Der Bulle und ich
Wenn man es eilig hat, dann passieren unvorhersehbare Dinge. Das ist nicht unbedingt ein Gesetz, aber weil es einem dann so sehr auffällt speichert man es statistisch als Reihung. Die Kunst ist, in solchen Fällen zu beobachten. Bei sich zu bleiben und auf die Verzögerung zu pfeifen. Ist doch wurschte, muss man sich dann sagen, das hier ist königlich amüsant. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Eine Gabe, die ich zur Kunstfertigkeit ausgebaut habe.
Mein Zug sollte um halb fahren. Ich hatte schon einen verpasst und mich entschieden, statt den kleinen Vorstadtbahnhof doch noch den großen zu behelligen, weil da mehr Züge fahren. In einer Wahnsinnsgeschwindigkeit rase ich also durch die Straßen, nehme die Abkürzung durch die Fußgängerzone, nach 20.00 sah ich da nämlich kein Problem, als plötzlich ein kleiner dicker Polizist vor mir auftaucht und mit den Händen hin und herwedelt. Das tut er deswegen, weil ich schicke kleine Knöpfchen im Ohr habe, die mit Kabeln an meinem MP3-Abspielgerät angeschlossen sind, das volle Lotte aufgedreht ist.
Ich bremse mit quietschenden Reifen und komme quer vor ihm zum Stehen. Er schaut mich vorwurfsvoll und mit in die Hüften gestützten Händen an und weist streng mit beiden Händen auf seine Ohren. Ich leiste seiner gestischen Anweisung Folge und nehme schuldbewusst lächelnd die Knöpfchen aus dem Ohr."Das mit den Knöpfen im Ohr geht GAR nicht." Bekräftigend wedelt er mit seinem Zeigefinger vor meiner Nase hin und her. Aha. Ein Wedler. Gut. Mit denen kann ich umgehen. "Ich weiß." flüster ich verschämt und senke die Augenlider. "Und sie haben NOCH etwas falsch gemacht." "Ja?" Ich habe eine innere Figur, die heißt Rosa, hat blonde Löckchen und babyblaue Augen. Rosa ist sowas von naiv. Die schalt ich jetzt trotz Lederjacke und Schirmmütze an. Klimpernd und betreten warte ich weitere Hinweise auf meine Straffälligkeit ab. Der Polizist zeigt stumm anklagend hinter mir auf das abendliche, wenn auch gelichtete, so doch immer noch beträchtliche Fußgängertreiben. "Das ist eine Fußgängerzone!" "Ja." Rosa kichert verlegen. "Das stimmt." Der Polizist macht eine bedeutsame Pause. "Und?" fragt er prüfend nach. "Da DARF man gar kein Fahrrad fahren, richtig?" Rosa reißt ihre Augen weit auf und hebt dabei die Augenbrauen ganz weit nach oben. "Stimmt." nickt der Wedler zufrieden. "Und mit diesen Knöpfen im Ohr HÖREN sie nichts." "Das stimmt." antwortet Rosa und nickt betrübt mit dem Kopf. Der Bulle baut sich groß vor mir auf: "Jetzt stellen Sie sich doch mal vor, ich hätte sie gerufen und sie hätten mich nicht gehört." Ich stelle mir das vor, und bemerke, dass das Rosa zum Kichern bringt: "Dann wäre ich ihnen..", sie macht eine kurze Kicherpause, "am Ende daVONgefahren?"
Herr Wedler unterdrückt ein Grinsen (ich sehe es ganz genau) und schaut dann wieder streng. "Neinneinnein." sagt er mit fester Stimmer. "Ich HÄTTE sie gekriegt!" Rosas kleiner Mund formt sich zu einem stummen, erstaunten "Oh". Jetzt kann er bald nicht mehr. Ich kenne das.
"Und das mit den Knöpfen im Ohr ist WIRKLICH gefährlich. Sie HÖREN nichts, wissen sie?" Er räuspert sich und schaut mir in die Augen, die immer noch schüchtern klimpern. "ja." lügt Rosa dreist, "deswegen tue ich die auch immer raus, wenn ich auf der Straße fahre." Herr Wedler runzelt die Stirn. "Ach! Jetzt verarschen Sie mich aber!" Rosa reißt wieder ihre babyblauen Augen auf: "NEIN! Im Ernst. Ich finde das ganz schlimm, wenn ich im Straßenverkehr nichts höre. Man orientiert sich doch auch ganz stark mit den Ohren, nicht wahr?" Herr Wedler räuspert sich wieder. "Naja. Sie haben ja ordentlich Licht an..." Rosa muss wieder kichern: "Vorne ja. Aber das Rücklicht habe ich vergessen anzumachen." Herr Wedler schaut mich ungläubig an, atmet tief ein und dann wieder aus.
Er scheint zu überlegen, was er damit anfangen soll. "Mh." brummt er, "immerhin sind sie ehrlich." "Sag ich doch." Rosa und ich lächeln entwaffnend. "Seien Sie in Zukunft vorsichtiger!" "Versprochen." murmelt Rosa und setzt an vom Fahrrad zu steigen und weiterzuschieben. "Neeneenee, jetzt dürfen Sie weiterfahren." "Mh?" "Ja, fahren Sie ruhig weiter." "Aber das ist eine Fußgängerzone." erklär ich milde. "Ja, und ich habe Ihnen erlaubt, weiterzufahren." Herr Wedler gefällt sich in seiner Macht. Und ich lächel ihn nochmals milde an, wobei er mir wahrscheinlich ein saftige Geldstrafe aufbrummen würde, wenn er nur wüsste, was ich denke. "Dann wünsch ich Ihnen einen SCHÖNEN ABEND!" Rosa strahlt. Er strahlt zurück: "Ja, Ihnen auch." Lachend winkt er uns hinterher. Lachend nahm ich einen Zug später.
Danke Rosa!

Die Rosa wirkte sogar mal bei einer PoliTESSE! Ja ist wirklich wahr. Die war erst so stieselich, weil ich a) aufm Bürgersteig fuhr und b) sie mich am Schlawittchen packen musste, weil ich Knopfhörer drin hate... bis ich sie verständnisvoll anlächelte... das machte sie weich... Schönes Gefühl, Stahl in Federkissen wandeln zu können. Ein hoch auf unsere Rosa's in uns!!!