Mein Leben besteht daraus. Aus unvollendeten Dingen. Ob es Kleinigkeiten sind, wie z.B. die GANZE Wohnung
staubsaugen, oder wesentliche Sachen, wie z.B. mir einen RICHTIGEN Beruf suchen, - NEIN - ich eier immer rum. Ich KANN einfach nicht sagen: Erst hab ich die Wohnung gesaugt und dann gehe ich meinen Arbeitsvertrag erfüllen. Nö. Ich sage: Ich habe ein bisschen gesaugt und dann geh ich diese eine Sache für dieses und jenes Unternehmen fertig machen.
Natürlich ist das wieder eine Frage der Perspektive. So manch einer sagt bestimmt, dass man sich bei 95% gesaugter Wohnung auf die Schulter klopfen kann. Und so manch einer würde auch eine selbständige Tätigkeit im Projektmanagement als 'Beruf' anerkennen.
Ich nicht. Das liegt aber an meinen Unvollendeten. Wie viele Kurzgeschichten warten auf ihr offenes Ende? Wie viele Gedichte auf ihre letzten Zeilen? Wie viele Romane auf ihr zweites Kapitel? Wie viele Bilder auf den letzten Pinselstrich? Sie liegen brach. Sie tun es nicht nur in den Schubladen und digitalen Ordnern, nicht nur im Keller und auf der Ablage unter dem Wohnzimmertisch. Nein. Sie liegen brach in meinem Kopf. Das macht mein Gehirn zu einem Raum mit Tausenden von offenen Schubladen.
Eine Schranktür steht auch ganz weit offen. Dort schlief lange, unruhig und schwer atmend das ausgemergelte Dissertierchen. Am Montag habe ich es geweckt. Wir haben uns beide fürchterlich erschreckt. Es rieb sich die Augen und blinzelte ungläubig ins diffuse Januarlicht. Und ich? Ich konnte gar nicht glauben, dass es noch lebt. Es ließ sich ja nie anfassen, aber in diesem Fall war es zu überrumpelt um sich zu wehren. Ich streichelte ihm über die flusigen Härchen auf dem Kopf, rückte seine riesige Brille zurecht und machte ein paar Knöpchen an seinem Hemdchen zu.
Jaja. Sunny's Unvollendete. Jetzt packt sie sie wieder an. Die Dissertation.
Am Montag bekam sie ihr Notebook nicht an. Es verweigerte einfach seinen Dienst. Also malte sie mit der Zunge in der Backe einen Arbeitsplan. Eigentlich waren es vier Arbeitspläne. Die noch etwas unsortiert aus der Wäsche schauten. Aber immerhin hat sie den Unterschied zwischen Auswertungskategorien und Auswertungskriterien festgelegt.
Am Dienstag ging das Notebook wieder an. Und siehe: Es war noch alles da. Dateien wurden sortiert. Neue erstellt. Im Sinne des Arbeitsplans. Schwerfällig kam sie voran. Aber sie kam voran.
Am Mittwoch fraß sie sich durch drei Pflaumen. Aber satt war sie noch immer nicht.
Upps. Falsche Baustelle. Am Mittwoch beschloss sie, jeden Probanden noch einmal zu Gehör zu bringen, um ALLE Unvollständigkeiten des Datensatzes zu beseitigen. Sie schätzt dass, sie 4 oder 5 am Tag schaffen müsste. Das hieße, das sie in 9 oder 10 Werktagen damit fertig wäre.
Das ist eigentlich zu lang. Aber dafür hätte sie dann auch alle (auch die nebensächlicheren) Auswertungsschauplätze abgegrast und müsste damit nicht jedes Mal von vorn anfangen. Und so wird es ab heute gemacht.
Das gute daran: Hier gibt es wieder Einträge. Und neben den Erfolgserlebnissen (und seien sie noch so klein, ich werde sie STETS Erfolgserlebnisse nennen) werde ich jeden Tag einem unvollendeten Kunstwerk huldigen.
Und hier die Huldigung des Tages: Meine 1 m 50 hohe Leinwand, auf der ich die hypnotherapeutisch wachgerufene Zauberwiese festgehalten habe. Riesengroße funkelnde und glitzernde Blumen sind darauf zu sehen, grünsamtene Hügel und ein felsiger, steiniger, grauer und furcht einflößender Berg. Meine innere Weisheit steht am Horizont und winkt mir. Der Weg ist das Ziel, wie man weiß, aber er ist umsäumt von weißen Flecken, weil ich nicht wusste, wie man den Wegrand gestalten soll. Seit zwei Jahren hab ich dieses Bild nicht mehr angerührt. Es ist zu groß, um sich zu verstecken... Und sieht mich ein jedes Mal vorwurfsvoll an.
Wie das Dissertierchen mich jetzt. Weil ich doch die Probanden hören muss. Jajaja. Ich mach ja schon!