Der neue Nachbar Thorsten
Gestern abend. Es klingelt. "JESSICA!!!", schrei ich freudig und hüpfe zur Tür. Ich weiß nicht, was mich ritt, aber ich öffne die Tür, schließe die Augen und springe Luftküsse schmatzend wie ein Hoppelhäschen in den Hausflur. "Schmatz, schmatz, schmatz, oh Jessica", so flöt ich. Und höre eine sonore Stimme: "Kann ich mal vorbei?" fragen. Ok, ich stell mich tot. Jetzt nur nicht die Augen öffnen. Es wird hochnotpeinlich. Das steht fest. Gottseidank bin ich in Festtagskleidung und sehe weniger aus wie eine Speckschwarte, aber immerhin wie eine in die Luft küssende mittelalte Hüpfdohle.
Ich höre lautes helles Gekicher...
Ich öffne zumindest ein Auge. Vor mir steht der dunkelhaarige schlanke Mann, inzwischen mit Dreitagebart. Wow. Er ist bis unters Kinn (und was für ein Kinn!) bepackt mit Stuhl, Kiste und allerlei Gedöns darauf.
Hinter dem Mann steht Jessica, die auch nichts mehr sieht, weil sie einen Lachanfall hat.
Ich denk noch, warum geht der Mann nicht weiter? Achso, er kann nicht vorbei. Ich steh ja mit immer noch gespitzten Lippen vor ihm. Jessica, die alte Sau, grölt und fragt nun: "Sag mal, was ist denn mit DIR los?" und ich sag unbeholfen an dem Nachbarn vorbei: "Ich freu mich so dich zu sehen." (aber warum um Gottes willen hab ich dann die Augen geschlossen? und warum hüpfen? Warum musste ich ausgerechnet hüpfen?). Der Nachbar sagt: "Ich müsst mal vorbei." und schaut hilfesuchend zu Jessica, bei der er an der falschen Adresse ist, denn die hält sich am Geländer fest und schüttelt sich in Kicherkrämpfen.
Na Bravo.
Da stehen wir nun im Treppenhaus aufgereiht. Ich, der Nachbar und hinter ihm Jessica, mittlerweile (zu Recht) völlig außer sich.
So langsam breitet sich auch ein verwirrtes Lächeln auf des Nachbarn Gesicht aus. Er schwitzt (herrlich, er schwitzt...) und schaut mich aufmunternd an. Jessica bekommt zwischen zwei Shcnaufern wieder Luft und fragt keuchend: "Brauchst du Hilfe?" und er wehrt ab und sagt: "Neinnein, ich müsst nur durch." Dabei fällt ihm aber das Gedöns mit lautem Geschepper von der Kiste und direkt eine Etage tiefer zwischen dem Geländer in den Keller hinein. Okay. Ich schwing mich an ihm vorbei und sammel alles auf. Jessica hilft mit, mittlerweile stecken auch Peter und die kleine Erdnuss ihre Nasen in den Hausflur. Der Nachbar sagt, dass er Thorsten heißt und gerade über uns einzieht und alle sagen ihre Namen, Jessica fügt noch hinzu, dass sie nicht hier wohnt. Sie hört nicht auf zu kichern und bei mir geht es gerade los. Nämlich als ich die Metallklobürste des neuen Nachbarn aufhob und mich diese fröhlich schwingend "Hallo ich bin Sunny!" sagen hörte. Da wars auch um meine Fassung geschehen. "Wohin kann ich die noch stecken?" frag ich gackernd und er weist mit seiner Nase (was für eine Nase!!) auf eine kleine Lücke und da passt sie auch gerade noch hinein.
Kopfschüttelnd zieht er seiner Wege, der Thorsten, der neue Nachbar.
Die Anzeichen verdichten sich, dass er in ein Irrenhaus gezogen ist.
