Subito (1983)
Mann, nichts wie hin nach Klagenfurt, sagte Neger Negersen, zum Nullenschauen und verhöhnen, auf nach Klagenfurt, vielleicht kann man auch beiläufig irgendeine Minderheit verunglimpfen oder ein paar Deppen sauber quälen. Genau, sagte ich, das macht mir einen Spaß. Er sagte: Einen gescheiten Spaß muß es schon machen. Und vielleicht ist ja auch Klagenfurt bedroht. Die Zukunft soll doch so bedroht sein, habe ich gelesen, ich glaube, das ist in einer Zeitung gestanden, daß alles so bedroht ist, sogar das Hörspiel, die ganze Kultur, alles muß verteidigt werden, alles ist bedroht, vor allem von der Zukunft glaube ich, oder von einer Rakete, oder von was ist jetzt gleich die Zukunft wieder so bedroht, fragte er. Ich glaube am meisten von der Zukunft, sagte ich, oder vielleicht vom Fernsehen. Darauf er: Genau!, vielleicht gibt es das gar nicht in Wirklichkeit, das Klagenfurt, das gibt es doch bloß im Fernsehen, oder ist das Fernsehen schon wirklicher als wie die Wirklichkeit, oder ist die Wirklichkeit wirklicher als wie das Fernsehen? Jaja, sagte ich, muß alles verteidigt werden, ist voll wichtig, muß gegen die Literatur verteidigt werden, oder für oder von oder wie oder was, für Literatur heißt es doch, jawoll Heil Hitler da reihen wir uns ein, Kulturverteidigung voll geil, voll wichtig. Da brennen doch praktisch brennende Fragen, sagte er, die brennen doch bloß so bei diesem Thema. Gibt es eine literarische Literatur? Brauchen wir die Literatur? Hat es eine Zukunft, das Literarische? Alles voll wichtig, ist der Fußball rund? Hat jedes Spiel 90 Minuten? Ist das nächste Spiel wirklich immer das schwerste? Und ist das Atom beklagenswert? Das sind doch alles Fragen, die endlich einmal gefragt werden müssen. Genau, sagte ich, ich muß mich auch dauernd Fragen fragen: Wie geht es weiter? Wie muß es weitergehen, gerade jetzt, nach dem ersten Roman, was muß ich tun, daß ich nicht auch so ein blöder Literaturblödel werde, der locker und dumpf Kunst um Kunst hinschreibt. Nein, nein, nein, immer alles zerschlagen, sagte ich, das Erreichte sofort immer wieder in Klump und kaputt und mausetot schlagen, sonst hast du die Scheiße. Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn. Da rief ich aus: Gehe weg, du blöder Sausinn, ich will von dir Dummen Langweiligen nichts wissen. Den sollen die professionellen Politflaschen, die Staatsidioten, diese ganzen fetten dummdreisten Kohls vertreten; den sollen die Peinsackschriftsteller vertreten, die in der Peinsackparade, angeführt von den präsenilen Chefpeinsäcken Böll und Grass, von Friedenskongreß zu Friedenskongreß, durch die Zeitungs feuilletons und über unsere Bildschirme in der unaufhörlichen Peinsackpolonaise ziehen und dabei den geistigen Schlamm und Schleim absondern, den das Weltverantwortungsdenken, das Wackertum, unaufhörlich produziert, dieses ganze Geschwerl, dieses Nullenpack soll ruhig noch jahrelang den BIG SINN vertreten. Wir müssen etwas Wichtigeres tun. Wir müssen ihn kurz und klein zusammenschlagen, den Sausinn, damit wir die notwendige Arbeit tun können. Das ist viel was Schwereres, die notwendige Arbeit ist: die Wahrheit schreiben von allem, die keinen Big Sinn nicht hat, aber notwendig ist, notwendig ist das einfache wahre Abschreiben der Welt.
Da hat es mich umgeschmissen, weil ich so Maßloses von den Göttern gefordert habe, muß ich zur Strafe als Todlahmer im Bett liegen, und die Angst geht nicht weg, und ich kenne mich selbst nicht mehr. In meinem Kopf tobt ein wildes Tier. Wer bin ich? Wozu gibt es das Denken in mir, wenn es nur ein Denkentoben ist gegen mich? Ich liege ruhig. Ich muß schlafen. Kein Schlaf kommt. Das Bett schwitzt, aber meine Füße sind an eisige Eisbrocken angeklebt. Ich werde Buße tun. Meine Augen sind ausgestochene rote blutige Löcher. Ich kann nichts sehen. Ich kann nichts denken. Die Welt ist tot. Keiner hilft. Meine Verzweiflung schreit. Sie schreit: Dich gibt es gar nicht. Du kannst das schwere Deutsch nicht. Da erbrennt mein Kopf vor Schmerz. Ich muß ihn aufschlagen an der Tischkante. Da fällt das Hirn heraus. Ihr könnts mein Hirn haben. Ich schneid ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen. Ich brauche kein Hirn nicht mehr, weil es eine solche Folter ist in meinem Kopf. Ihr folterts mich, ihr Schweine, derweil ich doch bloß eines wissen möchte, wo oben, wo unten ist und wie das Scheißleben geht. Wie geht das Scheißleben? Wenn es mir keiner sagt, dann muß ich es eben tun, das Schreien, laut werde ich schreien, bis mir die Angst vergeht. Und ich schreie nichts Künstliches daher, sondern echte Schreie, die mir blutig bluten. Aber noch in meiner schwächsten Schwäche bin ich soo stark. Denn ein letztes Gehirnzellelein in meinem Kopf weiß: Ich werde die Augen wieder öffnen. Ich werde die Welt wieder sehen. Ein Gieriger wird wieder schauen. Durch die weit offenen Einfallslöcher wird das Draußen wieder in mich stürzen, ja!, der Sog wird der alte sein, und dankbar, vieles viel Dankeschön, werde ich mich wieder verneigen dürfen vor der so sichtbaren Welt.
Da haute ich auf den Tisch, weil es so wahr war. Oder war das die Theke, wo ich draufgehauen habe? Wir waren ja noch in dem Nachtcafe. Wann fahren wir endlich in das Subito? Sofort, sagte ich, ich muß bloß noch eines hier ausnützen, wo ich schon die prächtige Gelegenheit habe. Denn das ist ja das dritte herrliche an Klagenfurt, neben der stinkenden Anwesenheit der vielen Scheiße und dem unübersehbar lehrreichen Triumpf des Titans, daß man das eigene ausgedachte denken selber öffentlich herzeigen darf und es nicht nur auf Papier hin gedruckt wird; Herrlich ultrawichtig wichtiger Moment. Und diesen Moment, sagte ich zu Neger Negersen, darf ich nicht vorbei gehen lassen, ohne zum Schluss wenigstens ein paar Sätze in der Sprache des Manifests gesagt zu haben.
Wir brauchen keine Kulturverteidigung. Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muß geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt. Ich brauche keinen Frieden, weil ich habe den Krieg in mir. Am wenigsten brauche ich die Natur. Ich wohne doch in der Stadt, die wo eh viel schöner ist. Schaut euch lieber das Fernsehen an. Wir brauchen noch mehr Reize, noch viel mehr Werbung Tempo Autos Modehedonismen Pop und nochmal Pop. Mehr vom Blauen Bock, mehr vom Hardcoreschwachsinn der Titel Thesen Temperamente und Akzente Sendungen. Das bringt uns allabendlich in beste Trinkerlaune. Nichts ist schlimm, nur die Dummheit und die Langeweile müssen noch vernichtet werden. So übernehmen wir die Weltherrschaft. Denn alles alles alles geht uns an.
Und jetzt, los ihr Ärsche, ab ins Subito.
Rainald Goetz: Subito, aus Inventur Deutsches Lesebuch a.a.O
Joe