Sonne, Mond und Sternchen

26.11.2007 um 16:41 Uhr

Punx not dead III

Ok, für alle, die es wissen wollen: Ich habe ein Loch im Ohrknorpel, dadurch führt ein schicker Ring, mit einer kleinen Kugel darin und es sieht ganz goldig aus und heilt ganz gut ab, ich kann sogar darauf schlafen.

Alles nur halb so schlimm, keine Aufregung.

Dennoch versucht mir nahezu jede Person, der ich es zeige oder die es zufällig sieht, einzureden, dass ich mich da wohl nicht richtig erkundigt hätte und dass das SAUgefährlich war und dass ich davon

Gesichtslähmung

(oho, oho)

bekommen könnte usw. usf.

Wer weiß, wenn es nicht so spontan gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht DOCH erkundigt und all die Gefahren und Risiken an mich heran gelassen und dann hätt ich den Teufel getan und einen Wisch unterschrieben, in dem ich alle Schuld auf mich nehme.

Jedenfalls hielt mir Annika, nachdem ich in einem sehr großen Ledersessel Platz genommen hatte, eine Art Stift ans Ohr, der seltsame Pieps und Klingelgeräusche machte. Der, so erklärte sie mir, sollte die Akkupunkturpunkte ausmessen. Piepste es: Kein Akkupunkturpunkt. Klingelte es: Akkupunkturpunkt. Bei meinem Ohr klingelte es unentwegt, woraufhin Annika zu dem hageren Zahnlückenmann rüberlachte und lakonisch und fachmännisch ihre Meinung über mein Ohr kund gab: "Kirmes-Ohr!", rief sie durch den Laden.

Oha - ich habe ein Kirmes-Ohr. Und was heißt das? Nunja, es gab offensichtlich nur genau EINEN Punkt, wo ich bohren lassen konnte, das erleichterte mir das Aussuchen.

Dann bekam ich Angst. Angst vor den Schmerzen. Und Annika sagte: "Hey, ich war 15, als ich mein erstes Piercing gemacht habe, das habe ich selber gemacht und es hat anderthalb Stunden gedauert. Das, was jetzt kommt, dauert 10 Sekunden." Und das sagt sie jemandem, der mal zehn Stunden in den Wehen lag? Uppsi, das muss ich wohl laut gesagt haben, denn sie schmettert mir ein glückliches: "Ach so! Du bist Mutter? Mütter können alles!!" entgegen und dann legt sie an und es wird ganz heiß an meinem Ohr und dann nochmal und dann is vorbei und mein Ohr glüht und Annika hat mich nun doch in ihr Herz geschlossen, strahlt mich an, begutachtet mich fachkundig und freut sich mit mir: "Eine ausgezeichnete Stelle!" "Ja, ne?" "Freuste dich?" "Ja, doll" "Toll, darum liebe ich meinen Job." "Ja, äh, alles klar."

Strahlend zahl ich das viele Geld, strahlend und kopfschüttelnd schaut mir Annika nach.

Mein erster Ohrschmuck. Ich bin volljährig. Ich bin Mutter. Ich kann alles.

Und vielleicht hat die Gesichtslähmung die ein oder andere Falte auf der Stirn korrigiert...

 

26.11.2007 um 14:14 Uhr

Punx not dead zweieinhalb

Nachdem sich nach meinem Gefühl ein Punk sein zu WOLLEN, zunächst das Gefühl ausgebreitet hat, ein PUNK ZU SEIN, dieses jedoch durch diverse Kommentare und Bemerkungen der bösen Ahnung der Lächerlichkeit gewichen ist, breitet sich nun langsam etwas Neues, ganz Besonderes und Überraschendes in mir aus:

Angst.

Angst vor Gesichtslähmung!

Aber immer der Reihe nach: Patschnass gelangte ich in das zweite Stockwerk, durch die mit "Piercings und Tätowierungen" beschriftete Glastür in einen schummrigen Flur, wo mir ein hagerer, farbenfroh schillernder und funkelnder junger Mann mit großer Zahnlücke begegnete, der mich freundlich ansah. Da sieht man übrgens wieder, wie sehr man sich von Vorurteilen lenken und leiten lässt, denn ich war offensichtlich der Meinung, dass ein solch bemalter und durchbohrter und durchschossener Mensch mit mangelnder Zahnpflege keinesfalls ein freundliches, allenfalls ein zynisches Mitglied dieser Gesellschaft sein könne.

Aber nö. Sein Grinsen war ein Lächeln, und er fragte ganz liebenswürdig, was mich zu seinem Hause führt, und ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich gepierct werden wolle, und zwar (mit routiniertem und eifrigen Handgriff wies ich auf meinen rechten Ohrknorpel) 'hier'.

"Kein Problem, da wendest du dich am besten an Annika." Er wies auf einen weiteren Raum zu seiner Linken, wo es im Grunde wie beim Friseur aussah. Aha. Das ist also Annika... Sind schwarz gefärbte Haare, 75% bebilderte Haut und mindestens 257 Löcher im Körper eigentlich Voraussetzungen für die Einstellung? Naja, mit 'Einstellung' hat das ja schließlich auch ne Menge zu tun. Ich möchte ja schließlich auch in die Nähe einer solchen Einstellung rücken. Sie allerdings schaut tatsächlich ein wenig zynisch.

"Ja?"

"Äh, ich will mich piercen lassen."

"Aha?"

"Ja. Will ich."

"Und wo bitte?"

"Öhm... Hier?"

Irgendwie verlässt mich langsam meine Entschlossenheit. Annika schnaubt. Wie auch immer, ob nun verächtlich, genervt oder einfach nur resigniert, sie schnaubt. Was gibt es da zu schnauben, frage ich mich verzweifelt.

"Hast du Fragen?"

Äh, habe ich Fragen? Muss man was fragen? Habe ich den Codex nicht beachtet? Ich geh der Sache auf den Grund:

"Sollte ich denn Fragen haben? Muss ich was wissen?"

Annika schnaubt.

"Ja. Du musst was wissen." Sie zückt einen Textmarker und ein beschriftetes DIN A 4 Blatt. Dann rasselt sie, den Text wild markierend, eine Litanei herunter. Dass mein Ohrknorpelpiercin mindestens 12 Wochen zur Abheilung bräuchte, dass Akkupunkturpunkte ausgemessen werden müssten (Na, Gottseidank), sonst könne ich dauerhaft Migräne und schlimmeres bekommen (iiiiiiiiiiiiiiiiiiiik), dass ich vier Wochen zwei Mal am Tag desinfizieren müsse, dass ich 6 Wochen nicht ins Schwimmbad und in die Sauna und kein Haarspray benutzen dürfe, dass die Nachkontrolle nach zwei Wochen kostenlos, dass aber alles halb so schlimm sei und ich mir keine Sorgen machen solle. (letztere beiden Sätze standen nicht im Text und bezogen sich auf meine schreckensgeweiteten Augen.)

Ach was. Ein Ohrknorpelpiercing machen zu lassen erfordert einiges an beachtenswerten Dingen. Akkupunkturpunkte - keine Schimäre also. Oje. Fieberhaft überlege ich, ob ich auf dem Absatz kehrt machen soll.

"Ja und?" Annika schnaubt schon wieder. Ein bisschen mehr Respekt könnte sie haben, sie könnte schließlich meine Tochter sein.

"Na denn..." Ich fummel mir verlegen am Mantelknopf rum. "ich hab noch nie ein Piercing machen lassen... Noch nicht mal Ohrlöcher hab ich..." (Nun ist es raus, soll'se doch lachen, die olle Annika, obercoole Punkerin, die! Menno!)

"Dann wird es aber Zeit!" Annika spricht ein Machtwort. "Unterschreib mal hier, und dann kommste mal mit!

Ich unterschreibe, dass ich die gute Annika nicht für eventuelle Folgeschäden belangen kann, und folge demütig in einen Raum, wo es aussieht wie beim Zahnarzt.

Gibt es noch ein Zurück?

 

- Fortsetzung folgt -