Mehr Sicherheit für die Jugend. Mehr
Schwierigkeiten für Raucher an Zigaretten zu kommen. Sicherheits- und
gesundheitsfördernd sind sie, die neuen Schikanen am Automaten.
Als ich im Januar das erste Mal den neuen Schlitz für die
Altersprüfung an den Automaten sah, war ich völlig überfordert. Natürlich war
ich mal wieder völlig uninformiert (nein, nicht uniformiert, haha) und wusste
nicht, was der Automat von mir wollte, als sein Display mich anblinkte
"Altersprüfung erforderlich!". Ok, EC-Karte hatte ich dabei, aber (da
bin ich stolz drauf) meine EC-Karte hat kein Altersmerkmal. "Genau wie
ich", dachte ich, "das passt ja schön zusammen." Aber das nutzte
mir gar nix. Zigaretten bekam ich nicht. Seitdem kauf ich die Zigaretten am
Kiosk, was meinen Konsum eher hochschnellen ließ, denn jetzt kauf ich immer
direkt zwei Schachteln oder die Big-Box, ängstlich darauf bedacht, immer genug
im Hause zu haben.
In Kneipen hingegen gibt es den oder die
ZIGGI, den oder die kann man sich an der Theke holen, und dann schiebt man das
lila Kärtchen in den Automaten. Geht auch. Nun sind aber viele Menschen mit
kriminellen Energien auf die Idee gekommen, dieses Kärtchen an sich zu nehmen
und Handel damit zu treiben, sie an zwölfjährige Jungs und Mädchen zu horrenden
Preisen zu verkaufen und sich eine goldene Nase zu verdienen. Oder aber, es
gibt viele Leute mit EC-Karten ohne Altersmerkmal, und die freuen sich über ein
funktionables Zigarettenholaltersprüfgerät und stecken es einfach ein.
Vergesslichkeit tut ihr Übriges, jedenfalls kamen diese Karten reihenweise weg
und jetzt kann es zu folgenden Szenen kommen, wenn man sich in einer Kneipe ein
Päckchen Zigaretten gönnen möchte:
Ich ging sehr routiniert mit abgezählten
Zigarettengeld an die Theke meines Vertrauens und fragte freundlich nach
besagter Karte. Ebenso freundlich wurde mir geantwortet, dass diese unterwegs
sei. Wiederum freundlich wandte ich mich zum Gehen, um besagte Karte von meinem
Vorgänger in Empfang zu nehmen, jedoch wurde ich umso freundlicher von der
Kellnerin aufgehalten, die mir eröffnete, dass der 'normale' Zigarettenautomat
kaputt sei und nur noch der in der Herrentoilette funktioniere. Ich stutzte,
immer noch freundlich, und war sehr dankbar für den Tipp, dass ich mir ja
wahlweise die Augen zuhalten oder nicht hinsehen könne, ging schnurstracks zum
Männerklo, um da einem militärisch geschniegelten Mittsechziger zu begegnen,
der die Karte triumphierend vor sich hertrug. Ich (freundlicher denn je) gab
kund, dass ich jetzt auch Zigaretten kaufen will und den oder die ZIGGI
benötige, doch das war dem Mittsechziger suspekt, der kannte seine Pappenheimer
und gab seinerseits überhaupt nicht freundlich kund, dass "ihm das zu
heikel" sei und er "eine offizielle Übergabe" wünsche. Nun gut.
Ich ging mit ihm zur drei Meter entfernten Theke und sagte nun zugegebenermaßen
etwas spöttisch: "Der Herr wünscht eine offizielle Übergabe." Dachte
natürlich, dass nun seitens der Kellnerin ein feistes Grinsen erscheinen würde,
doch keineswegs. Die offizielle Übergabe war auch vom Personal erwünscht, denn
nun wurde ich aufgefordert einen Pfand hinzugeben, was eher schwierig war, denn
ich hatte ja nur mein abgezähltes Geld dabei. Der Herr wiederum wurde daran
erinnert, dass er ja auch ein Pfand hingegeben haben müsste, was er jedoch verneinte.
Beflissen musste er nichtsdestoweniger zum Besten geben, dass man "ja nie
wisse, an welche Leute man gerate" und solche Sachen "vor Zeugen
geregelt werden müssen". Oha. Kellnerin und AlterMann waren höchst
zufrieden mit sich und der Welt. Einigkeit und Recht und Freiheit. Dennoch kam
ich mir äußerst verloren vor, wie ich da stand, wie mit sieben beim Bäcker, mit
meinem Kleingeld in der Hand und ohne ZIGGI. Jedenfalls sollte ich dann einen
Pfand holen, und das war der Punkt, wo die ganze Freundlichkeitsbekundung
anstrengend wurde. ALterMann und Kellnerin schauen mich erwartungsvoll an, ich
sag: "Ich hab kein Pfand", Kellnerin: "Aber, Sie müssen doch ein
Portemonnaie dabei haben". Ich: "Soll ich jetzt fünfzig Meter durch
den ganzen Biergarten laufen, fünfzig Meter zurück, um meinen Personalausweis
für eine Zigarettenholkarte abzugeben, mit der ich dann die drei Meter zum
Zigarettenautomat zurücklege, um dann damit peinlicher- und verbotenerweise im
Herrenklo Zigaretten zu kaufen, wohlweislich darauf bedacht, meine Papiere
wieder zu erhalten, und nicht, wie es sonst und ohne Pfand meine Art wäre, mit
der Zigarettenholkarte in der Hosentasche wie ein Luchs durch den
Lüftungsschacht zu verschwinden? Ist das der Plan? Ist das Ihr Ernst?" Man
zögerte. Der alte Mann stand fachmännisch mit verschränkten Armen neben uns und
wartete ab. Ebenso fachmännisch werde ich nun von der Kellnerin gemustert.
"Sie können Ihre Kette hergeben.", sagt sie nun gönnerhaft. Bitte?
Meine Kette? Ich soll meine Kette ablegen, um Zigaretten holen zu dürfen? Ich
bin fassungs- und sprachlos. Ein Kellner mischt sich wohlwollend ein: "Nun
lass sie doch gehen." Danke. AlterMann und Kellnerin lassen mich
misstrauisch in Richtung Herrenklo abdampfen.
Dort geht es weiter: Zunächst war ich inzwischen
so eingeschüchtert, dass ich anklopfte. Doch keiner sagte 'Herein!'. (Wer soll
den auch auf dem Klo herein sagen? Oh Mann!) Ich zögerte. Dann öffnete ich die
knarrende Tür, gaaaanz langsam und schob meinen Kopf hinein. Ich sah den Kopf
eines Mannes. Türspalt für Türspalt kam mehr von ihm zum Vorschein, Hals,
Schultern, Rumpf und ich dachte so, wenn da in der Ecke nicht der Automat,
sondern ein Pissoir steht, schau ich ihm gleich direkt auf den Dödel, doch ich
hatte Glück. Er (der offensichtlich ein Altersmerkmal auf seiner Karte hatte)
nahm sich eine Schachtel aus dem Automaten und schaute mich irritiert, wenn
nicht herausfordernd an, woraufhin ich den folgenden außerordentlich passenden,
ja geradezu erleuchtenden Satz äußerte:
"Ich muss gar kein Pipi."
Das nenn ich mal schlagfertig. Letzten Endes verließ der junge stolze
Eigentümer einer EC-Karte mit Altersmerkmal kopfschüttelnd die Herrentoilette
und ließ mich im Urinstein-Muff dort stehen.
Der, die oder das ZIGGI passt, das Kleingeld wird auch genommen, und
siehe: der ganze Pissoir-automat voll mit ekligen Zigarettenmarken wie R1, R6,
ERNTE und Phillip Morris. Langsam steht mir das Pipi in den Augen, was meinen
letzten klugen Satz Lügen straft, hektisch zerre ich an den betreffenden
Zigarettenfächern. "Würdelos", denk ich, "das ist doch völlig
würdelos, ich muss aufhören mit dem Scheiß" Im Schweiße meines Angesichts
zerre ich, mit weiteren kopfschüttelnden Herren rechnend, überglücklich eine
Schachtel P&S aus dem Schacht, flüchte nach draußen in die frische
Kneipenluft, übergebe der ungeduldig und misstrauisch wartenden Kellnerin den
oder die ZIGGI, renne die fünfzig Meter durch den Biergarten zu meiner
beleidigten Bekannten, die keinerlei Verständnis für die ganze Story aufbringt,
da sie eine eingefleischte Nichtraucherin ist.
Dann hab ich erstmal eine geraucht, mich der Illusion hingegeben, dass
sich all die Mühen für diesen kleinen, aber notwendigen Nikotin-Kick gelohnt
haben, was tatsächlich gewirkt hat, jedoch muss ich sagen, dass sich 'Freiheit'
anders anfühlt. Und für diesen Spaß geb ich nun ca. 1500 € im Jahr aus, gerate
langsam aber sicher ins soziale Off, stehe an Bahnhöfen in aufgemalten
Quadraten, dicht an dicht mit übel riechenden Personen unter einer Rauchglocke
und werde angegafft, demnächst werden wir einen nikotingelben Stern tragen
müssen, damit man uns auch ohne Zigarette in der Hand als Luftverpester
erkennen kann.
Ich muss dringend etwas unternehmen.