Fear Stalks The Land...
Musik: "Koyaanisqatsi" O.S.T. - Philip Glass
Aber kurz zum Film selbst:
"Stalker" wurde Ende der 1970er gedreht, und zwar in einer verfallenen Industrielandschaft nahe des damals noch aktiven AKW Tschernobyl. Viele Betrachter weisen darauf hin, dass die Bilder des Films in Bezug auf Tschernobyl und das Reaktorunglück fast schon Visionscharakter hatten... was man davon hält, soll jeder für sich entscheiden, allerdings war auch ich, als ich den Film "Prypjat" von Geyrhalter [siehe zwei Beiträge weiter unten] gesehen habe, sofort an "Stalker" erinnert. Das liegt auch daran, dass Tarkovskys Idee von der rückerobernden oder auch zerstörerischen Kraft der Natur, die in "Stalker" eine zentrale Rolle spielt, in den lange verlassenen Gebieten der hochkontaminierten Sperrzone um Tschernobyl ganz deutlich wird. In "Prypjat" (oder "Pripjat"... Schreibweisen sind nicht ganz einheitlich) zeigt eine Angestellte des physikalischen Forschungspersonals des Instituts, das sich in der Zone mit den dortigen Begebenheiten auseinandersetzt, die ehemals in Pripjat selber gelebt hat (Pripjat ist sowohl der Name für den Fluss unterhalb des Kraftwerks, als auch für die Ortschaft, die fast unmittelbar am Kraftwerk gelegen war [auf der gegenüberliegenden Flusseite, glaube ich])... diese Frau zeigt dem Filmteam jedenfalls einige Stellen von Pripjat (dem Ort), ihren alten Wohnblock und ihren Weg zu ihrer Arbeitstelle in der Stadt. Der Weg führt durch ehemalige Parks, die hinter den Wohnblocks angelegt waren, die aber nun nur noch eine einzige Wucherung aus Bäumen, Büschen und Gras sind. Die Pflastersteine des Wegs sind gehoben, gebrochen und im Umkreis zerstreut, und trotz der Troslosigkeit, Menschenleere und vor allem der Niedergeschlagenheit der Frau, die zum ersten Mal nach gut 10 Jahren (der Film ist von 1998) zu ihrer Wohnung zurückkehrt, bewirken diese Bilder der siegenden Natur (auch wenn es nach Klischee und Pathetik klingt) ein absurdes Gefühl des Triumphes... es scheint fast gut zu tun zu sehen, dass in diesem Gebiet, wo das Filmteam nur bei absoluter Windstille (wegen dem radioaktiven Staub, der noch immer überall aufwirbelt) hinein darf, trotzdem weiter Leben bleibt. (Im übrigen wohnen auch in einigen Dörfern der Zone noch immer Menschen, die nicht evakuiert wurden, und denen seit dem Unfall gesagt wurde, sobald wieder Geld da ist, werden sie dort rausgeholt. Die Ärztin, die dort die Gesundheit der Leute prüft, stellt zwar gesundheitliche Probleme fest, jedoch scheinen die Menschen sich mittlerweile darauf eingestellt zu haben (wobei man bedenken muss, dass nach 12 Jahren Langzeitschäden und so noch ncith unbedingt ersichtlich sein müssen...).)
Aber zurück zu Stalker: Auch bei Stalker gibt es eine "Zone". Diese wird militärisch stark bewacht und niemand darf hinein. Es gibt jedoch einige Menschen, die nicht anders können, als immer wieder in die Zone zu gehen, sich einzuschleichen (engl.: to stalk), die sog. "Stalker". Einer dieser Stalker führt im Film einen verbitterten Schriftsteller mit Schreibblockade und einen ebenso verbitterten Physiker mit Nobelpreisgedanken in diese Zone. Der Film ist außerhalb der Zone in tristen Brauntönen gedreht, sobald sie aber die Grenzposten umgangen haben und (mit einer Draisine) tief in die Zone vordringen, wird das Bild farben- und athmosphärenreicher, was schließlich zu den schönnen Landschaftsbildern führt. In der Zone suchen die drei "Den Raum", angeblich ein Ort, an dem der geheimste Wunsch eines Menschen in Erfüllung geht. Angeblich wurde die Zone auf dieses Gerücht hin auch abgeriegelt. Die Zone erklärt der Stalker so, dass sie entstanden sei, durch den Einschlag eines Meteoriten, nachdem dann immer mehr Menschen in der Zone verschwunden sind, und der Rest geflohen ist. Allerdings sei man sich bewusst, dass es kein Meteorit im eigentlichen Sinne gewesen sein kann, sondern dass es eine Metapher ist (die jedoch nicht weiter erklärt wird... ist auch gut so, denn eine eindeutige Erklärung würde auch das Konzept des Filmes verfehlen). Auch die Posaten um die Zone herum, sind zwar einige Male in die Zone vorgestoßen, aber nie mehr zurückgekommen. Der Stalker aber weiß, wie er mit der Zone umgehen muss, er weiß, dass sie lebt und launisch ist wie ein Mensch, viele Dinge, die in dem Film gezeigt werden die der Stalker tut, sind unverständlich, doch Dank des Nachfragens der beiden, die er in die Zone führt, wird klar, dass in der Zone nichts so ist, wie es scheint. Ein erster Hinweis ist schon die Fahrt der drei auf der Draisine in die Zone. Während am Anfang das monotone Schienengeräusch und das Rattern des Motors zu hören ist, verändert es sich mit der Zeit, erst mittels verschiedener Delays, dann wird mit einem Chorus-Effekt für ein unwirklich klingendes Geräusch gesorgt, und schließlich hat es fast etwas Musikartiges, ein für diese Szene völlig unnatürlicher Rythmus, der aber ganz offensichtlich in der Zone so ist. Die Physikalischen Gesetze sind nicht so, wie sie außerhalb sind. Zur Musik noch ein erklärendes Zitat des Stalkers, als er über die "Wirklichkeit" der Zone redet:
"Nehmen wir die Musik. Sie ist doch mit der Wirklichkeit am allerwenigsten verbunden.. Und dennoch: trotz alledem dringt die Musik durch irgendein Wunder mitten in unsere Seele! Was für ein Echo gibt es in uns als Antwort auf die zur Harmonie gebrachten Töne! Welch einen Quell höchsten Genusses bildet sie, uns miteinander verbindend, und erschüttert uns..."
Der Film hat also gewisse philosophische Ansprüche. Und dann kommt das Computerspiel. Ein Ego-Shooter in erster Linie, soweit erkennbar, mit einigen Rollenspielelementen. Was mich zuerst sehr positiv stimmte war, dass es 20 Jahre nach dem Tschernobyl-GAU spielt, und es tatsächlich um diese reale Sperrzone um das Kraftwerk herum geht (die Leveldesigner sind extra mit Sondererlaubnis in die Zone um sich über verschiedene Dinge Klarheit zu verschaffen). Das ist erfreulich, denn ein ego-Shooter 1979 in einer rätselhaften Zone möglicherweise gegen Aliens, die auf dem Meteoriten runtergeritten kamen, wäre durchaus naheliegend gewesen, und das hätte ich über die Maßen schrecklich gefunden...
Aber zurück zur Ausgangsfrage: Muss man vor dem Spiel Angst haben, dass es dem Film nicht gerecht werden könnte? Im Grunde genommen ist die atmosphärische Idee übernommen, die Landschaften und der Name. Denn im Spiel kämpft man gegen irgendwelche mutierten Wesen, läuft mit dicken Wummen rum, das hat alles nichts mit dem Film zu tun. Das Computerspiel, so wie es bislang scheint, wird toll, ist mit dem Film aber nicht zu vergleichen. Und ich finde, es ist den Spielentwicklern hoch anzurechnen, dass sie sich doch deutlich von dem Film distanziert haben. Im Grunde genommen alles gut, und doch macht mir das Spiel insofern Angst, als dass ich mir einen Haufen abgedrehter Shooter-Junkies vorstelle, die sich in dieses Spiel vertiefen, kluge Sprüche darüber reißen, aber keine Ahnung haben, wo das herkommt (an der Stelle sollte ich darauf verweisen, dass "Stalker" (der Film) nach der Buchvorlage der Brüder Strugatsky entstanden ist, die im Übrigen auch das drehbuch geschrieben haben.) Im Grunde genommen ist diese Angast vergleichbar mit der Verhunzung des Herrn der Ringe durch diese abgrundtief schlechten Filme, die der Buichvorlage nicht gerecht werden.
ABER im Grunde genommen hat doch eigentlich niemand die Berechtigung (außer den Autoren selber, und sowohl Tolkien als auch Tarkovsky sind bereits tot) sich über soetwas aufzuregen, denn wichtig ist doch nur, was man selber davon hält...oder nicht?
Ja, ich werde auch weiterhin sarkastische Äußerungen über die "Herr der Ringe"-Film-Junkies machen (beliebtestes Zitat: "Das Buch ist aber nicht so gut, da sind die Hobbits so komisch..." aaarrrggh!), und gleichzeitig werde ich wissen, wie unglaublich arrogant ich dabei bin... naja, wen ich die toleriere, haben die auch meine Arroganz zu tolerieren... oder so... bestimmt... egal.
Wer nochmal eine recht gute Zusammenfassung des Films lesen will, die bezeichnenderweise auf einer Seite für Computerspiele steht, der schaue unter folgenden Link: STALKER
(Auch wenn hier zentrale klassischen Motive von Melancholie und so ausgelassen wurden, aber ich persönlich halte sowieso eine Interpretation frei von wissenschaftlich vorgeprägten Diskursen für bedeutungsvoller, auch wenn die Betrachtung gerade solcher Filme wie "Stalker" im wissenschaftlichen Kontext sehr interessant sind [zumal ich "Stalker" innerhalb eines Uni-Seminars gesehen und behandelt habe...].)
Ja, irgendwann bringe ich auch nochmal einen kurzen Text, den mehr Leute als nur ich selber lese, zustande, aber das Thema ist einfach zu umfangreich... also sage ich zu mir (und zu dir, falls du es geschafft hast bis hierhin zu lesen), einen schönen Gruß,
sjÁlfur

