"...und
als ich erwachte, lag ich im Raum hinter den Augen, auf der
Inversivseite der Netzhaut, auf dem Kalten Boden. Mein Atem
kondensierte, meine Glieder fühlten sich taub an, und nur langsam
strömte das Gefühl zurück in meinen Körper. Ich sah auf. Ein Mädchen
mit hohlem Blick saß am anderen Ende des Raums, ihre Arme ausgestreckt
gen hoher Decke, die durchscheinend das Licht des drohenden Tages
ankündigte..."
down in my wound
creeks running time
soul's growing grass
veins are pouring crime
Ich sehe die Dinge jetzt, wie sie sind. Und jetzt, da ich sie so zu
sehen weiß, lasse ich meine Augen filtern, um nicht den Verstand zu
verlieren. Ich spürte den Hund an der Leine zerren und merkte, dass ich
erneut ohne es zu merken stehen geblieben war. Ein Blick hoch zum
Himmel. Hier am oberen Ende des Abhangs schien es so, als könne ich mit
einem großen Schritt die Landschaft der Wolken betreten, einsinken in
die Weiten, die bei näherem Hinsehen nicht mehr weiß und strukturlos,
sondern ein Abbild der Landschaft bei Tag waren.
strolling through leaves
fall with the rain
aging with clouds
autumn my aim
Ich spürte den Schwindel in mir hochsteigen. "An genau dieser Stelle
hast du seit dreizehneinhalb Jahren immer wieder gestanden, hast
versucht die Weite zu begreifen, das Gefühl von völliger
Schwerelosigkeit zu fassen, und immer bist du gescheitert..."
Ich schüttelte mich widerwillig. Die Stimme in meinem Kopf hatte Recht,
ich war nie fähig gewesen all das zu begreifen, doch nun konnte ich
sehen! Und doch schloss ich die Augen. Dieser Ort war der Ursprung des
Nullmeridians meiner Jugend, ich wollte ihn nie so sehen, wie er war,
ich wollte nicht begreifen, nicht entmystifizieren. Ich blieb stehen
und ließ den Schwindelanfall über mich kommen, bis ich in der Feuchten
Wiese kniete und das leise Schnauben meines Hunds hörte, der mich
wieder ein Stück in die Welt zurückholte, die mich brauchte, die für
ihn essenziell war. Ich musste weitergehen...
i deny all that's real
mirror's telling me lies
and i won't trust my eyes
'cause there's nothing to see
Unten am Zaun folgte die Geborgenheit. Hier spürte ich Schutz. Zwischen
knorrigen Bäumen und noch knorrigeren Zaunpfählen blies der Wind kühl
über meine Haut. Aus der Ferne ein Bellen, aus noch weiterer Ferne das
Blöken der Schafe, wie durch Watte drang es... Watte, Wolken, Schafe,
verklärte Iris durch endlose Weiten, das Gegenteil von Tunnelblick, ich
sah alles, nur nicht das, was ich sehen wollte...
down in my world
rivers run fine
soul's growing old
veins are pouring vine
Sie saß dort zwischen den Glaskolben, deren Inhalt in unstetem Zustand
zwischen Säure und Base schwankte. Ich war gestützt auf meinen Stab,
der den Wind über das Land fegen ließ, wenn ich nur wollte. In diesem
Moment aber nutzte er mir als Krücke. Die tiefe, niemals verheilende
Wunde in meiner Seite wusch mit ihrem Blut meine Seele rein, spülte
meine Lungen und mein offenes Herz.
Ihr Name war Gaia und sie saß im Atrium. In ihrem Palast aus Myokard
schuf sie sich den Samen, der den Farn durch meine Adern schießen
lassen sollte. Ich war der Infizierte, ich war ihr Gesandter, der
verhinderte Messias einer überflüssigen Lehre.
i deny what's the truth
wrapped up in my cocoon
hiding deep in my wound
mirror's lieing my youth
Ein Bellen, nah an meinem Ohr. Der Hund holte mich zurück von meiner
Wanderung durch das Dunkel von Lokis Ruinen. Irgendwo dort hatte ich
Frostayza zurückgelassen... vor langer Zeit. Ich folgte dem Hund, der
mich nun dorthin führte, wo mein Ziel lag. Er wusste vom ersten Tag an,
dass nun der Abschnitt folgte, der mein allein war.
An diesem Wegabschnitt ragten schon seit jeher zwei Zweige so über den
Pfad, dass sie das Tor bildeten, dass ich seit langem immer wieder
durchschritten hatte. Ich wusste, ich könnte die Welt ändern, wenn ich
meinen Fuß hindurchsetzte, ich würde dam Feldweg folgen, und dort würde
ich zu der Stelle kommen, an der ich Frostayza verlassen hatte. Ich
wusste von ihr, sie war mein Zwilling, die Frucht desselben Baums, das
Phantom meiner Träume, der verlorengegangene Spross Yggdrasils... Ich
hatte oft an den Wurzeln des Baums ausgeharrt und ihr Kommen erwartet.
under my roof
between fern and fen
find comfort here
calm down again
Doch nun schwenkt das Auge ab, verlässt den Baum in meiner Welt unter
dem Farn, verlässt die Schlucht inmitten der Berge aus Stahlbeton,
inmitten des Meers aus Rückkopplungen, inmitten der Wogen aus
Disharmonien. Der Blick schwenkt zurück ins Nichts, aus dem wir
gekommen, und mein astrales Auge blickt durch die klaffende Wunde im
Fleisch meines Wolkenkörpers hinauf zu den Sternen und weiß, wenn ich
sehe, werde ich die Unerreichbarkeit sehen, werde ich die klaren Augen
sehen, werde ich Gaias Band sehen, das mich hier in den Ruinen hält,
und alles was noch bleibt, wenn das Auge zurückschwenkt, sind neue
Knospen am ewig alten, immer bestehenden Baum...
Und ich, ich bin dann das Nichts.
sjÁlfur
PS: Der Baum existiert tatsächlich, er ist auf einigen Bandfotos (siehe Bandpage in der Seitenleiste) zu sehen.