Punx not dead III
Ok, für alle, die es wissen wollen: Ich habe ein Loch im Ohrknorpel, dadurch führt ein schicker Ring, mit einer kleinen Kugel darin und es sieht ganz goldig aus und heilt ganz gut ab, ich kann sogar darauf schlafen.
Alles nur halb so schlimm, keine Aufregung.
Dennoch versucht mir nahezu jede Person, der ich es zeige oder die es zufällig sieht, einzureden, dass ich mich da wohl nicht richtig erkundigt hätte und dass das SAUgefährlich war und dass ich davon
Gesichtslähmung
(oho, oho)
bekommen könnte usw. usf.
Wer weiß, wenn es nicht so spontan gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht DOCH erkundigt und all die Gefahren und Risiken an mich heran gelassen und dann hätt ich den Teufel getan und einen Wisch unterschrieben, in dem ich alle Schuld auf mich nehme.
Jedenfalls hielt mir Annika, nachdem ich in einem sehr großen Ledersessel Platz genommen hatte, eine Art Stift ans Ohr, der seltsame Pieps und Klingelgeräusche machte. Der, so erklärte sie mir, sollte die Akkupunkturpunkte ausmessen. Piepste es: Kein Akkupunkturpunkt. Klingelte es: Akkupunkturpunkt. Bei meinem Ohr klingelte es unentwegt, woraufhin Annika zu dem hageren Zahnlückenmann rüberlachte und lakonisch und fachmännisch ihre Meinung über mein Ohr kund gab: "Kirmes-Ohr!", rief sie durch den Laden.
Oha - ich habe ein Kirmes-Ohr. Und was heißt das? Nunja, es gab offensichtlich nur genau EINEN Punkt, wo ich bohren lassen konnte, das erleichterte mir das Aussuchen.
Dann bekam ich Angst. Angst vor den Schmerzen. Und Annika sagte: "Hey, ich war 15, als ich mein erstes Piercing gemacht habe, das habe ich selber gemacht und es hat anderthalb Stunden gedauert. Das, was jetzt kommt, dauert 10 Sekunden." Und das sagt sie jemandem, der mal zehn Stunden in den Wehen lag? Uppsi, das muss ich wohl laut gesagt haben, denn sie schmettert mir ein glückliches: "Ach so! Du bist Mutter? Mütter können alles!!" entgegen und dann legt sie an und es wird ganz heiß an meinem Ohr und dann nochmal und dann is vorbei und mein Ohr glüht und Annika hat mich nun doch in ihr Herz geschlossen, strahlt mich an, begutachtet mich fachkundig und freut sich mit mir: "Eine ausgezeichnete Stelle!" "Ja, ne?" "Freuste dich?" "Ja, doll" "Toll, darum liebe ich meinen Job." "Ja, äh, alles klar."
Strahlend zahl ich das viele Geld, strahlend und kopfschüttelnd schaut mir Annika nach.
Mein erster Ohrschmuck. Ich bin volljährig. Ich bin Mutter. Ich kann alles.
Und vielleicht hat die Gesichtslähmung die ein oder andere Falte auf der Stirn korrigiert...
