Würden Sie bitte bei mir auf's Klo gehen?
Andere stellen sich einfach Brad Pitt vor. Mein liebster Tagtraum in den letzten Wochen war die Abschlußfeier. Mit strahlenden Lächeln stöckle zum Podium. An der Hand der ebenfalls mit zwei strahlenden kleinen Zähnchen lächelnde Sohn. Und als mir dann der Preis als Jahrgangsbeste überreicht wird bricht das Publikum in Standing Ovations aus.
Ab morgen brauche ich dringend einen neuen Tagtraum. Die Abschlussfeier ist vorbei. Gelobt sein die Götter, die Abschlussfeier ist VORBEI. Ich hab nämlich tatsächlich gewonnen. Und für einen Moment hat es wohl bestimmt strahlend ausgesehen. Aber blos nicht näher hinsehen! Auf den Fotos der Jury mit der Preisträgerin bin ich zu sehen.
Klick Ich, wie ich ein gelangweiltes und durch zu viel Zucker (so viel zum Kuchen-in-die-Hand-geben-damit-er-nicht-lauter-quengelt-als-die-Laudatio) überdrehtes Kind versuche auf meinem Arm zu balancieren.
Klick Kind, wie es seiner verkrampft lächelnden Mutter den Finger ins Aug steckt.
Klick Ich mit grungelookmäßig zerstrubbelter Frisur – die dank leichter Spuren von Brei im Blitzlichgewitter bombenfest hält.
Aber da war das schlimmste schon vorbei. Eineinhalb Stunden zuvor hab ich mit einem äußerst manierlichen Sohn in einem schicken blauen Anzug die Uni betreten. Den mitgebrachten glücklichen Brei aus Freilandhaltung wollte er natürlich nicht. Nur weil der gestern mmm-mjam-mmm toll war darf ich nicht erwarten, dass Kind heute auch nur zu einem halben Löffel zu überreden ist. Die am Buffet erstanden Brötchen haben sich war gut am Anzug verteilen lassen wurden aber auch als ungenießbar eingeordnet. Und obwohl das Kind eigentlich den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatte war die Windel plötzlich notfallsmäßig voll. Und in den folgenden 20 Minuten sollte es mir nicht gelingen rauszufinden wo der Wickelraum ist. Wozu auch, wenn man auch im Kinderwagen wickeln kann. Zwar nicht ohne dass Kind ein wenig vom Windelinhalt auf sich und den Wagen verteilt, aber immerhin. Als ich dann endlich die Toilette gefunden hatte war gerade noch Zeit Kind und Wagen zu putzen und am Versuch, einen oder beide unter dem Handtuchtrockner zu föhnen, zu scheitern. Und dann, Zeit für den manierlichen Auftritt. Immer noch leicht befleckt haben wir uns in der letzten Reihe versteckt. Hören konnte man uns dort leider trotzdem. Obwohl ich mein Repertoire an Kinderliedern in sein Ohr gesungen hab, Hoppe-Hoppe-Reiter, Fingerabzählreihme, neue Bilderbücher, meinen Wohnungschlüssel und schließlich mein Handy zur Unterhaltung zur Verfügung stellte. Kind war nur geringfügig leiser als der Vortragende bei seiner Laudatio. Sehr zur Freude der Kollegen. Ich war allerdings bis unter die Haarwurzeln rot. Ob vor Scham oder Wut, da war ich mir nicht so sicher.
Um der Versuchung zu wiederstehen mein Kind zu knebeln bin ich rausgegangen, hab ihn ein bisschen rumlaufen lassen und mein Leben verflucht. Ich hatte zwar immer Kinder geplant. Aber irgendwie bin ich auch immer davon ausgegangen mir dann einen Babysitter leisten zu können. Mittlerweile weiss ich, dass gute Babysitter zusätzlich zu freiem Zugang zu Kabel-TV und Kühlschrank so ca. die Hälfte meines Gehalts verlangen. Und dass man sie nicht nur für ein paar Stunden nehmen kann. Ein Vertrauensverhältnis muss aufgebaut werden zwischen Baby und Sitter. Und das dauert viele Stunden. Bezahlte Stunden. Und sie müssen sich regelmäßig sehen. Sonst wieder zurück zum Start.
Ein bisschen beruhigter haben wir uns dann gerade rechtzeitig reingeschlichen um zu sehen, wie mein Name und das Wort "Preisträgerin" an die Wand geworfen wird. Unser großer Moment. Als sind wir Richtung Podium, Kind manierlich an meiner Hand. Ohhhs und Aaahs aus dem Publikum. Eine Karrierefrau und Mutter. Wie Heidi Klum. So ein süsses Kind. Und dann auch noch Jahrgangsbeste. Nur noch wenige Meter trennten uns vom Podium als der große Moment beendet wurde. Von eine leuchtend rosa Tasche. Die hatte Kind ins Auge gefasst als er sich losreisst um den Inhalt zu erforschen. Und nur unter lautem Wehklagen haben sich Tasche und Kind wieder trennen lassen. Als dann der Lehrgangsleiter es wagte, Kind auch die Hand zu schütteln wurde er gebissen. Kind wollte einfach niemanden ohne rosa Tasche in seinen Gunst aufnehmen.
Aber die Urkunde hängt trotzdem stolz am Klo. Und meine Besucher bekommen in nächster Zeit extra viel zu trinken angeboten. Denn auf den ersten Blick sieht es einfach bewunderswert toll aus. Und ein bisschen Streicheleinheiten hat sich mein Ego verdient. Nachdem gerade per Presseaussendung Fotos von mir und Kind verbreitet werden, in denen ich neben einem irren Lächeln ein leicht gerötetes Aug und eine Brei-Grunge-Look-Frisur hab.
