Ist schon wieder ein paar Tage her, daß ich mich an dieser Stelle äußerte, doch das Wochenende ließ mir nur wenig Zeit, über das erlebte nachzudenken. Ich war heute Möbel kaufen und sitze grad' an einem neuem Schreibtisch. Ich glaub manchmal, ich bin ausgewandert, dabei bin ich doch nur für'n Jahr hier, so wenig vermisse ich Berlin.
Freitag hatte ich meinen ersten Lehrtag. Mit DV-Kammera bewaffnet erschoss ich erst einmal einige Arbeiter, denen es nicht gelang, sich rechtzeitig aus dem Fokus meiner Waffe zu flüchten, was ihnen die Arbeit auf dem Dach meines Lehrmeisters Agustin unangenehm werden ließ. Aus dem Bildmaterial soll ein Werbefilm für die Firma werden, die das verwendete Isolierungmaterial herstellt. Danach machte ich mich an seinem Computer zu schaffen. Er wußte trotz all seiner Virtuosität nicht, wie man eine Video-CD erstellt.
Als Agustin vor einigen Tagen los ging, das Werkmaterial für die Sanierung seines Dachs zu besorgen, war sein Geld knapp. Doch als der Verkäufer von seiner Produktionsfirma hörte, schlug dieser im sofort einen Tauschhandel vor. Wir Produzieren einen Werbefilm und sie sanieren sein Dach. Ähnlich ist auch meine Anstellung verlaufen. Agustin hat sich bereit erklärt, mir all seine Kenntnisse zu vermitteln, außerdem steht mir seine gesammte Ausrüstung zur Verfügung. Als Gegenleistung halte ich sein Computersystem am laufen und zerstöre einen regulären Arbeitsplatz.
Am Abend war ich das erste mal aus, dachte eigentlich, 'nen ruhigen Abend nach der Arbeit verbringen zu können. Martha, ihr Freund Rafael, ihr Bruder und sein Freund waren zum essen geladen, doch Fidel rief an, verriet mir, er habe Geburtstag und zwang mich damit, meine Pläne zu überdenken. Gegen eins wollte er mich noch mal anrufen, um mich auf ’ne Party mitzunehmen. Martha kannte ich aus frühster Kindheit, mit ihr hatte ich schon Sex, als ich dies noch nicht zu schätzen wußte. Doch zwischenzeitlich traff ich sie wieder, um die Vergangenheit zu bewältigen. Als sie mit Gefolge auftrat, ewähnten sie eben diese Party: Rafael arbeitet für den Sponsor (Chiles größter Klingeltonvertreiber und damit der natürliche Feind der Menschheit) und hatte geschäftlich da zu tun. Nach hervorragender Speisung und ein bischen generve von Athuro Bosque, der inzwischen dazugekommene alte Freund meines Vaters, durch Wein und Cannabis unerträglich geworden, brachen wir auf.
Eine ganze Straße war abgesperrt und als ich am Eingang meine Vipkarte vorzeigte, mußte ich zum nächsten Durchgang, wo mir das Ticket dann durch Abriss entwertet wurde, um dann wieder zurück zu kommen, mir dort das Statussymbol umbinden zu lassen. Mit Vipbändchen am Handgelenk schaute ich von der Galerie der Reichen und Schönen auf den tanzenden Pöbel herab, bis Rodrigo kam und ich merkte, daß die Drinks unten billiger waren.
Eine der Sachen, die mir immer an diesem Land gefiehl, war daß sich in Chile Sachen so einfach lösen lassen. Man konnte so vieles auf die eine oder andere Weise regeln, doch so wie ich am Eingang aus unerfindlichen Gründen die paar Schritte hin und zurück gehen mußte, wollte mir kein Barkeeper einen "Wodka ohne was" verkaufen, da er nicht auf der Karte stand. Als Vip war ich natürlich dekadent genug, überall ungeöffnete Bitter Lemon Dosen stehen zu lassen. Der Fortschritt hält Einzug und mit ihm die Bürokratie. Kein Mensch ist mehr gewillt, eine Entscheidung zu treffen, durch die er seinen lausig bezahlten Job verlieren könnte.
Elektro ist voll angesagt im modernen Santiago. Auf allen Tanzflächen der Partymeile donnerten die Bässe, doch sehen die Chilenen und Chileninnen beim tanzen noch etwas unbeholfen aus, als würden sie europäische Steifheit erlernen wollen. Überhaupt hatte ich die Chileninnen anders in Erinnerung. Die haben überhaupt keine Taillie! Statt dessen schwabbt meistens eine Fettschwarte über die zu enge Jeans. Dabei sind ihre Gesichter noch immer wunderschön - eben ein merkwürdiges Bergvolk.
Als Rafaels Chef dann die Getränkecoupons heraus gab, war ich kaum noch in der Lage seinen Ausführungen über Arbeitslosigkeit in Deutschland und die Loveparade, die nun zum zweiten mal in Santiago und nicht in Berlin stattfindet, zu folgen. Fidel lud uns zu sich ein und da er Geburtstag hatte, sagte ich zu, obwohl ich noch lange nicht genug hatte. Wir stiegen mit seinem Cousin in ein Taxi und mußten einen Preis aushandeln, da der Fahrer augenblicklich an diesem Ort das Verkehrsmonopol innehatte und uns nicht zum üblichen Tarif befördern wollte. 4€ erschienen mir zu hoch. Auf der Fahrt gestand er uns, die Rechtsextreme UDI wählen zu wollen, doch würde Gladis, ehemals Parteichefin der KP, die durch ihren Tod große Beliebtheit erlangte, noch leben, könnte sie mit seiner Stimme rechnen. Nach unserer Ankunft wurde Fidel geil und fuhr betunken los, uns allen Prostituierte zu holen. Da ich aber seit nun einem Jahr autoerogenem Training meine neu gewonnene Jungfrauenschaft nicht unter Wert preigeben wollte, verzichtete ich auf den Spaß und legte mich schlafen. Nach einer Stunde wurde ich durch laute Musik geweckt. Fidel saß allein mit seinem Cousin im Wohnzimmer und steckte mir 'ne Tüte in's Maul. Ich setzte mich dazu und quatschte noch ein bischen, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Fidel hatte es nicht abwarten können und die erste Prostituierte, die er fand, gleich im Auto gefickt.
Gegen drei am nächtsten Nachmittag wachte ich auf. Das reichhaltige Abendessen und konsequentes Wodka trinken haben das schlimmste verhindert. Doch weniger als vier Stunden Schlaf taten das Übrige, so daß ich den Abend im Kreise der Familie nur dank einer großen Tasse pechschwarzen Espressos überstand. Ich nutzte die Gelegenheit hier eine meiner Tanten mütterlicher Seits und ihre Familie wiederzusehen. Ihr Mann sieht aus wie eine Mischung aus Peter O'Tool und Henry Fonda und mit ihrem Nachwuchs hat es etwas besonderes auf sich. Nachdem sich einer ihrer Sprösslinge in eine acht Jahre ältere Frau verliebte, heiratete er und zeugte ein Kind mit ihr. Dann stellte er seinem jüngerem Bruder ihre Zwillingschwester vor. Nur kurze Zeit später wurde geheiratet. Als eine ihrer älteren Schwestern sich scheiden ließ, wurde diese dem Bruder der Zwillinge vorgestellt - auch diese heirateten. Nur ihre älteste Tochter mußte sich selbst einen Mann suchen. Überall krümmelten Kinder herum und der zweijährige Pipin, benannt in dritter Generation, bezauberte alle mit seinem Lächeln, wenn er sich nicht gerade dem Schäferhund näherte, um sich sofort wieder erschreckt abzuwenden, was ihm viel spaß zu bereiten schien. Auf dem Heimweg fragte mich der Taxifahrer nach dem Filmregisseur, den er schon häufig von dieser Adresse abgeholt hatte und der mein Vater ist. Ich sollte ihm schöne Grüße ausrichten, denn er sei ja so sympatisch.
Sonntag mußte ich früh aus dem Bett, so daß das wochenendliche Ausschlafen ausfiel. Um zehn war ich mit den ehemals minderjährigen Gefangenen der Militärdiktatur zu den Maifestspielen verabredet. Besser an die hiesige Lebensart angepasst als die Einheimischen, kam ich über eine Stunde zu spät und vesuchte verzweifelt meine Verabredung in der Masse auszumachen. Zehntausende von Menschen marschierten brav in ihren Blöcken, hielten ihre Fahnen hoch, forderten alle das Ihrige. Da waren große und stolze Gruppen und kleine, die für sich viel zu viel Platz beantspruchten und dabei noch verlorener wirkten als ich. Wie die Schwulen und Lesben (das Cliche US-Amerikanischer Filme heißer Lesben traf hier erstmals zu, doch war die Gruppe zu klein, um representativ sein zu können), die gerademal zu zehnt ihre Rechte einforderten. Vor wie hinter sich fünfzig Meter Platz und dann eine winzige linksradikale Partei, die all ihre Wähler mobilisierte, um hier und heute ganz groß zu wirken. Die Anarchisten marschierten den Kapitalismus verdammend in ihren lizensierten Chucks an mir vorüber und machten später noch einmal auf sich aufmerksam. Die Maoisten hielten Marx, Engels, Lenin und Stalin nebeneinander abgebildet auf ihren Fahnen hoch und bemerkten nicht, wer sich im Grabe umdrehte.
Irgendwann traf ich dann mein Grüppchen, das zu den kleineren gehörte und unterhielt mich mit der Redelsführerin. Sie erzählte von den großen Erfolgen und ich bewunderte sie dafür. Sie haben erreicht, daß von den 102 Opfern nun 93 eine reguläre Rente anstatt einer Pauschlentschädigung erhalten. Damit gelten sie als vollwertige Opfer der Diktatur. Leider gehöre ich nicht zu ihnen, doch sie versicherte mir, der Kampf sei für sie noch lange nicht ausgestanden. Es ist mir peinlich das jemand, den ich nicht kenne so viel für mich tut. Ich fühle mich auf eine seltsame, sehr anonyme und unangenehme Art geliebt und bin ihnen allen sehr Dankbar. Doch wie demütigend ist es, um eine Entschuldigung für nicht Wiedergutzumachendes zu bitten, weil man auf sie angewiesen ist.
Auf der Abschlußkundgebung sang einer der ehemals drei und die Anarchisten drängelten sich nach vorne. Mein Vater sah als erster kommen, wovon die Abendnachrichteten später berichten sollten und wir entfernten uns vom Tatort. Kurz darauf klingelte das Mobiltelefon und obwohl ich bei Marthas Mutter zum essen eingeladen war, sagte ich Fidel zu, der mich zu einem spontanen Ausflug mit seinem Cousin in's Valle Nevado einlud.
Eine Stunde später fuhr Fidel bekifft die engen Serpentinen hoch, während ich die wunderschöne Aussicht genoß. Sodann erreichten wir einen von Santiagos chicken Winterssportorten. Ohne Mittagessen und fast ohne Frühstück mußte ich in der Erkenntnis leben das man auf 3400 Meter außerhalb der Saison nicht satt wird, aber die Großartigkeit der Natur in seltener Einsamkeit genießen kann. Ich verzichtete erneut auf Spaß aus der Tüte und wir rangen bei einem Spaziergang um Sauerstoff, bis wir uns niederließen, einen großartigen Sonnenuntergang inmitten der Anden zu genießen.