Manchmal sehne ich mich nach alten Zeiten zurück. In alten Zeiten
war ich noch klein, zwar nicht sorglos, aber klein, ich wuchs noch,
hatte noch alles vor mir, war ein viel versprechendes Talent mit
glatter Haut und blanken Augen. In diesen Zeiten wurde Konsum vorne
betont, vorne betont und kurz, hinten unbetont und kurz: KONN-summ, und
dort ging man einholen, nicht einkaufen, ein Konsum war ein
Einkaufsladen, in dem es die Grundnahrungsmittel gab, man sagte zu
Butter Butter und zu Leberwurst Leberwurst, die grobe und die feine,
Brot gab es helles und dunkles und das kostete Einheitspreis 50
Pfennig, Eier waren Eier, wenn es sie gab, Shampoo war
Haarwaschmittel, und Kaffee, den kauften wir gar nicht, den ließen wir
uns aus dem Westen schicken.
Eine tolle Zeit, eine Zeit, in der
man sich vorher ausrechnen konnte, wie viel Geld man braucht, um
einholen zu gehen, wenn man eine ordentliche Einholliste geschrieben
hatte, man nahm einen Stoffbeutel und ging mit 2,50 M in der Tasche 6
Eier, ein halbes Pfund Butter, 10 Brötchen und ein Brot kaufen und
behielt 0,50 M übrig, die man in 10 Kugeln Vanille-Eis oder wahlweise 5
Kugeln Erdbeer investieren konnte - was anderes gabs nicht.
Als
Mama mir sagte, wir gehen in den Westen, war ich fürchterlich traurig,
aber ich dachte an die Vorteile. Man hatte mir gesagt, wie viel Sorten
Eis und Wurst es dort gab und überhaupt, wie viel Auswahl. Außerdem
durfte ich nicht drüber reden, es war ein großes Geheimnis, und die
Verwandten starrten mich an, als wäre ich schon tot oder zumindest von
diesem Planeten gelöscht. Irgendwie abenteuerlich. Helle Aufregung, wir
reisten aus, wir machten rüber, bezeichnenderweise 1984, vom Stasi-Land
ins Orwell-Land, nur dass die Mama dachte, dass wir auf der Farm der
Tiere wären und uns aufmachten in die freie Natur.
Dass es dort
Eis in allen Farben gab, Wurst seltsamerweise auch, das war auf die
Dauer ermüdend, zumal das alles nicht schmeckte. Müde, das war der
Zustand, in dem ich mich damals monatelang befand, überall blinkte und
blitzte es, die Busse bunt, die Plakate bunt, Einkaufstaschen waren aus
buntem PlastIK nicht Plaste und die Aschentonnen hießen Mülltonnen und
der Fleischer Metzger, die Leute sagten Viertel nach statt Viertel und
lächelten immerzu, aber mit dem Mund nicht mit den Augen, und bei den
Nachbarn durfte man nur klingeln, wenn man vorher angerufen hat.
So
etwas wie einen Blog hat es damals nicht gegeben, Internet war
noch undenkbar. Was, wenn das Internet VOR der Wende erfunden gewesen wäre?
Aber ähnliche Informationsvervielfältiger wie Kopierer oder Telefon
waren rar, und das natürlich, um die Leute in Schach zu halten, die
Stasi bewachte uns, aber es war zumindest bekannt und es geschah zu
unserem Besten.
In das bunte Trallala-Land zu kommen, ist ein Schock gewesen. Eine Reizüberflutung, die mich und meine Erziehungsberechtigte in schlimmeren Schach hielt, als es tausend Mikrofone und Überwachungskameras je vermocht hatten.
Man hätte zufrieden sein können mit der Stofftasche und den billigen, leckeren Knautschbrötchen. Man hätte sich entfalten können, zwar in den vorgegebenen Grenzen, aber auch die boten Anreize, selbst wenn es der war, sie zu überschreiten. Die Freiheit kann dich sowas von zukleistern, dass du deine Flügel vergisst.
Wie es schon die Kindliche Kaiserin sagte: "Tu, was du willst. - Eine der schwersten Aufgaben überhaupt."