bildpolkrit

30.05.2006 um 11:58 Uhr

Politologie im Saarland eingestellt

von: soclyt

"Aus für die Politikwissenschaft der Universität des Saarlandes: Nach 40 Jahren verschwindet sie aus dem Fächerkanon. Damit verzichtet das Saarland als einziges Bundesland auf universitäre Politikbildung" (Yvonne Globert in FR 27.5.2006, S. 4).
Vorschlag zur Verteilung der Disziplinen: Jedes Bundesland beschränkt sich auf eine Disziplin: Ein-Fach-Bundesländer mit Uni-Versitäten. Motto: Stärken stärken, Schwächen abstoßen. Klare Exzellenzorientierung, keine Verzettelungen mehr.
Mit 16  müßte man für eine Art Grundversorgung hinkommen:
Fischereitechnik: Schleswig-Holstein
Barfußmedizin: Niedersachsen
Rechtspflegeausbildung: Mecklenburg-Vorpommern
Alpenwissenschaft: Bayern
Kameralistik: Baden-Württemberg
Kunst: NRW
Buchkunde: Sachsen
Policey-Wissenschaft: Berlin
Marktwissenschaft: Hessen
Zeitungskunde: Hamburg
etc.
Vorteile: Ergibt prononcierte Profilbildungen, fördert die Mobilität, erleichtert Mittelzuweisung. Spart Personal- und Ausstattungskosten. Vereinfacht den Globalhaushalt. Stärkt die Autonomie. Erhöht im Sinne des Wettbewerbsföderalismus die Notwendigkeiten für die Länder, die eigene Disziplin im Wettbewerb gut zu positionieren: Meine Disziplin ist wichtiger als alle anderen (damit natürlich auch das Bundesland).
Was noch fehlt: Absolvierbar im Auslandsstudium.

26.05.2006 um 10:21 Uhr

Bachelor-Ausbildung durch Lehrbeauftragte

von: soclyt

"Aber es gibt, das kann ich zumindest für die Germanistik sagen, auch Hochschulen, in denen die Lehre im Bachelorstudium zu 40 Prozent von Lehrbeauftragten bewältigt wird." ( Harro Müller-Michaels, Ruhr-Universität Bochum, in "Zeit" Nr. 22, 24.5.2006, S. 95).
Vorschläge für einige mögliche/praktikable Begründungen:
Das ist sicher gut mit stärkerer Praxisorientierung zu begründen - also als Fortschritt und "Erhöhung" der Qualität der Lehre.
Oder: Verstärkung der Fluktuation und damit mehr Innovation.
Und außerdem als Übergangsproblem.
Als Engpassmanagement.
Oder als begrenzte Maßnahme.
Oder als Auswirkung des Generationenwechsels im Lehrkörper?
Oder als Vorwegnahme der vom Wissenschaftsrat propagierten "Differenzierung des Lehrkörpers" an Universitäten und der damit verbundenen Einführung einer "neuen Personalkategorie unterhalb der Professur" (Wissenschaftsrat; siehe dazu bildpolkrit 22.2.2006)?
Ein "Zweiklassenstudium" gibt es natürlich nicht. 

24.05.2006 um 10:57 Uhr

Hochschulzugangstests und "Privatisierung"

von: soclyt

"Nun werden die Hochschulzugangstests 'privatisiert': Die HRK empfiehlt ihren Mitgliedern, sich der Tests der Bonner ITB-Consulting GmbH zu bedienen. Bis Anfang Juli sollen die einzelnen Hochschulen erklären, ob sie die Consulting-Firma nutzen wollen. (...) Die Studienbewerber sollen rund 70 Euro für einen Test selbst zahlen." (Heinemann in FR 23.5.2006, S. 27).
Was könnte man noch privatisieren?
Prüfungskorrekturen? (Sind sowieso sehr lästig).
Studienberatung? (Dann endlich Durchführung durch "professionelle" Berater).
Vorlesungen? (Damit die "Präsentationen" besser klappen).
Mündliche Prüfungen? (Evtl. in Assessment Centers?).
Seminare? (Durch Honorarkräfte?).
Hochschulleitung? (Im Rahmen des Bürokratieabbaus).
Gremienarbeit? (Evtl. durch Manager mittelständischer Betriebe?).
Die "Kunden" haben selbstverständlich jeweils Gebühren zu entrichten.  

19.05.2006 um 10:34 Uhr

Ziel- und Leistungsvereinbarungen als Steuerungsinstrumente

von: soclyt

"Die Vereinbarungen sind ein Element des grundlegenden Wechsels von einer Steuerung über detaillierte Vor- und Eingaben hin zu einer Steuerung auf der Grundlage von Vereinbarungen und der Evaluation erbrachter Leistungen." (Campus:Report 3/2005, S. 12; zu Ziel- und Leistungsvereinbarungen zwischen Rektorat und Dekanen an der Uni Duisburg - Essen).
Vereinbarungen in diesem Kontext werden zwischen asymmetrischen Positionen getroffen.
Vereinbarungen dieser Art sollen eine stärkere Integration der Vereinbarenden erreichen; sie rekurrieren auf Verpflichtung und Einforderung.
Werden die vereinbarten Ziele nicht erreicht, hat der Vereinbarende das zu begründen bzw. sich zu rechtfertigen; Sanktionen sind naheliegend.
Vereinbarungen zielen auf eine effizientere Form der Zielbindung und Zielerreichung.
Vereinbarungen sollen zu einer Internalisierung der Steuerung beitragen.
Vereinbarungen sollen Widerstände gegen Steuerung durch Einbeziehung und Mitbeteiligung entschärfen.
Vereinbarungen sind Instrumente der Effektivierung über Integration und Internalisierung auf der Grundlage des Anscheins von Mitbestimmung in einer asymmetrischen Situation.
(Zu Zielvereinbarungen als kommunikativer Prozess siehe auch socanalytica 19/5/6).

18.05.2006 um 10:33 Uhr

bildpolkrit: Hinweis in eigener Sache: Mögliche Veränderungen bei bildpolkrit

von: soclyt

Möglicherweise treten in nächster Zeit Veränderungen bei bildpolkrit im Zusammenhang mit Veränderungen im Hosting auf.
Auf konkrete Schritte wird bildpolkrit hinweisen.
Posts zu Bildungspolitik, Bildungswesen und Weiterbildung finden sich auch in http://socanalytica.blogspot.com.

16.05.2006 um 10:15 Uhr

Bildung und lebenslanges Lernen - Recht oder Pflicht?

von: soclyt

"Ist Bildung Bürgerrecht oder -pflicht? Soll lebenslanges Lernen zur Bürgerpflicht werden?"
(Fragen an Gösta Esping-Andersen. In: Leviathan 1/2006, S. 64, Frage 8).
Zur Notwendigkeit wird es sowieso gemacht, wenn auch bisher verbrämt als "Chance". Die Einführung einer Pflicht läge aber durchaus in der "Logik" der Marktorientierung großer Teile des Handelns. Deutlich werden hier die etwas weniger erfreulichen Seiten von Bildung - oder von dem, was so bezeichnet wird - und lebenslangem Lernen - nicht Entfaltung, sondern Zwang. Begründen könnte man eine Verpflichtung zu lebenslangem Lernen mit dem Konzept der "Vorsorge" für den Bürger, die ihn vor Schlimmerem - Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe - schützen soll und angeblich kann. Eine Pflicht dieser Art wäre durchaus einbaubar in den "vorsorgenden Sozialstaat" einerseits und die "Teilhabegerechtigkeit" andererseits. Es ginge jeweils um die fortwährende Befähigung zur "Teilnahme am Marktgeschehen" - eine attraktive lebenslange Perspektive.

12.05.2006 um 11:51 Uhr

SPD und die Inhalte von Bildung

von: soclyt

"Das Thema Bildung ist für uns Sozialdemokraten schon lange kein Gedöns mehr. Spätestens mit der Antrittsrede von Matthias Platzeck war klar, dass die Frage, welches Rüstzeug die Menschen in unserer Wissensgesellschaft brauchen, zu den zentralen politischen Zukunftsthemen gehört" konstatiert der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Bildung in der SPD (AfB), Tilo Braune, in Resonanz auf Negts Forderung nach der Definition von Inhalten (in vorwärts:online 11.5.2006).
Zu den Inhalten von Bildung äußert er sich dann folgendermaßen:
"Selbstverständlich muss sich Bildungspolitik auch mit der Frage der Inhalte auseinandersetzen. Dabei geht es nicht um bloße Wissensvermittlung, sondern auch darum, wie Kinder und Jugendliche das Lernen lernen und dies in einer Atmosphäre von Geborgenheit und Vertrauen, und dass erzieherisch Werte vermittelt werden, die Orientierung in einer immer komplexeren Welt bieten." (a.a.O.).
Kein Kommentar.

11.05.2006 um 11:09 Uhr

Bremen und die Umkehrung der Bildungsreform

von: soclyt

Der Rektor der Uni Bremen will "ein Institut gründen, in dem Wissenschaftler unkonventionelle Themen erforschen können, ohne sich um Drittmittel, Lehre oder Verwaltung zu kümmern" - "ein kleines Stanford" (SZ 8.5.2006, S. 16).
Erst institutionalisiert man Konkurrenz, Notwendigkeit zur Eintreibung von Drittmitteln, aufgeblähte Gremienarbeit, Profilbildung und weitere Errungenschaften der Bildungsreform, dann richtet man - als Besonderheit, auf die man "stolz" ist und die man "beschwingt" verkündet - ein "kleines Stanford" ein, das von all dem befreit ist und all das enthält, was man vorher abgeschafft hat.
Das ist genau das Gegenteil dessen, was in der Bildungsreform propagiert und praktiziert wird.
Dieses Vorgehen enthält die implizite Anerkenntnis, dass für wissenschaftliche Tätigkeit einige Vorbedingungen notwendig sind, wenn Vernünftiges dabei herauskommen soll. Das gilt nicht nur für Professoren, sondern für alle Mitglieder der Universitas als (Arbeits-)Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden mit dem Ziel der Erkenntnis.

10.05.2006 um 18:23 Uhr

Hauptschule und Lebenswirklichkeit von Jugendlichen (Schavan)

von: soclyt

"Gerade die Hauptschule muß von der Bildungspolitik besser beachtet werden. Es gibt keine Schulart, die so stark auf die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen eingeht."  (Schavan in "Welt" 8.5.2006).
Warum gibt es dann vielfältige Probleme?
Warum gehen alle, denen es möglich ist, nicht in die Hauptschule?
Warum gilt die Qualifikation nicht mehr viel?
Warum laufen dann soziale Problemfälle aus dem Ruder?
Warum sind angeblich weniger auf die Lebenswirklichkeit eingehende Schultypen "erfolgreicher"?
Das ist nicht alles der Hauptschule anzulasten. Es soll auch keine bloße Funktionalität eingefordert werden. 
Aber: Welche Auffassung von "Lebenswirklichkeit" ist da unterstellt?
Wie sehen die Relationen zwischen Hauptschule und Lebenswirklichkeit von Jugendlichen genau aus?
Worauf wird dabei wie und warum "eingegangen", worauf nicht? Mit welchen Effekten jeweils?  

09.05.2006 um 11:50 Uhr

Perfektes Hochschulsystem? (II)

von: soclyt

Das Plädoyer für die Einführung eines FH-Systems zur Ausbildung der "Mehrheit" überbietet mit seinen (latent bleibenden) Implikationen der Bildungsdestruktion und -verhinderung, der elitären Selektion, der expliziten Trennung von Forschung und Lehre, der institutionalisierten Ab- bzw. Aufwertung der HS-Typen (FH vs. Forschungsuniversität), der Reflexion und Kritik in den Hintergrund stellenden Anpassung an die Anforderungen von Praxis und Arbeitsmarkt noch die gegenwärtigen Vorstellungen der Bildungspolitiker.
Außerdem: Dass die Bezahlung von Professoren nach Leistung "sinnvoll", das Bachelorstudium "weltweit üblich" ist und Eliteunis jedes Land "braucht", sind äußerst differenzierte, ausführlich begründete und überzeugende Befürwortungspunkte für eine Hochschulreform in diesen Bereichen  - sie leisten nämlich inhaltlich  - von der bloßen Behauptung abgesehen - so gut wie keinen Beitrag zur Debatte: So ausgemacht, wie sie hier dargestellt wird, ist die Sache in jedem einzelnen dieser Punkte keineswegs.
Die Humboldtschen Ideen taugen nicht umweglos als Antworten für die Probleme der deutschen Universität von heute - eine Weiterentwicklung einiger ihrer Kernprinzipien wäre immer noch eine bessere Alternative als diese Vorstellung eines "perfekten Hochschulsystems".

08.05.2006 um 10:04 Uhr

Perfektes Hochschulsystem?

von: soclyt

"Vorstellen könnte man es sich schon, das perfekte Hochschulsystem. Es kennt weder die künstliche Trennung von universitärer und außeruniversitärer Forschung (...) In ihm widmet sich die Mehrheit der Studenten und Professoren in Fachhochschulen der Lehre, während wenige Forschungsuniversitäten mit riesigen Budgets und Talenten aus aller  Welt den Harvards und Oxfords Konkurrenz machen." (M. Spiewak in "Zeit" Nr. 19 vom 4.5.2006, S. 18).
Universitäre Forschung verfolgt andere Zwecke als außeruniversitäre; insofern ist die Trennung nicht unbegründet (und damit nicht "künstlich").  Die von der Bildungspolitik angestrebte Aufhebung dieser Trennung ist nicht primär wissenschaftlich, sondern ökonomisch motiviert.
Die Teilung in Mehrheitsausbildung mit Schwerpunkt auf der Lehre und wissenschaftliche Praxis Selektierter in "wenigen Forschungsuniversitäten" liegt zwar auf der Linie gängiger Bildungspolitik, würde aber nicht zu einem "perfekten Hochschulsystem" führen, sondern zu qualitativ differenzierter Massen- und Elite-Bildung mit unterschiedlicher Mittelzuweisung ("riesige Budgets" vs. Finanzknappheit) und Ausstattung, stark differierenden Aussichten für Absolventen, unterschiedlicher Qualität der Lehrenden und Lernenden ("Talente aus aller Welt" gegenüber allen anderen).

07.05.2006 um 13:03 Uhr

"Die Unis können nur noch dichtmachen" (M. Finetti)

von: soclyt

"Wenn bundesweit nur noch so viele Erstsemester aufgenommen würden, wie zuvor Absolventen die Hochschulen verlassen, so wäre das zwar ein Armutszeugnis für ein Land, das dringend mehr gut ausgebildete Akademiker braucht. Aber es wäre die angemessene Antwort auf eine Politik, die stur an Prinzipien festhält und sich um konkrete Nöte nicht schert. Und es wäre das vielleicht einzige Mittel, um Bund und Länder doch noch zur Einsicht und zum gemeinsamen Ausbau der Studienplätze zu bewegen. Die Hochschulen sollten zu diesem Mittel greifen." (Marco Finetti in SZ 5.5.2006, S. 4).
Das sollten sie nicht. Die "Dichtmach"-Empfehlung scheint sich auszubreiten. Das kann keine ernsthafte Maßnahme zur Problemlösung sein. Das ist keine Lösung. Als Druckmittel zur Herbeiführung einer Lösung geht es zu Lasten derer, die das Problem nicht verursacht haben. Dieser Vorschlag ist - aus der Sicht der Hochschulen, der Politik, der Studierenden - nicht praktikabel und nicht sinnvoll: Pseudoradikalität auf Kosten anderer. Die Vermehrung der Studienplätze muss schon auf anderen Wegen erreicht werden - auch wenn das nicht einfach war und ist.

03.05.2006 um 10:43 Uhr

HRK radikal: "Hörsäle dichtmachen" (Wintermantel)

von: soclyt

"Wenn alles nicht hilft, müssten wir auch darüber nachdenken, die Hörsäle dichtzumachen. Was soll man sonst tun, wenn schon die Ausbildung der jetzt Studierenden nicht mehr gewährleistet werden könnte? Es wäre allerdings das Schlimmste, was diesem Land passieren könnte, wenn Tausende, die studieren wollen, vor den Toren der Hochschulen bleiben müssten. Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt, und ich appelliere an die Politik, es nicht so weit kommen zu lassen." (Wintermantel in SZ 2.5.2006, S. 12).
Gemeint ist, dass zeitweise keine Studienanfänger mehr zugelassen würden. Das würde heißen, dass mittels der Studienanfänger, die nicht an der Situation schuld sind, Druck auf die Politik ausgeübt werden soll. Dies ginge zu Ungunsten der Studienanfänger. Wie erfolgreich im einzelnen diese Maßnahme sein würde, ist außerdem schwer einzuschätzen.
Es dürfte doch einige bessere Vorgehensweisen geben.

01.05.2006 um 12:53 Uhr

"Vorsorgender Sozialstaat" und Bildung

von: soclyt

"Und vor allem Bildung: Wir müssen, angefangen bei der frühkindlichen Erziehung, mehr dafür tun, dass Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können" (Hubertus Heil in SZ 29./30.4./1.5., S. 8).
Heißt das:
Die sollen - als Effekt von "Bildung" - selber mehr tun, damit sie nachher weniger kosten (oder zumindest nicht vermeidbare Kosten wie Arbeitslosengeld verursachen)?
Die sollen - mittels Bildung - dazu "befähigt" und dazu gebracht werden, selbst etwas zu tun und nicht auf den Sozialstaat zu rekurrieren?
Der Staat sorgt vor - um das Weitere haben sich die Leute - aufgrund von Bildung - selbst zu kümmern?
Der Staat schafft - durch Bildung - Bedingungen für Teilhabe - etwas daraus zu machen hat der einzelne; für Erfolg  oder Misserfolg ist er - auf dieser formalen Grundlage - selbst verantwortlich?
Oder: Vorsorge spart Nachsorge - und damit Kosten.