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22.02.2012 um 08:22 Uhr

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21.02.2012 um 18:36 Uhr

Der Gott der kleinen Dinge

von: schlafwandlerin   Kategorie: Leben   Stichwörter: Zwischenmenschliches

Aufgeregtheit führt zu Tränen. Und unbedachte Worte führen zu... weniger Liebe ?!

„Die Zeit blieb auf der roten Treppe stehen. Estha blieb stehen. Baby Kochamma blieb stehen.
»Rahel«, sagte Ammu.
Rahel erstarrte. Was sie gesagt hatte, tat ihr entsetzlich leid. Sie wußte nicht, woher diese Worte gekommen waren. Sie hatte nicht gewußt, daß sie in ihr gewesen waren. Aber jetzt waren sie raus und kehrten nicht mehr zurück. Sie hingen über der roten Treppe wie Beamte in einer Regierungsbehörde. Manche standen still, andere saßen da und wippten mit den Beinen.
»Rahel«, sagte Ammu. »Ist dir klar, was du gerade getan hast?«
Angsterfüllte Augen und eine Fontäne blickten Ammu an.
»Ist schon in Ordnung. Hab keine Angst«, sagte Ammu.
»Aber antworte mir. Ist es dir klar?«
»Was?« sagte Rahel mit der winzigen Stimme, die sie hatte.
»Was du gerade getan hast?« sagte Ammu.
Angsterfüllte Augen und eine Fontäne blickten Ammu an.
»Weißt du, was passiert, wenn du jemandem weh tust?« fragte Ammu. »Wenn du jemandem weh tust, dann liebt er dich ein weniger. Das ist es, was unbedachte Worte anrichten. Sie sorgen dafür, daß die Menschen dich ein bißchen weniger lieben.«
Ein kalter Falter mit ungewöhnlich dicht geschuppten Hinterflügeln landete schwerelos auf Rahels Herz. Dort, wo seine eisigen Beine sie berührten, bekam sie eine Gänsehaut. Sechs Stellen mit Gänsehaut auf ihrem unbedachten Herzen.
Ammu liebte sie ein bißchen weniger.“

Arundhati Roy, der Gott der kleinen Dinge, 19. Auflage; btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München – 1997, S.132-133

12.01.2012 um 15:45 Uhr

ein bündel heu und der spalt in der wand

von: ostern93   Kategorie: Glaube, Religion   Stichwörter: Koeppen

... Ich sagte ihm, daß die Eschatologien mir vorkamen wie ein Bündel Heu, das an einer Stenge einem Esel vorgehalten wird, damit er den Wagen weiterzieht."Aber die Menschheit braucht die Ausrichtung auf ein Fernes und Höheres", sagte Adolf, „denke an die Kraft, die der anziehendeHimmel im Mittelalter den Menschen gab. „Ja", sagte ich, „der Esel zog den Wagen. Er meinte das Gefährt himmelwärts zu ziehen, und bald würde das Paradies kommen, ohne Eselslast, mit ewig grüner Weide und den Raubtieren als freundliche Spielgefährten. Aber allmählich merkte der Esel, daß der Himmel nicht näher kam, er wurde müde und das Heu der Religion lockte ihn nicht mehr, tapfer voranzuschreiten. Und damit der Wagen nicht stehenbliebe, hat man den Hunger des Esels auf ein irdisches Paradies gelenkt, auf einen Sozialpark, in der alle Esel die gleichen Rechte haben, in dem die Peitsche abgeschafft, die Last geringer, die Versorgung besserwird, aber auch der Weg zu diesem Garten Eden ist lang, das Zielrückt nicht näher, und der Esel wird wieder bockig. Zum Glück hat man ihm immer Scheuklappen angelegt, damit er nicht merkt, daß es nie voran, sondern immer im Kreis geht, daß er keinen Wagen sondern ein Karussell bewegt, und vielleicht sind wir eine Belustigung auf einem Festplatz der Götter, und die Götter haben nach ihrem Fest vergessen, das Karussell abzubauen, und der Esel dreht es noch immer, nur die Götter erinnern sich nicht mehr an uns." Er sagte: „Dann lebst du in einer sinnlosen Welt." Ich sagte: " Ja, aber muß denn alles einen Sinn haben?"
Er sagte: „Wenn ich wie du dächte, würde ich mich umbringen." Ich rief: „Wozu? Ich werde früh genug tot sein, und sei sicher, ich halte nicht viel von der Bewegung des Lebens, aber mich graust vor dem Nichtsein des Todes. Warum sollte ich mich umbringen? Ja, wenn ich, wie du, den Selbstmord für eine Sünde hielt, dann gäbe es ein Nachher! Die wirkliche Versuchung, dieser Welt zu entfliehen, ist der Glaube an ein Jenseits.
Wenn ich nicht an den Himmel und an die Hölle glaube, dann muß ich versuchen, hier etwas Glück, etwas Freude zu finden, hier muß ich Schönheit und Lust suchen. Es gibt keinen anderen Ort für mich, keine andere Zeit. Hier und heute ist meine einzige Möglichkeit. Und die Versuchung, mich umzubringen ist dann nur eine Falle, die man mir hingestellt hat. Aber wer hat sie mir hingestellt? Wenn die Falle da ist, ist auch der Fallensteller nah. Da beginnt der Zweifel. Der Zweifel es Ungläubigen an seinem Unglauben ist mindestens so schrecklich, wie der Zweifel der Gläubigen. Und wir zweifeln alle. Sage nicht, daß du nicht zweifelst. Du lügst. Im Käfig der unseren Sinnen erreichbaren drei Dimensionen kann es nur Zweifler geben.
Wer fühlt nicht, daß eine Wand da ist, ich nenne dieses Etwas oder dieses Nichts eine Wand, es ist ein unzulänglicher Ausdruck für etwas, das uns vor einer uns nicht zugänglichen Region trennt, die ganz nahe sein mag, neben uns, vielleicht gar in uns, und würden wir eine Pforte zu diesem Bereich finden, einen Spalt in der Wand, sähen wir uns und unser Leben anders. Vielleicht wäre es schrecklich. Vielleicht könnten wir es nicht ertragen. Es ist die Sage, daß man zu Stein wird, wenn man die Wahrheit sieht. Ich möchte das entschleierte Bild sehen, selbst wenn ich zur Säule erstarre. Aber vielleicht wäre auch dies noch nicht die Wahrheit; und hinter dem Bild; das mich erstarren ließ, kämen andere Bilder, andere Schleier, noch unbegreiflichere, noch unzugänglichere, vielleicht noch furchtbarere, und ich wäre ein Stein geworden und hätte doch nichts gesehen. Etwas ist für und unsichtbar neben der Welt und dem Leben. Aber was?" „Du suchst Gott nicht in einem Haus, du suchst ihn in Sackgassen", sagte Adolf. „Wenn er ist, wohnt Gott auch in Sackgassen", sagte ich.

Wolfgang Koeppen, Der Tod in Rom (1954, aus: Inventur a.a.O.

joe

04.12.2011 um 14:34 Uhr

Reine Gewohnheit

von: ostern93   Kategorie: Wissenschaft, Philosophie   Stichwörter: Topitsch

Die Menschen gewöhnen sich an die „Entzauberung der Welt", ... die Anpassung des Gefühlslebens an die Erkenntnis ist vollzogen. Auf diese Weise entledigen sich weltanschauliche Probleme von selbst, nicht indem sie eine Antwort finden, sondern indem sie gegenstandslos werden.

E. Topitsch, aus: dtv Atlas Philosophie München 1991

lg joe

29.11.2011 um 13:39 Uhr

Das unauslöschliche Siegel

von: ostern93   Kategorie: Leben   Stichwörter: Langgässer

Das unauslöschliche Siegel (1946)

„Ist", fragt der Satan und nähert sich wieder nach Art der Fledermäuse, die immer denselben Bogen mit Hartnäckigkeit umschreiben, „was du genießest, wirklich nur Friede, oder ist es nicht viel eher die Ermattung eines endlichen Wesens, das seine Schwäche mit der Schwäche anderer Wesen vereint, um auf dem Grund von Myriaden Leben jenen Fingerhut voll unsterblicher Taten und Handlungen zu finden, die der Vernichtung und damit mir selbst Einhalt gebieten können? Bist du, die sich mir entgegenwerfen und mir die Erde entreißen wollte, deiner Nichtigkeit überhaupt bewußt - und weißt du denn, wenn du es wirklich bist, gegen wen du eigentlich kämpfst? Ich könnte dich schütteln, wie ich schon oft deinesgleichen geschüttelt, sie an den Haaren über den Boden ihrer düsteren Zelle gerissen, mit den Fäusten in das Gesicht geschlagen und an die Mauern gestoßen habe - ich, der ich in meinem Niedersturz die Kräfte des Himmels erschütterte und den Sternenbaum zu mir hinbog, daß die Planeten wie taube Nüsse herunterprasselten, ach! Doch ich verzichte darauf. Ich will eine bessere Rache nehmen und deiner Ohnmacht die Fülle zeigen, um die du gebeten hast. Deinen Wünschen, die, Wildgänsen gleich, wenn der Frühling sie von Süden nach Norden treibt - hier dem Eismeer und dort dem Himalaya entgegen - mit langgestreckten Hälsen und ungeduldigem Schreien den silbernen Flußbändern folgen und die tauenden Moore, das sumpfige Gras und die Igelrücken der Schachtelhalme nur mit dem flüchtig zeichnenden Schatten ihrer Flügel berühren, will ich die Augen öffnen; ich will ihnen das Gewimmel und die fürchterliche Vermehrung der Menschensöhne zeigen, wenn sie sich, überquellend wie Maden, auf den „Pfaden des Herzens", wie du die Wege der Vielzuvielen genannt hast, taub und stumm vorwärts bewegen; der raupenhaften Zug der Verdammten, welcher, den Hinterleib aufgebäumt, sein Vorderteil weiterschiebt. Du sollst die Pilgerzüge in Indien nach den heiligen Wassern des Ganges sehen die purpurbraunen Trauben der Leiber, die, stinkend von Fäulnis, Aussatz und Pest, an dem Uferrand niedergleiten; die Klöster von Lhasa, den Potala mit seinen goldenen dächern und den wahnwitzig bimmelnden Bronzeglöckchen, deren Klöppel eines der frommen Geschöpfe, die wie Maulwürfe - augenlos und geschäftig - in den gemauerten Zellen hausen, von der Hoffnung auf das Nirvana zerfressen und verzehrt, in Bewegung setzt; das Traben der Kulis vor ihrer Rikscha, den trostlos und träge schaukelnden Hingang der Dschunken auf den asiatischen Flüssen und den Sammeltransport der Urnen, die ein findiger Reeder aus den USA für die toten Chinesen organisiert hat, damit ihre Reste, in Kistchen und Kästen übereinandergestapelt, den Weg in den Ahnenstaub finden. Die dampfenden Schlachthäuser von Chikago, in denen das dumpf ergebene Vieh und seine ihm allzu ähnlichen Treiber ihre Erfüllung finden; das Leben der Schuhputzer will ich dir zeigen, der Tellerwäscher, der Klöpplerinnen und der elenden, kleinen Vorstadtartisten, die ängstlich mit fünf, sechs Tellern jonglieren; die Versammlungssäle der Bibelforscher zwischen zwei Hinterhöfen, deren Wände, abgeblättert und kahl, immer dieselben Sprüche und Wasserflecken tragen, und in New York die christliche Kirche unter den Wolkenkratzern, die als ein beständiger Anachronismus ihren Zeigefinger nach oben hält, den niemand mehr sehen will ...
Wieviel Lebewesen, die alle zusammen noch keinen Julius Cäsar ergeben, und welche Verschwendung von Blut und Samen, um endlich in Stratford am Avon einen Shakespeare hervorzubringen! Täusche dich nicht: auch du bist nur eines jener unzähligen Blütenblätter, die, wenn der Frühling vorüber ist, zur Erde niedertaumeln oder mit andern zusammen das Bachbett hinabgeschwemmt werden. Wie viele deinesgleichen verbraucht nie Natur, um ans Ziel zu gelangen - du aber, die du ihr diesen stillen, bedingungslosen Gehorsam durch deine Anmaßung ständig verweigerst und die Erde, wie eine Klapper die Kinderhand, umspannst in der Meinung, sie verändern zu können, indem du einige Steinchen in ihr durcheinanderschüttelst; die du habest in deiner Erkenntnis die ganze Welt, wie der Bouquiniste an dem Seineufer das Leben in seinem Bücherkasten - wiederhole nicht dieses verhaßte Wort, dessen besessene Monotonie mich anflattert wie den Glasberg der Vogel, der gewiß ist, ihn durch beständiges Wetzen mit dem Schnabel am Ende der Ewigkeit abgetragen zu haben: Liebe - es sei denn, du meintest den Taumel, der Körper zu Körper reißt und der Ursprung dieser Vermehrung ist. Aber vielleicht , du stolze Normannin mit den grünen Meeraugen und der zarten, porzellanweißen Hyazinthenhaut, die so rasch von pulsendem Blut errötet und wiederrum erblaßt, begreifst du dich selbst nicht, und während du glaubst, dein Herz ( wie der Verschwender das Geld) in einen tieferen Abgrund als den des Fleisches zu werfen, gleichst du doch nur der Gallionsfigur am Bug eines Seeräuberschiffes, die den schönen und keuschen Vorwand abgibt für die rasenden Wünsche seiner Besitzer; für die Eroberungsgier jener Wilden, von der Weite des Ozeans trunkenen Seelen, für ihre glühenden Träume und eisigen Grausamkeiten. Du führst ein Gespensterschiff, mindestens aber den Argonautenanzug an, der mit dem Wunsch nach dem goldenen Vlies seine Habgier bemäntelte. Ob du „Liebe" sagst und meinst deinen Gott oder „Haß" und biegst wie der Bogenschütze die beiden Enden der Welt zueinander, um aus aller Kraft den tödlichen Pfeil gegen mich abzuschießen - ebenso wie diese Worte doch immer genau den gleichen Inhalt bedeuten, vermindert oder ergänzt sich in Seligkeit und Schmerzen durch deine Anstrengung nicht die Lebensfülle des Seins. Meine arme Freundin! Versuche nicht, den Hauch deiner Brust, die sich mühsam bei jedem Hustenstoß quält, dem Atem des riesigen Raumes der Sternenwelt zuzugesellen, in der Hoffnung, entweder diesem Raum um deinen karg bemessenen Atem, oder den Atem deines schon kranken und todgeweihten Leibes um den Sphärenhauch zu vermehren.! So edel auch deine Mühe sein mag, so ist sie doch nur eine einzige Täuschung deines Blutes, in welchem das Erbe von Eroberern und Soldaten kreist, die ihr Schwert noch nicht abgelegt haben. Weil du selbst die Welt nicht bekehren kannst, wie du es gern möchtest, so verbindest du dich durch Fasten und Gebet mit der elenden Schar der Missionare, die unter Schwitzen und Stottern in den Seminarien japanische Zeichen und chinesische Wortbilder malen; das „Om mani padme hum" übersetzen, die Bibel ins Sanskrit übertragen resignierend darauf verzichten, die paulinische Glaubenslehre jemals einem Negerhirn klarzumachen. Siehst du, wie sie sich schnaubend bemühen, die Schale mit Kawa hinunterzuwürgen, in welche ein schmutziger Polynesier unter Rühren vorher hineingespuckt hat, und wie sie sich, auch so vergeblich, versuchen, seiner Dämonenangst mit dem Begriff einer geistigen Gottheit entgegenzutreten, den der Farbige niemals erfassen kann? Siehst du sie - - ?
„Ja, ich sehe sie, Satan."

Elisabeth Langgässer aus: Inventur (a.a.O)

joe 

28.07.2011 um 19:22 Uhr

Subito oder der BIG SINN

von: ostern93   Kategorie: Handeln   Stichwörter: Goetz

Subito (1983)


Mann, nichts wie hin nach Klagenfurt, sagte Neger Negersen, zum Nullenschauen und verhöhnen, auf nach Klagenfurt, vielleicht kann man auch beiläufig irgendeine Minderheit verunglimpfen oder ein paar Deppen sauber quälen. Genau, sagte ich, das macht mir einen Spaß. Er sagte: Einen gescheiten Spaß muß es schon machen. Und vielleicht ist ja auch Klagenfurt bedroht. Die Zukunft soll doch so bedroht sein, habe ich gelesen, ich glaube, das ist in einer Zeitung gestanden, daß alles so bedroht ist, sogar das Hörspiel, die ganze Kultur, alles muß verteidigt werden, alles ist bedroht, vor allem von der Zukunft glaube ich, oder von einer Rakete, oder von was ist jetzt gleich die Zukunft wieder so bedroht, fragte er. Ich glaube am meisten von der Zukunft, sagte ich, oder vielleicht vom Fernsehen. Darauf er: Genau!, vielleicht gibt es das gar nicht in Wirklichkeit, das Klagenfurt, das gibt es doch bloß im Fernsehen, oder ist das Fernsehen schon wirklicher als wie die Wirklichkeit, oder ist die Wirklichkeit wirklicher als wie das Fernsehen? Jaja, sagte ich, muß alles verteidigt werden, ist voll wichtig, muß gegen die Literatur verteidigt werden, oder für oder von oder wie oder was, für Literatur heißt es doch, jawoll Heil Hitler da reihen wir uns ein, Kulturverteidigung voll geil, voll wichtig. Da brennen doch praktisch brennende Fragen, sagte er, die brennen doch bloß so bei diesem Thema. Gibt es eine literarische Literatur? Brauchen wir die Literatur? Hat es eine Zukunft, das Literarische? Alles voll wichtig, ist der Fußball rund? Hat jedes Spiel 90 Minuten? Ist das nächste Spiel wirklich immer das schwerste? Und ist das Atom beklagenswert? Das sind doch alles Fragen, die endlich einmal gefragt werden müssen. Genau, sagte ich, ich muß mich auch dauernd Fragen fragen: Wie geht es weiter? Wie muß es weitergehen, gerade jetzt, nach dem ersten Roman, was muß ich tun, daß ich nicht auch so ein blöder Literaturblödel werde, der locker und dumpf Kunst um Kunst hinschreibt. Nein, nein, nein, immer alles zerschlagen, sagte ich, das Erreichte sofort immer wieder in Klump und kaputt und mausetot schlagen, sonst hast du die Scheiße. Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn. Da rief ich aus: Gehe weg, du blöder Sausinn, ich will von dir Dummen Langweiligen nichts wissen. Den sollen die professionellen Politflaschen, die Staatsidioten, diese ganzen fetten dummdreisten Kohls vertreten; den sollen die Peinsackschriftsteller vertreten, die in der Peinsackparade, angeführt von den präsenilen Chefpeinsäcken Böll und Grass, von Friedenskongreß zu Friedenskongreß, durch die Zeitungs feuilletons und über unsere Bildschirme in der unaufhörlichen Peinsackpolonaise ziehen und dabei den geistigen Schlamm und Schleim absondern, den das Weltverantwortungsdenken, das Wackertum, unaufhörlich produziert, dieses ganze Geschwerl, dieses Nullenpack soll ruhig noch jahrelang den BIG SINN vertreten. Wir müssen etwas Wichtigeres tun. Wir müssen ihn kurz und klein zusammenschlagen, den Sausinn, damit wir die notwendige Arbeit tun können. Das ist viel was Schwereres, die notwendige Arbeit ist: die Wahrheit schreiben von allem, die keinen Big Sinn nicht hat, aber notwendig ist, notwendig ist das einfache wahre Abschreiben der Welt.
Da hat es mich umgeschmissen, weil ich so Maßloses von den Göttern gefordert habe, muß ich zur Strafe als Todlahmer im Bett liegen, und die Angst geht nicht weg, und ich kenne mich selbst nicht mehr. In meinem Kopf tobt ein wildes Tier. Wer bin ich? Wozu gibt es das Denken in mir, wenn es nur ein Denkentoben ist gegen mich? Ich liege ruhig. Ich muß schlafen. Kein Schlaf kommt. Das Bett schwitzt, aber meine Füße sind an eisige Eisbrocken angeklebt. Ich werde Buße tun. Meine Augen sind ausgestochene rote blutige Löcher. Ich kann nichts sehen. Ich kann nichts denken. Die Welt ist tot. Keiner hilft. Meine Verzweiflung schreit. Sie schreit: Dich gibt es gar nicht. Du kannst das schwere Deutsch nicht. Da erbrennt mein Kopf vor Schmerz. Ich muß ihn aufschlagen an der Tischkante. Da fällt das Hirn heraus. Ihr könnts mein Hirn haben. Ich schneid ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen. Ich brauche kein Hirn nicht mehr, weil es eine solche Folter ist in meinem Kopf. Ihr folterts mich, ihr Schweine, derweil ich doch bloß eines wissen möchte, wo oben, wo unten ist und wie das Scheißleben geht. Wie geht das Scheißleben? Wenn es mir keiner sagt, dann muß ich es eben tun, das Schreien, laut werde ich schreien, bis mir die Angst vergeht. Und ich schreie nichts Künstliches daher, sondern echte Schreie, die mir blutig bluten. Aber noch in meiner schwächsten Schwäche bin ich soo stark. Denn ein letztes Gehirnzellelein in meinem Kopf weiß: Ich werde die Augen wieder öffnen. Ich werde die Welt wieder sehen. Ein Gieriger wird wieder schauen. Durch die weit offenen Einfallslöcher wird das Draußen wieder in mich stürzen, ja!, der Sog wird der alte sein, und dankbar, vieles viel Dankeschön, werde ich mich wieder verneigen dürfen vor der so sichtbaren Welt.
Da haute ich auf den Tisch, weil es so wahr war. Oder war das die Theke, wo ich draufgehauen habe? Wir waren ja noch in dem Nachtcafe. Wann fahren wir endlich in das Subito? Sofort, sagte ich, ich muß bloß noch eines hier ausnützen, wo ich schon die prächtige Gelegenheit habe. Denn das ist ja das dritte herrliche an Klagenfurt, neben der stinkenden Anwesenheit der vielen Scheiße und dem unübersehbar lehrreichen Triumpf des Titans, daß man das eigene ausgedachte denken selber öffentlich herzeigen darf und es nicht nur auf Papier hin gedruckt wird; Herrlich ultrawichtig wichtiger Moment. Und diesen Moment, sagte ich zu Neger Negersen, darf ich nicht vorbei gehen lassen, ohne zum Schluss wenigstens ein paar Sätze in der Sprache des Manifests gesagt zu haben.
Wir brauchen keine Kulturverteidigung. Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muß geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt. Ich brauche keinen Frieden, weil ich habe den Krieg in mir. Am wenigsten brauche ich die Natur. Ich wohne doch in der Stadt, die wo eh viel schöner ist. Schaut euch lieber das Fernsehen an. Wir brauchen noch mehr Reize, noch viel mehr Werbung Tempo Autos Modehedonismen Pop und nochmal Pop. Mehr vom Blauen Bock, mehr vom Hardcoreschwachsinn der Titel Thesen Temperamente und Akzente Sendungen. Das bringt uns allabendlich in beste Trinkerlaune. Nichts ist schlimm, nur die Dummheit und die Langeweile müssen noch vernichtet werden. So übernehmen wir die Weltherrschaft. Denn alles alles alles geht uns an.
Und jetzt, los ihr Ärsche, ab ins Subito.

Rainald Goetz: Subito, aus Inventur Deutsches Lesebuch a.a.O


Joe

28.07.2011 um 19:17 Uhr

Anfänge

von: ostern93   Kategorie: Leben   Stichwörter: Empedokles, Trojanow

Beachte nun folgendes:
Kein sterbliches Ding hat einen Anfang,
und es findet auch kein Ende in Tod und Vernichtung;
was einzig existiert, ist die Vermischung
und das Trennen des Vermischten.
Aber die Sterblichen
Nennen diese Prozesse Anfänge.


Empedokles, aus: IlijaTrojanow, Ranjit Hoskote: Kampfabsage. Karl Blessing Verlag 2007.

lg joe

30.05.2011 um 14:33 Uhr

keep going

von: ostern93   Kategorie: Mut/ Trost   Stichwörter: Churchil

'If you're going through hell, keep going'

Winston Churchil

lg joe

21.05.2011 um 13:00 Uhr

Natur ist glücklich

von: ostern93   Kategorie: Natur   Stichwörter: Rilke

Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer faßt in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

RMRilke; Aus: Die Gedichte 1910 bis 1922 (München, Frühjahr 1919)

lg joe

21.05.2011 um 09:55 Uhr

Ernste Stunde

von: knpp   Stichwörter: Rilke

Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,

ohne Grund weint in der Welt,

weint über mich.

 

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,

ohne Grund lacht in der Nacht,

lacht mich aus.

 

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,

ohne Grund geht in der Welt,

geht zu mir.

 

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,

ohne Grund stirbt in der Welt,

sieht mich an.

 

RMR: Das Buch der Bilder