Nachtschattengedanken

05.02.2010 um 12:49 Uhr

eben nicht eisberg...

da war mir kein wort eingefallen.

ich wollte so ein richtig scharfes spitzes wort.

und mich danach mal so richtig schön selbst auf die schippe nehmen.

aber dazu kam es nicht...

29.12.2009 um 00:33 Uhr

Fröhliche Weihnachten nachträglich...

In einem rosa gerüschten Wohnzimmer sitze ich auf einem schneeweißem Sofa. Um mich herum ein Meer von erzgebirgischen Weihnachtsschmuck. Ein Plüschelch singt Jingle Bells und Uschi meine Stiefschwiegermutter gibt in Begleitung einer sich drehenden Porzellanballerina Stille Nacht Heilige Nacht zum Besten. Dass mir das Atmen schwer fällt, ist normal in diesen Tagen. Dass aber selbst die bescheidene Luftzufuhr durch die Nase, die ich mir in großen Abständen zu gönnen imstande bin, versiegt, weil die ganze Wohnung weihrauchgeschwängert ist, hat zur Folge, dass mir inmitten von unglücklichen Menschen, die sich gegenseitig seltsam geformte Päckchen aus der Hand reißen, kotzübel wird.

Nach einigen Minuten kniendem Nachluftringen auf dem rosa Plüsch der parfümflaschenübersäten Toilette taumel ich gegen den tüllbehangenen Weihnachtsbaum. Gern hätte ich das golddurchwirkte Kissen auf dem cremefarbenen Sessel vollgekotzt. Ich habe es mir unter allergrößter Anstrengung verkniffen. Man sieht mich auf meinem Weg zurück zum Sofa kurz indigniert an und schweigt. Leider schweigt man nicht weiter. Leider plappern nun alle durcheinander. Tausende von Wörtern irren durch den Raum, verbrennen sich am Kerzenlicht, ecken an Stuhlkanten an, legen sich auf dem mintgrünen Teppich zur Ruhe, um von dort wieder aufgewirbelt zu werden und gegen meine Schläfen zu krachen. All die sinnlosen Wörter. Zusammen mit den kalten Blicken aus toten Augen über bittersüßen Mündern bilden sie einen Schraubstock um meinen Kopf, durchdringen die äußere Hülle, um einen überdrehten Zappeltanz in meinem Kopf aufzuführen, der sich schon nach kurzer Zeit zu einem knorrigen Knoten verdichtet, um dann in einem kollossalen Schmerz hinter meiner Stirn zu explodieren.

 

Angst macht sich breit. Sie grummelt nun schon seit Tagen in meinen Eingeweiden. Wartet verschlagen auf ihre Gelegenheit. Jetzt ist sie gefunden. Ich will mich noch wegducken, da merke ich schon, dass sich die Wurzeln wie Tentakel von innen ausbreiten, überall finden sie Wege, die Arbeit, die Familie, soziales Netzwerk, meine Tochter, meine Mutter, meine Ehe, alles überkreuzt sich plötzlich, nichts läuft mehr in geordneten Bahnen, ein Wirrwarr an Gefühlen und Gedanken, die irgendwann ihr Ziel finden: meine Schuld. Natürlich. Was sonst. Ein Ozean, ein Fluss, eine Kette aus falschen Entscheidungen haben mich hierher geführt, in dieses Marzipanrosenhaus mit leblosen Menschen, deren Seelen seit Jahrzehnten jammern, weil sie ausgesperrt sind.

 

Keine Ahnung, wie und wann ich aus dieser Panik wieder rauskam. Vielleicht auf der Autobahn, vielleicht auf dem kleinen Fußmarsch über die Brücke, vielleicht schon bei der halben Zigarette auf Uschis Balkon.

 

Aber sie lauert. Die Angst.

 

Zu Furcht gefrorene Federn verwehen die Spuren einer schönen Zeit.

 

Die Sonne. Sie wird es richten. Das Licht kommt jetzt wieder. 

 

Fröhliche Weihnachten nachträglich...

 

08.10.2009 um 08:55 Uhr

...was die Angst sagt.

Unser alter Meister holt also tief Luft. "Angst..." man hört, dass er sich wie auf Eiern bewegt, ein sensibles Thema, weiß Gott. "Angst ist vielleicht kein Gefühl. Es ist ein Gedanke. Ein Gedanke, der Stress, Herzrasen, Schweißausbrüche und Kurzschlussreaktionen auslöst."

Ich schau ihn nachdenklich an. Joah, damit konnte ich was anfangen.

"Die damit einhergehenden Gefühle sind allesamt unangenehm." 

oha. Bis dato waren alle Gefühle gleich vor seinen meisterlichen Augen. 

"Und dadurch, dass sie von außen kommen, sind sie schlechte Ratgeber."

Ok.

"Auch ich habe Angst."

Aha.

"Und meine Erfahrung sagt, dass man sich nicht gegen sie wehren kann."

"Aber nicht wehren, heißt weglaufen!" Ich kann mich nicht zurückhalten. Der Einwurf muss sein.

Der weißhäuptige Doc schüttelt den Kopf. "Man muss das Gefühl zulassen. Vielleicht zulassen, dass es schlimmer und schlimmer wird. Ihm nachspüren, beobachten, dabei bleiben."

"Und dann?" Ich bin unzufrieden.

"Nicht tun, was die Angst sagt."

"Hä?"

"Es geht darum, das Gefühl auszuhalten und dann nicht zu tun, was die Angst sagt."

Wir schweigen alle sehr lange. Die Widersprüchlichkeit in diesen Worten waberte durch den Raum. Jeder von uns drehte sich, glaube ich, im Kreis um sich selbst. Das Gefühl aushalten. Schon mal scheiße. Und dann nicht tun, was es sagt. Dableiben. Zulassen. Dableiben.

Scheiße.

Scheißscheißescheiße.

Aber so ist es. Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es wirklich vorbei geht. Dass man dem Gefühl nachspüren kann, wie es kleiner wird und sich auflöst, dann ist der Beginn der Angst schon weniger groß im Kopf. Man kann sie ansprechen: "Holla. Da bist du wieder, altes Haus. Na dann wolllen wir mal gucken, was du heute drauf hast. Früher oder später wirst du kleiner und verschwindest wieder."

Mangelndes Vertrauen begünstigt sie, die Angst. Man denkt: Na gut. Dann mehr Vertrauen, weniger Angst. Aber so ist es nicht. Das einzige, worauf man vertrauen kann, ist, dass sie weg geht, ohne, dass man sich gegen sie wehrt. Und dafür muss man voll hineingeheh. Sich dem Gefühl ganz hingeben. Es anschauen von allen Seiten. Und das in einer üblen Stressituation. Schwierig. Schiwerig. Schwierig,

Eine Zeitlang habe ich Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Sie machten gleichgültig. Die Angst war noch da, aber ganz gedämpft. Ich konnte sie leise wimmern hören, aber das war mir egel. Die Dinger waren der Hammer. So richtig mit Suchtfaktor und so. Ich war damals so veränstigt, dass ich nach einer halben Stunde Schlaf eine davon nehmen konnte und völlig fit bis zur Nacht durch den Tag wanderte. Alles war leiser. Nicht so grell. Nicht so scharf und räumlich. 

Ich habe sie eine Woche genommen, die Dinger. Und es war gut, dass ich sie genommen habe. Ich verlor etwas, was mir unangenehm ist. Und ich verlor auch alles andere.

Meine Angst ist ein Preis. Ein Preis, den ich zahle für all die bunten Farben, die Weichheit des Grases unter meinen Füßen, die sanfte Luft auf meiner Haut, das Funkeln in den Augen der Menschen da draußen, das Lachen, die Wärme. Mein Funkeln. Mein Funkeln hat einen Preis. Es kostet Angst. Und ich weiß inzwischen, wie ich diesen Preis bezahle, ohne alles andere zu verlieren.

Schön.

Beruhigend, beängstigend schön.

Wie ich schon sagte: Widersprüche sind irrelevant.

 

30.09.2009 um 19:21 Uhr

...und nicht tun...

Stumm werden also die feinen Socken angestarrt. Ich habe den Ball und schaue mich hilflos um. Die Therapeuten ertragen ja Stille mit stoischer Gelassenheit. Ich nicht. Ich tue, was ich immer tue, wenn alle schweigen. Ich beginne zu plappern:

"Also zum Beispiel: Ein Vortrag. Ich soll einen Vortrag halten. Ich kann ZU-, aber ich kann auch ABsagen. Ist meine Sache. Ich SOLLTE ihn halten, den Vortrag, und ich WEISS auch, dass ich es KANN. Aber die Angst. Die Angst sagt nein. Das fühlt sich an, als ob ich den Vortrag nicht halten WOLLTE. Aber ich weiß AUCH, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich ihn absage.  Dann habe ich gekniffen. GeNAU das, was die Angst will. Wie widerstehe ich dieser Scheißangst?"

Man beliebt zu schweigen. Na gut, ich hab noch einen.

"Oder mein Handy. Neulich schrieb ich eine sms. Und in diesem Moment stürzte mein Handy ab. Gottseidank neben einem Handyladen. Und die sagten mir, dass irgendwas Ernstes mit der Software nicht stimmt. Und ich dachte sofort, dass sich die sms an ALLE Menschen in meinem Adressbuch versendet hat. Es war eine priVATe sms.Und mein Herz raste wie wild. Die Angst sagte: Überprüf das. Überprüf das jetzt sofort. Leih dir ein Handy. Die MÜSSEN dir ein Ersatzhandy geben, damit du wenigstens einen Menschen anrufen kannst, der dir sagen kann, ob die sms bei ihm angekommen ist. Das ist doch krank oder?"

Das rothaarige Mädchen mir gegenüber schaut plötzlich interessiert von ihren Socken hoch. "Was hast du gemacht?"

"Nun..." Ich schaue das rothaarige Mädchen mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Anspannung an. Irgendwie wollte ich gar nicht antworten. "Ich habe die bekniet, dass sie mir ein Ersatzhandy geben, dann habe ich eine Freundin angerufen und sie gefragt, ob eine sms angekommen ist."

Zwei Menschen nicken. Sie nicken mit diesem konspirativen, gemeinschaftlichen Bewusstsein. Zwei weitere starren mich misstrauisch an.

"Ich habe morgens Herzrasen." sagt jetzt leise mein Lieblingsgruppentherapiemitglied, eine quirlige Mittsechzigerin, die ungeheuer schön aussieht und schon um die halbe Welt gereist ist. Wir schauen sie schweigend an. Ich habe einen verblüfften Gesichtsausdruck, weil sie die letzte war, von der ich das erwartet habe. Wer weiß, wie verblüfft die anderen von mir waren, jedenfalls fährt sie fort: "Ich habe Angst zu sterben. Oder dass jemand aus meiner Familie stirbt. Ich wache auf udn denke, dass mich eine schlimme Nachricht erwartet. Jemand stirbt. Ich weiß es. Ich fühl es. Und dann stehe ich auf und die Angst ist erstmal wieder weg. Aber sie kommt wieder. Das ist klar."

Ich komm mir plötzlich schäbig vor mit meine Handy-Angst. Kann ich nicht wenigstens Platzangst haben? Achso, hab ich ja. Hab ich nur nicht gesagt. Das rothaarige Mädchen ergreift das Wort: "Ich kann weder Bus noch Bahn fahren. Im Auto kann ich nicht Beifahrerin sein. Es geht einfach nicht. Manchmal fahre ich doch mit der Bahn und steige nach zwei Haltestellen aus, weil ich es einfach nicht mehr aushalte."

"Ich wache nachts auf, und kann nicht wieder einschlafen."  Der schweigsame Mittvierziger. "Grübeln. Über die Arbeit. Nachts aufstehen. Mails überprüfen. Zahlen checken."

"Ich habe Angst, dass mein Mann mich betrügt." Oha. Die Grundschullehrerin. 

Leise weint rechts von mir die schöne junge Frau mit dem unglaublichen Busen.

Geständnis über Geständnis entfährt den Menschen mit den feinen Socken. 

Und ich denke: Oh Gott. Was hast du denn DA angestellt?

In ein energiegeladenes Schweigen platze ich heraus mit meinen nun noch drängenderen Fragen: "Was TUN wir denn jetzt mit der Angst? Wie gehen wir denn authentisch mit Angst um? Wie wehre ich mich gegen eine Gefühl, wenn ich mich eigentlich nicht gegen ein Gefühl wehren SOLL?"

Ich schaue im in die Augen, dem guten alten Therapeuten. Er ist blass um die Nase, aber er hält meinem Blick stand.

Er holt tief Luft. Wir auch. Nur, dass wir fast alle vor lauter Spannung vergessen, wieder auszuatmen.

 

tbc

 

 

 

11.09.2009 um 13:14 Uhr

Das Gefühl aushalten...

Es war in einer dieser unsäglichen Gruppentherapiesitzungen, als ich über mich hinauswuchs und freiwillig den blöden bunten Ball nahm und sagte: Ich habe etwas zu sagen.

Alle schauten mich an. Der gute alte Therapeut war gespannt. Vielleicht wusste er, dass ich nur spreche, wenn mir wirklich etwas auf dem Herzen liegt. Und ich? Ich sagte das folgende:

"Was ist eigentlich mit Angst?"

Schweigen.

"Ich meine... Also... Wir lernen hier authentisch mit Gefühlen umgehen. Weint, wenn ihr traurig seid, schreit, wenn ihr wütend seid, lacht, wenn ihr traurig seid. Aber was tue ich denn, wenn ich Angst habe?"

Schweigen. Blasse Gesichter starren mich an. Der Therapeut sieht mich ratlos an. Die Co-Therapeutin nickt langsam und bedächtig mit dem Kopf: "Das ist ein sehr gutes Thema."

Schweigen.

Oh. Offensichtlich nicht. Denn weiterhin starren mir diese ausdruckslosen Gesichter entgegen. Und keiner sagt etwas. Ich beginne zu stottern: "Wisst ihr, was ich meine? Wie kann man authentisch mit Angst umgehen? Wut, Freude, Trauer, das kann ich alles nachvollziehen, aber die Angst sagt: LAUF WEG. Und wenn ich diesem Gefühl nachgebe, wächst sie, die Angst, aber wenn sie wächst, geht es mir nicht gut, und wenn ich stehen bleibe, wehre ich mich gegen ein Gefühl." 

Langsame Erkenntnis macht sich auf dem Gesicht meines Therapeuten breit. Die Erkenntnis, dass ich ein GANZ heißes Eisen angepackt hatte.

Schweigen.

Vielleicht bin ich die einzige, die Angst hat, denke ich plötzlich. Vielleicht weiß keine Sau, was ich meine? Ich bekomme Angst. Keiner sagt was. Alle starren auf ihre Socken. Socken sind spannend in der Gruppentherapie. Manche tragen nur funkelniegelnagelneue, keine ausgebleichten, gern auch mal geringelt, mit corall gewaschene, aber niemals, wirklich niemals hatten sie Löcher, die Socken, auch meine nicht, obwohl ich verdammt viele Socken mit Löchern besitze. Und auch anziehe. Aber eben nicht in der Gruppentherapie.

Na, meine Güte, es kann mir doch keiner erzählen, dass DAS nichts mit Angst zu tun hat. Die Menschen HABEN doch löchrige Socken. Oder nicht?

 

tbc...