Sonne, Mond und Sternchen

20.03.2008 um 11:46 Uhr

Aldi-Impressionen

Und da war da noch diese kleine graue alte Dame im ALDI. Diejenige, die volle Lotte gegen die Scheibe lief, weil sie den Ausgang suchte.

BONG machte es und dann sah ich sie, wie sie sich die faltige Stirn unter den weißen Haaren rieb. Der hellblaue Hut saß nun etwas schief, und so irrte sie zwischen den Regalen umher, ging zur Eingangstür, wartete auf die Öffnungsfunktion, die natürlich nicht funktionierte, weil sie auf der falschen Seite stand. Wie eine kleine weißhellblaue beduselte Fliege surrte und suchte die alte kleine Dame herum und sah, mit Verlaub, absolut bescheuert dabei aus.  

Ich sah nicht minder bescheuert aus, denn ich suchte seit einer halben Stunden das Knäckebrot. Stein und Bein hätte ich schwören können, dass es in der Brotabteilung unauffindbar war, um die ich aber dennoch wie eine Besessene drumrumschlich.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich das zarte verwirrte hellblaue Vögelchen, das nunmehr im Kreis torkelte. Ich hielt es nicht mehr aus. "Sie suchen den Ausgang?" Ängstlich und haltsuchend schaut mich die alte Dame an und nickt. "Da müssen Sie einmal um dieses Regal herum, auf der anderen Seite ist die Kasse."

"Ach."

"Ja."

"Ich bin gerade gegen die Scheibe gelaufen."

"Ja, ich habs gehört. Tut es sehr weh?"

"Nein."

"Sie haben sich bestimmt sehr erschreckt?"

"Ja. Man rechnet ja mit sowas nicht."

"Nee", sag ich. "Da rechnet keiner mit. Ist mir aber auch schon passiert"

"Ja?" Hoffnungsfroh strahlen mich wässrige blaue Omaaugen an.

"Aber ja", red ich in beruhigendem Tonfall weiter. "Das Schlimme ist, man kommt sich völlig bekloppt dabei vor."

Jetzt strahlt sie. Sie kichert sogar. "Ja," *prust "völlig bekloppt, Sie sagen es."

Einen kurzen Augenblick schauen wir uns in die Augen. Und da ist er, dieser Moment von Verbundenheit zwischen völlig Fremden. Immer, wenn ich das erlebe, schreck ich ein bisschen zurück vor der Intensität, die zwischen Menschen herrscht. Kategorienfrei. Wir sind nicht verwandt, wir sind nicht befreundet, haben keine Beziehung. Aber, BUMS, manchmal schaust du den Busfahrer an und du weißt, er denkt geNAU das Gleiche wie du, oder die Kassiererin oder der Teenager, die schicke Dame oder der feine alte Herr in der Bahn oder in der Fußgängerzone.

Sie hat den Ausgang nicht gefunden. Als ich Stunden später mein Knäckebrot gefunden hatte und bezahlen wollte, wanderte sie mit abwesenden Blick im Kassenbereich hin und her.

Sie hat mich nicht wieder erkannt.

Und ich hatte es eilig.

Mein Gott, ist die Welt scheiße...

Unser Blick fürs Wesentliche ist kaputt, und wie sagte noch ein kluger Mann in meinem Leben?

"Das Verkorksen hat System."

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensternenschein schreibt am 25.03.2008 um 14:16 Uhr:Erlebnisse aus denen man das Bewusstsein und die Philosophie des Alltags zieht.
    Es ist ein Phänomen, dieses Grenzüberschreitende über alle Generationen, und Unterschiede gehende Erkennen des anderen, in diesem einen kurzen Augenblick. Nur haben wir meistens diesen Blick garnicht, da wir uns die Zeit nicht dafür nehmen.
    Aber im Grunde sind es Sternstunden des Lebens, auch wenn diese alte Dame Dich später nicht mehr erkannte.
    Liebe Grüsse

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