Sonne, Mond und Sternchen

22.11.2007 um 19:15 Uhr

Punx not dead II

Nachdem ich freundlich darauf aufmerksam gemacht worden bin, dass ein Ohrknorpelpiercing mit Punk nix zu tun hat, möchte ich ebenso freundlich darauf hinweisen, dass in einer Mittdreißiger Eltern-Community Piercing und Tätowierung regelrecht mit Punk gleichzusetzen sind, wobei 'Punk' hier für "Sag mal, du bist ja jetzt wohl VÖLLIG übergeschnappt. Und das in deinem Alter!" steht.

Jedenfalls war meine nächste Anlaufstelle ein Alternativ-Schmuckladen, der etwas ranzig aussah, da dachte ich, die wissen bestimmt, wo man so was machen lassen kann, wenn sie es nicht sogar selbst im Hinterzimmer machen.

Dazu muss man außerdem wissen: Noch nie habe ich irgendwelche Löcher in meinen Körper bohren oder schießen lassen. Meine Ohrläppchen, Nase, Bauchnabel, Zunge, Lippenbändchen und was sonst noch so durchbohr- und durchschießbar ist: Alles unversehrt,

Genau mit dieser Naivität rechnet natürlich keiner. Als ich die Verkäuferin im Alternativ-Schmuckladen sah, da wusste ich: Hier bin ich richtig! Eine Kugel hing ihr aus der Nase, eine hing im Mudnwinkel, an den Augenbrauen glitzerten ungefähr dreißig kleine Ringe nebeneinander, ein Weihnachtsbaum war nichts dagegen, von Mundwinkel zum Ohr führte eine dünne Kette, also wurde auch mit Lametta nicht gespart.

Ich frag: "Macht ihr auch Ohrlöcher?"

"Nä." Sie grinst kaugummikauend. (Bleiben Kaugummis nicht an all dem Metall hängen?)

"Und wo kann ich das machen lassen? Ich will eins hier." Wieder weise ich eifrig auf meinen rechten Ohrknorpel.

Ihre Augen weiten sich: "Ey, mach das lieber nicht."

Hä? Wie kann mir jemand, der wahrscheinlich ohne 12 h Schmuckentfernung nicht durch die Sicherheitsschleuse des Flughafens gelangt, von einem Ohrknorpelpiercing abraten?

So muss ich wohl auch geschaut haben, dann zeigte sie mir ihre Ohren und siehe: Der Ohrknorpel war unversehrt, das Lametta mit einer Art Schiene befestigt. Ok, die Ohrläppchen konnte man kaum noch sehen, aber weiter oben: Nüschte.

"Ohrknorpel", wurde ich aufgeklärt, "sind am empfindlichsten. Das tut SAUweh! Außerdem liegen da Akkupunkturpunkte. Du kannst dauerhaft Migräne davon kriegen. Würd ich nie machen lassen. Echt nicht. Vergisses."

Sie schüttelt sich klirrend, sagt mir aber dann dennoch, wo ein Piercing-Studio ist.

Wie gesagt: Wenn ich mich einmal festgebissen habe, weiche ich keinen Millimeter. Ich laufe auch einen Kilometer durch den Regen, wenn es sein muss. Patschnass komm ich vor einer Tür an, auf der "Piercings und Tätowierungen" steht.

Das Ziel. Endlich. Noch immer will ich ein Punk sein.

 

- Fortsetzung folgt -

 

22.11.2007 um 14:48 Uhr

punx not dead I

Spontane Entscheidungen sind ja häufig die besten. Schön, wenn man sie spontan in die Tat umsetzen kann. Ich neige ja dazu, mich an solchen Vorhaben festzubeißen, investiere nutzlose Stunden in Projekte, die sich locker nochmal durchdenken ließen, um Zeit zu sparen, aber nö, alles - und zwar sofort!!

So fand ich mich heute ganz plötzlich in einem Juweliergeschäft wieder und fragte: "Machen Sie auch Ohrlöcher?"

Es war einer dieser ganz feinen Schmuckläden mit uniformierten, perfekt geschminkten Damen, die mich mit meiner Sturmfrisur (Ja, die Haare wachsen wieder) und meiner fusseligen Jacke (warum kommt man sich in solchen Läden immer so schäbig vor?) mitleidig ansah und langsam und argwöhnisch nickte.

"Auch hier?", fragte ich unschuldig und wies auf meinem Ohrknorpel.

Das geschminkte Gesicht der feinen Dame hinter dem glitzernden Tresen verzieht sich zu einer angeekelten Grimasse, dann schüttelt sie den Kopf, als hätte ich nach einem Intimpiercing gefragt.

Ich entdecke ein goldenes Schild, in dem in schnörkeligen Buchstaben 'Piercings' zu lesen ist. Aha. Ok, alles zu seiner Zeit, alles an den richtigen Stellen.

Ich verlasse den Laden, die Dame schaut mir entgeistert nach. Durchs Schaufenster seh ich sie wild gestikulierend auf ihre Kollegin einreden. Ich bin Abschaum. Ich will ein Punk sein.

 

- Fortsetzung folgt -