Sonne, Mond und Sternchen

22.06.2015 um 21:58 Uhr

Älter, schöner und bewusster

Verhält sich der Alterungsprozess antiproportional zu den Kompromissen, die man zu schließen bereit ist? Anders ausgedrückt: Ist Altern eine Voraussetzung für beginnende Kompromisslosigkeit? Und wann ist man alt genug um eventuell völlig kompromisslos durchs Leben zu gehen? Zu leben? Kann man nicht auch schon früher damit beginnen? Kann man sich nicht auch schon mit Anfang vierzig erlauben schrullig zu sein? Ich bekomme es nicht zu packen. Schaue mir zu, wie ich an dem Panoptikum da draußen teilnehme, überdreht, starr, verkrampft, erschlagen von der Falschheit der wächsernen Gesichter, eingeschüchtert von den mal irrsinnig glitzernden mal leblosen Augen

16.12.2014 um 12:41 Uhr

Kollegen, Kollegen...

Ich liebe sie, meine Kollegen. Auch wenn die Arbeit mich den letzten Nerv kostet, sie sind wunderbar. Wunderbare Menschen, jeder einzelne völlig durchgeknallt, jeder schön auf seine Weise...

Wir gehen immer essen zusammen. Mittags und abends. Mittags alle, abends einige. Also wir versuchen es. Die Trägheit der Masse ist nicht zu unterschätzen, aber wenn sieben hochbegabte Irre versuchen, sich a) auf ein Restaurant zu einigen, b) ihre Büros abzuschließen, c) einen Aushang zu machen, d) (das Schwierigste) gemeinsam zum Ausgang zu kommen, dann ist das mit Trägheit der Masse nur ungenau umschrieben. Wir schaffen das. Meistens. Nach einer halben Stunde oder so, stehen alle am Aufzug und meckern, dass er immer so lange braucht (Hallo??). Dann wird noch der schnellste Weg zum Restaurant ausdiskutiert und dann stellt die stellvertretende Chefin fest, dass sie ihr Büro eventuell DOCH nicht abgeschlossen hat und rennt hektisch davon. Daraufhin bricht eine Diskussion aus, ob man schon vorgehen oder auf sie warten soll, die so lange dauert, bis sie wieder zurück ist.

Ruckartig bewegt sich unsere Gruppe durch die Stadt. Man betritt das Restaurant. Und bemerkt: Auch die Einigung auf eine adäquate Sitzordnung ist ein nicht zu unterschätzender Akt, den zu bewältigen einige Zeit in Anspruch nimmt. Viele wollen nicht mit dem Rücken zum Raum sitzen. Einige wollen nebeneinander sitzen und wiederum andere sind durch nichts dazu zu bewegen, sich in der Mitte zu platzieren, da sie sonst keinen bzw. einen erschwerten Fluchtweg haben. Und jetzt kommt die Kür: Bestellen! Der Chef bestellt zuerst. Und er hat schon bei der Bestellung regelmäßig was zu meckern: "Eine Salami-Pizza bitte, aber nicht wieder wie letztes Mal." Er macht eine Pause, denn er geht davon aus, dass die Kellnerin sich an ihn erinnert und genau weiß, was das letzte Mal passiert ist. Das WEISS sie aber gar nicht. Sie schaut verständlicherweise verständnislos. Großväterlich genervt beugt sich der CHef vor und sagt: "Na, die war verbrannt. An den Rändern verbrannt." Fragezeichen auf dem Gesicht der Kellnerin. "Könnten Sie dafür sorgen," er spricht jetzt langsam und beruhigend, "dass die Pizza dieses Mal  -- nicht -- so -- lange -- im -- Ofen -- ist?" Sie nickt ebenso langsam mit dem Kopf. "Ich hätt gern die Currywurst. Aber als Bratwurst." Hö? Harry krakeelt laut durch das ganze Restaurant. Das macht er immer. Er ist sechzig Jahre alt, aber gut in Schuss und er weiß genau, was er will, nämlich die extralange Currywurst, nur nicht als Currywurst. "Ohne Ketchup?" fragt die Kellnerin nach. "Dochdochdoch! Aber eben keine CURRYwurst." "Also die Wurst, nur ohne was obendrauf?" "Doch. Schon alles mit oben drauf, aber eben eine Bratwurst." Vorsichtig versuchen die anderen am Tisch Harry nunmehr schon zum hundertsten Mal zu erklären, dass eine Currywurst kein Curry entHÄLT, sondern mit Curryketchup serviert wird. Zum hundertsten Mal verweigert Harry diese Informationen. "Eine Currywurst ist mit Curry hergestellt. Und ICH will eine BRATwurst." Leise raunen wir der Kellnerin zu, dass sie einfach alles so machen soll, wie sie es immer macht. Sie nickt einerseits dankbar, andererseits misstrauisch. Wer sollte es ihr verdenken.

"Können Sie Pizza auch halb-halb belegen?" Die Assistentin meldet sich zu Wort. "Bitte?" Die Kellnerin legt verzweifelt ihren Block weg. Es hat keinen Zweck, das aufschreiben zu wollen, sie hat völlig Recht. "Wer teilt sich mit mir eine Pizza?" Suchend gleitet der Assistentin Blick durch unsere Gruppe. Leider keiner. "Äh, ich hätt gern eine Folienkartoffel." versuche ich es nett und freundlich, als die Kellnerin mich hilfesuchend ansieht. "Nein Sunny!" Da isse streng, die Assistentin. "Du teilst dir eine Pizza mit mir" "Ich will aber keine Pizza" stammel ich. "Dann du." Der Ellenbogen der Assistentin landet unsanft in CHefs Rippen. "ICH HAB HUNGER!" poltert der jetzt los. "Ich will erstens eine GANZE Pizza, zweitens keine verBRANNTE und drittens schnell." Die zweite Assistentin meldet sich: "Ich HABE schon was gegessen." verkündet sie mitteilsam. Die Kellnerin sitzt mittlerweile mit uns am Tisch. "Können Sie vielleicht eine Kleinigkeit empfehlen? Etwas, das nicht so fürchterlich mächtig ist?" "Nuggets?" "Och nö, die hatte ich gestern schon." "ICH HABE HUNGER!" "Ja, Heinz, wir haben es gehört." "ENTSCHULDIGEN SIE, könnten Sie MEINE Pizza schonmal in den Ofen tun?" "Nee, wir müssen uns doch noch einigen, welche Hälften!" " ICH WILL EINE GANZE PIZZA! ICH HABE HUNGER!" "Umso besser, dann iss doch anderthalb." "Currywurst OHNE Curry ist eine Bratwurst." "Ja, Harry." "Salat! Ich habs! Ich will einen Salat, aber ohne Thunfisch, dafür mit mehr Zwiebeln und eine Extraportion Oliven." "Tomaten. Du magst doch keine Tomaten." "Achso, ja, dann ohne Tomaten" "Kann ICH deine Tomaten haben?" "Klar kannst du, also jetzt DOCH mit Tomaten, ok?" "ICH HABE HUNGER!" "Ja, Heinz, dann iss doch die halbe erstmal." "Kann mir jemand Geld leihen? Dann nehm ich das Schnitzel." Oh, den sensiblen freien Mitarbeiter hätten wir fast vergessen. Wir leihen ihm Geld. Es ist nichts geklärt. Die Kellnerin heimlich verschwunden. Ihr männlicher Kollege erscheint und fragt: "Was kann ich denn zu TRINKEN bringen?" Und das ganze geht von vorne los.

Ich liebe sie, meine Kollegen. Ich liebe sie von Herzen.

Dass ich mal Menschen kennen lerne, die doppelt so verrückt sind wie ich, hätte ich mir niemals träumen lassen...

 

28.10.2013 um 21:15 Uhr

Warum eigentlich Mitgefühl?

 

....

Eintrag wird noch ausgearbeitet :-)

10.02.2013 um 15:20 Uhr

Viele Einzelne sind eine Masse

Eine Masse sind viele Einzelne. Wie oft frage ich mich, was diese Masse ausmacht. Stoppok sang einst auf unserem malerischen Marktplatz: "Viel zu schön hier auf der Erde, viel zu schön für ein Leben in 'ner Herde." Und damals stand ich in einer Menge von Leuten, die sich alle hin und herbewegten und überlegte, ob das stimmt, obwohl es natürlich in mir als Einzelgänger einen Nerv traf. Irgendwie hüpfte mein Herz. Wie schön, dass einer sagt, dass man einzeln sein darf. Aber mein Herz tat auch weh. Was, wenn man sich gar nicht gegen die Herde entscheiden kann, weil man nie ein Teil von ihr war?

Viel zu schön hier auf der Erde... Ist eine Herde nicht kuschelig und warm. Manchmal, ganz selten, da stehe ich mit mehr als zwei, drei Leuten zusammen und dann schaut man sich in die Augen und das ist diese Wärme und dieses Verständnis füreinander, von dem ich glaube, dass es in uns allen vorhanden ist. Warum kommt das so selten vor? Warum stehen Menschen meistens voreinander und bauen hohe Brücken über ihre Gefühle und Gedanken? Die leeren Augen. Das starre Lächeln. Hohle Gesten. Sätze und Themen, in denen ich mich nicht zurecht finde. Wo seid ihr, denk ich immer? Verdammt, ist irgendwer hier?

Ich polarisiere. Und ich weiß das. Ich komm nur nicht damit zurecht. Ich nutze das nicht. Ich hab Angst davor. Vor der Ablehnung natürlich. Die Liebe nehm ich dankend an. Und doch bekomm ich beides nicht so recht, weil ich mich ständig verstecke.

Nutzt aber auch nix. Sie lehnen mich trotzdem ab. Und die anderen lieben mich eben. Passiert beides. Täglich. Ständig.

Gestern Ablehnung. Heute Liebe. Tja. Was fang ich damit an?

Ich sage wenig. Ich will nicht gehört werden. Sitze in meiner Diogenes-Tonne und ziehe Kreise um mich selbst. Und doch, da ist so viel in mir, was laut gedacht werden soll. So viel, was die Welt erfahren sollte. Und wenn es nur ein paar sein werden, die mir zustimmen oder die etwas davon haben. Was solls? Sollen die anderen doch gucken. Sollen sie tuscheln. Sollen sie die Köpfe schütteln über meine Exzentrik. Wann komm ich mal aus diesen Kreisen raus? Ich weiß, dass ich nicht in sie hineingehöre. Ich weiß es. Und bleibe sitzen. In einer Tonne in der Masse, die mich nicht sehen und meine Kreise nicht stören soll. Wie dämlich kann ich denn sein, zu glauben, dass ich dort nicht genauso auffalle? Da kann ich mich doch gleich ganz weit nach außen stellen und laut schreien, was ich denke.

Der Einzelne. Noch ein Einzelner. Und noch Einer. Wann ist das eine Masse und wieso scheinen sich alle so wohl damit zu fühlen?

Stoppok singt weiter: "...lass sie zieh'n, ganz egal wohin." Und da hakt es bei mir. Irgendwie will ich sie doch erreichen.

Ist das die Krux?

 

04.11.2012 um 21:23 Uhr

Die Angst vor der Ruhe

 

Warum macht es mir eigentlich so viel Angst, keine Angst mehr zu haben?

 

03.11.2012 um 18:55 Uhr

Ikonographie

 

Treffen sich zwei Ikonen.

Sagt die eine: "Du hast da einen Kratzer am Sockel."

Sagt die andere: "Du auch."

 

 

13.03.2012 um 23:02 Uhr

Spruch der Woche

 
Noch schwieriger als keine eigenen Fehler zu machen, ist es, die Fehler anderer wieder auszubügeln.

23.01.2012 um 14:32 Uhr

Mist!

Mir fällt es so unglaublich schwer zwischen zwei Dingen zu switchen. Büro. Diss. Finanzen. Wenn das alles drei aufm Plan steht, kann ich davon ausgehen, dass jedes Dingelchen drei Mal so lang dauert. 

Hokus-Fokus-Fidibus!

Und ich hänge! Ich hänge so dermaßen in der Zeit! Was würd mir jetzt ein Vorsprung gut tun. Ich bleib dran. Ich bleib dran. Ich bleib dran.

Wenn ich eins habe, dann ist es STURHEIT!

Morgen mehr.

20.01.2012 um 15:02 Uhr

Gestern und heute

Gestern war ein guter Tag.

Fleißig.

Strukturiert.

Klar.

Heute ein schlechter.

Schlampig.

Unstrukturiert.

Verschwommen.

Da muss ich durch.

Zur Strafe muss ich heut abend nochmal eine Stunde ran.

Nee.

Nicht Strafe.

Konsequenz.

Oder nee.

Auch nicht. 

Einfach so.

Damit ich mich besser fühle.

Und jetzt eine Runde Handlungsfähigkeit üben: Aufräumen!

 

 

19.01.2012 um 15:32 Uhr

Mut und Gemüter

Es stürmt. Draußen pladdert es eimerweise vom Himmel. Der Regen peitscht von schräg links nach schräg rechts und dann gleich wieder anders herum.

Ein Junge läuft vor unserem Haus entlang. Er ist vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Ich höre ihn wimmern. Und möchte ihm nachlaufen mit einem trockenen Handtuch und einem heißen Kakao. Er schluchzt und läuft in kleinen Trippelschrittchen den Bürgersteig entlang. 

Scheiße, denk ich. Scheiße. Bei so einem Wetter dürft eigentlich noch nicht mal eine Maus vor die Tür. Und möcht weinen vor Mitgefühl mit der kleinen nassen Kinderseele.

Vorbei der kleine Junge. Sein Wimmern wird leiser. Da kommt schon das nächste Schulkind. Genauso alt. Den Ranzen lässig geschultert schlendert er in großen langen Schritten auf der Straße. Latscht halb vergnügt halb resigniert durch tiefe Pfützen. Ohne Gummistiefel. Seine Hände sind tief in den Jackentaschen versteckt, aber ab und zu lüftet er eine und hält sie in die Regenflut.

Wie unterschiedlich ich sie sehe, die beiden Jungs. Den einen will ich retten. Den anderen ziehen lassen. 

In mir wüten manchmal ähnliche Widersprüche. Mein Inneres läuft manchmal barfuß und zitternd durch Eiseskälte. Jeder Schritt eine Qual. Das Ziel weit entfernt, wenn überhaupt vorhanden. Nur die Kälte zählt und man will fliehen fliehen fliehen. Genauso kommt es aber vor, dass meine Seele genauso nackt in eben dieser Eiseskälte trotzig und festen Schrittes voran geht. Es IST kalt. Jetzt. Ab durch die Pfütze. nass bist du ohnehin schon. Keine Vermeidungsstrategien. Keine Fluchtgedanken. Hier ist kalt und nass. Ich änder grad nix.

Ich beobachte nur. Ich werte nicht. Manchmal fänd ich es schön, wenn ich mich zwischen den Beiden entscheiden könnte. Aber das eine gehört wohl genauso zu mir wie das andere...

 

19.01.2012 um 11:01 Uhr

Lacher des Tages

Ich hab damals die Probanden natürlich auch höchst unprofessionell im Freundeskreis gesucht. Nicht viele, aber ein paar. Die, die regional so schön passten.

Und da hör ich sie heute, meine Freundin Lorelei. Sie soll einen Zungenbrecher lesen.

Sitzt e Wermsche uff'm Termsche mit 'em Schermsche unnerm Ermsche. Kimmt e Stermsche, werft des Wermsche mit'm Schermsche unnerm Ermsche vom Termsche.

Sie liest. Und schon mittendrin schnaubt sie verächtlich: "Das ist ja WIDERLICH!"

Ich lache. Sie liest weiter. 

Aufgabe ist, diesen Zungenbrecher regional einzuordnen und hernach zu übersetzen.

"Das KANN ich nicht übersetzen." hör ich sie heute sagen, weil ja nun alles für die Nachwelt aufgezeichnet ist.

"Du musst aber." grins ich.

"Was ist den Wermsche?"

Ich darf es ja nicht vorsagen. Beobachterparadoxon, Beeinflussung, all das Zeug. Also sag ich: "Kleines langes Tier. Was so über den Boden kriecht."

"Aha." sagt Lorelei sichtlich verstimmt und schnoddert weiter: "Sitzt also ein kleines langes Tier, was so über den Boden kriecht..."

"Nein." sag ich geduldig. "Das Wort müsste übersetzt werden."

"Kann ich nicht."

Ich höre es nicht, aber ich kann es vor meinem inneren Auge sehen, wie sie grinsend die Arme verschränkt.

"Kleines langes Tier?" helf ich nochmal vorsichtig nach.

"RAUPE!" faucht sie mich an.

"Nee. Mit 'wwwww'"

"WAUPE!" faucht sie noch lauter.

"MANN!" fauch ich zurück. 

Und wir gackern los.

"WURM!" schreit sie mich nachher an.

"In klein!" schrei ich zurück.

"WÜRMCHEN!" schreit sie.

"JAWOLL!" schrei ich.

Und jetzt hör ich sie, Jahre später, und sie hat das 'Ü' genau so gesprochen, wie ich es erwartet habe, und ich lieb sie so doll. So doll. So doll.

Lorelei! Ich lieb dich so!!!

SO DOLL!

 

 

13.01.2012 um 11:13 Uhr

Kardinalsfehler

Wechsel nie die Arbeitsspeicher bei gleichem Dokument.

Niemals.

Dann ist es nämlich nie wieder dasselbe.

12.01.2012 um 09:42 Uhr

Wochenbericht

So. Drei Tage nun wieder Projektmanagement.

Sind denn eigentlich alle Menschen verrückt? Im Büro geistert ein Buch herum. "Ich arbeite in einem Irrenhaus." Ist das überall so? Sind alle Teams so neurotisch? Alle Chefs so instabil? Alle Sachbearbeiterinnen so selbstgerecht? 

Nuja... Ich habe beschlossen, dass es zwar Kraft kostet, sich aus allen weitgehend unsachlichen Themen rauszuhalten, dass es aber dauerhaft noch mehr Kraft kosten würde einzusteigen...

Nun ist ab heute wieder das Dissertierchen dran. Einmal erwacht zieht es mich nun täglich wieder an den Synapsen und will Futter. Kriegt es jetzt wieder...

Eine komische Sache off topic: Wenn man abnehmen will, isst man ja Obst udn Gemüse. Viel davon. Jetzt wiegen ja 5 Äpfel viel mehr als 5 Weißmehlbrötchen... Ist es denn dann normal, dass ich, seit ich zu 80% Rohkost esse, 2 Kg zugenommen habe?

...

Nichts genaues weiß der Mensch...

Die Huldigung des Tages kommt noch. Keine Zeit jetzt.

06.01.2012 um 19:17 Uhr

Stumpfsinn des Abarbeitens

Im Grunde könnte man mich mit einem Stapel Akten in ein Büro setzen und einfach sagen: Mach ihn kleiner! Solange es einen Chef gibt, der dies gutiert, und die Aktenlage kompliziert genug ist, freu ich mich. Ich bin ein Arbeitstier. Ich finde in nichts so viel Befriedigung wie in zählbaren Arbeitseinheiten. Auch der Stumpfsinn dabei stört mich null. Ich finde neue Zusammenhänge, Optimierungspotential, werde schneller und kann nachher meine Ratschläge und Neukonzepte mühelos und sogar mit Freude an der Sache zusammenfassen. Dabei bin ich forsch, aber diplomatisch, selbstbewusst, aber flexibel, empathisch, aber durchsetzungsfähig. Schön. Im Grunde perfekt, dass ich jetzt für die Doktorarbeit eine ganz ähnliche Aufgabe habe.

Alle Probanden nochmal durchhören. Jede Gruppe in die Auswertung bringen. Kategorien festlegen. In Kriterien zerlegen. Hochrechnen. 

So ist der Plan. 

Aber wo ist der Chef? 

Der bin ja ich?

Das ist nicht gut.

Ich kann es nicht beschreiben. Aber jemand wie ich als Chef ist für MICH einfach nur lähmend. 

Und andersrum.

Aber egal.

Irgendwie gehts schon weiter. Proband Nummer drei ist im Sack.

Und hier die Huldigung des Tages: Das Märchen über den kleinen Jungen, der mit den Tieren sprechen kann. Ich habe diesen Jungen so unendlich lieb. Manchmal denke ich an ihn. Ich sehe ihn vor mir. Weiß, wie einsam er ist. Und ich hab ihn hineingeworfen in diese Geschichte und dann allein gelassen mit seinen Nöten. Ich schäme mich.

05.01.2012 um 10:51 Uhr

Sunny's Unvollendete

Mein Leben besteht daraus. Aus unvollendeten Dingen. Ob es Kleinigkeiten sind, wie z.B. die GANZE Wohnung staubsaugen, oder wesentliche Sachen, wie z.B. mir einen RICHTIGEN Beruf suchen, - NEIN - ich eier immer rum. Ich KANN einfach nicht sagen: Erst hab ich die Wohnung gesaugt und dann gehe ich meinen Arbeitsvertrag erfüllen. Nö. Ich sage: Ich habe ein bisschen gesaugt und dann geh ich diese eine Sache für dieses und jenes Unternehmen fertig machen. 

Natürlich ist das wieder eine Frage der Perspektive. So manch einer sagt bestimmt, dass man sich bei 95% gesaugter Wohnung auf die Schulter klopfen kann. Und so manch einer würde auch eine selbständige Tätigkeit im Projektmanagement als 'Beruf' anerkennen.

Ich nicht. Das liegt aber an meinen Unvollendeten. Wie viele Kurzgeschichten warten auf ihr offenes Ende? Wie viele Gedichte auf ihre letzten Zeilen? Wie viele Romane auf ihr zweites Kapitel? Wie viele Bilder auf den letzten Pinselstrich? Sie liegen brach. Sie tun es nicht nur in den Schubladen und digitalen Ordnern, nicht nur im Keller und auf der Ablage unter dem Wohnzimmertisch. Nein. Sie liegen brach in meinem Kopf. Das macht mein Gehirn zu einem Raum mit Tausenden von offenen Schubladen.

Eine Schranktür steht auch ganz weit offen. Dort schlief lange, unruhig und schwer atmend das ausgemergelte Dissertierchen.  Am Montag habe ich es geweckt. Wir haben uns beide fürchterlich erschreckt. Es rieb sich die Augen und blinzelte ungläubig ins diffuse Januarlicht. Und ich? Ich konnte gar nicht glauben, dass es noch lebt. Es ließ sich ja nie anfassen, aber in diesem Fall war es zu überrumpelt um sich zu wehren. Ich streichelte ihm über die flusigen Härchen auf dem Kopf, rückte seine riesige Brille zurecht und machte ein paar Knöpchen an seinem Hemdchen zu. 

Jaja. Sunny's Unvollendete. Jetzt packt sie sie wieder an. Die Dissertation. 

Am Montag bekam sie ihr Notebook nicht an. Es verweigerte einfach seinen Dienst. Also malte sie mit der Zunge in der Backe einen Arbeitsplan. Eigentlich waren es vier Arbeitspläne. Die noch etwas unsortiert aus der Wäsche schauten. Aber immerhin hat sie den Unterschied zwischen Auswertungskategorien und Auswertungskriterien festgelegt.

Am Dienstag ging das Notebook wieder an. Und siehe: Es war noch alles da. Dateien wurden sortiert. Neue erstellt. Im Sinne des Arbeitsplans. Schwerfällig kam sie voran. Aber sie kam voran.

Am Mittwoch fraß sie sich durch drei Pflaumen. Aber satt war sie noch immer nicht. 

Upps. Falsche Baustelle. Am Mittwoch beschloss sie, jeden Probanden noch einmal zu Gehör zu bringen, um ALLE Unvollständigkeiten des Datensatzes zu beseitigen. Sie schätzt dass, sie 4 oder 5 am Tag schaffen müsste. Das hieße, das sie in 9 oder 10 Werktagen damit fertig wäre. 

Das ist eigentlich zu lang. Aber dafür hätte sie dann auch alle (auch die nebensächlicheren) Auswertungsschauplätze abgegrast und müsste damit nicht jedes Mal von vorn anfangen. Und so wird es ab heute gemacht.

Das gute daran: Hier gibt es wieder Einträge. Und neben den Erfolgserlebnissen (und seien sie noch so klein, ich werde sie STETS Erfolgserlebnisse nennen) werde ich jeden Tag einem unvollendeten Kunstwerk huldigen.

Und hier die Huldigung des Tages: Meine 1 m 50 hohe Leinwand, auf der ich die hypnotherapeutisch wachgerufene Zauberwiese festgehalten habe. Riesengroße funkelnde und glitzernde Blumen sind darauf zu sehen, grünsamtene Hügel und ein felsiger, steiniger, grauer und furcht einflößender Berg. Meine innere Weisheit steht am Horizont und winkt mir. Der Weg ist das Ziel, wie man weiß, aber er ist umsäumt von weißen Flecken, weil ich nicht wusste, wie man den Wegrand gestalten soll. Seit zwei Jahren hab ich dieses Bild nicht mehr angerührt. Es ist zu groß, um sich zu verstecken... Und sieht mich ein jedes Mal vorwurfsvoll an.

Wie das Dissertierchen mich jetzt. Weil ich doch die Probanden hören muss. Jajaja. Ich mach ja schon!