November 2002:
Nasskalt, auf dem Weg durch Schwabing vom Studentenwohnheim am
Josefsplatz zum Isländischkurs im Nordistik-Institut hinter dem
Uni-Hauptgebäude. Es ist kurz nach 17 Uhr, dämmrig, fast dunkel im
Schatten der Häuser an der Schellingstraße, leichter Nieselregen. Ich
bin erst seit etwa zwei Monaten in München, weiß aber, dass ich zu Fuß
schneller bin als mit dem Bus, der sich zusätzlich zum dichten Verkehr
auch noch an den Baustellen in der Fahrbahnmitte vorbeischlängeln muss.
Ich mag die Weihnachtsdekoration in den Läden nicht, es ist erst
November, muss aber gestehen, dass ich schon Mitte Oktober angefangen
habe, Lebkuchen zu kaufen... zumindest jeden Mittwoch für den
Isländischkurs. Die Stadt ist grau und nass, die Menschen laufen
hektisch durcheinander, der Supermarkt auf dem Weg ist mal wieder viel
zu voll, es herrscht eine eigenartig gleichmütige Stimmung. Mit den
Lebkuchen in die Schlange an der Kasse, wortlos von einer alten Dame
mit viel zu viel Toilettenpapier im Einkaufswagen vorgelassen, trotzdem
gehe ich einen Schritt schneller, denn damals funktionierte meine
Armbanduhr noch. Drei Stockwerke hoch über knarzige, alte Holztreppen,
so gerade noch vor Benedikt (der damalige Isländisch-Lektor an der LMU)
in den Raum gekommen, Lebkuchen ausgepackt... der Abend ist gerettet,
die Welt ist trostlos aber glücklich.
November 2005:
Nasskalt, auf dem Weg durchs Westend vom Westpark nach Hause. Es ist
mittlerweile 18:30 Uhr vorbei (was ich aber erst zu Hause feststelle,
meine Armbanduhr müsste mal zur Reparatur), bereits dunkel, ich mache
die letzten "Nachtaufnahmen" an der Autobahnbrücke über die A96 und
mache einen kleinen Umweg am Supermarkt vorbei um TK-Pizza (Tonno, die
teure von Ristorante, nicht "Die Ofenfrische", die ist zu zwiebelig) zu
kaufen. Ich wohne seit gut drei Jahren in München und will weg. Nicht
wegen der Stadt an sich, die ist schön, nicht nur durch den Sucher der
Kamera, aber ich bin zu lange hier. Ich gehe in den Supermarkt, der vor
einigen Monaten umgebaut wurde. Der Markt hat sich verändert in der
Zeit, in der ich noch immer auf dem selben Fleck bin. Das Interieur
sieht wirklich gut aus, echt jetzt, es gibt zwar nicht mehr Auswahl als
vorher, aber dafür sind die Pizzen jetzt in einem Gefrierschrank und
nicht mehr in einer Truhe. Ein ältere Dame müht sich mit der Salto
Pizza Rucola ab, die wenige Zentimeter über der Erdoberfläche im
untersten Regalbrett liegt, während ihr gebeuteltes Rückgrat mit der
von alleine zuschwingenden Tür des Gefrierschranks kämpft. Ich finde
die Situation komischerweise interessant, halte dann aber doch die Tür
auf, entweder um höflich zu seine oder damit ich schneller an die Pizza
meiner Wahl komme, die daneben steht. Die Frau dankt mit einem Lächeln,
ich werf ein kurzes Grinsen zurück, das aber irgendwie kaum Freude
vermittelt... Ich stelle mich in die Schlange an der Kasse. Vor mir die
ältere Dame. Sie lässt mich vor. Ich bemühe mich um ein höfliches
Lächeln. Nach einer Stunde allein im dämmrigen Westpark ist mir nicht
nach guter Laune zumute, überhaupt nicht! Aber immer wenn man es nicht
brauchen kann, trifft man auf nette Menschen, das nervt. Und dann sitzt
hinter der Kasse noch nichtmal die dauerverschnupfte Hexe, gegen die
ich seit etwa zwei Jahren psychologische Kriegsführung auf höchstem
Niveau betreibe. Ich zahle schnell und verlasse den Supermarkt, bevor
ich mich vor lauter Höflichkeit übergeben muss. Auf dem kurzen Stück
nach Hause kommt mir das alles reichlich absurd vor und ich muss an den
November vor drei Jahren denken. Irgendwie ist die Welt nicht trostlos,
aber irgendwie auch nicht glücklich...
November 2006:
Wenn meine ausbildungsbedingten Pläne in den Bahnen verlaufen, die
momentan am wahrscheinlichsten sind, werde ich wohl in genau einem Jahr
nach Berlin ziehen. Ich würde ja lieber nach London oder Paris, aber
realistisch ist wohl momentan eher Berlin. Ich habe keine Ahnung, wie
es dort wird, das was ich von Berlin bisher gesehen habe lässt hoffen,
denn die Stadt scheint noch bemitleidenswerter als dieses Kaff hier,
ein geschichtsträchtig vergessenes Loch am Arsch der Welt. Ich weiß
nicht, was ich davon halten soll, auf jeden Fall wird es Nahrung für
meinen Zynismus sein, das kann gut sein... und schlecht. Die
Möglichkeiten dort Musik zu machen (da sich dort alle übrigen Fragmente
der Band versammelt haben) sind natürlich wesentlich größer, was auch
eigentlich der einzige wirkliche Grund ist, nach Berlin zu gehen, ich
hoffe die Stadt wird mich dem November entsprechend empfangen, trist,
grau, unglücklich, und irgendwie... ganz witzig.
sjÁlfur