solu solu kina bolu - aufundweg zum everest
Stell dir vor, du stehst volles Programm auf Harry Potter oder Herr der Ringe oder von mir aus auch die Bibel. Und stell dir vor das du auf einmal die Moeglichkeit hast, in dieser komischen Zauberschule, in Bilbos Haus in Hobbingen oder dem Stall von Bethlehem Urlaub zu machen. Dir alles einmal genau anschauen. Anfassen. Die Luft schnuppern und nachvollziehen wie sich dieser kleine Zauberstreber, der Herr Frodo oder Maria bei der Geburt eines uneheliches Kindes wohl gefuehlt haben muss. Genauso fuehlte ich mich als ich mich aufmachte. Ich hatte Jon Krakauers “In thin air – In eisigen Hoehen” drei Mal gelesen. Das erste Mal vor 8 Jahren. Waehrend meines Zivildienstes in Otterndorf (“Dort wo Ottern kotzen und Motten rotzen”…aber das ist eine andere Geschichte). War faziniert und gleichzeitig abgestossen von den selbstverschuldeten menschlichen Tragoedien die sich an und um den Hoechsten Berg der Welt abspielten. Ich hatte im Laufe der Jahre Geo Magazine zum Thema “Everest” gelesen und die Gegendarstellung eines russischen Bergfuehrers der in Jon Krakauers Erzaehlung recht schlecht weg kommt. War immer wieder auf entsprechenden “Everest” - Seiten im Internet haengen geblieben. Zum Schluss, als letztes Buch vor dem Beginn meiner Reise, hatte ich das Buch von Goeran Kropp gelesen, der mit dem Fahrrad von Norwegen zum Everest kam um ihn dann alleine zu besteigen. In meinem Kopf hatten sich also viele Fakten und Geschichten, Bilder und Fotos zu einer Mischung aus Phantasie und Wahrheit verdichtet. Nun wuerde ich bald in den “echten Kulissen” dieser Heldentaten und Dramen mir mein eigenes Bild machen koennen. Geil !
Jetzt werde ich mich in den folgenden Beschreibungen bemuehen nicht so zu klingen wie der olle Reinhold Messner persoenlich. O.K. auf geht’s : Ich hab den Yeti gesehen ! …. Quietsch….Zurueckspulen….Nochmal von vorne….
Ich war aufgeregt und gut gelaunt als ich zur Busstation in Kathmandu ging. Nun kam also die letzte Etappe meiner kleinen Tour, der Aufstieg zum Everest Basecamp und zum Kala Patar (5545 Meter), einer der kleineren Trekking Gipfel, von dem man einen Blick auf den hoechsten Berg der Welt hat. Vom Terai, der Tiefebene des Subkontinent (200 Meter) auf der ich die letzten Wochen verbracht hatte und nun hoch bis auf ueber 5000 Meter. Eine erhebende Vorstellung.
Ich war aufgeregt und gut gelaunt.
Aufgeregt weil ich nun etwas begann, was mit dem vorigen Teil meiner Reise nicht wirklich viel zutun hatte. Bisher war ich ja nun fast ausschliesslich Fahrrad gefahren. Zuletzt von Butwal via Naraingard via Mugling und Naubise ins Kathmandu Valley. Dort hatte ich meine Trekkingtour organisiert, eine dicke Jacke gekauft (“bierchengelb” waere hier wohl der richtige Ausdruck) einen Rucksack, eine festere Hose und zudem noch einiges anderes Equitment um fuer den naechsten Monat gewappnet zu sein. Mit dem Fahrrad war ich mittlerweile relativ routiniert unterwegs gewesen. Sowohl uebermaessiger oder chaotischer Verkehr oder ungewoehnliche Situationen neben der Strasse, konnten mich nicht mehr wirklich aus der Fassung bringen. Auf dem Fahrrad hat man ja gluecklicherweise alles dabei was man braucht und ist quasi autark. Nun musste ich mich trennen. Von Kocher und Kuechengeschirr, von Klamotten und Zelt und anderem Gedoens das mir in den letzten Monaten ein unabhaengiges Leben bescherte . Alles haette ja schliesslich nicht in meinen Rucksack gepasst und dennoch wog er nach Abzug aller nicht mitgenommenen Ausruestungsgegenstaende ca. 15 Kilo (wie mir spaeter einige Guides bestaetigten). Aufgeregt war ich demnach auch ob das mein Ruecken aushalten wuerde und einen Treck ueber so lange Zeit hatte ich nun auch noch nicht gemacht. Alles in allem sollte die Nummer einen Monat dauern. Wuerde ich mich verlaufen ? Wuerde mich der Yeti fressen oder zumindest die Maoisten ? Wie wuerde ich mit der Hoehe klar kommen ? Konnte ich wirklich hoehenkrank werden ? Tausend und eine Frage. Deswegen war ich aufgeregt.
Gut gelaunt ? Ja, ich war sehr gut gelaunt, denn ich hatte es bis hierher mit dem Fahrrad geschafft. Acht Monate war ich durch 11 Laender gefahren und hatte fast 12.000 Kilometer zurueckgelegt. Nun wuerde es doch mit dem Teufel zu gehen, wenn ich nicht noch die paar Meter zu Fuss hinter mich bringen koennte. Die Zeichen standen gut. Alles hatte sich in den letzten Tagen zu meinen Gunsten gewandelt.
Zunaechst die sonderbare Begegnung in Naubise mit Promod und Saroj. Nachdem ich muede und ein wenig froestelnd zwei schaebigen Lodges einen Korb gegeben hatte, landete ich in einer Dritten wo die beiden jungen Maenner aus Kathmandu grad zu Abend assen. Vollkommen zusammenhangslos und ohne Grund fragte ich die zwei, nachdem wir uns begruesst hatten, ob sie einen Platz zum Schlafen in Kathmandu fuer mich haetten. Ich machte mir naemlich ueber die gesalzenen Preise der Guesthaeuser in Thamel (dem Touri-Viertel von Kathmandu) Gedanken. Saroj antwortete nur trocken “Why not?”. Und so landete ich mit Hilfe der beiden in einem billigen, zugegebenermassen auch etwas runtergekommenen, Guesthouse und war happy mit all den Nepalis um mich rum.
Gut gelaunt war ich auch deswegen weil ich alleine trekken konnte. Anfang Oktober 2006 hatte die Regierung Nepals naemlich auf Druck der Maoisten ein neues Gesetz verabschiedet das Individual Trekking untersagte und nur Trekker in den Nationalpark lies die von einem Guide oder einem Porter begleitet werden. Damit sollten mehr Jobs fuer eben diese entstehen. Die Folge war jedoch internationale Proteste der Trekkingverbaende weltweit, eine vollkommen verkorkste Hauptsaison mit so wenig Gaesten wie schon lang nicht mehr und einige veraergerte Individualtrekker die auf einmal von einem Guide ans Haendchen genommen worden waren, selbst wenn sie schon mehrfach in diesem Gebiet getrekkt waren. Drei Tage bevor ich in Kathmandu einradelte stoppte die Regierung das neue Gesetz. Drei Tage. Das sagte man mir dann als ich im Touristoffice in Kathmandu nachfragte und ich konnte mein Glueck kaum fassen. Meine schrumpfenden, finanziellen Ressourcen haetten einen Guide der 10 Dollar (oder mehr) pro Tag kostet, nicht hergegeben. Alles hatte sich zum Guten gewendet. Deswegen hatte ich gute Laune.
Nun ging ich also Richtung Busstation. Es war noch nicht wirklich hell, was auch am Morgennebel lag, der wie ein Teppich ueber der ganzen Stadt wabberte. Eine Truppe Soldaten joggte vorbei und einige Bettler sassen vor dem Hindu Tempel an der Ringroad. Die Haendler bauten gerade ihre Staende auf, waehrend in den Teebuden das Wasser dampfte. An den Strassenecken waermten sich Maenner an Feuern die sie aus Pappkartons oder anderem Muell entzuendeten. Die Maoisten schmueckten gerade den zentralen Festplatz fuer eine grosse Kundgebung in Rot. Ein ganz normaler Morgen in Kathmandu eben.
Der Expressbus war bereits voll und so musste ich auf die naechste Gelegenheit eine Stunde spaeter warten. Ich trank einen Tee, scherzte mit den Menschen an den Bussen, besuchte die vollgeschissene Toilette und dann setzte ich mich in den Bus Richtung Jiri.
Ich hatte zwei Tickets gekauft. Eins fuer mich und eins fuer meinen Rucksack. Im Guidebook wurde vor Dieben gewarnt die das Gepaeck auf dem Dach des Busses einer “genaueren Pruefung” unterzogen. Vorher hatte man mir gesagt das der Bus nicht voll sei, also kein Problem. Doch der Bus war nicht voll, sondern er war gerammelt voll. Ich hatte ein doofes Gefuehl, weil neben mir im Gang einige Maenner und Frauen stehen mussten. Ich ueberlegte noch ob es irgendeine andere Loesung gaebe, da stuerzten auch schon die ersten Mandarinen- und Erdnussverkaeufer in den Bus und zwaengten sich durch das uebervolle Vehikel. Bei bestem Willen gab es keinen anderen Platz fuer meinen Rucksack in diesem Chaos. Im vorderen Teil des Ganges hatte sich einen alter Mann mit einem Sack Reis niedergelassen. Die Mandarinenverkaeufer stiegen ueber ihn als waere er selbst ein Sack Reis. Ich bekam einen nepalesischen Porno angeboten lehnte aber dankend ab. Nachdem auch noch einige junge Bettlerinnen duch den Bus gestiefelt waren, gings dann tasaechlich los.
"No stop signs, speed limit - Nobody's gonna slow me down
Like a wheel, gonna spin it - Nobody's gonna mess me round
Hey Satan, payin' my dues - Playing in a rocking band
Hey Momma, look at me - I'm on my way to the promised land"
(AC/DC)
Im Lonley Planet beschrieb ein anderer Trekker den Bustrip nach Jiri als “Hell on earth”. In den ersten zwei Stunden dachte ich mir, was denn fuer ein Weichei dort unterwegs gewesen war ? Der Bus fuhr, nachdem wir das Kathmandu Valley hinter uns gelassen hatten durch ein anderes Tal enlang einen Flusses. Eigentlich ne ganz entspannte Tour. Nach ungefaehr 35 Kilometern ging es dann jedoch hinauf und hinunter und links und recht und…oh mein Gott.
Nicht das mich irgendjemand falsch versteht, das hier in den Hills Richtung Jiri ueberhaupt eine Strasse gebaut wurde, ist schlicht eine Meisterleistung, die mit Hilfe einer schweizer Strassenbaufirma realisiert wurde. Bis nach Jiri fuehrt die Strasse ueber vier Paesse. Nach jedem Pass schlaengelt sich die Strasse jeweils kompett bis ins Tal ueberquert einen Fluss um dann wieder in endlosen Serpentinen auf den naechsen Pass zu fuehren. Die Strasse ist einspurig. Der Verkehr allerdings nicht. Es gibt sogar einen durchaus regen Busverkehr. Und wenn diese Strecke tatsaechlich die “Hell on earth” ist, dann sind die Busfahrer tatsaechliche “Hellrider”. Sie leisten Schwerstarbeit. Die Fahrt dauert 12 Stunden oder mehr (fuer 188 Kilometer) und es gibt im wesentlichen nur eine groessere Pause. Die Fahrer fahren die Strecke komplett und gibt es einen Reifenschaden oder aehliches sind sie ohne weiteres noch ein paar Stuedchen mehr auf den Beinen bzw. im Fahrersitz. Die Busse haben keine Servolenkung. Das waere auf der schmalen Trasse zu gefaehrlich und tatsaechlich tut man gut daran nicht staendig aus dem Fenster zu gucken, denn manchmal geht es links oder rechts einige hundert Meter einfach runter. Keine Randstreifen, keine Leitplanken, keine Mauer, kein garnix… . Der Fahrer hat einen Gehilfen der die meiste Zeit an der offenen Tuer steht und via Klopfzeichen dem Fahrer zu verstehen gibt ob nun noch ein Zentimeter Platz ist oder nicht. Wenn dann ein Bus entgegen kommt ist dieser Zentimeter theoretisch nicht mehr vorhanden. Keine Ahnung wie die Fahrer das machen. Die Strasse ist zwei Jahrzehnte alt und wurde seitdem nicht eneuert, dementsprechen ist der Belag uebersaeht mit Schlagloechern und Bodenwellen. Die Busse sind alte klapprige Gefaehrte die scheinbar keinerlei Stossdaempfer besitzen. Allein diese Tatsachen macht die Busfahrt nach einigen Stunden tatsaechlich zur Tortur.
I - Tupfelchen sind dann kurze Stopps, an denen, wie an der Busstation in Kathmandu, Mandarinen- und Keks- und Erdnuss- und Sonstwasverkaeufer hineinstroemen. Einer dieser Verkaeufer waere ja kein Problem, doch zumeinst sind es so an die zehn junge Knaben die ihre Chance nicht verpassen wollen. Wie schon gesagt ist der Bus voll. Uebervoll. Leute stehen oder sitzen in den Gaengen sodass kein Platz ist fuer niemand. Dennoch schaffen es die Jungs bis nach ganz hinten und wieder zurueck und veranstalten ein lautes, doch erfolgreiches Chaos.
Nach ziemlich genau zwoelf Stunden, gelangte der Bus dann ins Jirital und ich stieg mit Rueckenschmerzen und ganz schoen durchgeruettelt aus. “Dit waer jeschafft. Hoffentlich wird der Rest entspannter.”, dachte ich mir und checkte in eine der zahlreichen Lodges ein.
Jiri - 1530 Meter
In der Lodge traf ich dann auf die ersten Trekker und Guides. So z.B. einen belgischen Priester, der am morgigen Tag, Weihnachten, seinen Flieger bekommen muss um rechtzeitig die Weihnachsmesse lesen zu koennen. Ein columbianischer Traveller der stolz erzaehlt das er bereis 43 Tage nicht geduscht hat. Ich bin beeindruckt, kann aber die eigentliche Botschaft dieser Aussage noch nicht verstehen. Noch nicht. Beide sind auf dem Weg nach Unten. Nach Oben, also Richtung Namche Bazaar wollen nur ein ruhiges englisches Paaerchen inclusive Guide denen ihre Nervositaet sichtlich anzusehen ist. Ich quatsche ein bisschen mit dem Priester und hoffe nur fuer ihn das der Bus morgen ohne Reifenpanne die Berge herunter kommt. Regelmaessig verpassen Trekker ihre Flieger, da sie zu knapp geplant haben.
Am naechsten Morgen lasse ich mir Zeit. Der erste Tag ist laut der Tourbeschreibung im Guidebook kurz aber haeftig. Ich stapfe gegen 10:00 Uhr los und folge dem “Highway”. Wenn man es so betrachtet besteht Nepal eigentlich nur aus Highways. Der Mahendra East-West Highway durch den Terai, den “Highway to Hell” nach Jiri und nun das was die Einheimischen auch Highway nennen, der Weg nach Namche Bazaar. Dieser Weg ist die Route die, die Porter benutzen um ihre Waren in die verschiedenen Taeler, nach Phaphlu, nach Lukla oder zum woechentlichen Markt nach Namche zu bringen. Namche ist historisch das Handelszentrum der Tibetischen Haendler die ueber die Berge kommen. Hier werden die Waren gehandelt die die Bergbevoelkerung nicht selber herstellen kann und von Tibet oder Kathmandu hier her gebracht werden.
Ausserdem ist dieser Trail, der Weg den die ersten Everestexpeditionen gegangen waren, mit hunderten von Porten und Yaks.
Es waren auch tatsaechlich einige Menschen unterwegs, als ich mit meinem fetten Rucksack meine ersten Schritte ging. Gleich nachdem ich Jiri verlassen hatte, ging es straight den Berg hoch und ich verschwand in der Bergen. Bis nach Shivalaya brauchte ich 5 Stunden. Das lag zunaechst einmal daran, das ich duzende von Fotos machte und mich oft umblickte um die Umgebung voll und ganz in mich aufzunehmen. Es war traumhaftes Wetter und ich fuehlte mich erhaben diesen Weg gehen zu duerfen.
Shivalaya – 1810 Meter
Als ich in dem kleinen Dorf ankam, war das englische Paaerchen bereits da und der Guide aalte sich in der Sonne, waehrend die beiden fertig in ihrem Zimmer lagen. Ich checkte in derselben Lodge ein, bestellte mir einen Pott Kaffee und setzte mich zu dem Guide um Tagebuch zu schreiben. Der Guide fing dann allerdings gleich an sich in Szene zu setzen und mit seinen Leistungen anzugeben. Puh, was ging mir der Kollege schon nach wenigen Minuten auf den Geist. Schon 6mal sei er am Basecamp gewesen und er wuesste “alles”. Irgendwie kam mir 6mal fuer einen proffesionellen Guide reichlich wenig vor und jemand der behauptet “alles” zu wissen ist sowieso mit Vorsicht zu geniesen. Das englische Paaerchen war auch nicht wirklich gespraechig, was vermutlich daran lag das sie konditionell noch nicht ganz so fit waren und es bei ihnen ueberall weh tat.
Als es Abend wurde kam dann das traditionelle Dhal Bhat Ritual, das sich im folgenden Monat jeden Abend aehnlich wiederholen wuerde. Dhal Bhat ist quasi “Reis mit Scheiss” oder anders ausgedrueckt Reis mit einer suppigen Linsenbruehe und je nach Lodge mit Gemuese des Saison und/oder Mixed Pickles. Was sich zunaechcht nicht wirklich spannend anhoert, ist wenn man einen Tag Trekking hinter sich hat, genau das Richtige. Es ist warm und safe, bietet genau die Proteine, die man braucht und schmeckt schlicht lecker. Die Lodgebesitzer sind manchmal etwas entaeuscht das die meisten Trekker anstatt der PseudoEuropaeischen Gerichte wie Pizza und Spagetti Bolonese, doch immer Dhal Bhat vorziehen. Es ist einfach besser. Und das beste an Dhal Bhat ist, es geht zu wie in einem koelschen Brauhaus. Wenn man sein Tellerchen leer gegessen hat, kommt ein Koebes…aeh ein Koch und bringt mit einem Koelschkranzaehnlichen Tablett nochmal Reis und Dhal und Gemuese und das so lange bis man voll vom Stuhl kippt. Dhal Bhat ist spitze.
Dazu trinkt der Nepali gerne Tschang oder Raksi. Tschang ist ein Reis”bier” das eher nach einem verwaesserten und leicht gegorenem Ayran schmeckt. Nicht mein Fall. Raksi ist der nepalesische “Wein”, ist klar und schmeck nach waessrigem Wodka. Da er auch warm serviert wird, nahm ich abundzu ein Glaeschen oder zwei, denn Bier ist hier in den Bergen absolutes Luxusgut und kostet das Doppelt- und Dreifache.
Am naechsten Morgen gab ich den Englaendern 45 Minuten Vorsprung. Ich hatte keinen Bock auf den geschwaetzigen Guide und ich wollte zunaechstmal alleine gehen. Schon nach einer Stunde hatte ich die kleine Gruppe jedoch eingholt und stiefelte an ihnen freudlich gruessend vorbei. “Wat willste mache.” In den Bergen geht jeder sein Tempo und ich war halt schon immer ein bisschen schneller unterwegs.
Auch dieser Tag war traumhaft schoen. Die Route leicht zu finden und wenn ich mir einmal nicht sicher war, fragte ich einfach nach. Oder besser ausgedrueckt, die Leute wiesen mir zumeist schon den Weg, den jeder NichtNepali will hier nach Namche Bazaar. Es war fast ein Blindflug.
"I've got a soul that cannot sleep
At night when something just ain't right
Blood red but without sight
Exploding egos in the night
Mix like sticks of dynamite
Red black or white this is my fight
Come on courage let's be heard
Turn feelings into words
American equality has always been sour
An attitude I would like to devour
My name is peace this is my hour
Can I get - Just a little bit of power"
(Red Hot Chili Peppers)
Kenja – 1600 Meter
Kurz vor Kenja war ein anderer Guide, der sich spaeter als Tek vorstellte, zu mir aufgeschlossen und er wies mir den Weg zu einer Lodge eines Freudes. Er war ein netter, ruhiger Kerl und wir verbrachten den Abend raksitrinkenderweise. Nachdem ich ihm von meiner Reise erzaehlt hatte, lud er mich zu sich in sein Dorf Nunthala ein.
Hinter Kenja ging es dann am naechsten Tag tough den Berg hinauf.
Der Lamjura Pass ist mit 3500 Metern die hoechste Erhebung vor Namche Bazaar, das auf derselben Hoehe liegt. Es ging sehr steil den Berg hoch und unter mir wurde Kenja und das Tal kleiner und kleiner. Der Lodgebesitzer hatte mir ein weiteres Haus als Lunchgelegenheit empfohlen und zwar in Sete. Als ich dort ankam, hoerte ich von Weitem schon lautes Geschrei. Da hing wohl irgendwo der Haussegen schief. Ich ging um die naechste Weg Biegung und sah die empfohlene Lodge und davor eine Gruppe von Menschen. Gerade drosch ein Mann wie wild geworden mit einem dicken Stock auf eine Frau ein. Ein anderer Mann kam ihr zu Hilfe und zwischen beiden entbrannte ein kurzer haeftiger Kampf. Der Angreifer wurde in die Flucht geschlagen, die Frau warf ihm noch ein sehr grosses Bauernmesser hinterher und ich dachte nur “Mensch, Bombenstimmung hier.” Ich entschloss mich erstmal oberhalb des Hauses hinzusetzen und einen Schluck zu trinken. Der Mann hatte sich circa 100 Meter weit an den Rand einen Feldes gesetzt und schmollte. Nach wenigen Minuten kam die dicke Frau die er verdroschen hatte, vor dem Haus her und stellte sich an den Rand des Feldes. Aus sicherer Entfernung beschimpfte sie den alten Mann lautstark. Auf einmal lueftete sie ihren Rock und zeigte ihm …aeh… also sie lueftete ihren Rock und entbloesste ihren Unterleib waehrend sie immer noch bruellte und fluchte. Dann drehte sie sich um hob wieder den Rock und streckte ihm ihren fetten Bauerinnenarsch entgegen und wackelte damit wie beim Ententanz. Ich konnte es kaum glauben und musste laut lachen. Da kam eine andere Frau und fragte mich ob ich Lunch haben wolle. Ich antwortete jedoch das die mir hier ein bisschen zubekloppt seien und machte mich nach kurzer Pause von Dannen.
Nachdem ich auf ca. 3000 Meter war, kam ich nach Goyom und beschloss dort in einer kleinen Porter Lodge zu bleiben, die in der Tourbeschreibung des Lonley Planet keine Erwaehnung findet.
Goyom – 3060 Meter
Diese Lodge hatte keine Elektrizitaet und kein fliesend Wasser, nur einen Schlauch aus dem ein kleiner Rinnsal floss. Abends zog es in der Kueche wie Hechtsuppe und der Raum war gefuellt mit dem Rauch des offenen Herds, das mit Holz befeuert wurde. Dennoch fuehlte ich mich bei der ruhigen Familie sehr wohl. Kein Streit, drei liebe kleine Kinder und eine bemuehte Frau die mich versorgte. Auch hier gabs selbstverstaendlich Dhal Bhat und am naechsten Morgen suessen Milktea.
Es ging langsam weiter den Berg hoch bis zum Pass auf dem es kraeftig windete. Die Nordseite war auch vereist und es lag ein wenig Schnee, doch das gab dem Ganzen das richtige Ambiente. Ich sah Porter, mit ihren Tragekoerben. Die tragen sie nicht wie einen Rucksack, sondern mit einem Band um den Kopf. Die Koerbe sind einfache Binsengeflechte, doch tuermen sich in ihnen die Waren die sie transportieren zu unglaublichen Gebilden auf. Porter koennen unglaubliches (er)tragen, und das nicht einen Tag sondern mehr als eine ganze Woche oder laenger am Stueck. Und das nicht auf gerader Strecke, sondern in den Bergen in denen ich mir schon mit meinem 15 Kilo Rucksack einen abbrach. In den Koerben stapeln sich Reis und Bier und Bonbons und Tabak und Werkzeug und Klamotten und Batterien und Radios und ach noch Tausend und Eins andere Sachen mehr. In einem sollchen Korb koennen sie leicht 60 Kilo oder 80 Kilo unterbringen. Auf dem Weg sah ich einen Porter, der ein schwarzes Abwasserohr aus Stahl und Hartplastik trug, das vielleicht dreinhalb Meter lang war und 30 cm Durchmesser hatte. Er stiefelte gerade genau diesen Pass hoch. 85 Kilo. Unglaublich. Ich sah andere Porter die grosse, zusammengerollte Wellbleche (die hier fuer die Daecher einfacher Haeusser benutzt werden) trugen. Ich fragte nach. Sie antworteten. 105 Kilo. Bei den Everestexpeditionen werden die besten Porter angestellt und die tragen dann bis zu 120 Kilo. Den Berg rauf und den Berg wieder runter. Erst seit ein paar Jahren benutzen die Porter einfache Schuhe oder Sandalen (zumeist FlipFlops). Auf dem Weg zum Lamjura Pass sah ich jedoch noch einen Porter der tatsaechlich barfuss den vereisten Trail hochstapfte, mit vielleicht 70 Kilo auf dem Ruecken. Diese kleinen Maenner sind wirklich beeindruckend und zumeist auch noch gut gelaunt.
Da es oben am Pass so windig war, machte ich nur eine kurze Pause um mir keine Erkaeltung zu holen. Dann stieg ich ab ins naechste Tal nach Junbesi.
Junbesi – 2580 Meter
In der Lodge hier traf ich einen weiteren Trekker. Einen echten Abenteurer. Mehmet kam, wie der Name schon verraet aus der Tuerkei. Er hatte Zahnmedizin in Freiburg studiert und lebt nun seit zwei Jahren in Australien. Er kaempfte an diesem Tag allerdings mit massivem Durchfall. Er war von ein paar Sherpas zu Fleisch eingeladen worden und hatte es nicht besonders gut vertragen. Wir quatschten den ganzen Abend in der huebschen Kueche der Lodge und waermten uns am offenen Herdfeuer. Er gab mir Tips fuer den Rest des Treks, wir schauten gemeinsam in die Karten und er machte mir Lust auf einige andere Trekkingziele in der Everestregion. Er war auf dem Weg nach Unten und so trennten sich nach diesem Abend wieder unsere Wege.
Am naechsten Morgen beeilte ich mich aus den Schluffen zu kommen. Hinter Junbesi naemlich, am naechsten kleineren Pass, indem das Junbesital in das Naechste muendet, sollte man den Ersten und auch einzigen Blick auf den Mount Everest vor Namche Bazaar haben. Ich freute mich wie ein kleines Kind und rannte foermlich den Berg hoch, denn nach zehn Uhr kamen meist Wolken auf und versperrten die Sicht auf den Hoechsten Gipfel der Welt. Der Weg schlengelte sich am Grad entlang und ich dachte schon ich haette mich verlaufen. Doch hier war niemand um nachzufragen und so musste ich weitergehen. Ich legte ein sattes Tempo vor und stellte mir schon vor wie ich mein erstes “Stefan und der Everest” Foto machen konnte. Ich kam hoeher und hoeher und da sah ich Haeuser, allerdings auch einen ersten Wolkenschleier, der in der Morgenluft lag. “Scheisse.” dachte ich und “Schneller”. Dann kamen auch ein paar Porter und ich konnte zumindest sicherstellen das ich auf dem richtigen Weg war. An dem ersten Haus das ich antraf, fragte mich ein alter Mann ob ich einen Lemontea haben moechte, doch ich stapfte einfach vorbei und nuschelte ausser Atem das ich einen “Everestview” haben will. Dann tatsaechlich das Guesthouse mit dem bezeichnenden Namen “Everestview Lodge” Die Spannung stieg. Ich kramte schon mal den Fotoapparat heraus. Ging um die naechste Ecke und sah…. gar nix. In diesem naechsten Tal lag nicht nur ein wenig Morgennebel sondern eine ganze Wolkenwand die vermutlich Joerg Kachelmann zufrieden gestellt haette, mir aber den Blick auf den Everest verwehrte.
Eine dickbaeuchige Frau kam aus der Lodge und zeigte mir ein Foto von dem was ich sehen wuerde wenn ich denn koennte. Ich bekam schlechte Laune. Um den Everest auf einem Foto zu bewundern, muss man ja nun nicht 12.000 Kilometer mit dem Fahrrad fahren. Auf der anderen Seite stachelte es meinen Ehrgeiz an. Einfach wollte es mir der Kollege Berg also nicht machen, dachte ich mir und grinste in mich hinein. “Ick werd dich schon noch vors Gesicht bekommen.”
Nunthala – 2220 Meter
So kam ich also an diesem Abend in Nunthala an und ging zu dem beschriebenen Haus des Guides Tek, der auch tatsaechlich in seinem Shop sass und mich empfing. Er zeigte mir ein Zimmer und dann setzte ich mich vors Herdfeuer neben seine alte Grossmutter und er schenkte mir und ihr einen chinesischen Wiskey ein. Ich wollte nur einen kleinen Schluck, aus Hoeflichkeit, dafuer bekam die Grossmutter dann die doppelte Ration. Abends gabs dann wieder Dhal Bhat und Tek hatte noch eine andere Ueberraschung fuer mich. Tongba. Dieses Gebraeu ist ganz interessant. Es sind Samenkoerner die nach Behandlung Alkohol enthalten. Wenn man Tongba trinken moechte nimmt man ein Gefaess mit ungefaehr einem Kilo Samenkoerner und giest es mit kochend heissem Wsser auf. Nach kurzer Einwirkzeit kann man dann das Zeug durch einen Strohhalm mit abgeflachtem Ende (damit die Koerner nicht mithochkommen) trinken. Ich mochte das Zeug nicht, trank aber aus Hoeflichkeit auch diesen Trunk. Irgendwie machte es auch nicht betrunken, sondern mehr schlaefrig und so verabschiedete ich mich schnell danach ins Bett.
Das Wetter hatte sich seitdem ich in dieses Tal gekommen war, verschlechtert. Es war nicht nur wolkig, sondern auch nass nebelig und da die Sonne weg war auch merklich kuehler. Doch ich lies mir meine Laune am naechsten Morgen nicht verderben. Ich nutzte das erstemal den MP3 Player und stellte fest das 2Pac ganz gut zum trekken passt.
Bupsa – 2360 Meter
Ich kam etwas durchgefroren nach Bupsa, fand aber schnell eine nette Lodge, die auch eine Hot Shower anbot. Ich erinnerte mich an den Columbianer und an andere Traveller das gerade Waschgelegenheiten in den Bergen hier eine schwierige Angelegenheit sind. Dennoch beschloss ich nun nach 6 Tagen es mit einer Dusche zu versuchen. Selbstredend ist, das in einer Welt in der es nicht immer fliesend Wasser gibt und nie heisses fliesend Wasser, die Dusche extra Geld kostet. Meistens gibt es ein Rohrsystem das durch den Lehmherd gelegt ist und dann Wasser bei Bedarf erhitzt. Also muss erst Wasser gepumpt werden, zumeist mit der Hand. Das Wasser in einen grossen Bottich gefuellt und dann durch das Rohr geleitet werden um es dann in einem anderen Bottich wieder aufzufangen. Das ist ein Extraservice. Die Duschen sind zumeist in kleinen Haeusschen untergebracht, die nur notduerftig abgedichtet sind, bzw. grosse Loecher haben. In meinem Fall, zog es also aus dutzenden von Ritzen waehrend ich mich duschte und ich dachte darueber nach ob der Begriff “Hot” fuer das lauwarme Nass hier gerechtfertigt waere. Aber nun stand ich hier bibbernd unter dem Wasser und dachte dann wasch ich mich zur Feier des Tages zumindest zweimal und schaeumte mir den Kopf noch einmal ein. Nun, und dann kam das was kommen musste. Noch bevor ich mich auch nur halbwegs wohlfuehlte unter der Brause, versiegte der Rinnsal aus dem Duschkopf auch unvermittelt. Scheisse, das Wasser aus dem Bottich war alle. Und zwar ganz alle. Das heisst, es gab auch kein kaltes Wasser aus irgendeinem Zulauf oder so. Ich drueckte meinen Kopf unter den kleiner werdeneden Wasserstrahl und fuhr mir hektisch durch den Kopf um den Scheissschaum loszuwerden. Dann stand ich dort und sofort zog die kalte nasse Nebelabendluft durch die Ritzen und noch nicht wirklich abgetroknet stieg ich schnell wieder in meine noch Schweissnassen Klamotten. “Mmmh, das hatte der Columbianer also mit seinen 43 Tagen ohne Duschen sagen wollen.”
Am naechsten Morgen war mein Geld weg.
Genauso unvermittelt wie ich es hier aufschreibe traf mich der Schock als ich beim Zahlen meinen Geldguertel inspizierte. Die junge Dame von der Lodge hatte die Rechnung ausgestellt und ich kramte meinen Geldbeutel hervor und stellte sofort fest, das das Geldbuendel verdaechtig schmal aussah. “Scheisse, scheisse, Scheisse”. Die junge Dame sah mich an, waehrend ich hektisch mein Geld nachzaehlte. Tatsaechlich. Ich war beklaut worden. Es fehlten nach kurzem Ueberschlag ca. 18.000 Nepali Rupie (203 Euro). Ich war ausser mir. Konnte es nicht fassen. Warum hier ? Warum jetzt ? Warum ueberhaupt ? Och noooooeeee !!!! SCHEISSE ! Ein alter Mann kam herein der dem Englischen etwas mehr maechtig war als das Maedel von der Lodge und fragte was los sei. Seine troestenden Worte halfen mir in dem Moment auch nicht weiter. Vollkommen perplex und benebelt zahlte ich meine Rechnung und ging weiter.
Ich fiel in ein Loch. Mein Rucksack war auf einmal doppelt so schwer. Ich kam kleine Erhebungen kaum hoch. Wie war das denn passiert ? Ich aergerte mich unsaeglich ueber mich selber. Das konnte doch nicht wahr sein. Wieder und wieder nahm ich meine Geldboerse und kramte in dem Rucksack aber ich wusste das ich all das Geld zusammen in den Geldguertel gesteckt hatte. Ich dachte fieberhaft nach wo, wann und wie sich jemand an meinem Rucksack haette zu Schaffen machen koennen. Hatte auch einige Ideen, denn um ehrlich zu sein: Ich war in den letzten Tagen nicht wirklich vorsichtig gewesen. Hier eine offen Tuer in einer Lodge waehrend ich in der Kueche sass. Da den Rucksack zum Lunch vor einem Bhatti (Bergrestaurant) abgestellt. Und ueberhaupt, all das Geld an ein und demselben Ort. Aber ich hatte mich doch so sicher gefuehlt und, der Hauptgrund: Hier war doch kaum jemand. Die meiste Zeit war ich doch allein Unterwegs. Die Lodges hatte ich auch immer fast fuer mich allein… Scheisse. Es war passiert. Auf dem Fahrrad hatte ich immer aufgepasst. Es war zur Routine geworden. Selbst im Bus nach Jiri war ich wachsam die ganze Zeit, aber als ich in die Berge ging. Such a fuck !
Damit war der Black Day aber noch nicht vorbei.
Um mich ein wenig von den dunklen Gedanken abzulenken, wollte ich MP3 hoeren. Nach kurzer Zeit fiel das Ding jedoch aus. Ich schaute nach und vermutete das es durch meinen Schweiss feucht geworden war. Tatsaechlich sah die Batteriekammer feucht aus. Ich pruefte mit der Lippe auf Feuchtigkeit, die daraufhin sofort anfing zu brennen. Na fein, das war kein Wasser, die Baterrie war ausgelaufen. Ich lief zurueck zu einem Haus und wusch mir erstmal den Mund ab. Trotzem blieb eine roetliche Pustel zurueck. Dann probierte ich die anderen Batteriern aus der Packung, doch scheinbar war der MP3 Player kaput. Nichts tat sich mehr. Nixe mit die Mucke.
Super. Nun stand ich hier woertlich zwischen “Oben und Unten” und mein Trip schien sich zum Alptraum zu entwickeln. Das Wetter war scheisse. Mein Geld war weg (zumindest ein grosser Teil). Die einzige Moeglichkeit zur Ablenkung wurde gerade von Blausaeure zerfressen. Und ich brauchte noch mindestens zwei Tage bis Namche Bazaar.
Ich ging langsam weiter. Meine Gedanken kreisten um das verlorene Geld und moegliche Tatorte. Ich versuchte positiv zu denken, mich an schoene Erlebnisse meiner Reise zu erinnern und durchzuatmen. An einem beeindruckenden Wasserfall machte ich eine Pause und stierte mit dunkler Stimmung in das Wasser das den Fels herabfiel und das mich langsam beruhigte. Es war nun nicht mehr zu aendern. Und Umkehren machte keinen wirklichen Sinn. Ich konnte ja nun nicht an jedem Ort durch den ich zuvor gekommen war, nachfragen ob jemand zufaellig Geld “gefunden” habe. Auserdem hatte der Dieb “sorgsam” nur die Haelfte meines Geldes geklaut. Die Indischen Rupie, ein paar Dollar, meinen Reisepass und andere wichtige Papiere die auch in dem Geldguertel gewesen waren, waren noch da. Quasi ein netter Dieb. Ich dachte also “Fuuss in de Taesch.” Und machte mich weiter auf Richtung Namche.
"Hidne Nanche Ladcha" - "Walking people fall somtimes, but getting back on the feet again - that's important"
(The Shadow - Nepal)
Chablung – 2700 Meter
Obwohl Chablung bereits hinter Lukla liegt, dem Ort in den die meisten Touristen einflogen, waren die Lodges komischerweise nicht wirklich aufnahmebereit. Ich hatte Muehe eine geeignete Unterkunft zu finden, was vielleicht auch an meiner Unwilligkeit lag auf einmal auch noch ein paar Rupies mehr fuer einen Schlafplatz auszugeben. Denn, je hoeher man kommt, umso teurer wirds. Das ist ganz einfach.
Schliesslich fand ich ein kleines Guesthouse das von ein paar jungen Maedels gefuehrt wurde. Wahrscheinlich waren die Eltern ausserhalb der Hauptsaison in Kathmandu und so waren die Maedchen meine Gastgeber. Es passte nur hervorragend zu meiner trueben Stimmung das der Dhal Bhat an diesem Abend der mit Abstand Schlechteste auf der ganzen Tour war. Ohne Worte. Schlecht.
Am naechsten Morgen machte ich mich dann grusslos auf um noch an diesem Tag Namche Bazaar zu erreichen. Ich hatte den Schock halbwegs ueberwunden und wollte Namche erreichen und dann weitersehen.
Namche Bazaar – 3470 Meter
In Namche traf ich dann in einer Baeckerei auf Jan. Jan war Irlaenderin, lebte aber seit vier Jahren in Kathmandu und hatte Grosses vor. Nachdem sie letztes Jahr den Island Peak bestiegen hatte, wollte sie nun den Lobuche East besteigen, dann im naechsten Jahr einen 8000ender in Tibet und schliesslich in zwei oder drei Jahren…. Richtig, den Mount Everest. Sie war gut gelaunt und empfohl mir die Kala Patar Lodge gleich neben an. Da ich keine Lust hatte lang rumzusuchen checkte ich dort ein und traf am Abend noch auf Ruth und Jess und zwei Australieninnen auf dem Weg nach Unten. Nun sass ich also dort, wie der Hahn im Korb, umgeben von fuenf netten Frauen und meine Laune stieg, nachdem ich meine Geschichte mit jemanden teilen konnte langsam aber stetig wieder an. Sowohl Jan als auch Ruth und Jess hatten zudem einen Everest Summiter als Guide. Die Jungs strahlten eine wirkliche Ruhe und Professionalitaet aus, die ich bei dem doofen Guide der Englaender nicht festgestellt hatte. Chuldim, der Guide von Ruth und Jess war zudem bereits ueber 60mal am Basecamp gewesen und entspannt konnte ich einige Fragen an ihn stellen. Wir sassen um einen dicken Bollerofen der mit Yakdung befeuert wurde und zur Feier des Tages bestellte ich diesmal keinen Dhal Bhat, sondern eine Spagetti Bolonese, die auch ganz gut schmeckte.
Wir unterhielten uns und ich erfuhr das Ruth und Jess schon im Annapurna Gebiet trekken waren und nun nur noch bis Tengboche wollten. Die beiden Australierinnen kamen mit Kopfschmerzen und Erbrechen aus Pangboche. Die beiden waren mit einer Gruppe unterwegs gewesen und waren offensichtlich zu schnell aufgestiegen. Mit der Hoehenkrankheit ist das naemlich so eine Sache. Oberhalb von 3500 Metern wird die Luft so duenn das man bei uebermaessiger Anstrengung und/oder wenn man zu schnell zu hoch steigt ernsthaft erkranken kann. Massive Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen und so doof es sich anhoert… dann kann man daran sterben. Die beiden jungen Frauen hatten proffesionelle Guides, die mit ihnen als es ihnen schlechter und schlechter ging noch in der Nacht wieder abstiegen. Es ist vielleicht uebertrieben zu sagen das sie sie vor dem Tod bewahrt hatten, aber nicht wenige Trekker landen ernsthaft erkrankt im Krankenhaus. Fuer mich, der gerne seine Leistungsgrenze nach oben auslotet, waren diese Negativbeispiele Warnung genug. Ich hatte keinen Guide, der im Zweifelsfall fuer mich Sorge tragen konnte. Fuer mich galt nur: Aufpassen.
Der Folgetag war daher auch Akklimatitionstag in Namche.
Morgens luden mich Ruth und Jess ein, mit ihrem Guide in Namche zu einer Stelle zu gehen, von wo aus man einen Blick auf den Everest haben sollte. Alledings war es auch hier von den Wolken abhaengig, die immer noch tief in den Hochtaelern hingen. Trotzdem machten wir uns noch vor dem Fruehstueck auf. Stapften 15 Minuten den steilen Berg hoch und gingen in ein Militaercamp das dort in Namche stationiert ist. Als wir an der Stelle waren, sahen wir nichts ausser Wolken. Meine Enttaeuschung hielt sich in Genzen, ich hatte in den letzten Tagen schon genug Enttaeuschung erlebt, als das mich nun der fehlende Everest Blick stoeren wuerde. Chuldim verharrte jedoch und schaute sich immer wieder pruefend um. Er hatte irgendetwas im Gespuer. Hier gabs nix zusehen ausser Wolken. “Keine Berge, Alter, Vergiss es” Ich zuendete mir ein Zigarettchen an, das mir wegen dem fehlenden Fruehstueck und der duennen Luft jedoch auf den Magen schlug.
Als ich wieder aufschaute konnte ich Berge sehen.
Ganz langsam wie ein extrem grosser weisser Vorhang trieben die Wolken auf einmal beiseite. Erst der Ama Dablam, dann der Lhotse, dann der Nupse auf der anderen Seite und dann tatsaechlich wie auf Ansage zeigte der Guide auf einen Berg im Hintergrund: Der Mount Everest. Da war er also. Meine Guete. Die Wolken schoben sich immer mehr zur Seite und gaben den kompetten Blick frei ueber all die 8000ender Gipfel die in den letzten Tagen in Nebel und Wolken verhangen waren. Zudem ging in diesem Moment die Sonne hinter einem anderen Riesen auf und tauchte das ganze Tal und die Berge in goldengelbes Morgenlicht. Es war wie in einem Film und ich fuehlte mich auf einmal sehr erfuellt. Ruth und Jess fingen sogleich an Fotos zu machen. Achso, das hatte ich ja ganz vergessen, das “Stefan und der Everest” Foto. Auch ich kramte meine Kamera heraus und knipste noch mit Fluppe im Mund drauf los. Wir scherzten und zwischendurch hielte wir die Klappe und schauten uns das unglaubliche Panorama an. Der Himmel ueber uns klarte komplett auf und wir bekamen einen hundertprozent Rundumblick auf die schneebedeckten Riesen. Ohne Worte.
Wir blieben bis eine groessere Gruppe hollaendischer Trekker den Huegel hochgestapft kam. Es war Zeit zu gehen. Bestimmte Momente moechte man nicht mit vielen Menschen teilen. Ich war Ruth und Jess und ihrem Guide sehr dankbar. Jess fragte mich auf dem Weg nach unten ob sich nun der ganze Weg mit dem Fahrrad bis nach Nepal gelohnt haette. Ich fand keine richtige Antwort darauf.
Zurueck in der Lodge gabs erstmal Fruehstueck, ich chillte den ganzen Tag in der Lodge waehrend die zwei englischen Maedels mit ihrem Guide aufbrachen. Wir verabredeten uns wage in Tengboche. Jan war ebenfalls von ihrer Akklimatitionstour zurueck und brach am naechsten Tag ebenfalls Richtung Tenboche auf. Ich brannte meine Fotos auf CD (fuer einen unverschaemten Preis) und kaufte Batterien fuer meinen MP3 Player. Tatsaechlich, er tats wieder. Da wo’s runter geht, geht’s irgendwann auch wieder rauf. Das hat mir meine Radtour gelehrt. Also konnte es jetzt los gehen. Der wirklich ernste Teil des Unternehmen begann.
Tengboche - 3870 Meter
In Tengboche gibt es eine beruehmtes buddhistisches Kloster. Die Tengboche Monastry. Sie ist vor einigen Jahren abgebrannt, wurde aber wieder restauriert und erstrahlt seitdem in noch schoenerem Glanz. Als ich nach anstrengendem Aufstieg in Tengboche ankam, empfing mich Chuldim gleich und wies mich zu der Lodge in der die Maedels untergekommen waren. Danach oeffnete die Monastry ihre Pforten und wir besichtigten den bunt bemalten Raum mit Buddha und Goetterabbildungen, mit der riesengrossen Buddhastatue und den Utensielien der Moenche. Sehr schoen.
Spaeter in der Lodge, beim Dhal Bhat, checkten wir unsere Koerper.
“Irgend jemand Kopfschmerzen ?”
“Noe.”
“Andere Gebrechen ?”
“Noe.”
“O.K., dann kanns ja weitergehen.”
Am naechsten Tag sollte es dann bis nach Dingboche gehen. Normalerweise ist es ratsam nicht mehr als 300 Hoehenmeter aufzusteigen. Dingboche liegt jedoch fast 600 Meter hoeher und stellt daher ein gewisses Risiko dar. Es gibt selbstverstaendlich eine Alternative (Pheriche), die aber von den meisten Trekkern wegen der Lage in einem windigen Tal nicht wahrgenommen wird. Ausserdem kann man von Dingboche, waehrend eines Akklimatitionstages einen kleines Sidetrip nach Chhukung machen oder sogar weiter zum Lhotse Basecamp oder zum Basecamp des Island Peak gehen.
Der Trek hoch nach Dingboche war hart. Ich konnte die duenne Luft spueren und achtete streng darauf nicht zu sehr ausser Atem zugeraten. Nur jetzt keinen Fehler mehr machen. Immer wieder kamen mir Trekker entgegen, von denen auffallend viele ueberhaupt nicht gut aussahen. Kaesige Gesichter. Geschwollene Augen. Ein Mann wurde mit einem Pferd hinunter transportiert, der sich kaum auf dem Tier halten konnte. Die Hoehenkrankheit ist kein touristischer Fake um das Ganze hier ein wenig spannender zu machen, sie ist eine reale Gefahr. Fuer mich war es nur gut, das ich all die Hoehenkranken sah, umso mehr achtete ich auf mein achtsames Vorrankommen.
Dingboche – 4360 Meter
In Dingboche angekommen traf ich auf einen jungen Koreaner, der mit seinem Vater und seinem Bruder auf den Kala Pattar wollte. Auch er hatte in Pangboche mit Uebelkeit und Durchfall aufgeben muessen. Sein Vater und sein Bruder war nun von Pangboche aus, in einer Hardcore - Aktion (oder “Blitzkriegstyle” wie der junge Koreaner sagte) hoch zum Kala Pattar und wieder runter bis Dingboche. Wir unterhielten uns noch eine zeitlang bis auf einmal der Vater inclusive Sohn zur Lodge kam. Der reiche Geschaeftsmann pfiff aus dem letzten Loch, hatte den Kala Pattar jedoch gemacht. Auf einmal wollte er von dem Lodgebesitzer einen Helikopter bestellt bekommen, damit er direkt nach Kathmandu ausgeflogen werden konnte. 5000 US Dollar haette der Spass gekostet. Wir waren alle perplex. Der Lodgebesitzer versuchte also via. Funktelefon den Helikopter zu erreichen, doch es war bereits nach 16:00 Uhr und somit war es zuspaet. Anstatt seinem Hoehenkranken Sohn wenigstens noch eine Nacht Pause in Dingboche zu gewaehren, entschied der Vater aufeinmal das sie nun bis nach Lukla zu Fuss absteigen, und zwar sofort. Um 16:00 Uhr am Nachmittag. Eine Stunde bevor die Sonne untergeht. Der junge Koreaner verabschiedete sich etwas verzweifelt mit den Worten “My Father is really intens.” und sie verliesen Dingboche.
Spaeter beim Dhal Bhat sagt Chuldim grinsend und mit zynischen Unterton “Japanese people dying really fast.” Damit schliest er vermutlich die Koreaner mit ein. Es ist ein trauriger Fakt. Die Japaner und Koreaner sind oft zu ehrgeizig und wissen nicht wann Schluss fuer sie ist. Zudem sind sie konditionell meist nicht fit und koennen sich aufgrund mangelden Englischs nicht mit ihren Guides verstaendigen oder wollen nicht zugeben das es ihnen schlecht geht. Dann ist es oft genug zuspaet und sie landen im Krankenhaus oder unter der Erde.
Zur Bestaetigung dieses Fakts hatte ich eine fast schlaflose Nacht in Dingboche, weil der Japaner im Nachbarzimmer fast erstickt beim Schnarchen. Durch die duennen Sperrholzwaende dringt sein tiefes lautes unrythmisches Roecheln als wuerde er direkt neben meinem Ohr sterben. Dann fuer unglaublich lange Zeit gar kein Atemgeraeusch und dann wieder ein Schnarchausbruch wie ein Vulkan. Am naechstem Morgen sitzt der Japaner beim Fruehstueck und bekommt sein Sandwich kaum herunter. Er macht einen erbaermlichen Eindruck und ich empfehle ihm wohl gemeint, einen Restday in Dingboche einzulegen. Doch er will nach Chhukung und bricht kurz darauf auf. Nach einer halben Stunde mache ich mich auch auf Richtung Chhukung, mit fast leerem Rucksack und vollen Batterien in der Kamera. Der Japaner ist nur 100 Meter weit gekommnen. Er ist foermlich zusammen gebrochen und als ich ihm auf dem Weg begegne ist das rechte Auge dick zugeschwollen. Der Guide hatte fuer ihn entschieden nun abzusteigen. Hoffentlich noch rechtzeitig.
Ich gehe langsam und lasse mir Zeit. Ich geniese den Aufstieg nach Chhukung als Spaziergang. Es ist sonnig und warm und ich brauche nur zwei Longsleeves. Das Tal ist still und es geht kein Wind. Rechts von mir liegt der beeindruckende Ama Dablam und vor mir halblinks komme ich der Suedseite des Lhotse immer naeher. Es ist ein traumhafter Tag und ich bin dankbar hier sein zu duerfen. Auf halber Strecke ueberholen mich Jan und ihr Guide die etwas schneller unterwegs sind. Ich habe keine Eile. Waehrend in den Taelern bis nach Dingboche immer noch vereinzelte Baueme stehen, ist nun Schluss mit ueppiger Vegetation. Nur flache, dornige Buesche gibt es hier und Felsen und Stein und duerres Gras das von den Yaks kurzgehalten wird.
Chhukung – 4730 m
Ich nehme einen Sherpa Stew zum Lunch, eine kraeftige Reiss-Nudel-Kartoffel Suppe und mache eine kurze Pause in einer der einsamen Lodges in Chhukung. Dann setzte ich meinen Nachmittagsspaziergang auf der Gletschermoraene fort. Immer hoeher gehts und ich bin faziniert von den massiven Steinwaenden des Lhotse und der anderen Berge. Auf der linken Seite kommt ein Gletscherauslaeufer ins Tal geflossen. Ein bizarres Gebilde aus leuchtend weissem Schnee und Eis. Ich stehe auf der Moraene, bin alleine mit mir und diesen Bergen. Einfach geil.
Laut Hoehenmesser, den ich fuer diesen Tag nochmal rekalibiert habe, bin ich nun auf 4873m als ich das erste Mal Kopfschmerzen verspuere. “O.K. keine Panik” denke ich mir. Immerhin bin ich hier nur zu einem kurzen Ausflug und werde die naechste Nacht wieder in Dingboche verbringen. In der Nacht wird sich mein Koerper an die Hoehe gewoehnen. Dennoch gehe ich nicht mehr weiter, sondern beginne augenblicklich den Abstieg. Die Kopfschmerzen werden zwar staerker doch normalerweise sollte es in Dingboche wieder besser werden. Ich stoepsele mir Musik ins Ohr und singe etwas, um nicht die ganze Zeit an den Kopfdruck zu denken. Schon als ich von der Moraene herunter bin, kann ich mich entspannen. Die Kopfschmerzen werden schwaecher. Ich gehe gut gelaunt Richtung Dingboche doch auf einmal ist der Weg weg. Ich hatte mich etwas in irgendwelchen Gedanken verhaeddert und stehe auf einmal in einem Meer aus diesen dornigen, knietiefen Bueschen. Ich drehe mich um, doch irgenwie bin ich wohl einem Wildpfad gefolgt. Ich gehe etwas nach links, komme aber an einen Gletscherabfluss. Ich kaempfe mich weiter nach rechts und auch dort verwehrt mir ein Fluss den Weg. Die Sonne steht schon relativ tief und so sollte ich nicht mehr allzu lange hier rumhaengen. Dann muss ich jedoch lachen, denn so daemlich sich hier zu verlaufen, ist auch noch lange nicht jeder. Als ich spaeter das kleine Missgeschick den Maedels in der Lodge erzaehle, koennen sie es auch nicht wirklich glauben.
( Ach so… die Maedels. Ja, Ruth und Jess wollten ja zunaechst nur bis nach Tengboche. Doch dann hatten sie entschieden, vielleicht doch bis nach Chhukung zu gehen, was sie auch taten. Als sie dann von ihrem Sidetrip wieder herunter kamen, ueberlegten sie das es nun nur noch zwei Tage bis zum Everest Basecamp waren und kurzerhand entschieden sie das Ding auch zu Ende zu bringen. Gute Entscheidung.)
Nun mir zerkratzten die dornigen Buesche mittlerweile die Beine und mir blieb nichts anderes uebrig als den Weg wieder hochzustapfen den ich gekommen war, bis ich den Trail wiederfand, der hier eine ungewohnte Biegung nach rechts machte. “Vielleicht beginnt hier der Teil des Treks, wo ein Guide vielleicht doch ganz nuetzlich sei ?” dachte ich mir und stieg nun eilig in der untergehenden Sonne nach Dingboche ab.
Am naechsten Morgen waren die Kopfschmerzen komplett verschwunden und ich beeilte mich etwas vor Ruth und Jess von der Lodge wegzukommen. Schlieslich bezahlte ich Chuldim nicht und ich wollte mich nicht kostenlos “dranhaengen”, auch wenn ich das Gefuehl hatte das es sowohl den beiden jungen Frauen als auch ihrem Guide nichts ausmachte. Ich schulterte also meinen nun wieder vollen Rucksack und ging los. Ich wusste das der Weg hier irgendwo rechts ins naechste Tal ging. Doch wieder hatte ich Schwierigkeiten ihn zu finden. Dort stand eine Stupa (buddhistisches Denkmal) auf einem Huegel, der Weg fuehrte dort hoch, doch als ich oben angekommen war, ging er an auf der anderen Seite wieder herrunter. Das machte ich dann auch und fragte ein paar Bauern die des Weges kamen. Die zeigten mir einen anderen Weg und ich ging wieder rechts, nun unten am Huegel entlang und kam “drei mal rechts macht einmal links” wieder an der Stelle raus wo ich vor einer halben Stunde schon war. Ich war im Kreis gelaufen. “Hmmm, dit wird ja ne spannende Angelegenheit” dachte ich und sah zudem die britischen Frauen und ihren Guide auf einem anderen Pfad das Tal hochgehen. Chuldim sah mich und wies mir freundlich winkend den Weg. Ich folgte seinem Rat und fand mich nach 20 Minuten in dem anderen Tal wieder und weitere fuenf Minuten spaeter traf ich auf die kleine Gruppe und schloss mich ihnen kleinlaut an. Die hatten auch garnichts dagegen, da jeder sowieso vorallem mit sich selbst beschaeftigt war. Langsam gehen. Atmung flach halten. Nicht beschleunigen. Pausen machen. Wasser trinken. Eine andere Gruppe Bauern war mit Yaks unterwegs und ich dachte an einen bloeden Spruch den eine aeltere deutsche Trekkerin aus Duesseldorf mir gesagt hatte. “Wer schneller geht als ein Ochse, ist selbst ein Ochse.” Dieser etwas daemlich klingende Ausspruch ist exakt und richtig. Denn die Yaks hier in den Bergen, gehen instinktiv niemals schneller als ihnen gut tut. Also folgte ich den Tieren und ihren Hirten, hatte genug Zeit mich umzuschauen und die Landschaft, die rauher und rauher wurde, zu geniesen.
In Duhkla gabs wieder Sherpa Stew und danach kam ein felsiges Steilstueck das mir und den Anderen einiges abverlangte. Nachdem wir diese Steigung auch hinter uns gebracht hatten, kamen wir auf ein Plateau und ploetzlich standen wir in der “Hall of Fame”. Ruth, Jess und Chuldim und Jan und ihr Guide waren fast gleichzeitig hier angekommen. Zudem waren einige andere Trekker mit Porter und Guides anwesend. Hier auf dem Plateau waren Denkmaeler fuer verstorbene Sherpas und Bergsteiger aufgestellt worden die in den letzten Jahren am Everest umgekommen waren. Scott Fischer, der bei der von Krakauer beschriebenen Katastrophe 1996, umgekommen war hatte eine Denkmal, genau wie einer der beruehmtesten Shepas der einige Rekorde auf dem Everest erreicht hatte. Insgesamt circa 50 Steinhaufen standen hier, mit bhuddistischen Prayerflags geschmueckt. Es herrschte eine andaechtige Stimmung. Keiner sprach und die Porter und Guides packten bhuddistische Schals aus und befestigten sie an den Denkmaelern zur Ehre der Verstorbenen. Die anwesendenen Trekker machten Fotos. Ich war jedoch aberglauebig und wollte, bevor ich nicht das Basecamp erreicht hatte, keine Fotos von einem Friedhof machen. Dennoch war ich tief beeindruckt von diesem Platz hier. Jan hatte am Tag zuvor in Dingboche erfahren das ihr Guide mit dem sie letztes Jahr den Island Peak bestiegen hatte, dieses Jahr durch eine Lawine auf dem Ama Dablam umgekommen war. Die Leiche war bisher nicht gefunden worden. Ausserdem war am Tag zuvor, waehrend ich auf den Moraenen in Chhukung rumkrackselte ein Porter im Island Peak Basecamp hoehenkrank verstorben. Die Fazination dieser Berge, die Schoenheit dieser Welt fordert ihren Tribut, die Gefahr ist real.
Lobuche – 4930 Meter
Nach kurzem Marsch erreichten wir dann Lobuche und dort trafen wir auf Ian und Peter. Die beiden Australier, Vater und Sohn, zwei aeussert angenehme Zeitgenossen, waren via Gokyo nach Lobuche gekommen. Sie waren, so wie wir froh, noch auf andere Individualtrekker zu treffen. Da der Weg von Dingboche nach Lobuche relativ kurz ist, hatten wir daher den ganzen Nachmittag und Abend zum Quatschen und Geschichten austauschen. Als ich in Lobuche ankam hatte ich wieder leichte Kopfschmerzen, die sich jedoch nach zwei Tassen Milkcoffee verfluechtigten.
Ich hatte bereits Ruth und Jess von meinem kleinen “Koelschglas” Projekt erzaehlt und sie hatten versprochen mir zu helfen. Nun weihte ich auch Ian und Peter ein. Immerhin gab es morgen und uebermorgen zwei Ziele. Das Everest Basecamp und den Kala Pattar und man konnte in dieser Hoehe nicht vorraussagen was geschehen wuerde.
Ruth und Jess waren am naechsten Morgen schon sehr frueh aufgebrochen. Chuldim ihr Guide drueckte immer etwas aufs Tempo, da er seinen Klienten die bestmoeglichen Bedingungen bieten wollte. Und die waren zumeist ganz frueh morgens. Ich fragte Ian und Peter ob wir gemeinsam nach Gorak Shep gehen wollten und sie freuten sich. Wir gingen gemeinsam
Alles was ich im Folgenden beschreibe, erlebte ich irgendwie mehr wie im Traum. Vielleicht lag es an der
Hoehe oder an der Anstrengung und Aufregung. Ich kann mich nur wage an die Situationen erinnern und dennoch war es grossartig und bleibt sowieso schwer beschreibbar.
Gorak Shep – 5360 Meter
Wir kamen an den zwei Lodges an und sie waren ganz anders als ich sie mir vorgestellt hatte. Gorak Shep war der letzte Aussenposten. Die letzten Lodges vor dem Basecamp und am Fusse des Kala Pattar. Sie lagen in einen sandigen Mulde versteckt und sahen nicht aus wie einen gamelige Ansammlung von schlecht zusammengezimmerten Gebaeuden. Sie waren sogar sehr huebsch und gut geheizt. In der Mulde herrschte kaum Wind und so war es auch relativ warm. Ich nahm wieder ein Sherpa Stew zu mir (“Never change a winning team”) und gleich danach brachen wir auf zum Endpunkt. Zum Everest Basecamp.
Ich folgte den beiden und ihrem GuideTebir. Der Trek hier fuehrt auf der Gletschermoraene des Khumbu Gletschers hinein in ein Amphitheater, eine gewaltige Arena, bestehend aus Pumori, Khumbatse, Lhotse, Nuptse und den Paessen und Gletschern und Eisfaellen dazwischen. Ich stellte fest das wir tatsaechlich auf dem Gletscher wanderten, waehrend jedoch der Hauptstrom rechts von uns vorbeifloss. Chuldim kam uns mit den schnaufenden Maedels entgegen und sagte mir das das Basecamp leicht zu finden sei.
“Dort wo ein abgestuerzter Helikopter liegt, dort ist das Basecamp.”
“Schluck, noch mehr Tote ?”
Nein, bei dem Unfall letztes Jahr war niemand gestorben, nur hatte man das Ding liegen gelassen, als Touristenattraktion.Wir gingen hoeher und hoeher in die zerklueftete und felsige Ebene, dessen was man das Basecamp nennt. Ich fragte mich wie man hier zwischen grossen und kleinen Felsbrochen Zelte aufschlagen kann. Hier gab es nicht einen Quadratmeter flache Flaeche. Hier gab es nur Felsen und Steine und Eis. Auf ein paar Quadratkilometern, nur felsige Felsen und steinerne Steine und eishartes Eis. Der Himmel ueber uns war strahlend Blau. Die Berge um uns strahlten ihr schoenstes Sonntagsweiss. Die Sonne lachte und ich lachte auch.
Ich war da. Im Basecamp des Mount Everest auf 5360 Meter.
"I dedicade this, to you puuunk motherfuckers - this was for you made,baby - because you bitches as niggers can't you see me ? - Niggers can you see me ?
(2 Pac)
Ich erreichte den Hubschrauber. Peter, der 20 jaehrige Sohn, war schon vorgelaufen und Ian folgte mir in vaeterlicher Wuerde mit ein paar hundert Meter Abstand. Im Nachhinein dachte ich mir, das wir alle drei Stillschweigend verabredet hatten, das wir die ersten Momente hier alleine geniesen wollten. Peter hatte sich irgendwo als winziger Punkt vor riesiger Felswand auf einen Stein gesetzt. Ich tat dasselbe eben hier, wo ich gerade stand und Ian stapfte langsam irgendwo anders umher. Sonst war hier niemand.
Der Hoehepunkt hier, die besondere Attraktion im Basecamp ist der Khumbu Eisfall. Zum einen sieht er einfach abgefahren aus, wie er sich zwischen Nupse und Lhotse hinausquetscht. All die Eismassen, Eistuerme und Spalten die wie ein riesiger, weisserstarrter, reissender Fluss aussehen. Gewaltig.
Zum anderen aber die Geschichten, die Tragoedien die sich hier abspielten. Denn der Eisfall gehoert zu der Hauptaufstiegsroute hoch zum Everest. Quasi, kurz mal eben den Eisfall hoch, dann hinten links und… schwups schon is man da. Falls man nicht in einer der Eisspalten abgestuerzt ist oder von einem der zusammenbrechenden Eisberge und Eistuerme erschlagen wird, denn der Eisfall ist staendig in Bewegung. Wahnsinn.
Abgesehen davon ging mir durch den Kopf das fuer mich, bis auf den morgigen Tag, den Aufstieg zum Kala Pattar, der Endepunkt meiner Tour gekommen war. Fuer die Anderen, die Bergsteiger, die auf den Gipfel wollten, ging es hier erst los. Zwei Monate verbrachten sie hier in dieser unwirklichen bizarren Landschaft um dann mit einem unglaublichen Aufwand, unglaublichem Equitment und unglaublichem Risiko versuchen noch ueber 3500 Meter hoeher zu kommen. Mehr als 3,5 Kilometer hoeher. “Leck ens am Aasch.” Dreieinhalb Kilometer sind ne Menge Holz.
Mittlerweile war Ian zu mir gekommen und auch Peter war im Anmarsch. Wir beglueckwuenschten uns. Ich packet mein Koelschglas und eine Dose Bier aus und goss ein. Ich reichte es Ian, der ploetzlich und unvermittelt einen australischen Toast auf mich und meine Radtour, auf Bier im Allgemeinen und den Everest im Besonderen aussprach. Ich war mal wieder geruehrt und das Strahlen meines Grinsen haette man bis Koeln oder Berlin sehen koennen. Wir machten geile Bilder und scherzten herum. Es war ein vollkommener Moment, da die beiden mit einer wunderbaren Selbstverstaendlichkeit den Spass mitmachten. Auch der Guide trank einen Schluck Bier und alles war fein.
Dann kehrten wir beseelt und aeh…etwas beschwipst nach Gorak Shep zurueck, wo wir den Abend bei Dhal Bhat und Tee ausklingen liesen.
Am naechsten Morgen beeilte ich mich etwas, denn die Maedels brachen wieder frueh auf und ich hatte das Gefuehl das sie zwar gerne den “Koelschglas” Gag mitmachten, aber ihrem Guide auf jeden Fall folgten. Ausserdem ist die Aussicht ganz frueh morgens am Besten. Peter hatte, aus jugendlichem Leichtsinn motiviert, die Nacht auf dem Kala Pattar verbracht. Er war nach dem Dinner aufgebrochen und hatte sich dort in seinen Schlafsack gepackt. Dementsprechend war Ian etwas aufgeregt und besorgt und so gingen wir gemeinsam los. Der Kala Pattar sieht nicht mehr aus als ein felsig lehmiger Huegel. Allerdings haben es die 250 Hoehenmeter in sich. Ich kam ganz schoen ins Schwitzen. Ausserdem herrschte ein satter Wind. Es war aeusserst anstrengend, vielleicht auch deswegen weil ich dann nun doch ungeduldig wurde. Vor mir stiefelten die Maedels die auch zu kaempfen hatten und die ich bald ueberholte. Auch Ian hatte einen zackigen Schritt drauf, wohl eher aus Sorge um seinen Sohn. Auf halber Hoehe, nachdem wir einen ersten kleinen Grad erreicht hatten, sahen wir Peter ungefaehr 150 Metr ueber uns mit beiden Armen winken. Ian war uebergluecklich und geruehrt seinen Sohn dort oben, lebendig stehen zu sehen. Ich folgte ihm und nach ungefaehr einer halben Stunde hatten wir den zweiten Grad erreicht, wo Ian Peter froh in die Arme schloss. Dann schritten wir gemeinsam die letzten Meter hoch, ich drehte mich um, sah Lhotse und Everest vor mir. Es war zwar unglaublich windig, aber auch unglaublich schoen.
Ich setzte mich ganz nach oben auf den felsigen Gipfel, beruehrte mit meiner Hand den hoechsten Punkt und gab ein fettes YIIIIIHAAAAA ! zum Besten.
Die Maedels schlossen zu uns auf und wir standen oder sassen alle erhaben vor der unglaublichen Kulisse. Ruth und Jess, die eigentlich nur bis nach Tengboche wollten und sich klammheimlich hopchgearbeitet hatten. Ian der schon vor 20 Jahren einmal hier war und Peter der vermutlich nicht zum letzten Mal hier war. Er hat auch noch groesseres vor, vermute ich. Naja, und ich ? Ich war also da. Naeher kann man im Augenblick als Normalsterblicher nicht an den Everest herankommen. Von Koeln Mitte April losgefahren... 11 Laender... 12.000 km mit dem Bike... nur einen Plattfuss, hehe .... tausendundein Wunder ... Felgenbruch, Malaria und zum Schluss noch das geklaute Geld.... Menschen, Menschen Menschen.... zwei Wochen Trekking....und nun den Everest vor Augen.
Ich packte wieder mein Koelschglas aus waerend Ian und Peter bereits wieder abstiegen. Es war unglaublich windig und ich musste foermlich aufpassen das mir das Glas nicht aus der Hand fliegt. Das groesste Problem war jedoch die Batterie der Digitalkamera. Bisher hatte ich trotz der Kaelte und wegen der Hoehe keine grossen Probleme gehabt, denn sooo kalt war es nie. Heute aber bei diesem satten Wind, war es arschkalt, besonders fuer eine Digitalkamera. Wir versuchten also schnell zu machen, reichten das Glas herum, waehrend der Schaum im Glas anfing zu frieren. Nach drei Bildern sagte der Display - Batterie leer. Nach einer Aufwaermaktion mit Pusten und Reiben, gabs nochmal drei Bilder dann wieder - Batterie leer. Ich wiederholte das Spielchen noch einmal und nachdem sich die Kamera das dritte Mal verabschiedet hatte, hatte ich genug. Langsam froren mir auch meine Finger trotz Handschuhe ein und die Maedels die fuer die Bilder bibbernd auf dem Gipfel ausgeharrt hatten, wollten auch runter.
Also verabschiedete ich mich vom Everest, versprach aber wiederzukommen, irgendwann und als ich dann durch den Wind frierend nach unten stapfte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf der bis heute nachwirkt “Alles was jetzt kommt, ist der Heimweg…”
"Keep on rockin in a free world"
