Seiltanzen für Anfänger

28.02.2008 um 23:32 Uhr

Würden Sie bitte bei mir auf's Klo gehen?

Andere stellen sich einfach Brad Pitt vor. Mein liebster Tagtraum in den letzten Wochen war die Abschlußfeier. Mit strahlenden Lächeln stöckle zum Podium. An der Hand der ebenfalls mit zwei strahlenden kleinen Zähnchen lächelnde Sohn. Und als mir dann der Preis als Jahrgangsbeste überreicht wird bricht das Publikum in Standing Ovations aus.

Ab morgen brauche ich dringend einen neuen Tagtraum. Die Abschlussfeier ist vorbei. Gelobt sein die Götter, die Abschlussfeier ist VORBEI. Ich hab nämlich tatsächlich gewonnen. Und für einen Moment hat es wohl bestimmt strahlend ausgesehen. Aber blos nicht näher hinsehen! Auf den Fotos der Jury mit der Preisträgerin bin ich zu sehen.

Klick Ich, wie ich ein gelangweiltes und durch zu viel Zucker (so viel zum Kuchen-in-die-Hand-geben-damit-er-nicht-lauter-quengelt-als-die-Laudatio) überdrehtes Kind versuche auf meinem Arm zu balancieren.

Klick Kind, wie es seiner verkrampft lächelnden Mutter den Finger ins Aug steckt.

Klick Ich mit grungelookmäßig zerstrubbelter Frisur – die dank leichter Spuren von Brei im Blitzlichgewitter bombenfest hält.

Aber da war das schlimmste schon vorbei. Eineinhalb Stunden zuvor hab ich mit einem äußerst manierlichen Sohn in einem schicken blauen Anzug die Uni betreten. Den mitgebrachten glücklichen Brei aus Freilandhaltung wollte er natürlich nicht. Nur weil der gestern mmm-mjam-mmm toll war darf ich nicht erwarten, dass Kind heute auch nur zu einem halben Löffel zu überreden ist. Die am Buffet erstanden Brötchen haben sich war gut am Anzug verteilen lassen wurden aber auch als ungenießbar eingeordnet. Und obwohl das Kind eigentlich den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatte war die Windel plötzlich notfallsmäßig voll. Und in den folgenden 20 Minuten sollte es mir nicht gelingen rauszufinden wo der Wickelraum ist. Wozu auch, wenn man auch im Kinderwagen wickeln kann. Zwar nicht ohne dass Kind ein wenig vom Windelinhalt auf sich und den Wagen verteilt, aber immerhin. Als ich dann endlich die Toilette gefunden hatte war gerade noch Zeit Kind und Wagen zu putzen und am Versuch, einen oder beide unter dem Handtuchtrockner zu föhnen, zu scheitern. Und dann, Zeit für den manierlichen Auftritt. Immer noch leicht befleckt haben wir uns in der letzten Reihe versteckt. Hören konnte man uns dort leider trotzdem. Obwohl ich mein Repertoire an Kinderliedern in sein Ohr gesungen hab, Hoppe-Hoppe-Reiter, Fingerabzählreihme, neue Bilderbücher, meinen Wohnungschlüssel und schließlich mein Handy zur Unterhaltung zur Verfügung stellte. Kind war nur geringfügig leiser als der Vortragende bei seiner Laudatio. Sehr zur Freude der Kollegen. Ich war allerdings bis unter die Haarwurzeln rot. Ob vor Scham oder Wut, da war ich mir nicht so sicher.

Um der Versuchung zu wiederstehen mein Kind zu knebeln bin ich rausgegangen, hab ihn ein bisschen rumlaufen lassen und mein Leben verflucht. Ich hatte zwar immer Kinder geplant. Aber irgendwie bin ich auch immer davon ausgegangen mir dann einen Babysitter leisten zu können. Mittlerweile weiss ich, dass gute Babysitter zusätzlich zu freiem Zugang zu Kabel-TV und Kühlschrank so ca. die Hälfte meines Gehalts verlangen. Und dass man sie nicht nur für ein paar Stunden nehmen kann. Ein Vertrauensverhältnis muss aufgebaut werden zwischen Baby und Sitter. Und das dauert viele Stunden. Bezahlte Stunden. Und sie müssen sich regelmäßig sehen. Sonst wieder zurück zum Start.

Ein bisschen beruhigter haben wir uns dann gerade rechtzeitig reingeschlichen um zu sehen, wie mein Name und das Wort "Preisträgerin" an die Wand geworfen wird. Unser großer Moment. Als sind wir Richtung Podium, Kind manierlich an meiner Hand. Ohhhs und Aaahs aus dem Publikum. Eine Karrierefrau und Mutter. Wie Heidi Klum. So ein süsses Kind. Und dann auch noch Jahrgangsbeste. Nur noch wenige Meter trennten uns vom Podium als der große Moment beendet wurde. Von eine leuchtend rosa Tasche. Die hatte Kind ins Auge gefasst als er sich losreisst um den Inhalt zu erforschen. Und nur unter lautem Wehklagen haben sich Tasche und Kind wieder trennen lassen. Als dann der Lehrgangsleiter es wagte, Kind auch die Hand zu schütteln wurde er gebissen. Kind wollte einfach niemanden ohne rosa Tasche in seinen Gunst aufnehmen.

Aber die Urkunde hängt trotzdem stolz am Klo. Und meine Besucher bekommen in nächster Zeit extra viel zu trinken angeboten. Denn auf den ersten Blick sieht es einfach bewunderswert toll aus. Und ein bisschen Streicheleinheiten hat sich mein Ego verdient. Nachdem gerade per Presseaussendung Fotos von mir und Kind verbreitet werden, in denen ich neben einem irren Lächeln ein leicht gerötetes Aug und eine Brei-Grunge-Look-Frisur hab.

27.02.2008 um 00:50 Uhr

Der Roman, der nie geschrieben wurde

Eigentlich. Eigentlich würde ich ja gern ein Buch schreiben. Zugegeben, wer nicht.? Aber ich schwör‘s, ich fühle da so tief in mir drinnen etwas ganz großartiges schlummern. Ich bin mir sicher, wenn ich’s nur aufschreiben könnte. Buchverträge. Spitzenreiter der Bestsellerlisten. Wochenendhaus in der Toscana. Wenn nicht sogar Nizza.

Was mich noch ein wenig davon abhält schon mal Fliesenmuster für mein Häuschen zu suchen ist, dass ich weder jetzt noch in irgendwie naher Zukunft die Zeit finden werde etwas zu schreiben. Zumindest nichts, das länger als ein Einkaufszettel ist. An den meisten Tagen hab ich schon Glück, wenn meine Zeit-für-mich für eine 2-Minuten-Haarpackung unter der Dusche reicht. Ja, genau. Ich bin berufstätige Mutter. Woran haben Sie das jetzt erkannt?

Früher, da hab ich in einer Welt mit langen entspannenden Schaumbädern gelebt. Und heute? Gut, ich besitze immer noch eine Badewanne. Und einsam vor sich hin alternde Badezusätze. Aber meine innere Stimme kreischt schon auf dem Weg in Richtung Badezimmer entsetzt auf. Ich sollte lieber die Wäsche machen. Das Kind bekochen. Den Boden aufwaschen. Meine Präsentation für das Sales-Meeting. Vielleicht sogar die Weihnachtsdeko in den Keller tragen.

Meine innere Stimme ist knallhart. Mütter dürfen nicht ins Schaumbad.

Aber ich leiste Widerstand. Wenn ich schon keine Bücher im Schaumbad schreiben kann, dann setze ich mich abends an mein Blogg, um Ihnen in kleinen Häppchen aus meinem Buch zu erzählen. Und davor dusche ich mindestens 3 Minuten lang.

Haben Sie Lust? Dann kommen Sie, begleiten Sie mich in den legendärsten Roman, der nie geschrieben wurde. Es ist eigentlich eine ganz altmodische Geschichte. Ein märchenhaftes, kleines Königreich mit einer Prinzessin, die gerne glücklich wäre. Aber sie ist sich nicht so sicher, wie man das am besten anstellt. Also beschließt sie, sich auf die Suche nach richtig glücklichen Menschen zu machen und die zu befragen. Aber es ist überraschend schwer jemanden zu finden, der so richtig glücklich ist. Einen ganzen Tag ist sie jetzt schon durch das kleine Königreich gewandert und langsam fühlt sie sich nicht nur unglücklich, sondern auch sehr müde. Also setzt sie sich auf den nächstbesten Felsbrocken. Denn im Gegensatz zu glücklichen Menschen hat das Königreich keinen Mangel an Felsen.

Aber kaum hat sie die Schuhe ausgezogen um ihre müden Füße ein wenig zu kühlen läuft ein alter Mann wild gestikulierend auf sie zu. Er kommt näher. Und will sie doch tatsächlich von diesem Steinhaufen verscheuchen. Die Prinzessin holt tief Luft, entschlossen ihn darauf hinzuweisen, dass man so keinesfalls mit Prinzessinnen umspringt. Aber sie ist auch neugierig, warum sich jemand wegen eines Haufen Steine so aufregt. Also schluckt sie die Luft mühsam runter und erkundigt sich:

"Aufstehen? Warum denn? Dem Stein passiert schon nichts."

"Mädchen, das ist kein Stein. Das ist ein Kunstwerk. Was sag ich, Kunstwerk. Mein Lebenswerk ist das!"

Erschreckt steht die Prinzessin auf, Kunstbanause zu sein gehört sich für eine Prinzessin nicht. Unauffällig betrachtet sie den Felsen aus den Augenwinkeln genauer. Aber so genau sie den Fels auch hinsieht – es ist einfach nur ein Fels. Nichtmal ein besonders Hübscher. Natürlich nicht einfach das jetzt zuzugeben.

"Ja sicher. Das ist ein hübscher ... ähm ... steinerner ... ähm aus Fels gehauener ..."

Und der alte Mann beginnt zu strahlen.

"Ahhh, endlich jemand der das erkennt. Das wird mein Meisterstück!"

"Wird? Ja, richtig. Das sieht tatsächlich ein wenig unfertig aus."

"Ehrlich gesagt, es ist mehr als nur ein bisschen unfertig. Um genau zu sein, habe ich noch nicht angefangen. Aber ich komme jeden Tag hierher und sehe es mir an. Denn sobald ich angefangen hab, wird das im Handumdrehen mein bestes Stück."

"Was ist mit deinen anderen Werken? Sind die nicht viel hübscher anzusehen als so ein einfacher Felsen?

"Mit denen hab ich auch noch nicht begonnen. Aber tief in mir drinnen ist der Plan. Der perfekte Plan für meine perfekten Kunstwerke.

"Und wann willst du beginnen?"

"Bald, ich bin mir sicher. Bald. Es ist nur so, ich hab ein wenig Angst. Es wär ganz fürchterlich, wenn ich es nur halb so gut machen würde wie ich tief drinnen fühle. Wenn ich ehrlich bin, ich bin schon zufrieden mir den Stein anzusehen und mir vorzustellen, wie gut ich sein könnte."

"Hmmm ... Und bist du glücklich dabei?"

"Ich bin zumindest nicht so unglücklich wie ich wäre, wenn ich versage."

"Manchmal", denkt sich die Prinzessin, "manchmal ist es wohl einfacher sich vorzustellen, wie glücklich man sein könnte. Da riskiert man zumindest nichts."

12.02.2008 um 23:21 Uhr

ein blogg muss man schreiben wie das leben

das ist er also. mein erster satz. in den letzten 2 monaten hatte er verdammt viel konkurrenz. denn um ehrlich zu sein versuche ich so circa seit weihnachten mit diesem blogg zu beginnen. und da gab es jede menge erste sätze. aber sobald einer schwarz auf weiss vor mir stand hab ich ihn misstrauisch angesehen. ist das alles? kann ich's nicht noch ein bisschen besser? und mein finger ist unerbittlich zum 314. mal auf back gewandert.

aber ab heute abend hab ich eine andere strategie. ein blogg soll vom leben erzählen - und deshalb muss man es auch genau so schreiben. ab heute also keine back-taste mehr. der einzige weg ist nach vorne ins nächste kapitel.

und so ein blogg ohne netz und doppelten boden, das passt auch genau zu dem leben von dem ich hier erzähle. denn eigentlich bin ich seiltänzerin. jede woche beginnt mit einem neuen kühnen balanceakt zwischen kind (sehr klein), job (sehr neu) und uhr (immer zu spät).

aber darum geht es heute noch nicht. heute abend freue ich mich einfach mal über den ersten schritt. über meinen sieg gegen die back-taste.

und falls sie, verehrter leser, sich nun mit dem kommentar-button messen wollen - ich würd mich freuen.