Ich mach mich also auf zur Milchtüte, in der is aber noch ein kleiner Rest und den gieß ich dann in den danebenstehende Joghurtbecher, den ich daraufhin umrühre und sorgfältig verschließe mit Alu und der soll in den Kühlschrank, aber auf dem Weg dorthin seh ich auf dem Küchentisch einen Kindersonnenhut, den ich sogleich ins Kinderzimmer zur Garderobe bringe, wo ich feststelle, dass ich immer noch den Joghurtbecher in der Hand halte. also aufauf zurück zur Küche, nicht aber ohne den Zwieback vom Kinderzimmerboden abzukratzen.
Diesen locker in der hohlen Hand schwingend, gerate ich im Flur an einen kleinen rosa Plastikbecher mit abgestandenen Trinkwasser, der sich sogleich zum Joghurt und dem aufgeweichten Zwiebackstück gesellt. Jetzt wirds schwierig, denn der Joghurt muss in den Kühlschrank, Zwieback in den Mülleimer, Becher in die Spüle, apropos Spüle, ich könnte spülen, aber da sind noch die Klamotten auf den Küchenstühlen, die ins Schlafzimmer müssen, und da stellt sich doch gleich die Frage, wie viele Klamotten sich
noch in der Wohnung tummeln, also auf ins Wohnzimmer und T-shirts, Unterhosen und Socken eingesammelt.
Ich bin überfordert.
Ein Teil dieser Sachen muss in die Wäsche, ein Teil in die Kommode, ein Teil in den Schrank, wobei einige Sachen aufgehängt, einige in die Fächer geräumt werden müssen. Ok. Erstmal alles fallen gelassen und nachgedacht.
Was wollt ich nochmal?
Ich schau mich um. Über der Tür hängt ein Bademantel, der ins Badezimmer muss. Ein guter Kellner geht nie leer, denk ich, was muss noch ins Badezimmer?
Dabei fällt mir ein, dass in der Küche noch die Einkäufe vom dm stehen.
Head & shoulders und Glanzspülung von Balea.
Irgendwo muss doch diese Tüte sein.
Mit dem blauschwarzweißgestreiften Bademantel meines Ehemannes auf der Schulter krieche ich auf dem Boden rum und durchstöbere den Taschenberg. Oh, eine olle Bananenschale, die muss jetzt aber wirklich erstmal in den Müll. Mülleimer auf, Fliegen beiseite schubsen und Bananenschale rein.
Was wollt ich?
Badezimmer.
Dort seh ich lauter leere Tuben und Flaschen. Den Bademantel geschultert kletter ich erstmal in die Badewanne, um die Duschmittel zu sortieren, was macht den jetzt in dreigottesnamen der Kugelschreiber da? Gerettet auf die Kommode im Flur. Zurück zum Badezimmer mit (warum auch immer) dem Wäscheeimer in der Hand.
Wieso habe ich jetzt den Wäscheeimer vom Flur ins Bad geschleppt, kann mir das mal einer sagen? Liegt jetzt aber wirklich nahe - eine Wäsche muss gemacht werden, nur dass eben die Waschmaschine in der Küche steht. Aufauf dorthin, huch der Bademantel immer noch auf meiner Schulter, der könnte auch mal gewaschen werden. Dann aber nochmal ins Kinderzimmer, gucken, was da so rumliegt. Zwischen dem verstreuten Spielzeug die Unterhosen rausgefischt, Mann bin ich schnell, Mann bin ich effektiv, das macht mir keiner nach so schnell, so effektiv, ich bin die Geilste, die ALLERgeilste, ich bin der Sauberpfeil, der durch die Wohnung wirbelt, ich werde ein Heilsbringer sein, einen Sauberzauber veranstalte ich, mit links die Spielzeuge in die richtigen Kisten, mit rechts die Verkleidungstücher aufgehoben, unters Kinn geklemmt die schmutzigen Unterhosen und PADAUTZ, hat mein Lauf, mein Run ein Ende, denn da liegt der kleine Liebesbrief, den ich der Süßen mal gemalt habe. Ooooaahr, wie schön, es sich im Schneidersitz zwischen den Trümmern gemütlich machen und in den Bildern stöbern. Pause muss sein.
Was wollt ich?
Irgendwas war mit der küche, also dortin, da fällt mir die dm-Tüte ein und warum liegt denn der Bademantel aufm Tisch? Wer macht hier eigentlich immer diese Unordnung, ich fasses nicht. Wo ist jetzt diese verwichste dm-tüte, die muss doch scheiße nochmal hier irgendwo sein.
Jetzt hektisch alle Regale ausgekramt, die müssen längst mal sortiert werden, Plastiktüten, PLastiktüten, Plastiktüten, Teelichter, Grußkarten, kleine Figürchen aus dem Überraschungsei, die kann man eigentlich auch mal wegschmeißen, nee bring ich nich, kleine Schüssel, da kommen die jetzt aber mal alle rein, oh - keine Schüssel da, ja spülen könnte man auch mal, jajajaJAAAHDOCH!!!!, scheiße, Figürchen auf den tisch, die tu ich jetzt einfach erstmal in die Bademanteltasche.
Aaah, die Wäsche. Jetzt aber: Wäsche rein Waschpulver rein Weichspüler rein Gradzahl eingestellt, jetzt nur noch Wasser anstellen, neben dem Hahn steht der Mülleimer, boaah, die Scheißfliegen, jetzt kommt aber erstmal der Müll runter, Tüte raus, es tropft und stinkt, aufwischen, ich werd wahnsinnig, die Grußkarten vollgetropft, ich versetz der Mülltüte einen zurückhaltenden Tritt und ziehe einen Flunsch, was extreme Auswirkungen hat, kleine Ursache - große Wirkung hat meine Mutter immer gesagt, beleidigt legt sich nun die Mülltüte auf die Seite und lässt Dampf und Kartoffelschalen ab, das find ich nich gut, also tret ich sie nochmal, so richtig feste, das dankt sie mir mit feuchter Asche, die mir gemischt mit alter Salatsoße und Fischresten ins Gesicht spritzt, keine Fairness jetz mehr, schnell nochmal nachgetreten. Durch gezielte Tritte bring ich die Tüte zum explodieren, auch die Waschmaschine bleibt nicht verschont, die Regale werden mit ausgebreiteten Armen leer gefegt, jaaaah, kommt zu Mama, ich zeigs euch allen, der Tritt gegen die Spüle hebt die Tür aus den Angeln, der Tisch stüzt um, den Bademantel zieh ich dreimal durch die Müllsoße, bevor ich ihn vom Balkon schmeiße und dort steht ein Teller mit von Schmeißfliegen umsummten Kirschkernen, ich dacht die fressen nur SCHEISSE, diese bepissten Kackfliegen und dann heb ich ihn hoch den Teller, ein Urschrei bildet sich in meiner Kehle, meine Lippen öffnen sich, mein Zunge ist in AAAAAH-Position. ich hebe den Teller höher und höher und HÖHER UND
...
Neeneenee.
Scherben bringen Glück, das will ich ja jetzt auch nicht.
Mh.
Ich atme wieder.
Der Küche den Rücken gekehrt wird erstmal geraucht. Dann noch eine.
Gleich kommt der Mann und will wissen, wie mein Tag war.
Äh.
Ich schau mich um. Hinter mir liegt die Küche in Trümmern.
"Das Bild hängt schief."
Kicher.
Jäher Kicherabbruch.
Denn ich weiß, dass ich beobachtet werde. Da steht sie, nein sie thront, die beschissene, bepisste, verwichste und verflixte und auch (jetzt kommts) VERFICKTE Milchtüte.
Und grinst.
Jetzt bist du dran, denk ich und schleich mich mit Furcht einflößenden Gesicht an sie ran. Du Mistvieh von Milchtüte, jetzt gehts dir an den Kragen, du Biest, ich hau dich jetzt weg, du kommst in den ....
...
Mülleimer wollt ich sagen,
Verständnis heischendes Zwinkern von der Milchtütenfront. Der Dampf der immer noch stinkenbeleidigten Mülltüte steigt mir in die Nase.
Ich zwinker zurück,
Hilflos zunächst, aber es is wie bei Kindern, is die Wut einmal weg, nehmen sie einen nicht mehr ernst.
Und dann kichern wir gemeinsam,
die Milchtüte und ich.
Der Schlüssel dreht sich in der Eingangstür.
"Ich bins Schatz, wie war dein Tag?"
"Pst", flüster ich, "das bleibt unser Geheimnis."
Und ich ernte einen letzten trägen, verschwörerischen Blick.
Milchtüten gucken eben doch.