Sonne, Mond und Sternchen

29.10.2007 um 09:34 Uhr

Manfred und Brigitte

Wie schön, wenn am Sonntag mittag unangekündigt Besuch vor der Tür steht. Wie schön, wenn es Manfred und Brigitte mit beiden Kindern sind, die ich alle wohlweislich seit einer langen Zeit nicht gesehen habe. Selten, wirklich selten, habe ich Menschen weniger gemocht als diese beiden Pädagogen, die nicht müde werden, der Welt zu erzählen, wie man es richtig macht.

So zum Beispiel macht man es richtig: Sorgfältig in möglichst jungen Jahren den Partner auswählen. Viel diskutieren, an Paar- und Kommunikationsseminaren teilnehmen, Studium beenden, Arbeit beginnen, verbeamtet werden, dann schwanger, dann wieder schwanger, dann Haus kaufen, dann rumlaufen und fragen, warum das eigentlich nicht jeder so macht, dann Kopf schütteln über andere Menschen, die die Erleuchtung noch nicht hatten.

Manfred und Brigitte sind in etwa so verstaubt wie ihre Namen. Sie sind Freunde meines Mannes, haben ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter erkoren. Und ich fahr da nie hin. Ich hasse es, da zu sitzen udn Smalltalk zu machen, hasse das Nase rümpfen von Brigitte und das vorwurfsvolle Schweigen von Manfred. Als Brigitte mir erzählte, dass die einzig junge Mutter, die sie kennt, wahrhaftig kein gutes Beispiel ist, weil sie für ihre Kinder nicht nur zwei verschiedene Männer, sondern auch noch zwei verschieden-FARBIGE Männer, nämlich einen gelben und einen schwarzen, als Väter erwählt hat, da war sie bei mir wirklich unten durch. Ich kann sie nicht leiden, die Beiden, ich hoffe, das ist jetzt deutlich rübergekommen.

Umso größer meine Freude, als sie da plötzlich standen. Seit unserem Umzug haben sie mindestens zehn Mal angerufen, wann sie denn mal die neue Wohnung gucken dürfen. 'Neue Wohnung gucken', ein Sport, den ich nie verstanden habe, ähnlich wie dias gucken, es geht mir ehrlich gesagt sowas vom am Arsch vorbei, wie neue Häuser, Wohnungen, Gärten geschnitten sind, wie sie eingerichtet sind und was das so aussagt über finanzielle, soziale, ethische und emotionale Verhältnisse.

Gut. Wenn wir schon mal beim Interpretieren sind, dann möchte ich nicht wissen, was es über mich als Hausfrau aussagt, dass nach einem dreiviertel Jahr immer noch ein Umzugskarton da rumsteht, keine Bilder an der Wand hängen und alle Ablageflächen, nicht aber alle Stauräume genutzt sind.

Brigitte, die in den letzten zwei Jahren, in denen ich sie nicht gesehen habe, ein Kinn dazugewonnen hat (jetzt hat sie drei), huschte elfengleich durch unser Wohnzimmer und hörte nicht auf zu betonen, was für ein GUTE GEGEND wir doch erwischt hätten und wie nett es doch bei uns sei.

Es IST auch nett bei uns, allerdings gehe ich immer danach, mit welchem Blick mich die Menschen mich und mein Umfeld sehen lassen. Und da ich weiß, dass bei uns in Manfreds und Brigittes Augen so EINIGES IM ARGEN LIEGT, seh auch ich das plötzlich so.

Und das ist die selbst erfüllende Prophezeiung. Na Bravo. Die vier wollten eine Stunde bleiben. Ich melde mich zum Rapport:

Nach fünf MInuten fand die Begehung meines verqualmten Arbeitszimmers statt. Man war nicht amüsiert.

Nach zehn MInuten kam die Hängematte im Kinderzimmer von der Decke. Wer saß drin? Friederike, das Patenkind.

Nach zwanzig Minuten rannte Annegret mit der Heckenschere durch den Garten.

Nach dreißig Minuten sezierten die drei Kinder Quitten und kleine rote Beeren, von denen sich Friederike prompt eine in den Mund steckte.

Ein großes Hallo und viel Spaß für die ganze Familie.

Nach fünfunddreißg Minuten verlangten die Kinder nach Messern.

Nach vierzig Minuten rutschte Annegret im Wohnzimmer auf einer Bananenschale aus.

Nach fünfzig Minuten hatte Annegret Grasflecken auf der guten Hose.

"Jetzt ist aber mal genug", Brigitte spricht mit zitternden Kinns ein Machtwort, "Annegret, wir wollen noch ins Theater! Da wollten wir dich sauber mit hinnehmen!"

Aufbruch nach fünfzig Minuten, wer weiß, was in den letzten zehn passiert wäre.

Jedenfalls hatte unsere Tochter Spaß, auch sie hatte eine Beere verschluckt, ihre Nase ist verschmiert, sie hat ihren Wanderstock mit dem einem Plastikmesser bearbeitet und den Haken der Hängematte schraub ich einfach wieder rein.

Scheiß doch drauf.