Friseure. Ts. Wer braucht sie schon? Warum, verdammt nochmal, zahl ich eigentlich so viel Geld dafür, dass ich jemanden zwanghaft Komplimente für einen Haarschnitt machen muss, den ich nicht mag?
Seit ca. anderthalb Jahren züchte ich meine Haare lang. Das geht ganz gut. Denn: Meine Haare wachsen richtig schnell. Nach ein paar Monaten ging ein Zopf, nach ein paar mehr sogar ein geflochtener. Großartig. Meinem Ehrgeiz war Genüge getan, die Meinungen über meine Haarlänge gingen auseinander, ich selbst wusste auch nicht so recht, ob ich es mochte, allerdings wusste ich eins: Die Rundbürste und ich werden keine Freunde. Pflegeintensiv, so konnte man meine Haarlänge bezeichnen.
Ging gar nicht. Jeden Morgen zwanzig Minuten fönen und glätten und Wachs und Schaum, nur um danach wie Frauke Ludowig auszusehen?
Also ging ich nach einem Jahr zum Friseur und sagte: Schneiden Sie mir die Haare wieder kurz.
"Och nö, die schönen Haare."
"Ja, aber die Pflege..."
"Kommen Sie, wir versuchen es nochmal. EIn bisschen Stufe rein, dann geht das schon mit dem Styling."
Ging es aber nicht. GAR NICHT.
Aber jedes Mal saß ich da, mit liebevoll rundgebürsteten Haaren.
EIn seufzendes Danke entfuhr mir regelmäßig. Sie hatten sich ja so viel Mühe gegeben. Und dann ging ich mit meiner Rundbürste klärende Gespräche führen.
Die aber nichts brachten...
Also ging ich alle sechs Wochen zum Friseur, bezahlte 30 bis 40 € und sah immer wieder genau aus wie vorher.
Und jetzt hatte ich genug. Und ging frischen Mutes zum Friseur. Und sagte: "Kurz bitte. Ich komme mit den langen Haaren nicht klar." "Ach nö, die schönen Haare." Oh Gott, nicht schon wieder. "Wie wärs mit ein paar Stufen? Ich könnte hier und hier und hier was wegnehmen, dann sind die Haare auch nicht mehr so schwer." "Nö. Bitte kurz" "Aber, wenn ich jetzt hinten was länger und vorne fallen sie dann ganz weich und oben was fransig..." "Nö. Kurz bitte." Und immer wieder sagte ich: "Nein, bitte kurz."
Und dann dieser Langhaarschnitt.
Kurz (!) davor, danke zu seufzen, überlegte ich es mir kurz (!) vor knapp anders.
Ich wehrte mich: "Äh..."
"Nicht zufrieden?"
"Die sind lang."
"Ja-ha!" (Sie nickt energisch)
"Und mit Rundbürste gefönt!"
"Ja-ha." Stolz. Sie platzt fast vor Stolz.
"Ich komm nicht klar mit Rundbürsten."
"Ach, ein bisschen Übung. Dann geht das schon. Noch ein bisschen Wachs?"
Zweehunnert Puls!
"NEIN!", schrei ich plötzlich los, "NEIN-NEIN-NEIN! Kein Wachs! Und die Erde ist keine Scheibe!!! Verdammt noch eins! Ich habe Kurzhaarschnitt gesagt. Dann schneiden Sie mir auch einen. Wo sind wir denn hier? Ich will doch was haben, oder? Deshalb komm ich doch hierher, oder? Und ich hab doch auch gesagt, was ich haben will, oder? Habe ich etwas von komplizierter Fönfrisur gesagt? Oder von Rundbürsten gefaselt? Habe ich gesagt, dass ich einen Kurzhaarschnitt haben will oder habe ich das nicht gesagt? SAGEN SIE ES MIR DOCH; WAS ICH GESAGT HABE. ICH WERD HIER BALD WAHNSINNIG!!"
"Kundinnen, die sich nicht klar ausdrücken, sind meiner Meinung nach selber schuld."
"Hä?"
"Der Friseur-Beruf ist vor allem ein Kommunikationsberuf."
"Hallo?"
"Ich habe Ihnen gesagt, was ich machen will."
"Ja. Und ich habe NEIN gesagt."
"Aber nicht konsequent genug."
Während die Chafin, der Azubi und die Kollegin um die Ecke linsen, schau ich böse in den Spiegel. Ich zeige auf meine Ohren: "HIER ABSCHNEIDEN!", zeige auf meinen Nacken: "Und hier!" Zeige auf meine Stirn: "HIER AUCH!"
Sie zögert.
"Verdammt nochmal. Ich kann es nicht selber. Deshalb komme ich hierher! Also drücke ich mich hiermit klar aus und Sie tun, was ich sage, ok?"
"Soll ich jetzt nochmal nachschneiden?"
"Ja. Tun Sie das!"
'Klar ausdrücken', im Friseurdeutsch: Alles zwanzig Mal sagen und keinesfalls höflich sein.
Ok, wieder was gelernt...