Musik: "B.Y.O.B." - System of a Down
Es geht wieder los! Nach ausführlichem (fast dreistündigem)
Durchsprechen der 70minütigen Aufnahmen, ist einiges an Ausbesserungen
zusammen gekommen, was für mich Erneuerung des Lebenssinns bedeutet.
Vor allem an Bass-Modulationen muss ich in nächster Zeit schrauben...
ich mag Gitarre lieber, aber hilft ja nichts. Zudem habe ich
mittlerweile an einigen Liedern weitere Stimmen geschrieben, sodass ich
noch einige komplette Songstruktur-Korrekturen machen muss.
Sechs Stunden vorher ~~~
Ich war im Westpark. Frische Luft, Kreislauf auf Vordermann
bringen, und vor allem den Kopf frei kriegen (was in letzter Zeit immer
schlechter funktioniert...). Es gibt bestimmte Dinge, die mich stärker
belasten, als ich realisieren kann oder mir eingestehen will, aber ich
habe mir geschworen, hier im Blog die Musik in den Vordergrund zu
stellen und nicht meine eigenen unwichtigen Probleme (autsch! jetzt
klinge ich so verbittert... das hasse ich. also streichen, klar?!).
Jedenfalls habe ich meine kurzfristige Schreibblockade für die letzten
verbleibenden zwei Lieder überwunden, denke ich. Frische Luft zwischen
den Autobahnen 95 und 96, Ironie auf vier Rädern, oder auch Flucht in
die Enge... sucht's euch aus.
Momentan fließt meine ganze "schöpferische" Energie in die Aufnahmen.
So ausgesaugt war mein Hirn schon lange nicht mehr. Ich habe früher aus
Langeweile immer neue Sachen zu schreiben angefangen, habe kaum zwei
Seiten eines Buchs lesen können ohne selber schreiben zu wollen. Das
ist erst ein Dreivierteljahr her... aber mittlerweile ist das
Geschichte - vorerst. Wenn ich in meinen Aufnahmen hänge, habe ich zum
ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, an etwas zu arbeiten, in etwas
aufzugehen. Das klingt furchtbar pathetisch, ich weiß, aber so ist es.
Wenn ich die Aufnahmen einige Zeit ruhen lasse, fühle ich mich dafür
leer und müde. Fluchtpunkt ist gelegentlich das Lesen. Billy Corgans
"Confessions"
und "Otherland" von Tad Williams. Und der Westpark, alleine der Weg
dahin - schon der gedankliche - hilft mri momentan. Ich stand heute
bestimmt eine Viertelstunde auf der Autobahnbrücke auf dem Weg und habe
in die Menge der vorbeifahrenden Autos gestarrt. Die Mitte der Brücke
ist ein guter Ort, hoch gelegen, man hat ein Gefühl von Übersicht und
Kontrolle, die sich an ihren Enden aber im Sog der unter einem
hinwegfahrenden Autos verfranst, nah am Geländer, so dass ein high
machendes flaues Gefühl bleibt (Höhenangst ist meine älteste und
liebgewonnenste Phobie), ein Gefühl von frei schwebend, aber doch
sicher und fest auf der Mittelstütze der Brücke.
Nach oben sehen schaffe ich nciht immer, aber heute habe ich mich
überwunden, was gut war. Als Kind war die Höhenangst schlimmer. Ich bin
in der Sporthalle auf Gerüsten maximal auf die dritte oder vierte
Sprosse gestiegen, danach drehte sich alles. Aber ich habe Burgen und
Burgruinen geliebt. Wir wohnten von 1988 bis '92 im Odenwald in
Südhessen, dort gibt es viele davon. Wie haben viele Burgen besichtigt,
und eine meiner liebsten Stellen waren die hohen Türme, die man
besichtigen konnte. Das kkribbelnde Gefühl panischer Angst, wenn man
sich einem dieser Türme näherte, ein überwältigendes Gefühl. Wenn dann
meine Eltern und Geschwister auf dem Turm waren, habe ich immer kurze,
sehr kurze Blicke nach oben geworfen, damit ich mir am Ende selbst
guten Gewissens einreden konnte, ich hätte sie über die Zinnen winken
sehen. Aber es war hauptsächlich das Schwindelgefühl und die damals
(heute fehlt mir leider die kindliche Einbildungskraft...meistens)
allgegenwärtige Vorstellung, die Gravitation könnte sich umkehren und
ich könnte von der Erde fallen.
Im Prinzip habe ich gewisse Vorstellungen/Ängste heute noch, aber durch
was auch immer hat sich in mir ein Gefühl von Gleichgültigkeit geformt,
was nicht mehr die Ängste von damals zulässt. Vielleicht gehört das zum
Älterwerden? Auf der Abi-Abschlussfahrt waren wir auch auf dem Dach des
Florenzer Domes, der an einigen stellen nur eine Brüstung von 75 cm
Höhe hat. Ich habe mich vorgebeugt, nicht trotz sondern wegen meiner
Höhenangst, ich liebe das Gefühl für einen Moment scheinbar die
Kontrolle zu verlieren. Jemand stand damals neben mir und hat mich an
der Schulter festgehalten, erst da merkte ich, dass ich fast gefallen
wäre. Es hat aber ewig gedauert, bis mir gewahr wurde, dass die
Situation mehr als nur ein leichter Schwindelanfall war.
Ich habe mich mal einige Zeit mit Phobien auseinandergesetzt.
Einerseits, weil ich als Rettungssanitäter gearbeitet habe und deshalb
an verschiedene medizinische Bücher gekommen bin, die mein Interesse
trafen, außerdem aber auch, weil unsere Musik unter dem Titel
"Anamnesia" gefasst wird, auf welchen ich auch die Texte abstimmen
will, Phobien sind da natürlich ein Thema, das in Liedtexten generell
gerne genommen wird. Ich würde nicht sagen, dass sich bei mir einige
Phobien anhäufen, denn das wäre unfair gegenüber denen, die wirklich
unter heftigen Phobien leiden, aber ich kann viele dieser Phobien
nachvollziehen, und ich frage mich, ob das nicht den meisten Menschen
so geht. Neben der Höhenangst, die ich tatsächlich als Phobie bei mir
werten würde (denn sie ist irrational), auch wenn sie sich seit meiner
Kindheit extrem gebessert hat, neige ich zumindest gedanklich zu
bestimmten Vorstellungen, die ähnliche Auswirkungen in mir auslösen.
Wenn ich mir als Kind die Unendlichkeit vorgestellt habe, waren das die
vielleicht schlimmsten Momente, die ich hatte. Ich hatte lange Panik
vor aufklappbaren Spiegelschränken in denen man den Hinterkopf sehen
kann (Gott sei Dank ist mir der Sinn für meine Frisur (so er denn
vorhanden ist...) erst gekommen, nachdem mein Kopf den Spiegel
vollformatig füllt). Und so Dummheiten wie die Unendlichkeit des
Universums vor Augen zu führen, mache ich heute noch nicht. Für mich
ist irgendwo eine Grenze, ich denke, mein Hirn ist irgendwo beschränkt,
und das soll es auch bleiben. Vor buddhistischer Vollerleuchtung hätte
ich Angst. Diese Sicht der Dinge, die zweifellos eine teilweise
Verleugnung wissenschaftlich-astorphysikalischer Erkenntnisse ist,
führt aber auch zu einer gewissen Gläubigkeit (auch wenn ich Religionen
eher skeptisch gegenüber stehe). Ich bin froh darüber, dass zumindest
unter dem Deckmantel des Glaubens ein gewisses Maß an "Übersinnlichem"
akzeptiert ist. Glaube ist Mittel zum Zweck, das war schon immer so.
Worin endet das? Es war ein langer Gang durch den Westpark, ich hatte
noch wesentlich mehr Gedanken, die ich teilweise nicht in Worte fassen
kann und teilweise nicht will, aus Banalität, Intimität und
Nichtigkeit, aber was mri wichtig war, das soll noch in die letzten
Textstellen einfließen, bevor ich die lyrische Seite der Musik vorerst
schließe. Andererseits handeln meine Texte bisher von nichts anderem,
egal was man in sie reininterpretieren kann. Der Titel heißt
"Anamnesia", und genau das trifft es, eine ewige Selbstanamnese, die
manche Gedanken aber auch dort weiter oder sogar zu Ende spinnt, wo ich
sie auf nicht künstlerischer Ebene nie hindenken würde. Und in
Gesprächen würde ich eh nie soweit gehen, sowas kann ich nicht. Wenn
man mich fragt, wie es mir geht... "Gut, jo" (gedehntes "jo")... und
dann je nach Person mit der ich spreche kommt das Thema Musik, Filme,
Alltag, Wetter... das ist nicht böse gemeint, und sollte das hier
zufällig jemand lesen, der mich kennt: Verzeiht mir meine Unfähigkeit
über Dinge zu reden, die mich wirklich berühren.
An alle anderen, die sich interessieren: Ich denke, ich werde bald mal die ersten Hörproben online stellen.
bless og takk,
ég sjÁlfur