Hollywood (eigentlich waren es die Bavaria-Filmstudios) es nicht lassen konnte, aus einem widernatürlichem übergewichtigem Helden einen süßen kleinen Jungen zu machen, zum anderen aber, meinte ich, das Nichts wäre visuell nicht darstellbar und gehörte deshalb nicht auf die Leinwand. Wahrscheinlich habe ich das nur irgendwelchen Erwachsenen nachgeredet, denn folgt man dem Gedanken, läßt sich das Nichts natürlich auch nicht in Worte fassen und ist daher auch in der Literatur ein schwieriges Thema. Doch jedesmal wenn Politiker vor Wahlen von Journalisten mit wichtigen Fragen gequält werden, nimmt uns das Nichts ihrer Antworten ein Stückchen Realität. Kindliche Kaiserin und all ihr Helden vergangener Zeiten, wo seid ihr geblieben!

 

Besonders freue ich mich über die Funktionalität eines Laptops in dieser Stadt, denn obwohl zum zweiten Mal in dieser Woche im ganzen Viertel der Strom ausfällt(kein Grund zum Ärgern, anderen Stadtteilen geht’s da schlimmer), kann ich trotzdem weiter schreiben. Jetzt könnte ich mir konspirative Gedanken machen, wieso im Wahljahr ständig der Strom ausfällt und worin die Interessen der großen Energiekonzerne liegen, doch meine Psychaterin würde mir davon abraten und wahrscheinlich hat nur irgendwer aus Not und Elend eine Stromleitung gekappt und schält diese nun wie eine Gurke, um an das Kupfer zu gelangen. Fast so gut wie eine Mahlzeit zur späten Stunde. Das Licht geht wieder an. Das waren keine fünf Minuten und trotzdem ertönen aus mehreren Richtungen Alarmsirenen. Die Diebe hatten nicht viel Zeit, sich Hab und Gut zu schnappen.

 

Aber ich will ja von mir erzählen, denn ich bin auf dem Egotrip. Gestern habe ich mich das erste mal mit einem Bus (hier Micro genannt) in meiner neuen Heimatstadt verfahren, was mir erst sehr spät bewußt wurde - irgendwo in einem Außenbezirk Santiagos an den Hängen der Anden mit einer wunderbaren Sicht auf einen tiefroten Sonnenuntergang, der durch eine der dichtesten Smogglocken der Welt strahlte. Ich stieg aus und wirkte mit meinen Kopfhörern, Mp3-Player und europäischem Schick wie ein Außerirdischer, der sicher leicht zu berauben ist. Ich suchte einen Bus zurück in die Stadt, aber im Berufverkehr ist das hier nicht so leicht. Denn ist ein Bus einmal voll hält er nicht. Sehnsüchtig gedachte ich der Zeiten, in denen man sich noch an die Tür hängen konnte, doch die Zivilisation hält einzug.

Ich beschloß mir ein Taxi zu suchen, was in einer Stadt, in der viele Frauen aus Angst, der Schande zum Opfer zu fallen, auf diese Transportmöglichkeit verzichten, mit einigen Risiken verbunden sein kann. Ich ging ein paar Meter und kam zu einem modernen Einkaufszentrum Mitten im Nirgendwo. Hier warten Fahrer auf die, die sich genug leisten können, um schwer mit Konsumgütern beladen den Weg nachhause nicht zu Fuß oder in öffentlichen Verkehrsmitteln antreten zu wollen. Für dieses Privileg müssen die Taxis zahlen, aus diesen Grund sind sie registriert und erschienen mir sicher. Ich ging auf das fordeste, der in einer Reihe wartenden Autos zu und fragte den Fahrer, der mich mißtrauisch beäugte, da er mich, wie ich im nachhinein erfuhr für einen Gringo (US-Amerikaner) hielt, nach dem ungefähren Preis. Er erschien mir nicht so hoch und ich fuhr mit. Da ich augenscheinlich fremd bin, befürchtete ich, er würde mich einmal Kreuz und Quer durch die Stadt fahren, um den Preis hochzutreiben. Ich wante umgekehrte Psychologie an und gab mich völlig ahnungslos in der Hoffnung, er würde mich aus Mitleid schnell an mein Ziel bringen. Er durchschaute meinen Plan und versicherte mir, er hätte keine Intentionen, mir zusätzliches zu berechnen, er würde lieber seinen Job mit eile erledigen, um weitere Fahrgäste befördern zu können.

Angekommen stand ich vor einem weiterm Problem. In Santiago steht niemals ein Name an der Klingel. Wie in einer futuristischen Utopie sind Menschen zahlen. Ich wählte blindlinks eine von Zwanzig aus und traf. Schiff versenkt!

 

Ich habe mir jetzt einen Stadtplan von Santiago gekauft und in zehn Tagen kriege ich ein Handy. Trotzdem werde ich mich bestimmt nicht das letzte Mal verfahren haben in dieser großen, weiten Stadt mit ihren kreuz und quer fahrenden Bussen, deren Fahrruten klein auf Schilder geschrieben, hinter die Frontscheibe geklemmt sind. Jetzt bin ich fürchterlich müde vom ewigem Faulenzen und muß dringend in’s Bett, um von mir zu träumen. Morgen wache ich dann mit Halsschmerzen auf. Ich rauch zu viel - der Smog sollte reichen.

 

24.04.2005 um 21:00 Uhr

Eine kurze Geschichte vom Scheitern des Wiederstandes

von: melb

Politik ist mir nicht geheuer. Ebenso ist das mit der politischen Partizipation. Entweder baut man auf dem bestehendem auf, was bei aller Armut und Elend in diesem Land nur schwer zu rechtfertigen ist, oder man verlangt tiefgreifende, radikale Veränderungen und ruft zur blutigen Revolution auf.

Das geschah in Chile vor vielen Jahren. Einer Partei am äußerem linkem Rand der Allendekoalition gingen die damaligen sozialen Reformen nicht weit genug. Sie forderten einen totalen Machtwechsel und wollten damit die Gesellschaft von Grund auf verändern. Dies führte zusammen mit vielen anderen Faktoren zur Destabilisierung der chilenischen Regierung, die am 11. September 1973 durch General Augusto Pinochets blutigen Militärputsch gestürzt wurde. Das ist nur eins von vielen Beispielen, die zeigen, wieviel Sensibilität Politik erfordert, um nicht die Mächtigen herauszufordern, mit allen Mitteln ihrer Macht zurückzuschlagen.

 

Als Allende am Tag des Putsches einsehen mußte, daß seine Politik der sozialen Reformen gescheitert ist, konnte er der Verhaftung durch die rebellierenden Militärs nur noch durch den eigenen Freitot entgehen. Im Folgendem wurden viele Mitglieder seiner Regierung hingerichtet oder verschwanden in den  Gefängnissen der Geheimpolizei. Denen, die etwas Glück hatten, gelang die Flucht in's Exil.

Der linke radikale Flügel der Regierungskoalition wählte den Weg des bewaffneten Wiederstandes. Sie scheiterten kläglich in fast jeder Beziehung, außer daß die Welt am Umgang mit ihnen seitens der Militärregierung deren Härte und Grausamkeit erkannte, wodurch Pinochet außenpolitisch isoliert wurde. In den achtziger Jahren wurde der sich noch im Land befindliche Teil der Partei, die inzwischen eine Wiederstandsbewegung war, fast vollkommen in blutigen Auseinandersetzungen ausgelöscht. Es überlebten im wesentlichen nur diejenigen, die sich im Exil befanden oder aus Solidarität in anderen lateinamerikanischen Ländern für ihre Ideale kämpften. Zu selben Zeit jedoch entstand in den Städten eine radikale Bewegung aus der neue Mitglieder rekrutiert wurden. Innerhalb der Partei spicht man von der achziger Generation.

Die Militärregierung entledigte sich des Sozialsystems und schuf nach dem Vorbild der sogenannten Chicagoboys einen neolibberalen Musterstaat. Dies vergrößerte die Probleme der armen Bevölkerungsschichten dermaßen, daß zu den politischen nun eine erheblich größere Zahl an Wirtschaftflüchtlingen Chile verlassen mußten.

Nicht der Widerstand im eigenen Land hat Pinochet dann gestürzt. An treu ergebene Untertanen glaubend und durch eine neue Verfassung in vielerlei Hinsicht abgesichert, gab er internationalem und wirtschaftlichem Druck nach und stellte dem Volk die Demokratie zur Wahl. Dieses entschied sich nur knapp gegen ihn und der Weg wurde frei für die erste demokratisch gewählte Regierung seit Allende. Einige Köpfe des Wiederstands nahmen in der nun geformten Regierung wichtige Plätze ein oder kamen in führenden Positionen multinationaler Konzerne unter. Die von Pinochet veranlaßten Reformen erwiesen sich in einer globalisierten Welt als entscheidender Wettbewerbsvorteil. Während weite Teile der Bevölkerung jedoch noch immer nicht am Wohlstand teilhaben und sogar in Armut leben, gilt das Land als sehr wirtschaftfreundlich und lockt viele internationale Investoren an.

 

Da es nach inzwischen fünfzehn Jahren Demokratie in Chile aber kaum Verbesserungen im Sozialsystem gibt, obwohl die Technisierung und der allgemeine Wohlstand sich sehr positiv entwickelt haben, empfinden viele Linke die Demokratie kaum noch als Alternative zu der Militärdiktatur. Um dem etwas entgegenzusetzen, beschäftigt sich seit einiger Zeit die von einem sozialistischem Präsidenten geführte Regierung mit den während der Diktatur verübten Menschenrechtverletzungen.

Unter diesem Zeichen kommen seit kurzem einige der übriggebliebenen ehemaligen Mitglieder des Wiederstands zusammen, um gemeinsam zu beraten, welchen Weg man in Zukunft einschlagen sollte. Gemeinsam verdammt man diejenigen aus den eigenen Reihen, deren Opportunismus für steile Karrieren in Politik und Wirtschaft genügte. Diese Treffen finden statt, um im Sinne der alten Partei Wege und Möglichkeiten zu erarbeiten, an der jungen Demokratie zu partizipieren und das in Chile vorherrschende Dogma des Neoliberalismus aufzubrechen. Hierzu gibt es eine Vielzahl an Meinungen vom herunterbeten althergebrachter revolutionärer Floskeln bis zu Erklährungsversuchen der Wirtschaftspolitik der Regierenden.

Während der Löwenanteil versucht aus ihren eigenen Erfahrungen neue Ideen zu schöpfen, sind es vor allem die Jungen und die aus den Privinzen, die noch immer einen Weg suchen radikale Ideale um scheinbar jeden Preis zu verwirklichen. Es herscht zwar scheinbar Konsenz, daß der bewaffnete Widerstand unter gegebenen Umständen nicht angebracht ist. Doch sympatisiert man nicht nur mit den überall in Lateinamerika als Relikte der Vergangenheit eingesperrten politischen Gefangenen der eigenen und anderer Organisationen, sondern auch mit eingesperrten Mapuches, die mit Waffengewalt im Süden Chiles für ihr ureigenes Landrecht kämpfen. Obwohl für viele die Arbeit an Projekten im Fordergrund steht,  scheint es am Ende darum zu gehen, die durch die neoliberale Wirtschaftspolitik der populären Sozialisten und den Tod der Führungsfigur der Kommunistischen Partei zerstreute Linke in kleinen Gruppen zusammenzuführen, um dann gemeinsam in einer Wahlgemeinschaft zu fungieren.

 

Die hier eingebundenen Politiker werden sich entweder korrumpieren lassen oder scheitern. Da in Chiles junger Demokratie jeder ernsthafte Reformist durch in den Medien hochgespielte Sex- oder Bestechungsskandale binnen kürzester Zeit Mundtot gemacht wurde, bleibt wenig Hoffnung für eine politische Lösung sozialer Probleme in diesem Land.

Die Toleranz, die die neue radikale Linke bei ihren Zusammenkünften beweißt, läßt jedoch darauf hoffen, daß diese sich eines Tages durch Diskussionen und Gespräche in die bestehenden Parteien integriert und durch ein neues Selbstverständniss den Weg frei macht für entscheidende Reformen.

22.04.2005 um 17:30 Uhr

Wenn das süße Leben vorbei ist...

von: melb

Ich bin noch nicht soweit, ging mir gestern abend durch meinen 30 jährigen Schädel.

Fidel habe ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Wir verabschiedeten uns damals nach einer versoffenen und vertanzten Nacht irgendwo in Berlin Mitte. Gestern rief ich ihn dann an, um ihn mit meiner für ihn unverhofften Anwesenheit in Chile zu überraschen. Wir verabredeten uns für den Abend, da er ein neues Auto hat, wollte er mich abholen.

Fidel hat Deutschland schon vor vielen Jahren verlassen und sich im Gegensatz zu mir schnell eine gesicherte Existenz aufgebaut. Er kaufte sich ein Grundstück, auf dem er sich noch in diesen Winter ein Haus bauen will. Kommt seine Freundin aus Deutschland, möchte er sie heiraten und in einem Jahr ein Kind mit ihr zeugen.

Besuchte er mich in Berlin fiel es ihm sehr leicht über die Strenge zu schlagen. Wir tranken wie die Weltmeister und beendeten unsere Nächte nicht vor 9 Uhr in der früh, meist auf meinem Balkon im ersten Stock in Berlin Moabit, bei einer entspannten Tüte Grass.

So war mein Leben in Berlin. Ein Umstand, den ich bei einem Neuanfang jenseits des Equators gerne außen vor lassen will und statt uns die Nacht nun in Santiago um die Ohren zu hauen, fuhren wir in sein neues Appartment und beschlossen, es mit ein bißchen Grass langsam anzugehen. Auf der Fahrt rief ihn dann Paolo an, den ich nicht kannte, der aber, so versicherte er mir, ihm ein wirklich guter Freund ist. Auch er wollte noch rum kommen, ist grade in der Nähe. So nah, daß er uns schon erwarten wird. So geschah es und nachdem wir uns vorstellten, gab er zu bedenken, daß er noch sein kleines Baby im Auto hatte. Ich befürchtete schon, er wolle uns fragen, ob es ein Problem sei, es für eine Stunde im Auto warten zu lassen, doch Gott sei dank, wollte er nur wissen, ob es denn willkommen wäre. Das Baby war ein drei Wochen kleines Ding, das seelig schlief, was so bleiben sollte, da er kein Fläschchen da hatte. Oben erfuhr ich, das die Mutter an einem Seminar über mittelalterliche  Schauspielkunst in Spanien teilnahm und er sie nach einer Stunde mit dem Wurm in der Uni abhohlen sollte.

Während er mir das in Fidels für teueres Geld sehr geschmackvoll eingerichteter Wohnung erzählte, fing dieser schon mit der Vorbereitung zum vermeintlichem glücklich sein an, indem er das Grass aus einem Zimmer hohlte und dieses über ein von seinem Patenkind gemaltem Bild zerzupfte. Das Baby schlief im Nebenzimmer, da ist das mit dem Rauch nicht so schlimm, dachte ich mir. Fidel übergab mir das vegetarische Bild und ein Blättchen, mit dem Hinweis, ich könne das besser, womit er vollkommen recht hatte. Ich drehte, leckte und riss, was Paolo sichtlich beeindruckte, zündete, zog ein paar mal kräftig und gab weiter. Fidel quatschte die Tüte tot und Paolo musste sie wieder anzünden.

Ich sprach das verhängnissvolle Thema an - vielleicht weil es in der Luft lag, hoffentlich nicht aus Bösartigkeit. Ich erzählte von meiner Schwester, die ihrem Freund verboten hatte, Betäubungsmittel zu konsumieren. Nun raucht er aus Prinzip winzige Mengen, die niemals wirken, wahrscheinlich um sich seine Jugendlichkeit zu erhalten. Paolos Stimmung schlug um, er schaute andauernd nach dem Baby, daß weiterhin ruhig schlief, und es war nicht schwer ihm anzusehen, wie sehr er sich dafür hasste, der Vaterrolle nicht gewachsen zu sein. Ich begann mich zu fragen, ob wir uns nicht alle furchtbar verantwortungslos benahmen. Wenn jetzt nun was schreckliches mit der Kleinen passiert, kommen wir damit zu recht? Mit Sicherheit, tröstete mich die langjährige Erfahrung eines gleichgültigen Kiffers. Ich wollte es ihm am liebsten sagen, doch wir Kiffer kommen mit dem Unglück, dem wir zu entfliehen suchen bekanntlich nicht klar. Ich hielt den Mund und muß mir eingestehen, daß ich nur noch hoffte, er würde sich bald mit seinem Kind auf und davon machen. Bevor er ging, stellte er das Kind samt Wiege noch einmal vor uns auf. Ich wagte es nicht, sie anzusehen und fühlte mich ertappt von der unfassbaren Weißheit einer Neugeborenen. Statt dessen blickte ich zum Vater der Kleinen, der in seiner Hilflosigkeit dastand nicht wissend, wen er mehr haßte, sich für seine Unfähigkeit, seinen Vorstellungen von Familie nachzukommen, uns dafür daß wir ein Leben führten, daß ihm so weit weg erscheint oder das Baby, dafür daß es all das in ihm auslößte.

Es geht um das Bild, das wir alle von dem haben, was kommt, um unsere Vorstellungen von dem, wie wir sein sollten, wenn wir über dreißig sind. Ob Gretchen oder Ken Park - die Probleme sind die gleichen. Auch dann noch, wenn wir alt genug sein sollten, die Position auf dem Familienfoto einzunehmen, die uns ein Leben lang freigehalten wurde, damit der Fotograph auf den Auslöser drückt und nie mehr losläßt, uns gefangen hält im Ramen eines 10 zu 15 Hochglanzfotos. Doch vielleicht muß es nicht dazu kommen - denken wir an Benjamin, der die frisch verheiratete Elaine einfach von ihrer Hochzeit entführt, in den Bus steigt und gemeinsam fahren sie einer ungewissen Zukunft entgegen, da die Fortsetzung der Reifeprüfung nie gedreht wurde.