Sonne, Mond und Sternchen

28.09.2006 um 13:30 Uhr

Pippi wird Sachensucher

Das war mein Lieblingskapitel damals, wo Pippi mit Annika und Thomas aufbricht und Sachen sucht und in ihrer grenzenlosen Güte eine Korallenkette und ein Notizbuch für die beiden versteckt. Meine Lieblingsstelle war, als sie eine alte Garnrolle findet und zum Besten gibt, was man damit alles machen kann und dass man die Dinge nicht hoch genug schätzen kann, die so auf der Straße liegen.

Das ist natürlich mit dem Koffer Gold auf dem Schrank eine hehre Einstellung, aber die hatte Pippi sowieso. Zu gut um wahr zu sein, das Mädel.

Die beste Freundin meiner Tochter sagt immer, sie sei Pippi und macht aus meiner Maus immer die doofe Annika. Will man Annika sein? Will man das wirklich? Man will doch Pippi sein, souverän stark klug und witzig. Man möchte genauso gut damit klar kommen, dass Mama ein Engel und Papa ein Negerkönig ist oder Schlimmeres und man möchte selbständig sein, niemanden brauchen und man möchte nur selten weinen und dann ist es auch ein unglaublich Herz zerreißender Anblick, denn es ist eine absolute Ausnahme und man kann die Tränen schlucken und andere trösten, so ist sie unsere Pippi, nee, neeneenee, Annika, pff, wer will schon Annika sein?

Aber immerhin bin ich Sachensucher.

Ich suche Sachen.

Immerzu.

Ich kann gerade nicht aus der Wohnung, weil ich meinen Schlüssel nicht finde. Mein Handy war drei Tage nicht mehr funktionstüchtig, weil ich das Aufladekabel nicht mehr gefunden habe. Und als ich das Aufladekabel (heißt das eigentlich so?) gefunden hatte, war mein Handy weg und den wichtigen Brief von der Handyfirma finde ich sowieso nicht mehr, aber suchen tu ich ihn ja doch und das kostet Stunden um Stunden. Und Nerven. Meine Herren, neulich habe ich zwei Stunden, geschlagene zwei Stunden meine braune Ledertasche gesucht, glaubt mir, die ist groß, wirklich kaum übersehbar und ich hatte es dennoch geschafft, sie unter drei Pullovern und einer Jeans zu verstecken, aber wenn man Sachen sucht, findet man andere Sachen und dann muss ich nur noch die hehre Einstellung von Pippi lernen, dass man dann zwar nicht die gesuchte Handtasche, aber dann doch die leere Garnrolle findet, aus der man bestimmt noch was Großartiges basteln kann.

Bestimmt.

Aber jetzt mal im Ernst, was will ich denn mit einer Garnrolle?

Doch eine Annika, da kann man nix machen.

Aber, Mann, was wünsch ich mir die gute Laune von Pippi.

Scheiß auf Plutimikation, scheiß auf die Einsamkeit.

Ich leg mich jetzt hin, mit den Füßen auf dem Kopfkissen, singe laut und falsch unter meiner Bettdecke und wackel mit den Zehen.

Vielleicht hilft's.

 

25.09.2006 um 10:11 Uhr

Viele Dinge in Handtaschen, die keinen Sinn zu machen scheinen

Eines Abends an einem gemütlichen Kneipentisch neigte sich der Inhalt meines Feuerzeugs dem Ende zu und man musste zwanzig mal klicken, um überhaupt noch ein kleines Flämmchen herauszupressen und weil mich das nervte und mein Begleiter keins hatte, dachte ich ganz unschuldig, dass ich ja mal in der Handtasche nachsehen könnte, ob ich noch eines dabei habe.

Und dann geschah folgendes: Ich öffne die Handtasche, wühle wie verrückt darin herum und bin so vertieft, dass ich meinen Begleiter so gut wie vergessen habe. es war halt so interessant, was ich alles so dabei hatte. Selbstvergessen reihte ich den Inhalt besagter Handtasche auf den besagten gemütlichen Kneipentisch. Ich legte auf den Tisch: ein Portemonnaie, ein Handy, einen Schlüssel, einen Kajalstift, zwei Haarspangen, ein Notizbuch, einen Kugelschreiber, drei schwarze Stabilostifte, drei Bleistifte, zwei Buntstifte, so weit so gut, Traubenzuckerlutscher, einen Plastikpinguin, zwei Kastanien, drei Eicheln, Taschentücher, einen Kronkorken, Kastanienschalen, einen verramschten Tampon (ja, ja, Jaaa, oh Gott, das habe ich getan, Raum und Zeit waren vergessen, es exisitierte nur noch das Handtaschenkontinuum), ok also weiter, eine Wäscheklammer, einen Teelöffel,  eine verschrumpelte Hagebutte, zwei Kletten, drei Kieselsteine, ein Teelicht, einen gelben Plastikeislöffel, eine rosa Mädchenunterhose, einen Socken, einen Handschuh (vom letzten Winter, herrje), eine Packung Räucherkerzen und einen (und da fing ich, die ohnehin schon die ganze Zeit leise kicherte, richtig laut an zu lachen) Plastikaufsatz vom Fön.

Kein Feuerzeug.

Na Bravo. Aber da lag es, mein Handtaschenorakel. Was sagen all diese Dinge über ihre Besitzerin aus. Sie ist unordentlich, keine Frage, weiblich sowieso, sie schreibt, hat lange Haare und ist noch nict im Klimakterium, evtl ist sie heroinsüchtig oder kleptoman veranlagt, sie hats gern gemütlich, sie räumt ihre Handtasche nur einmal im Jahr aus und dies tut sie in der Öffentlichkeit, schamlos, ist sie also und sie ist Mutter.

Sie MUSS Mutter sein, denn sonst hätte sie nicht diesen Zwang alle Dinge aufzuheben und niemals wegzuwerfen, die ihre Kind ihr mit den Worten "Das ist ein Schatz" in die Hand drückt. Und sie hebt sie auf, diese Dinge, die Hagebutten, den kleinen Plastikpinguin, den Eislöffel, die Steine und all das, über Monate, wenn es sein muss, denn irgendwann könnte die Frage kommen, Mama hast du auf meinen Schatz aufgepasst und dann mach ich sie auf die Handtasche und da liegen sie die Schätze, aufbewahrt und ernst genommen.

Apropos ernst genommen. An diesem Abend hat mich keiner mehr ernst genommen. Als ich irgendwann von meinem Handtaschenwahn aufwachte, da schaute ich auf direkt in das leicht, nein ich sollte mir nichts vormachen, in das schwer irritierte Gesicht meines Begleiters. Es sah auch ein wenig angeekelt aus muss ich sagen und ich hatte das Gefühl, dass es leiser geworden war in der Kneipe und dass ein Tuscheln durch den Raum ging. Ein Kellner steckte mir diskret ein Päckchen Streichhölzer zu. Und ich räumte wieder ein.

Weggeworfen habe ich nichts.

 

 

15.09.2006 um 23:03 Uhr

Sehen und gesehen werden

Grade verließ ich das Haus und ich sah üsselig aus (üsselig=gammelig, in diesem speziellen Fall: ungeschminkt, Badeschlappen, Jogginghose), ich wollt aber nur zur Frau Nachbarin mir ne Milchtüte (ehrlich, HAHA; schon wieder, da sag einer, es gäbe keinen roten Faden in meinem Leben), also eine Milchtüte holen, „leihen“ sagt man ja und gibt das Zeug nie wieder, man muss nur aufpassen, dass man sich gegenseitig Dinge gibt, die ähnlich viel kosten, sonst steht man da und verleiht ständig Dinge wie die guten Bio-Eier für 1,99 sechs Stück und bekommt wieder eine H-Milchtüte für 0,59, also aufgemerkt, aber darauf wollte ich ja gar nicht hinaus, was ich sagen wollte, is, dass ich üsselig aussah und normalerweise seh ich nicht üsselig aus, wenn ich meine Wohnung verlasse, ich sehe noch nicht mal alleine IN meiner Wohnung üsselig aus und es ist mir äußerst selten egal, dass ich üsselig aussehe, aber in diesem Fall schon.

Wollt Ihr wissen warum? 

Weil Du nur zur Nachbarin wolltest und nicht in die Disco? 

Nein, leider falsch, auch auf dem Weg zur Nachbarin leiste ich mir den Luxus, üsselig rum zu laufen, nicht, Sagt man eigentlich noch Disco?

Weil es nur um eine Milchtüte gin?

Oh nein, wieder falsch, der Wert eines prall mit weißem Nektar gefüllten Tetrapackbehälters kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, da mach ich mich durchaus auch fein für.

Weil es dunkel war?

Nö. Aber in dieser Antwort liegt schon viel Gutes drin, herzlichen Dank.

Es war nämlich so: Ich hatte meine Kontaktlinsen schon ausgezogen.

Aha. Wird manch einer da draußen weltmännisch mit dem Kopf nicken. 

Aha.

Ja und? Werden manche da draußen fragen und den Kopf schütteln.

Ja, also, ich erklär’s jetzt, es fiel mir auf, als mein Mann fragte, was für Schuhe ich da anhätte und ich ihm sagte, dass es seine Badeschlappen seien und er lachte und fragte, und die ziehst du an? und ich daraufhin zurückgab: Ja, ich hab die Kontaktlinsen aus, da seh ich nicht, wer mich sieht.

Interessant.

Solange ich also nicht weiß, wer mich sieht, ist es mir egal, wie ich aussehe.

Echt spannend.

Ich beschreibe das Experiment wie folgt: Ich stolper nach draußen, zünde mir fachmännisch eine Zigarette an und werde von einer dunklen Gestalt mit ‚N’abend’ angebrummt. Ich brumm zurück und es ist mir völlig latte, denn ich weiß ja nicht, ob es der Süße aus der WG im dritten Stock is, den ich immer damit beeindrucken will, wie jung schön und sexy man als verheiratete Frau mit Kind noch sein kann. Zählt  nicht, DENN:

ich kann ihn ja nicht sehen.

Und am koreanischen Restaurant muss ich vorbei und die gucken alle immer, wer da so nachts vorbei läuft, aber pupsen-egal,

ich kann ja nicht sehen, wer da so sitzt.

Und der Mann mit dem großen Hund, kommt mir entgegen und schaut, aber wen kümmert’s, ich weiß noch nichtr mal, wie alt er ist oder ob ich ihn gar kenne, denn, sagen wir es gemeinsam:

ich kann ihn ja nicht sehen.

Und die Frau Nachbarin stand mitten auf der Straße und winkte sich blöde und auch das war mir egal, denn ich konnte sie ja nicht sehen.

Bekloppt.

Das is ja wie das Guckguckspiel mit Babies, seh ich dich nicht, siehst du mich auch nicht.

Hat sich gut angefühlt. Sie sehen mich alle, aber ich sie nicht. Das isses doch, das ist die Lösung. Ich bin absolut begeistert, der ganze Stress, alles vorbei, Lidstrich, Makeup, Haare, Arsch, alles egal, wenn ich nicht hingucke.

Mensch.

So einfach. Absurd. Aber einfach.

Da mach ich was draus, ich werde berichten.

Ich werde ein neuer Mensch werden. Ein ganz neues Leben wartet dort draußen auf mich.

Ich werde es nur nicht sehen können.