Schmunzelblog

18.04.2010 um 06:25 Uhr

Ein Traum von einem Mann

von: Phips   Kategorie: Schmunzelprosa   Stichwörter: Erotik, Humor, Kochen, Sex, Traum

 
 
„Kann ich dir behilflich sein?“
„Nein, lass nur, Schatz. Ich habe dir versprochen, für dich zu kochen. Und die Zubereitung geht schnell.“ Vincent spürte Isabells Hand im Nacken. „Ich muss vorsichtig sein, Schatz. Schließlich hantiere ich hier mit einem ziemlich großen Messer.“ Er drehte den Kohlkopf zurecht und teilte ihn mit drei kräftigen Schnitten in Viertel.

„Ich kann es kaum noch abwarten“, flüsterte ihm Isabell ins Ohr.
„Hast du so großen Hunger?“
„Das auch.“
Vincent lachte. „Du hast dir Schmorkohl gewünscht, als ich dir erzählte, dass ich ihn immer für meine Mutter koche.“
Isabell strich ihm mit den Fingerspitzen durchs Haar und küsste ihn sanft auf den Hals. Dann schmiegte sie sich an ihn, während er den Strunkansatz aus den Kohlvierteln entfernte und diese dann in feine Streifen schnitt.

„Begleitest du mich zur Spüle, Bell?“
Er wusch die Streifen in einem Sieb unter fließendem Wasser. Dabei spürte er Isabells zarte Hände unter seinem Shirt. Sie streichelte ihm erst den Rücken, dann presste sie ihren schlanken Körper gegen den seinen und spielte mit seinen Brustwarzen.
Vincent genoss es, ihren festen Busen im Rücken zu spüren und spülte den Kohl etwas länger als gewöhnlich. Die Wärme ihrer Hüften übertrug sich auf ihn. Er musste sich zusammenreißen, sollte es heute noch etwas zu essen geben.
Ein Spritzer mit dem kalten Wasser genügte, um Bell von ihm zu trennen. Vincent drehte das Wasser ab und schlüpfte an ihr vorbei zum Herd.

Er heizte die Kochplatte auf starker Hitze an, stellte eine große Schmorpfanne darauf und goss Sonnenblumenöl hinein. „Das wird eine heiße Sache.“
„Du bist heiß“, hauchte Isabell und steckte ihre Hand unter seiner Mickey-Maus-Schürze in seine Hose.
Unter dem Spiel ihrer Finger reckte sich sein Glied in die Höhe. Die Hitze stieg ins Unerträgliche. Der Kohl musste in die Pfanne.

Während er kräftig rührte, erhitzte Vincent eine zweite Pfanne. Isabell schob ihn ein Stück vom Herd weg und kniete sich vor ihm hin.
„Vorsicht, Schatz, das könnte spritzen.“
„Soll es doch“, erwiderte sie, schob ihren Kopf unter die Schürze und zog an dem Reißverschluss.
Reis wäre auch eine Alternative gewesen, dachte Vincent und kippte das Gehackte in die zweite Pfanne.

Der kräftige Geruch des Fleisches mischte sich unter den deftigen Kohlgeruch. Außerdem duftete es nach Isabells Parfüm und seinem Schweiß. Hier vereinen sich meine beiden Leidenschaften, dachte er und gab das Fleisch zum Kohl.

Beim Würzen ging einiges daneben, denn Zunge und Zähne Isabells schmeckten sein Glied nach allen Regeln der Kunst ab. Vincent musste sich am Herd festhalten, was es ihm nicht leicht machte, die dritte Pfanne anzuheizen. Glücklicherweise hatte er die gekochten Kartoffeln bereits geschält und in Scheiben geschnitten bereit stehen.

Vincent betrachtete Isabell von oben. Ihr Rücken bog sich in einer perfekten Rundung zu dem traumhaften Ansatz ihres süßen Hinterns, der aus ihrer Jeans hervorlugte. Der Anblick des auf der Schulter liegenden kastanienbraunen Haars entführte seine Hand vom Regler am Herd. Wie in die Wogen des Meeres tauchten seine Finger in die Wellen ihres Schopfes. Isabell tauchte auf, riss ihm das Shirt mitsamt der Schürze vom Leib und kostete die Knospen seiner Brust. Vincent hantierte an ihrer schmalen Taille vorbei mit den Pfannen.

Isabell erschrak, als er den Schmorkohl mit Brühe aufgoss. Ein kurzes Zucken nur, ein Augenblick des Erschauerns, dann berührten sich ihre Lippen. Der süße Geschmack verlieh den Düften, die vom Herd aufstiegen, eine eigenartige Note.

Vincent hatte jetzt die Hände frei. Er drängte Isabell zu der kleinen Eckbank. Sie ließen sich fallen.
„Du bist der Größte, Vincent. Ein wahrer Traum von einem Mann.“

Es klingelte. Vincent sprang auf, Isabell verschwand aus der Küche.
„Nicht jetzt“, stöhnte Vincent. Er zog sich das Shirt wieder an, zog den Reißverschluss der Hose zu, warf einen prüfenden Blick in die Pfannen und ging zur Wohnungstür.

„Hallo, Vincent.“
„Hallo, Mutter. Du bist zu früh.“
„Ist das Essen noch nicht fertig? Oder hast du etwa Besuch?“ Frau Lone schaute ihn prüfend und zugleich hoffnungsvoll an.
„Ja ... ich meine, nein. Ich meine: Ja, das Essen ist gleich fertig, nein, ich habe keinen Besuch.“
Frau Lone seufzte. „Du hast wohl wieder geträumt, was?“
 
 
Text: Philipp Bobrowski
Coverillustration: Lukyanov Mikhail
 
 

06.02.2010 um 13:55 Uhr

Es schimmelt

von: Phips   Kategorie: Schmunzelprosa   Stichwörter: Schimmel, Joint, Pferd, Tüte, Ben, Philipp

Foto: Craigb

Ich nehme einen tiefen Zug vom Joint und reiche ihn an Tonne weiter. Der Sommer ist bunt wie der Herbst. Noch Stunden schaue ich dem qualmenden Faden hinterher, der beim Ausatmen meinen Mund verlässt. Ich schwebe ihm hinterher.
AC/DC wird zunehmend melodischer. Glocke singt „Alle meine Entchen“ dazu. Ich schaue auf ihn herab. Er sieht lächerlich aus. Lächeln. Immer lächeln. So wie Lissy. Die zieht gerade am Joint. Noch eine halbe Runde, dann ist er wieder bei mir.
Ein Schimmel läuft quer durch den Stadtpark. Ich reibe mir die Augen, kann ihm kaum folgen. Ich beobachte die anderen. Wie Sherlock. Keiner sagt was. Glocke singt „Da steht ein Pferd auf dem Flur“.
Muss ich jetzt aufpassen, dass ich nicht in Pferdeäpfel trete? Die Tüte ist zurück. Ich ziehe einmal, zweimal, …
„Hey, wir wollen auch noch was!“
Ich brumme. Ein Bär. Ein großer, brauner Brummbär. Ich halte es nicht mehr aus. Schweben reicht nicht. „Habt ihr zufällig eben auch einen Gaul gesehen?“
Ein kurzer Moment der Stille dehnt sich wie die rauchende Atemluft. Dann ein kollektiver Wind der Erleichterung: „Jaaaaaaaa!“

 

Text: Ben Philipp

Foto: Craigb

Quelle: Ben Philipps Schreibwelt

11.12.2009 um 22:35 Uhr

Wenn die Nase läuft

von: Phips   Kategorie: Schmunzelprosa   Stichwörter: Kurzgeschichte, Humor, Phantastik, Nase, krank, Ben, Philipp

 

Peter war noch nie krank gewesen. Als er mir die Tür öffnete, war ich daher verwundert, wie kränklich er aussah. Sein entsetzter Ausdruck in den Augen, wunderte mich allerdings nicht. Es musste ein Schock für ihn sein, was ihm da widerfahren war.
„Was ist los?“, fragte ich ihn.
„Meine Nase läuft“, sagte er, als stünde er bereits mit beiden Beinen im Grab.
„Das sehe ich.“ Ich versuchte den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, aber die Faszination besiegte den Ekel und ich schaute doch wieder hin.
„Das ist mir noch nie passiert!“ Peter sah mich an, als könne nur ich noch verhindern, dass jemand das Grab zuschaufelte.
„Bleib ganz ruhig“, sagte ich und drängte in die Wohnung hinein. „Erst mal machen wir die Tür zu.“ Ich schloss die Tür, um Schlimmeres zu verhindern. Dann schob ich Peter vor mir her in sein Wohnzimmer zu seiner Couch, die noch immer aussah wie gerade erst geliefert. „Setz dich!“, befahl ich.
Er folgte mit hängenden Schultern, ließ sich kraftlos auf das rote Polstermöbel fallen. Ich setzte mich neben ihn, wühlte in meiner Jackentasche, zog eine Packung Taschentücher hervor und reichte ihm eines. Er sah mich zunächst verständnislos an, doch noch bevor ich ihm eine Erklärung liefern konnte, nickte er verstehend, nahm das Taschentuch und wischte sich die Tränen aus den Augen und von der Wange.
Ich lächelte zufrieden. „So, dann erzähl mal.“
„Ich saß am Küchentisch und trank einen heißen Kaffee.“
„Lauwarm“, berichtigte ich.
„Nein, er war heiß. Als Sybille mich gestern verlassen hat, ist so oft das Wort ,Warmduscher‘ gefallen, dass ich dachte, es sei an der Zeit, etwas zu ändern.“
„Aha“, sagte ich. „Und da dachtest du, der Kaffee wäre ein guter Anfang.“
„Genau. Ich konnte nur nippen, denn der Kaffee kam direkt aus der Maschine. Der heiße Dampf stieg mir in die Nase und plötzlich begann sie zu jucken.“
„Das ist normal.“
„Mag sein. Aber sie juckte immer mehr. Ich stellte die Tasse ab und kratze mich – da fiel sie ab!“
„Einfach so?“ Ich fasste mir an die eigene Nase.
„Einfach so. Von einem Moment auf den anderen saß sie auf dem Rand meiner Kaffeetasse. Dann sprang sie auf den Tisch, von dort auf den Boden, und lief davon.“
„Hast du gesehen, wo sie hingelaufen ist?“ Ich wollte mich von seiner Verzweiflung nicht anstecken lassen.
„Erst lief sie hierhin, dann dorthin. Zuletzt habe ich sie auf dem Flügel im Musikzimmer gesehen. Ich habe es abgeschlossen.“
„Gut. Dann lass uns mal auf Nasenjagd gehen.“

Es war einfacher, als ich gedacht hätte. Die Nase war auf dem Flügel zur Ruhe gekommen und schnarchte. Es war kein schöner Anblick. Überall diese Schleimhäute! Aber ich konzentrierte mich nur auf Peters Nase, schlich mich an, packte sie und übergab sie ihrem Besitzer.
Peter war glücklich. Er ging ins Bad und putzte seine Nase ausgiebig. Sie glänzte richtig. „Was mach ich jetzt?“, fragte er mich.
„Du solltest damit zum Arzt gehen.“
Peter schaute mich entgeistert an. „Ich war noch nie beim Arzt. Ich weiß gar nicht, wie ich gehen muss.“
Mit einem Lächeln antwortete ich: „Immer der Nase nach.“

 

Text und Cover: Ben Philipp

25.10.2009 um 07:54 Uhr

Rausch

von: Phips   Kategorie: Schmunzelprosa   Stichwörter: Satire, Rausch, Disko, Alkohol, Beat, Nacht, Töchter, anbaggern

 

Der Bass dröhnt. Die Mitten bassen. Die Höhen schreien mit dem Publikum. Kein Schall mehr in den Ohren, nur noch Rausch. Schall und Rauch auch die Namen. Sind sowieso nicht zu verstehen.
"Anne." - "Wie?" - "Hanne." - "Waaas?" - "Suuuusanne!" - "Willst was trinken, du Tanne?" - "Hab schon." - "Was?" - "Long Island." - "Zwei Long Island."
"Hier, Baby, jetzt sind wir reif für die Insel." - "Hast du ne Scheibe?" - "Wieso? Willst du dir eine abschneiden?"
Ach, lass die Alte sausen. Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Die da hat bestimmt schon fünf. Und noch keine zur Welt gebracht.
Ich muss noch was in Gang bringen.
Die Mucke bringt mich auf die Palme. Hab aber keinen Urlaub mehr, deshalb bring ich es auf den Punkt, die Frauen auf Touren und den kleinen Mann unter die Haube. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ich, jedenfalls, bin guter Hoffnung. Ich gehe mit dem Gedanken schwanger, mir noch einen Drink zu kaufen, rausche an die Bar. Da schläft einer seinen Rausch aus.
Ich drück ihn weg. Er druckst nur rum und schnarcht weiter. Dafür lächelt die Barfrau. Ich nehme es für bare Münze, weiß, jetzt lächelt mir das Glück.
"Dein Lächeln berauscht mich. Es nimmt mich mit in berauschende Höhen, wo im Rausch ich schwinge, bar jeder Vernunft in der Vorstellung dich bar deines rauschenden Kleides zu sehen." - "Schuster, bleib bei deinen Leisten", sagt sie. - "Deine gefallen mir aber besser." - "Hier gibts nur Getränke, die rauschen auch." - "Jim Beam." - "Pur?" - "Purpur." Barzahlung. Und gleich noch einen.
Es rauscht wirklich. Es geht drunter und drüber. Ich muss noch irgendwo unterkommen.
"Bist du mit dem Auto da?" - "Klar. Sag mal, hast du einen fahren lassen?" - "Logisch. Will doch was trinken." - "Du bist ja echt witzig." - "Kennst du einen Witz?" - "Ja. Aber nur mit sooo einem Bart." - "Kenn ich nicht."
Die Flashlights blitzen. Ich blitz ständig ab. Steh mir die Beine in den Bauch, jemand quatscht mir ein Loch dazu. Bekomme Bauchschmerzen. Renn aufs Klo und übergebe mich in der Kabine völlig meinem Rausch.

 

Text: Philipp Bobrowski
Coverfoto: Rainer Sturm / PIXELIO (www.pixelio.de)

03.08.2009 um 10:15 Uhr

Der Anschlag

 

Heute wird es mit Glucken-Gudrun zu Ende gehen. Und ich, Curry-Curd, werde der lachende Sieger sein.

Das wurde aber auch Zeit. Noch ein paar Tage und ich bin pleite. Letzte Woche habe ich nur fünfzehn Würste verkauft. Fünfzehn! Alles Gudruns Schuld. Für zwei Imbissbuden ist der Parkplatz einfach zu klein.

Am liebsten wäre ich heute früher zur Arbeit gefahren. Aber keine Leichtsinnsfehler. Bloß nicht auffallen.
Dabei hatte ich es anfangs auf die friedliche Tour versucht. Wenn die Kunden Hähnchen wollen, sollen sie die nicht nur bei dem Hühnchen bekommen, hatte ich gedacht. Hab mir extra so ein Grillteil gekauft. Fehlanzeige. Die Leute liefen weiter zu Glucken-Gudrun.
"Weil du immer so mürrisch bist", hat meine Erna gesagt. "Nicht so freundlich wie die Gudrun."
Hat sie ja vielleicht Recht. Die ist wirklich so. Sogar zu mir.
Neulich hat sie mir ein Hähnchen geschenkt. Als ob ich das wollte. Oder die Kiste Ketchup, die mit lieben Grüßen vor meiner Imbissbude stand. Ich will ihre Almosen nicht. Und ihre mitleidigen Blicke kann ich auch nicht mehr ab. Wenn sie denn mal die Zeit hat, sie mir zuzuwerfen.

Aber heute fliegt ihr der Ketchup um die Ohren. Habe den Zeitzünder auf Punkt neun gestellt. Gerade, wenn ich wie jeden Morgen meine Bude aufschließe. Das Schauspiel will ich mir doch nicht entgehen lassen.
War nicht leicht den ganzen Kram zu besorgen. Da soll noch mal einer sagen, dass ich nichts auf die Reihe kriege. Und dann ist es aus mit Gudruns Glück. Die hat sowieso viel zu viel Schwein gehabt.
Wenn ich nur an die Kakerlaken denke. Ich schleich mich nachts an die Gluckenbude ran und krieg erst am nächsten Morgen mit, dass die Alte alles ausgeräumt hat und ne Woche Urlaub macht. Die Viecher haben überhaupt nichts zu fressen gefunden. Klar, wo die weitergesucht haben.
Oder als ich ihr die Kühltruhe ausgeräumt habe. Kommt doch am nächsten Tag die Hygiene und stellt Salmonellenbefall an Gudruns Hähnchen fest. Nur dass die jetzt in meiner Truhe waren. Da konnt ich erst mal zumachen.
Aber damit ist jetzt Schluss. Hab ihr die Bombe in einer Ketchupkiste in den Wagen geschmuggelt. Wenn sie diesmal wieder Glück hat, geht sie nicht dabei drauf.

Zwei vor neun. Ich bin pünktlich wie die Feuerwehr. Aber die wird heute zu spät kommen. Noch steht die Gluckenbude. Gudrun winkt mir zu. Ich winke zurück. Vor meiner Bude steht eine Kiste Ketchup.
Ein Zettel: "Ich hab eine zuviel. Vielleicht kannst du sie brauchen. Liebe Grüße, Gudrun."
 
 
Text: Philipp Bobrowski
Coverfoto: Paul-Georg Meister / Pixelio (www.pixelio.de)

 

23.05.2009 um 20:12 Uhr

Wollen Sie nicht gewinnen?

 

Foto: Silvia Bogdanski

 

 

„Guten Tag, Herr Mann.”
Die unbekannte weibliche Stimme am Telefon klingt freundlich. Ich versuche, ihr ebenso freundlich zu antworten. Woher sollte sie auch ahnen, dass ich an einem Dienstagvormittag viel zu tun haben könnte?
„Sie haben doch vor einiger Zeit mal an der Nordsüddeutschen Klassenlotterie Ostwest teilgenommen, richtig?”
„Richtig.” Sollten die Leute etwa zur Erkenntnis gelangt sein, dass sie mir einen Hauptgewinn unterschlagen haben? Trotz meiner angeborenen Skepsis spüre ich, wie mein Herz ein wenig die Brust hinaufklettert. Vermutlich will es kein Wort verpassen.
„Sehen Sie, Herr Mann, wir von der Nordsüddeutschen Klassenlotterie Ostwest finden es schade, dass langjährige Kunden wie Sie bei uns noch nicht gewonnen haben. Daher haben wir uns zu einer besonderen Aktion entschieden, bei der nur solche Kunden teilnehmen können, die in der Vergangenheit noch nicht …”

Ich sollte auflegen! Es ist nicht nur eine leichte Enttäuschung, die mein Herz wieder in sein Stammgefäß zurückrutschen lässt, auch schrillt eine Klingel in meinem Kopf: Pass auf! Sonst wirst du die nicht mehr los. Dennoch verspüre ich, möglicherweise aus puren Rachegelüsten heraus, einen gewissen Ehrgeiz in mir aufsteigen.

„Entschuldigen Sie”, sage ich, mein Hörergegenüber unterbrechend, das ungeachtet meiner unausgesprochenen Gedanken und meiner fehlenden Aufmerksamkeit in seinen Ausführungen fortgefahren ist. „Ich fürchte, ich kann mir das nicht leisten.”
„Was?”
„Noch einmal monatlich Geld für ein Los auszugeben.”
„Aber Sie bekommen doch fünf Lose auf einmal.”

Ich sollte wirklich auflegen, aber diese Logik reizt mich nur noch mehr. „Das kann ich mir erst recht nicht leisten.”
„Herr Mann, hören Sie mir doch erst mal zu. Es kostet Sie ja praktisch nichts. Und die Gewinnchancen …”
„Also schenken Sie mir die Lose?”
„Herr Mann, unterbrechen Sie mich doch nicht dauernd, sehen Sie, mit 97,99-prozentiger Sicherheit gehören Sie schon jetzt …”
„Ja, aber ich kann mir ja schon die Lose nicht leisten.”

Ich halte das eigentlich für ein Totschlagargument. Tatsächlich scheint die Frau zu stutzen.
„Aber, wenn sie doch so sicher gewinnen, haben Sie das Geld bald wieder drin. Also …” Sie klingt jetzt weniger freundlich, fast verärgert.
Ich passe mich ihrem Ton an. „Gute Frau, dann sagen Sie mir doch endlich, was die Lose kosten!”
„Also, wir haben fünf Achtellose für Sie bereitgestellt. Mit jedem haben Sie die Chance auf einen Gewinn in Höhe von bis zu einer Millionen Euro. Sie haben garantierte Gewinnchancen von …”
„Was muss ich zahlen?”
„… selbst mit dem kleinsten Gewinn …”
„Der Preis!”
„Es kostet Sie nur sagenhafte 54 Euro, die sie nahezu garantiert …”
„Sehen Sie!” Aus mir heraus schreit der Triumph. „Das kann ich mir nicht leisten!”
„Aber, Herr Mann. Das ist doch kein hoher Betrag, wenn Sie bedenken, dass Sie den Einsatz am Ende mit ziemlicher Sicherheit vielfach zurückbekommen!”

Ich bin von der Begriffsstutzigkeit der Dame enttäuscht. Ich beschließe, Sie endgültig mundtot zu machen. „Hören Sie. Ich habe das Geld nicht …”
„Aber wenn Sie doch gewinnen.”
„Dazu müsste ich es ja erst einmal haben. Wenn Sie wollen, können Sie mir natürlich den Betrag vorlegen. Wenn ich gewinne, zahle ich es Ihnen auch garantiert zurück.”
Sie kichert unsicher. „Nein, das geht natürlich nicht. Sie bekommen wirklich keine 54 Euro zusammen, Herr Mann?”
„Sie müssten den Gewinn an einen Verhungerten auszahlen.”
„Aber wollen Sie denn nicht gewinnen? Sie bräuchten jetzt nur zuzusagen, Herr Mann.”

Ich würde mir mit beiden Händen an den Kopf fassen, wenn ich nicht den Hörer halten müsste. „Gut”, sage ich. „Ich sage zu und garantiere Ihnen mit sogar 100-prozentiger Sicherheit, dass ich Ihnen die Rechnung für die Lose schuldig bleiben werde.”
„Na, zahlen müssen Sie natürlich schon.”
„Kann ich doch aber nicht.”
„Wollen Sie sich diese Chance wirklich entgehen lassen?”

Ich gebe auf. „Also, was brauchen Sie?”
„Ihr Vorname war …?”
„Hermann.”

 

Geschichte von Ben Philipp

 

 

10.03.2009 um 19:08 Uhr

Philipp Bobrowski: Mord im Wohnheim

von: Phips   Kategorie: Schmunzelprosa   Stichwörter: krimi, mord, wohnheim, philipp, bobrowski

Endlich war es ihr gelungen. Sie hatte Vogel gestellt, überrumpelt und nach einem für ihr Opfer nervenaufreibenden Spiel getötet. Endlich, nach endlosen Fehlschlägen, bei denen es Vogel immer wieder gelungen war zu fliehen oder sich zu verstecken, hatte sie gesiegt. Jetzt würde sie die Spuren des Verbrechens restlos verschwinden lassen. Wenn Sophia von ihrer Vorlesung ins Wohnheim zurückkam, sollte sie Leonie nichts anmerken können. Denn Sophia hatte sich geradezu in Vogel verliebt und würde den Mord nicht tolerieren.

Als alles getan war, leckte sich Leonie die Schnurrhaare und freute sich, nun wieder die Nummer Eins ihres Frauchens zu sein.

 

copyright: Text: Philipp Bobrowsk, Titelillustration: Katzensteiner / Pixelio