Es sitzt in meiner künstlichen Efeuranke, die sich hinter mir an meiner roten Wand entlangschlängelt. Scheu schaut es auf mich herab, mit riesengroßen Augen hinter einer dicken Hornbrille, eine, die die Augen noch vergrößert und einem diesen glasigen naiven Blick verleiht. Naiv ist es nicht, mein Dissertierchen, nein, ich würde eher sagen, im Gegenteil, es ist sehr misstrauisch, aber es weiß, dass es Futter von mir bekommt und wie heißt es so schön: Beiß nicht in die Hand... usw.
Ich finde es irgendwie süß, mein Dissertierchen. Auf den ersten Blick scheint es wirklich nur aus Augen und Brille zu bestehen, so, wie es da aus dem Efeu herauslugt. Schaut man genauer hin, sieht man zarte flauschig graue pelzige Ärmchen und Beinchen, unverhältnismäßig lang, kleine längliche Fingerchen klammern sich an die Ranken und ganz ganz selten sieht man den ganzen Kopf und dann kann man seine riesigen abstehenden nackten Ohren erkennen, aber ich glaube, dass die ihm peinlich sind, denn es fummelt sich immer, wenn ich sie bemerke, nervös dran rum und versucht sie nach hinten zu drücken. Den Mund hab ich noch nie gesehen, aber unter der Brille sitzt eine runde unverhältnsmäßig große Kartoffelnase. Eine erstaunliche Menge weißer Haare hat es auf dem Kopf, sie stehen wirr in alle Richtungen und auch hier zupft und fummelt mein Dissertierchen ab und an dran rum. Meistens schaut es aber einfach nur still auf mich herunter. Beobachtet wachsam den Bildschirm. Wenn sich nichts tut, schau ich mich zu ihm um. Dann leidet es demonstrativ, die Riesenaugen anklagend auf mich gerichtet, und manchmal, an Tagen wie heute, wo wirklich noch nüschte an Konstruktivem entstanden ist, wendet es den Kopf ab und kuschelt sich traurig in die Efeublätter hinein. Das kenn ich schon. Tut mir auch leid, doch ich ignorier es trotzdem oft genug.
Heute hat es aber noch einen drauf gesetzt: Hospitalismus. Es schaukelt vor und zurück und knallt immerzu mit dem Kopf gegen unsere Wand. Ich muss was tun. Das Kratzen des Kugelschreibers, das Klappern der Tastatur, Grafiken, Tabellen, mein Dissertierchen muss dringend aufgeheitert werden.
Hey, guck mal, ich schreib über dich. Das ist doch was. Eine kleine Hommage. Ich weiß, dass du da bist. Und ich kümmer mich auch. Schau: Vokallängen werde ich ausmessen. (Das scheint ihm zu gefallen, das Klopfen hat aufgehört.) Und die Zeitangaben in Tabellen einfügen. (Es dreht sich wieder um, ich kanns genau spüren.) Und natürlich hören wir heute auch noch Sätze ab. (Ich hab grad geguckt, ich glaube es lächelt ein bisschen.)
Naja, äh, also, versprochen ist versprochen, und wie soll man sich auch auf was Anderes konzentrieren, wenn ständig was gegen die Wand knallt.
Na, das hat es sich ja fein ausgedacht. Aber es ist ja nur zu meinem Besten.