Exkurs über den appen Arm
Es ist ein seltsam' Ding mit Gefühlen. Wir lesen viel über Gefühle, wir fühlen sie, benennen sie, tauschen uns darüber aus. Gefühle sind wichtig. Sie machen unser Befinden aus. Grobe Einteilung, ganz einfach: gut vs. schlecht.
Gute Gefühle lassen uns gut fühlen, schlechte Gefühle schlecht.
Soweit bin ich schon mal begeistert von der Qualität meiner Hermeneutik, aber weiter:
Schlechte Gefühle haben ein breites Spektrum: Wut, Ärger, Zorn, Leid, Kummer, Sorgen, Angst, Panik, Grauen, Schwermut, Trübsinn, Trauer, Verzweiflung, Misstrauen, Bitterkeit, Hass, Enttäuschung, Verzagtheit, wir fühlen uns niedergeschlagen, entmutigt, müde, hoffnungslos, beschämt, erbärmlich, elend, mutlos, hilflos, verstört, entsetzt, versteinert, kalt, leer, allein, oje, jetzt muss ich aber mal Luft holen, ein ganzes Spektrum, ein ganz schön großes, die Liste ist längst nicht ausgereizt, jetzt aber schnell zu den guten:
Da fallen mir auf Anhieb zwei ein: Liebe und Glück. Ok, ich streng mich an: Freude, Frohsinn, Hoffnung, Lust, Mut (die habe ich aus Lust-, Hoffnungs- und Mutlosigkeit hergeleitet, linguisitisch gesehen isses natürlich andersrum), und jetzt brauch ich schon ein Synonymwörterbuch, wartet mal...
...
Wisst ihr, was der Thesaurus zu Glück ausspuckt?
Heil, Interesse, Lohn, Nutzen, Gewinn, Profit, Vorteil, Füllhorn.
Gute Gefühle?
Ok, wir versuchen es mit Freude: Schon besser, Glücksgefühl, Freudentaumel, -gefühl, -tränen, -feuer, Behagen, Entzücken, Frohsinn (Frohsinn müssen wir abziehen, der war doppelt, der alte Hänschen-Witz), ok, weiter, Spaß, Begeisterung, Beglückung, Befriedigung, Genuss.
Ich lasse mal gelten: Behagen, Entzücken und mit Abstrichen Begeisterung und Befriedigung.
Dann Liebe: Jetzt wird's krude, Huld, Gunst, Gewogenheit, Herzenswärme, Herzlichkeit, Hingebung, Aufopferung, Hinneigung, Schätzung, Innigkeit, Achtung, Verehrung, Anbetung, Vergötterung, Schwärmerei, Neigung.
Davon lass ich gelten: Hingabe und Innigkeit.
Ja, aber jetzt lassen wir mal das übliche Wie-gehts-dir-Telefonat mit einer vertrauten Person an unserem inneren Auge vorüberziehen:
"Hallo?"
"Hallo, hier ist XY."
"Ach, hallo."
Hier ist schon ein wichtiger Punkt, denn die Grobeinteilung können wir an dieser Stelle schon vornehmen.
Was tun wir bei einem leisen, mutlosen, schlecht gelaunten "Hallo."? Wir fragen nach. Was ist denn los, wie gehts dir, alles klar?
Bei einem guten, fröhlichen Hallo wird vielleicht auch noch die Frage des Befindens vorangestellt, aber unser Interesse ist einfach kleiner, man geht dann recht schnell zu seinem Anliegen über. Das ist nix Schlimmes, so funktioniert eben unser Alarmsystem...
Aber dennoch, wir stellen uns einen interessierten Anrufer vor, der sagt: "Hey, du klingst gut. Wie geht es dir?" Und wir sagen: "Ich bin gerade entzückt." oder "Ich fühl mich so behaglich." oder "Mir ist wonniglich zumute." oder "Ich befinde mich in einem Freudentaumel.", wir sagen noch nicht einmal "Ich bin glücklich.", nein, wir sagen, "Gut, und dir?" oder wir sagen,"Gut, weil..." und beschreiben den Grund für unser Wohlbefinden, im Lotto gewonnen, guten Sex gehabt, den Traummann gefunden, beruflich Erfolg, oder einfach gute Laune.
Na gut, vielleicht liegts ja auch an mir, vielleicht kenn ich mich mit der Beschreibung guter Gefühle nicht aus, vielleicht habe ich notorisch Leute kennen gelernt, die das auch nicht können, vielleicht stimmt das hier alles nicht, aber wenn ich mir da oben diese durchaus geläufigen Wörter für schlechtes Befinden anschaue und diejenigen gegenüberstelle, die wir für gutes haben, dann würde ich sagen, dass wir uns wesentlich differenzierter mit unseren Sorgen beschäftigen als mit unserem Glück.
Was das mit dem appen Arm zu tun hat? Das kommt morgen, ganz ehrlich...
Aber vielleicht noch so viel dazu vom lieben Heinrich Heine (Dein Freund, Komma, Helge, Punkt):
Lamentationen
Das Glück ist eine leichte Dirne,
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne
Und küßt dich rasch und flattert fort
Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebefest ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.
