Nachtschattengedanken

17.12.2016 um 01:18 Uhr

Glück im Unglück

 

Erstaunlich, wie lange man ohne Bremsen durchs Leben rasen kann.

 

 

08.12.2014 um 00:24 Uhr

Quittungen, Dreck und andere Dinge, die sich anhäufen

Wie freu ich mich immer über diese Ablagekörbchen... Sei es auf der Arbeit oder zuhause, sie geben mir ein Gefühl von Überblick. Formschön aufeinander gestapelt erschaffen sie die perfekte Illusion von Ordnungs- und Klassifizierungswillen. Ich mag das.

Wie mit so vielen Dingen kann ich aber damit gar nicht umgehen.

Ich müll sie zu, die Ablagekörbchen. Papiere über Papierchen landen hochmotiviert aber systemfrei übereinander, später ineinander und zu guter Letzt hintereinander. Sie hatte sich stets bemüht.

Wer mich nach Rechnungen, bürokratischen Schreiben, Lohnsteuerkarten, Verträgen fragt, wird in ein verstörtes, sogar bisweilen panisches Gesicht schauen. 

Wie kann ein Mensch mit so viel Fähigkeit zum vernetzten Denken so ungeheuer unstrukturiert sein?

 

14.11.2014 um 03:04 Uhr

Happy Birthday

Als ich heute Abend mit müden Gliedern, zitterndem Herz und wieder steigenden Fieber die kleinen Plastikkerzenhalter auf der Schokoglasur des Marmorkuchens befestigte, kein Feuerzeug fand, um die winzigen Kerzen darauf anzubringen, und dann doch noch mit Streichhölzern die winzigen Wachspopos zum Schmelzen brachte, dachte ich, das sei das traurigste, was ich je in meinem Leben getan habe.
Nicht dass ich das nicht schon oft für meinen Geburtstagskuchen getan hätte. Mir fiel traurigerweise in diesem Moment ein, dass noch nie jemand für mich Kerzen auf meinem Kuchen befestigt hat. Ich hab mir das immer gewünscht. Schon als kleines Kind. Zu meinem fünften Geburtstag war das sogar mein einziger Wunsch. "Ich wünsche mir eine echte Torte. Eine mit Kerzen drauf." Ich weiß das noch so genau, weil Ramona, meine Babysitterin, damals aufgehört hat bei mir babyzusitten, weil sie eine Lehre als Konditorin angefangen hat. Naaa? Is logisch, nä? SIE lernt Konditorin und ICH wünsch mir eine Torte. Passt DAS zusammen? Mh?
Ich habe die Torte bekommen. Und es war ganz gewiss nicht Ramonas Schuld, dass keine Kerzen darauf waren, sondern kleine gelbe Marzipan-Enten. Das kann an der DDR gelegen haben. Keine kleine Kerzen zu kaufen. Was hätten sie tun sollen? Welche gießen? Gab es damals überhaupt diese winzigen Geburtstagskuchenkerzen?
Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich damals mit unermesslicher Enttäuschung auf die Torte starrte, die Ramona lächelnd hereintrug. Mein Blick wanderte durch den Raum und schaute in erwartungsvolle Erwachsenengesichter. "Freu dich." "Warum freut sie sich denn nicht?" "Jetzt sollte sie sich aber schon ein bisschen freuen." Also habe ich zur Erleichterung aller die Arme in die Luft geworfen und geschrien: "Enten! Eine Torte mit Enten!! Ich mag Enten!"
Mitnichten. Sie schmeckten süß und klebrig. Und sie waren so fröhlich gelb, mit roten Schnäbeln. Schrill waren sie. Wie ihr Geschmack.
Interessanterweise habe ich folgende Story daraus gemacht: Wie schön mein 5. Geburtstag war, weil ich eine Torte bekommen habe. Eine Torte mit gelben Marzipan-Enten. GeNAU wie ich es mir gewünscht habe.
Hä?
Ich hab dann selbst immer gedacht: Da stimmt doch was nicht. Aber es war einer der wenigen guten Taten an meinem Geburtstag. Eine der wenigen liebevollen Erinnerungen. Jemand hat etwas für mich gemacht. Mit Mühe. Es hat bestimmt lange gedauert, diese ganzen Enten zu kneten. Und überhaupt sah die Torte super aus. Enten müssen eben auch gelten. Und ich bereue NICHT, die Arme in gespielten Glück hochgerissen zu haben. Nicht für die anderen Erwachsenen, ABER für Ramona.
Nunja. Kerzen auf meinem Kuchen. Immer muss ich sie selbst draufstecken. Daran hab ich mich langsam gewöhnt.

Heute allerdings habe ich es ganz allein getan. Meine Große übernachtet woanders. Die Kleine längst am Schlafen. Der Mann, der die Kerzen auch nie draufgesteckt hat, hat mich verlassen. Der neue Lover is auch passé. Pfü...

Warum ich trotzdem die Kerzen drauf tu? Die Kleine morgen. Ich sitz mit ihr da und an Mamas Geburtstag gehören Kerzen auf den Kuchen, oder?

Jedenfalls fließt Melancholie nur so durch meine Adern, als die Stimmung plötzlich kippt. Ich habe der schweren Bronchitis heute getrotzt. Und war einkaufen. Ich halte es nämlich mit Pippi Langstrumpf und bin der Meinung, dass man an seinem Geburtstag allen Leuten etwas schenkt, die man einlädt. Also habe ich heute 10-15 kleine Geschenke gekauft. Und dass ich die alle noch einpacken soll, war eben noch ein mühsamer qualvoller Vorgang, und plötzlich finde ich es charmant. Ich suche nach einer schönen Musik, die das trägt. Denke noch an Melancholie. Aber dann fällt mir ein gebastelter Partymix in die Hände.

'I'm in Loooove with a FAIRY TAAAAALE" sing ich lauthals, während ich gepunktetes Papier um kleine Shampoos, Schokoladen, kleine Autos, Blumentöpfe und anderes wickel. "gimme, gimme, gimme" geht es weiter, und ich häng breit lächelnd eine von den Glitzergirlanden auf, wie lustig ist das denn? denk ich, ich häng mir eine Girlande auf? "Vodka, this is what I like", Popowackelnd räum ich die Geschirrspülmaschine aus, "never surrender!!!", ich streue Glitzerschmetterlinge über den Tisch. Und bei "lasse reden" kicher ich einfach ein bisschen vor mich hin.
Ich bin super drauf. Es ist 0.00. Happy Birthday. Etwas schöneres als sich selbst etwas zu geben und nicht dabei beobachtet und von niemanden bewertet zu werden, kann es doch gar nicht geben? Was will ich jemanden, der mir Kerzen auf die Torte steckt? Oder noch viel schlimmer, was will ich mit jemanden, von dem ich mir ewig erHOFFe, dass er mir Kerzen auf die Torte steckt?

Soweit so gut. Irgendwann lief dann aber WRONG.

Depeche Mode kriegt mich nicht immer, aber mit dem Lied schon. Ich grinse vorsichtig. Und drehe auf. Die Lautstärke und mich. Ich lege das gepunktete Papier beiseite. Und tanze durch mein Wohnzimmer. I was born with the wrong sign, in the wrong house... Ich hab diesen Tanzmoment. In dem alles in mir loslässt. There's something wrong with me chemically, Something wrong with me inherently, The wrong mix in the wrong genes... Die Füße bewegen sich wie von selbst, die Arme, der Kopf, alles im Rhythmus. Trotzig. Ich tanze trotzig. Und rotzig. (Lach)

Tooo long... Heißt es weiter. Wrong too long.

I took the wrong road (wrong)
That led to the wrong tendencies (too long)
I was in the wrong place at the wrong time (wrong)
or the wrong reason (too long) and the wrong rhyme
On the wrong day of (wrong) the wrong week
I used the wrong method with the wrong technique

Jetzt kommen sie hoch die Tränen. Ich tanze weiter. Und die Tränen laufen. Und so schrecklich der Schmerz auch ist, er ist auch gut.

Und sagt mal, ist DAS irre? Das Streuen, das Kichern, das Popowackeln, die Freude, der Schmerz?

Tja. So isse. Und so fucking what?

Ich hab Geburtstag. Und gratuliere mir sehr herzlich.

Oh Mist. Grad laufen die Foo Fighters: Heart's gone cold and hands are tight. Why'd you have to go and let it die?

Das kann noch heiter werden heute.

Ich bin übrigens nüchtern.

Was für ein Satz.

Muss kichern.

Und weinen.

Ach scheiß doch drauf. Darf man sich alles erlauben.

Nochmals: Alles Gute,Tante Sunny, du machst das schon super.

Ach guck: I'll build a stairway to paradise, with a new step every day...

29.07.2014 um 02:10 Uhr

Wir hätten zusammen singen können...

Ich schau dir nicht mehr in die Augen. Ich tu es seit einigen Tagen nicht mehr. Du seit einigen Jahren. Ich habe dich manchmal gezwungen. Habe gesagt: Schau mir in die Augen. Deinen Namen habe ich gesagt. Flehend. Verzweifelt. Und voller Liebe. Bitte, bitte schau mir in die Augen. Und als würde dir eine unsichtbare Macht den Kopf zur Seite drücken, hast du dich mir zugewandt, voller Abneigung, voller Widerstand. Und dann sind deine grauen Augen in meine blauen eingetaucht. Kurz nur. Für eine Sekunde oder zwei. Und ich hatte nie viel Zeit in ihnen zu lesen. Aber darin war eine schreckliche und fatale Zerrissenheit. Bestimmt war da noch mehr. Aber mich hast du immer nur diese Zerrissenheit spüren lassen. Und dann hattest du diesen Rolläden-Trick. Du hast ihn schon angewendet, bevor wir zusammenkamen. Ich versuchte dich mit all meiner Intensität zu treffen und du hast die Schotten dicht gemacht. Faszinierend fand ich das. Und war mir sicher, dass du irgendwann aufmachen wirst.

Ich war mir auch immer sicher, dass diese Zerrissenheit nicht mir persönlich gilt. Dass es dein Inneres Ich betrifft, das du schützt, das du nicht preisgeben willst. Aus Angst. Aus Unsicherheit.

Ich dachte tatsächlich, dass ich zu dir durchdringen werde. Dass ich dein Vertrauen gewinne. Dass ich dich so sehr lieben werde, so sehr, dass du nicht anders können würdest, als auch deine Liebe zu mir zuzulassen. Und dass sie vorhanden ist, daran habe ich nie wirklich gezweifelt. Ein zerrissener Mann, der der Heilung bedarf. Wer hätte besser geeignet sein können als ich? Dich aufzutauen. Du Eisprinz. Du Machine Man. Du gebrochene Seele. Du Held in der Festung. Das Heldenlied... Ich habe mein schönstes Gedicht für dich geschrieben. Damals. Als du hier im Blog über eine andere Frau schriebst. Über den Sternenschein auf ihren Brüsten damals in Florenz. Und währenddessen war ich in Berlin arbeiten und schrieb dir tagelang ein Gedicht, was länger und länger wurde. Und dann wusste ich nicht recht, wie ich es enden lassen soll. Und schaute mal hier rein. Was du hier in meiner Abwesenheit so schreibst. Und was schriebst du? Über die Brüste einer anderen Frau. Im Sternenschein der frühen Neunziger....

Und so lautete die Strophe, die ich weinend im Zug nach Hause schrieb:

vielleicht kommt es anders
herzlos und kalt
grausam der prinz
hört wie es schallt
hört der prinzessin klage im sturm
bleib mein prinz bleibe
gefangen im turm

Und als du mich vom Bahnhof abholtest, mit einer Sonnenblume in der Hand, einen Tag vor deinem Geburtstag, für den dieses Gedicht gedacht war, da schossen sie wieder in meine Augen, die Tränen. Ich schaute dich an. Und fragte nach diesem Text. Nicht sauer. Traurig. Ich wollte es verstehen. Und du sagtest nichts dazu. So gut wie nichts. Du fandest es albern, dass ich so getroffen war. Und ich fand mich dann selbst irgendwann albern. Aber wie weh das getan hatte, das WAR nicht albern. Du wusstest, dass ich das lese. Hattest mir eine Liebeserklärung versprochen. Weil du deine Liebe nicht so gut zeigen kannst. Es wird was kommen, hast du gesagt. Schriftlich. Ich werde dir etwas schreiben. Und dann schreibst du über deine große Liebe aus Florenz? Hier, wo ich auch lese und schreibe? Du konntest, wolltest wahrscheinlich nicht sehen, warum es mich verletzt. Und wie tief. Wütend angesehen hast du mich. Nein. Du hast mich nicht angesehen. Du hast wütend an mir vorbeigeschaut. Ich konnte es kaum ertragen. Und irgendwann sind wir nach Hause gegangen. In unser Zuhause. Und ich kam mir so falsch vor. So fehl am Platz an deiner Seite. Du hast mich nicht angesehen. Meine Augen standen voller Tränen. Die ganze Zeit. Du hast es nicht gesehen. Wolltest es nicht sehen. In meinem Hals ein so dicker Kloß. Nimm meine Hand. Dachte ich. Nimm mich in den Arm. Flehte ich. Stumm. Und: Sieh mich doch an. Sieh mich doch nur einmal wirklich an.

Hast du nicht. Du hast mich glaube ich niemals wirklich angesehen. Wohl begründet mit deiner inneren Zerrissenheit. Aber als wir damals zuhause waren, hast du dein Blog gelöscht. Unwiderruflich. Zwei Jahre Texte. Mehr oder weniger tägliche Texte. Alle weg. Oh, wie warst du wütend. Wütend hast du auf den Löschenknopf gedrückt. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dich ängstlich aus den Augenwinkeln beobachtet habe und dachte: Das wird er doch jetzt nicht tun. Das hilft doch jetzt niemandem. Und dann bist du aufgesprungen.  So aggressiv. So feindselig. Und du standst auf dem Balkon. Trankst Bier, während du grimmig in die Nacht starrtest. Und ich weiß auch nicht, warum ich mich nur noch so zaghaft an dich rantraute. Ich war es doch, die verletzt war. Und doch tippte ich dich ganz sanft, ganz leise an. Und du hast nichts mehr gesagt. Und auch in den darauf folgenden Wochen und Monaten nicht. "Ich habs doch gelöscht." hast du wieder und wieder gesagt. "Das MUSS doch reichen."

Ich hab dir das Heldenlied einen Tag später an deinem Geburtstag vorgelesen. Mir kam die letzte Strophe für eine letzte Strophe zu hart vor. Ich hing noch eine weitere an:

doch hörst du den wind
und wirst teil von dem sturm
naht das ende der festung
wird zum kerker der turm
der prinz wird verzagen
der held wird ihn sprengen
sei beides und lausche
den heldengesängen

Und viel besser hätte man meine Hoffnung gar nicht auf den Punkt bringen können. Meinen tiefen Glauben, dass in dir beides steckt. Der ängstliche Prinz, in dem ein furchtloser Held verborgen ist, der irgendwann die Fesseln abwirft, zerreißt, der entfesselt vor mir steht. Und dann hättest du mir nichts mehr sagen müssen. Nichts mehr tun müssen. Du hättest mich nur ansehen müssen. Nur einmal länger als diese ein bis zwei Sekunden unsere Augen verschmelzen lassen müssen. Und wir hätten uns einfach nur geliebt. Wie sehr man noch ein kleines Mädchen sein kann zwischen dreißig und vierzig. Meine Güte, wie kitschig. Meine Güte, wie trivial. Meine Güte, wie dumm.

Dass du tatsächlich keines von beidem bist, weder mein Prinz, noch mein Held, darauf bin ich damals einfach nicht gekommen. Und so habe ich die nächsten acht Jahre damit verbracht, in deinen Augen nach etwas zu suchen, was schlicht nicht da war. Du warst nur zu feige, mich anzusehen. Zu feige, es mir zu sagen. Was du suchst, ist nicht da. Ich liebe dich nicht.

Das Gedicht lag monatelang unberührt auf deinem Schreibtisch. Ich habe es irgendwann weggenommen. Du hast nie wieder danach gefragt. Du hast es bis heute nicht noch einmal gelesen. Noch nicht einmal daran gedacht. Ich habe dich danach gefragt. Du warst noch nicht mal mitfühlend genug, um zu lügen.

Aber wie hätte ich all den Menschen glauben können, die mich gewarnt haben? Die mich zweifelnd angesehen haben, wenn ich von uns erzählt habe? Wie hätte ich dich loslassen können ohne ein endgültiges Nein von dir?

Du sagtest immer wieder: Es ist alles da. Alles in mir drin. Ich habe meine Liebe für dich eingesperrt, ich kann sie nur nicht hinauslassen. Ich habe dir geglaubt. Und daran, dass wir eines Tages singen werden. Voller Freude. Unsere Stimmen harmonieren. Eines Tages haben wir das gezeigt auf dieser dämlichen Karaoke-Party, bei der du am Ende betrunken Tische umgeworfen und mit der seltsamen Frau Emailadressen ausgetauscht hast. Ich habe dir zugesehen. Voller Ergebenheit. Weil ich der festen Überzeugung war, dass ich trotz all dieser Grausam- und Achtlosigkeiten die EINE für dich bin. Die Mutter deiner Kinder. Die, die deinen Humor versteht. Die sich in deiner zerrissenen Seele zurechtfindet. Die dich versteht und dir verzeihen kann. Immer und immer wieder. Voller Wärme und voller Innigkeit. Weil ich dich kenne. Auch wenn du mir nicht in die Augen gesehen hast. Ich kannte dich.

Hast du mich gesehen? Manchmal. Hast du gesagt. Manchmal, da hast du mich verliebt angesehen. Wenn ich es nicht bemerkt habe. Wenn wir auf Partys waren. Und ich getanzt habe. Oder mit anderen Menschen gesprochen. Oder mit unserm Kind gespielt. Dann, wenn ich es nicht bemerkt habe...

Einmal hast du mir eine betrunkene Liebeserklärung gemacht. Und ich habe sie mir hernach unzählige Male durchgelesen und wieder und wieder vor Augen geführt. Wir sind schweigend durch die Hitze zu dieser Hochzeit gefahren. Vorher hatte ich mit dir gestritten. Ich mit dir. Du nicht mit mir. Wir haben uns nie gestritten. Ich war es, die gestritten hat. Gekämpft. Genörgelt. Gefleht. Gelächelt. Gefühlt. Geweint. Gelacht. Ich hab mit all meinem Innern, all meinem Herzen, meiner Seele, meinem Körper, meinem Geist, allem, was mir zur Verfügung stand versucht, dich zu erreichen. Zu dir durchzudringen. Dich mit mir zu vereinen. Es ist mir nicht gelungen. Nie.

Wir hatten unsere Momente. Momente, in denen ich uns tatsächlich zusammen singen hörte. Zusammen aus tiefem Herzen lachen. Ich hab mir das so gewünscht. Mit dir aus tiefstem Grund zu weinen. Dich fest im Arm halten zu dürfen. Mich in deine fallen zu lassen. Mit dir zu reden. Über mich. Dich. Das Leben. Ich hab mir gewünscht, mich nach dir zu sehnen. Und deine Sehnsucht zu spüren. Dass wir nach längerer Trennung aufeinander zu laufen. Oder einfach nur langsam gehen. Mit irgendeiner Art von Intensität. Oder Vertrautheit. Oder Verbundenheit. Aber sie kamen einfach nicht, diese Momente.

Bitte geh nicht fort, habe ich vor einigen Jahren voller Verzweiflung gedacht. Und gehört. Und gesagt. Ne me quitte pas. If you go away, on this summer's day, you might as well take the sun away... Was habe ich damals Tränen vergossen. So bitter. So tief in meiner Kehle vergraben. So bittere schmerzende Tränen. Und ich habe dieses Lied gehört. Dieses verzweifelte Flehen, dieses Betteln gehört. Und ich hab die Welt nicht mehr verstanden. Wie hätte ich es auch verstehen können? Du hast gesagt, es ist zu Ende. Du hast gesagt, du liebst mich nicht mehr. Du hast gesagt, du gehst. Aber du BIST nicht gegangen. Du hast es all die Jahre vorher und nachher gezeigt, dass du nicht bleiben willst. Dass es dich etwas kostet, zu bleiben. Dass ich dankbar sein muss, dass du diese Tage und Nächte an meiner Seite ausharrst. Aber gegangen? Gegangen bist du nicht. Wieder und wieder habe ich dich gefragt. Und wurde ahnungslos und verunsichert zurückgelassen. Ich weiß es nicht. With or without you. Ich kann nicht richtig bei dir sein. Aber ich gehe auch nicht.

Ich dachte, dich hält etwas, das mit mir zu tun hat. Aber heute sehe ich nur zwei Dinge, die dich aufgehalten haben: Feigheit und Bequemlichkeit. Die Kinder? Ja. Vielleicht auch die Kinder.

Und so habe ich nun weit über acht Jahre um deine Liebe gebuhlt. But if you stay, i make you a day, like no day have been or will be again...

Ich habe es versucht. Mit allen Mitteln. Nicht nur mit Bettelei. Auch mit Wut. Mit Tränen. Verständnis. Vorwürfen. Resignation. Gleichgültigkeit. Coolness. Erhabenheit. Vernunft. Ich habe es mit Nähe und Distanz versucht. Ich habe dich gesucht. Gesucht. Gesucht.

And I'd been the shadow of your shadow if you might have kept me by your side...

Und nun? Nun sind wir wieder an diesem einem Punkt. Dieses Mal habe ich nicht locker gelassen. Ich habe kein Vielleicht akzeptiert. Kein 'Ich kann nicht." Kein 'Im Moment nicht.' Kein 'Ich kann es nicht ausdrücken.' Ich habe nochmal alles in die Waagschale geworfen. Und dir in die Augen gesehen. Und dort war nichts. Du bist mir ausgewichen. Und ich habe dich wochenlang gefragt. Wochenlang nach dir gefahndet. Nach unserem Glück. Nach unserer Verbundenheit. Und da war...

... nichts.

Und irgendwann, ja irgendwann musstest du meiner Hartnäckigkeit nachgeben. Und du hast es herausgestottert: 'Ja... So wie du es darstellst, ist es nicht genug.' So, wie ICH es darstelle? Ja, sag mal, tickst du noch einigermaßen richtig? 13 Jahre gibst du einfach so auf mit den Worten: So wie du es darstellst, ist es nicht genug? Du bist nach diesem Satz eingeschlafen. Und am nächsten Tag meinem Blick ausgewichen.

Und jetzt? Jetzt bleibst du immer noch. Du gehst nicht. Du sagst nichts. Wir sollen einfach weitermachen. So tun, als gäbe es diesen Abgrund nicht. Du hast nicht gefragt, wie es mir geht. Du bittest mich nach wie vor um Geld. Und weichst feige meinem Blick aus. Weil du nicht sehen willst, was es darin zu entdecken gibt. Feige. Feige. Feige.

Achtlos. Lieblos. Tot.

Und wieder mal ist es ein Song von Emiliana Torrini, der mich entdeckt hat. Du hast es bei aller Blöße, die ich mir mittlerweile gegeben habe, nicht getan. Ich werde dir nicht mehr in die Augen schauen. Dabei hätten wir zusammen singen können...

 

 

 

13.03.2012 um 23:08 Uhr

Noch ein Spruch der Woche

Du hast verstanden? 

Du hast verziehen?

Du hast vergessen?

Welch ein Mißverständnis! Du hast nur aufgehört zu lieben.

Arthur Schnitzler
 
 

 

 

 

21.10.2010 um 23:08 Uhr

Warum Prinzessinnen nicht pupsen, und Ikonen sich ab und zu am Arsch kratzen sollten.

Schöner Titel, der Text folgt.

01.05.2010 um 01:06 Uhr

allein so klein

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht anders kann... Kann ich nur allein? Kenne ich nur Alleinsein? Allein sein ist kein Zustand, sagt mein indischer freundlicher Geist. Allein sein ist eine Eigenschaft, sagt er.

Und jetzt?

Das seltsame ist, dass diese Eigenschaft nicht so weh tut, wenn wirklich niemand da ist. Je mehr um mich herum schwirren, umso mehr wächst das Alleinsein. Zum Alleinsein kommt das Kleinsein. 

Ist es Alleinfühlen? Und Kleinfühlen?

Lauere ich auf jede Gelegenheit, allein gelassen zu werden? Will ich verlassen sein? Mache ich es den Menschen so leicht, mich zu verlassen?  Tun sie es am Ende gar nicht?

Erst im vollständigen Alleinsein verlässt mich die Angst verlassen zu werden.

Ihr weicht zurück, weil ich euch verscheuche. Wenn ich das sehe, warum seht ihr es dann nicht?

 

22.04.2010 um 08:48 Uhr

Das Licht geht aus

Und wieder spür ich, wie langsam um mich herum das Licht ausgeht. Müde. Schwerfällig. Mutlos. Das hatte ich lange nicht mehr. Das Licht geht aus. Die Traurigkeit verlässt mich. Keine Tränen.

Ich schalte ab. 

21.04.2010 um 11:36 Uhr

indischer freundlicher geist

ich bin traurig. ich bin todtraurig und ich versinke in einem dunklen see. langsam sinke ich tiefer und tiefer hinab, so wie du es mich gelehrt hast, indischer geist. ich sinke auf den tiefsten grund meiner traurigkeit. du lehrst mich, dass dies ein moment ist. und in der nächsten sekunde, minute, stunde, morgen werden neue kommen und sie lösen sich ab, diese momente, und ich muss nichts fürchten, denn ich habe nichts verloren, denn in mir ist alles vorhanden, was ich brauche, um die momente kommen und gehen zu lassen.

es gibt keine kausalen ketten. es gibt keine verbindungen zwischen dem jetzt, dem gestern und dem morgen. es ist losgelöst. ich bin losgelöst. ich bin heute. 

05.02.2010 um 12:49 Uhr

eben nicht eisberg...

da war mir kein wort eingefallen.

ich wollte so ein richtig scharfes spitzes wort.

und mich danach mal so richtig schön selbst auf die schippe nehmen.

aber dazu kam es nicht...

29.12.2009 um 00:33 Uhr

Fröhliche Weihnachten nachträglich...

In einem rosa gerüschten Wohnzimmer sitze ich auf einem schneeweißem Sofa. Um mich herum ein Meer von erzgebirgischen Weihnachtsschmuck. Ein Plüschelch singt Jingle Bells und Uschi meine Stiefschwiegermutter gibt in Begleitung einer sich drehenden Porzellanballerina Stille Nacht Heilige Nacht zum Besten. Dass mir das Atmen schwer fällt, ist normal in diesen Tagen. Dass aber selbst die bescheidene Luftzufuhr durch die Nase, die ich mir in großen Abständen zu gönnen imstande bin, versiegt, weil die ganze Wohnung weihrauchgeschwängert ist, hat zur Folge, dass mir inmitten von unglücklichen Menschen, die sich gegenseitig seltsam geformte Päckchen aus der Hand reißen, kotzübel wird.

Nach einigen Minuten kniendem Nachluftringen auf dem rosa Plüsch der parfümflaschenübersäten Toilette taumel ich gegen den tüllbehangenen Weihnachtsbaum. Gern hätte ich das golddurchwirkte Kissen auf dem cremefarbenen Sessel vollgekotzt. Ich habe es mir unter allergrößter Anstrengung verkniffen. Man sieht mich auf meinem Weg zurück zum Sofa kurz indigniert an und schweigt. Leider schweigt man nicht weiter. Leider plappern nun alle durcheinander. Tausende von Wörtern irren durch den Raum, verbrennen sich am Kerzenlicht, ecken an Stuhlkanten an, legen sich auf dem mintgrünen Teppich zur Ruhe, um von dort wieder aufgewirbelt zu werden und gegen meine Schläfen zu krachen. All die sinnlosen Wörter. Zusammen mit den kalten Blicken aus toten Augen über bittersüßen Mündern bilden sie einen Schraubstock um meinen Kopf, durchdringen die äußere Hülle, um einen überdrehten Zappeltanz in meinem Kopf aufzuführen, der sich schon nach kurzer Zeit zu einem knorrigen Knoten verdichtet, um dann in einem kollossalen Schmerz hinter meiner Stirn zu explodieren.

 

Angst macht sich breit. Sie grummelt nun schon seit Tagen in meinen Eingeweiden. Wartet verschlagen auf ihre Gelegenheit. Jetzt ist sie gefunden. Ich will mich noch wegducken, da merke ich schon, dass sich die Wurzeln wie Tentakel von innen ausbreiten, überall finden sie Wege, die Arbeit, die Familie, soziales Netzwerk, meine Tochter, meine Mutter, meine Ehe, alles überkreuzt sich plötzlich, nichts läuft mehr in geordneten Bahnen, ein Wirrwarr an Gefühlen und Gedanken, die irgendwann ihr Ziel finden: meine Schuld. Natürlich. Was sonst. Ein Ozean, ein Fluss, eine Kette aus falschen Entscheidungen haben mich hierher geführt, in dieses Marzipanrosenhaus mit leblosen Menschen, deren Seelen seit Jahrzehnten jammern, weil sie ausgesperrt sind.

 

Keine Ahnung, wie und wann ich aus dieser Panik wieder rauskam. Vielleicht auf der Autobahn, vielleicht auf dem kleinen Fußmarsch über die Brücke, vielleicht schon bei der halben Zigarette auf Uschis Balkon.

 

Aber sie lauert. Die Angst.

 

Zu Furcht gefrorene Federn verwehen die Spuren einer schönen Zeit.

 

Die Sonne. Sie wird es richten. Das Licht kommt jetzt wieder. 

 

Fröhliche Weihnachten nachträglich...

 

08.10.2009 um 08:55 Uhr

...was die Angst sagt.

Unser alter Meister holt also tief Luft. "Angst..." man hört, dass er sich wie auf Eiern bewegt, ein sensibles Thema, weiß Gott. "Angst ist vielleicht kein Gefühl. Es ist ein Gedanke. Ein Gedanke, der Stress, Herzrasen, Schweißausbrüche und Kurzschlussreaktionen auslöst."

Ich schau ihn nachdenklich an. Joah, damit konnte ich was anfangen.

"Die damit einhergehenden Gefühle sind allesamt unangenehm." 

oha. Bis dato waren alle Gefühle gleich vor seinen meisterlichen Augen. 

"Und dadurch, dass sie von außen kommen, sind sie schlechte Ratgeber."

Ok.

"Auch ich habe Angst."

Aha.

"Und meine Erfahrung sagt, dass man sich nicht gegen sie wehren kann."

"Aber nicht wehren, heißt weglaufen!" Ich kann mich nicht zurückhalten. Der Einwurf muss sein.

Der weißhäuptige Doc schüttelt den Kopf. "Man muss das Gefühl zulassen. Vielleicht zulassen, dass es schlimmer und schlimmer wird. Ihm nachspüren, beobachten, dabei bleiben."

"Und dann?" Ich bin unzufrieden.

"Nicht tun, was die Angst sagt."

"Hä?"

"Es geht darum, das Gefühl auszuhalten und dann nicht zu tun, was die Angst sagt."

Wir schweigen alle sehr lange. Die Widersprüchlichkeit in diesen Worten waberte durch den Raum. Jeder von uns drehte sich, glaube ich, im Kreis um sich selbst. Das Gefühl aushalten. Schon mal scheiße. Und dann nicht tun, was es sagt. Dableiben. Zulassen. Dableiben.

Scheiße.

Scheißscheißescheiße.

Aber so ist es. Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es wirklich vorbei geht. Dass man dem Gefühl nachspüren kann, wie es kleiner wird und sich auflöst, dann ist der Beginn der Angst schon weniger groß im Kopf. Man kann sie ansprechen: "Holla. Da bist du wieder, altes Haus. Na dann wolllen wir mal gucken, was du heute drauf hast. Früher oder später wirst du kleiner und verschwindest wieder."

Mangelndes Vertrauen begünstigt sie, die Angst. Man denkt: Na gut. Dann mehr Vertrauen, weniger Angst. Aber so ist es nicht. Das einzige, worauf man vertrauen kann, ist, dass sie weg geht, ohne, dass man sich gegen sie wehrt. Und dafür muss man voll hineingeheh. Sich dem Gefühl ganz hingeben. Es anschauen von allen Seiten. Und das in einer üblen Stressituation. Schwierig. Schiwerig. Schwierig,

Eine Zeitlang habe ich Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Sie machten gleichgültig. Die Angst war noch da, aber ganz gedämpft. Ich konnte sie leise wimmern hören, aber das war mir egel. Die Dinger waren der Hammer. So richtig mit Suchtfaktor und so. Ich war damals so veränstigt, dass ich nach einer halben Stunde Schlaf eine davon nehmen konnte und völlig fit bis zur Nacht durch den Tag wanderte. Alles war leiser. Nicht so grell. Nicht so scharf und räumlich. 

Ich habe sie eine Woche genommen, die Dinger. Und es war gut, dass ich sie genommen habe. Ich verlor etwas, was mir unangenehm ist. Und ich verlor auch alles andere.

Meine Angst ist ein Preis. Ein Preis, den ich zahle für all die bunten Farben, die Weichheit des Grases unter meinen Füßen, die sanfte Luft auf meiner Haut, das Funkeln in den Augen der Menschen da draußen, das Lachen, die Wärme. Mein Funkeln. Mein Funkeln hat einen Preis. Es kostet Angst. Und ich weiß inzwischen, wie ich diesen Preis bezahle, ohne alles andere zu verlieren.

Schön.

Beruhigend, beängstigend schön.

Wie ich schon sagte: Widersprüche sind irrelevant.

 

30.09.2009 um 19:21 Uhr

...und nicht tun...

Stumm werden also die feinen Socken angestarrt. Ich habe den Ball und schaue mich hilflos um. Die Therapeuten ertragen ja Stille mit stoischer Gelassenheit. Ich nicht. Ich tue, was ich immer tue, wenn alle schweigen. Ich beginne zu plappern:

"Also zum Beispiel: Ein Vortrag. Ich soll einen Vortrag halten. Ich kann ZU-, aber ich kann auch ABsagen. Ist meine Sache. Ich SOLLTE ihn halten, den Vortrag, und ich WEISS auch, dass ich es KANN. Aber die Angst. Die Angst sagt nein. Das fühlt sich an, als ob ich den Vortrag nicht halten WOLLTE. Aber ich weiß AUCH, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich ihn absage.  Dann habe ich gekniffen. GeNAU das, was die Angst will. Wie widerstehe ich dieser Scheißangst?"

Man beliebt zu schweigen. Na gut, ich hab noch einen.

"Oder mein Handy. Neulich schrieb ich eine sms. Und in diesem Moment stürzte mein Handy ab. Gottseidank neben einem Handyladen. Und die sagten mir, dass irgendwas Ernstes mit der Software nicht stimmt. Und ich dachte sofort, dass sich die sms an ALLE Menschen in meinem Adressbuch versendet hat. Es war eine priVATe sms.Und mein Herz raste wie wild. Die Angst sagte: Überprüf das. Überprüf das jetzt sofort. Leih dir ein Handy. Die MÜSSEN dir ein Ersatzhandy geben, damit du wenigstens einen Menschen anrufen kannst, der dir sagen kann, ob die sms bei ihm angekommen ist. Das ist doch krank oder?"

Das rothaarige Mädchen mir gegenüber schaut plötzlich interessiert von ihren Socken hoch. "Was hast du gemacht?"

"Nun..." Ich schaue das rothaarige Mädchen mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Anspannung an. Irgendwie wollte ich gar nicht antworten. "Ich habe die bekniet, dass sie mir ein Ersatzhandy geben, dann habe ich eine Freundin angerufen und sie gefragt, ob eine sms angekommen ist."

Zwei Menschen nicken. Sie nicken mit diesem konspirativen, gemeinschaftlichen Bewusstsein. Zwei weitere starren mich misstrauisch an.

"Ich habe morgens Herzrasen." sagt jetzt leise mein Lieblingsgruppentherapiemitglied, eine quirlige Mittsechzigerin, die ungeheuer schön aussieht und schon um die halbe Welt gereist ist. Wir schauen sie schweigend an. Ich habe einen verblüfften Gesichtsausdruck, weil sie die letzte war, von der ich das erwartet habe. Wer weiß, wie verblüfft die anderen von mir waren, jedenfalls fährt sie fort: "Ich habe Angst zu sterben. Oder dass jemand aus meiner Familie stirbt. Ich wache auf udn denke, dass mich eine schlimme Nachricht erwartet. Jemand stirbt. Ich weiß es. Ich fühl es. Und dann stehe ich auf und die Angst ist erstmal wieder weg. Aber sie kommt wieder. Das ist klar."

Ich komm mir plötzlich schäbig vor mit meine Handy-Angst. Kann ich nicht wenigstens Platzangst haben? Achso, hab ich ja. Hab ich nur nicht gesagt. Das rothaarige Mädchen ergreift das Wort: "Ich kann weder Bus noch Bahn fahren. Im Auto kann ich nicht Beifahrerin sein. Es geht einfach nicht. Manchmal fahre ich doch mit der Bahn und steige nach zwei Haltestellen aus, weil ich es einfach nicht mehr aushalte."

"Ich wache nachts auf, und kann nicht wieder einschlafen."  Der schweigsame Mittvierziger. "Grübeln. Über die Arbeit. Nachts aufstehen. Mails überprüfen. Zahlen checken."

"Ich habe Angst, dass mein Mann mich betrügt." Oha. Die Grundschullehrerin. 

Leise weint rechts von mir die schöne junge Frau mit dem unglaublichen Busen.

Geständnis über Geständnis entfährt den Menschen mit den feinen Socken. 

Und ich denke: Oh Gott. Was hast du denn DA angestellt?

In ein energiegeladenes Schweigen platze ich heraus mit meinen nun noch drängenderen Fragen: "Was TUN wir denn jetzt mit der Angst? Wie gehen wir denn authentisch mit Angst um? Wie wehre ich mich gegen eine Gefühl, wenn ich mich eigentlich nicht gegen ein Gefühl wehren SOLL?"

Ich schaue im in die Augen, dem guten alten Therapeuten. Er ist blass um die Nase, aber er hält meinem Blick stand.

Er holt tief Luft. Wir auch. Nur, dass wir fast alle vor lauter Spannung vergessen, wieder auszuatmen.

 

tbc

 

 

 

11.09.2009 um 13:14 Uhr

Das Gefühl aushalten...

Es war in einer dieser unsäglichen Gruppentherapiesitzungen, als ich über mich hinauswuchs und freiwillig den blöden bunten Ball nahm und sagte: Ich habe etwas zu sagen.

Alle schauten mich an. Der gute alte Therapeut war gespannt. Vielleicht wusste er, dass ich nur spreche, wenn mir wirklich etwas auf dem Herzen liegt. Und ich? Ich sagte das folgende:

"Was ist eigentlich mit Angst?"

Schweigen.

"Ich meine... Also... Wir lernen hier authentisch mit Gefühlen umgehen. Weint, wenn ihr traurig seid, schreit, wenn ihr wütend seid, lacht, wenn ihr traurig seid. Aber was tue ich denn, wenn ich Angst habe?"

Schweigen. Blasse Gesichter starren mich an. Der Therapeut sieht mich ratlos an. Die Co-Therapeutin nickt langsam und bedächtig mit dem Kopf: "Das ist ein sehr gutes Thema."

Schweigen.

Oh. Offensichtlich nicht. Denn weiterhin starren mir diese ausdruckslosen Gesichter entgegen. Und keiner sagt etwas. Ich beginne zu stottern: "Wisst ihr, was ich meine? Wie kann man authentisch mit Angst umgehen? Wut, Freude, Trauer, das kann ich alles nachvollziehen, aber die Angst sagt: LAUF WEG. Und wenn ich diesem Gefühl nachgebe, wächst sie, die Angst, aber wenn sie wächst, geht es mir nicht gut, und wenn ich stehen bleibe, wehre ich mich gegen ein Gefühl." 

Langsame Erkenntnis macht sich auf dem Gesicht meines Therapeuten breit. Die Erkenntnis, dass ich ein GANZ heißes Eisen angepackt hatte.

Schweigen.

Vielleicht bin ich die einzige, die Angst hat, denke ich plötzlich. Vielleicht weiß keine Sau, was ich meine? Ich bekomme Angst. Keiner sagt was. Alle starren auf ihre Socken. Socken sind spannend in der Gruppentherapie. Manche tragen nur funkelniegelnagelneue, keine ausgebleichten, gern auch mal geringelt, mit corall gewaschene, aber niemals, wirklich niemals hatten sie Löcher, die Socken, auch meine nicht, obwohl ich verdammt viele Socken mit Löchern besitze. Und auch anziehe. Aber eben nicht in der Gruppentherapie.

Na, meine Güte, es kann mir doch keiner erzählen, dass DAS nichts mit Angst zu tun hat. Die Menschen HABEN doch löchrige Socken. Oder nicht?

 

tbc...

 

01.06.2009 um 10:53 Uhr

Der Ernst der Lage

Fast ein halbes Jahr bin ich ohne Einträge hier ausgekommen. Ich hatte diesen Blog für Notfälle eingerichtet. Lange Zeit war nahezu jeder zweite Tag ein Notfalltag. Der Ernstfall? Täglich. Gewohnheit. Mit dem Ernstfall konnte ich leben. Notfälle waren unangenehm. Katastrophen waren, was sie eben waren. Überrascht haben sie mich jedenfalls nicht. Ich war stets gut vorbereitet.

Und jetzt? Das Leben ist kein Ernstfall mehr. Und ich? Ich auch nicht. Meine Umgebung ist es nicht. Die Umstände erst recht nicht. Der Ernst der Lage? Ach hört mir auf. Ich bin nicht im Krieg. Und sollte ich es dennoch irgendwann sein, werde ich mich anpassen.

Was für eine Leere sich zunächst eröffnet, wenn man das begreift. Verdammt, womit soll ich mich denn beschäftigen, wenn nicht mit all diesen Abwehr- und Angriffsstrategien, mit dem Kreisen um das nächste Worst Case Scenario, wo auch immer es sich befindet?

Und dann noch ein Umdenken: Es ist keine Leere. Es ist Raum. Wat? Raum? Jawohl. Raum. Raum für mich, für Farben, Bilder, Menschen, Gerüche, Musik, nach meinem Geschmack

Irgendwann wurde ich aus der Therapie als 'geheilt' entlassen. Naja, meine Stunden liefen auch aus und selber bezahlen kam nicht in Frage. Die erste Therapie-Etappe beendete der Therapeut mit den Worten: "Es ist auch besser, irgendwann alleine zu gehen. Immer eine Stütze zu benötigen, ist nicht gesund." "Hä? welche Stütze?" dachte ich, und schaute ihn etwas indigniert an. Die zweite Therapie-Etappe war wesentlich intensiver und endete mit den Worten: "Du kannst gehen." Da heulte ich wie ein Schlosshund, und apropos: Ich fühlte mich wie ein wildes Tier, das man zwischendurch aufgepeppelt hat und nun wieder huschhusch in den Wald entließ. "Wohin bloß, wohin mit mir?" dachte ich. Bis es mir grad einfiel: Ab in den Wald. Mit ein paar wehen Blicken zurück habe ich mich in die Büsche geschlagen. Und siehe: Die Lage war nicht ernst. Zum ersten Mal nahm ich die grünen Blätter war, die Wärme der Sonne, den Regen, die Kälte des Windes. Zum ersten Mal dachte ich über mich als einen Teil des Ganzen nach. Kein hilfloser, verbannter Sonderling, sondern ich, atmend, denkend, essend, trinkend, liebend, stark und verletzbar, wie alle anderen, ein Teil des Ganzen.

Irgendwann bei einer kleinen Stippvisite im therapeutischen Rahmen fragte ich verschlagen nach dem Begriff 'geheilt'. Der Therapeut lachte. "Ach, geheilt, was soll das schon heißen. Probleme wird dat immer geben..."

Ich musste ebenfalls lachen. Ich bin froh, ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh, dass ich nie das Gefühl vermittelt bekam, krank zu sein. Ich hatte Probleme. Ja. Hatte ich. Aber wie nennt man die zu den Problemen gehörige Krankheit? Mh? Meine Diagnose, Herr Doktor? Na? Der Therapeut verweigerte. Unerbittlich. So wie er jedwede Wertung verweigerte. Irgendwann entfleuchte ihm der ein oder andere Fachbegriff, aber da hatte ich Gottoderwemauchimmerseidank nicht mehr das Bedürfnis nachzulesen, was sich dahinter verbirgt. Neulich tat ich es dennoch. Aus reiner Langeweile, vermute ich. Vielleicht aber auch, weil etwas in mir mein Leid nicht wirklich loslassen wollte. Ich wollte vielleicht doch nochmal sehen, wie ernst die Lage war, wie ernst sie vielleicht noch ist.

Und wisst ihr was? Ich habe Tränen gelacht. Was ich nicht alles war. Was nicht alles plötzlich auf mich zutraf. Auf beiden Gleisen wanderte ich entlang. Zu einem Teil zutiefst fasziniert, wie besonders, wie gefährdet, wie schwer zu behandeln ich war. Zum anderen extrem belustigt über die Kategorien, es war ein bisschen wie bei einem Horoskop, alles konnte zutreffen, wenn ich es nur für mich zurecht bog.

Ob ich keine Probleme mehr habe? Ob ich jetzt gesund bin? Ach. Hört doch auf. Ich stimme ihm zu, meinem Therapeuten: Was soll das schon heißen? Ich wurde nach beiden Therapie-Etappen gefragt, was ich für mich aus der Therapie bisher habe an Erkenntnissen ziehen können. Die erste Antwort lautete: Ich kann nicht mehr sein, als die Summe meiner Teile. Die zweite: Es ist beruhigend, aus so immens vielen Teilen zu bestehen.

Und mit denen gilt es zu leben. Krank? Krank = schlecht? Weg damit? Quatsch! Es geht nicht weg. Es bleibt. Gut so. Das bin ich. Auf! Huschhusch! Ab in den Wald...

 

 

12.12.2008 um 00:22 Uhr

Tränen

Schatten oder Licht? So einfach isses immer gewesen. Ja, und so schwer habe ich es mir damit gemacht. Wer weint, sitzt im Dunkeln. Wer lacht, wendet sich dem Licht zu. Und so lächelte ich mich tapfer durchs Leben. Tränen wurden unterdrückt, zwischen vermeintlichem Licht und dem gemiedenem Schatten lag die Leere. Beruhigend, vertraut, eine trügerische Sicherheit.

Wann immer ich an Tränen dachte, hatte ich ein Bild. Mal wieder war das eine der Therapiesitzungen, in der der Therapeut sich gespannt nach vorn lehnte. "Tränen sind nicht gut." flüsterte ich vor ungefähr zwei Jahren mit tränenerstickter Stimme. "Mhm." brummte er, wie er es immer tat, wenn er einen Ausbruch vermutete. Ich schluckte. Schluckte und hörte auf zu atmen. "Atme." sagte er. Nein. Jeder Atemzug tat weh. Trotzig hob ich den Blick. "Ich habe ein Bild für Tränen." "Ja?" Seine Haltung war an Körperspannung nicht zu überbieten. Wir schwiegen eine Weile. Er gespannt wie ein Flitzebogen. Ich zögerlich. "Schwarze Suppe." sagte ich schließlich leise und beschämt. Was für ein armseliges Bild. Aber so war es. Immer, wenn mich meine Traurigkeit zu übermannen drohte, sah ich ein Loch im Boden, aus dem pechschwarze Flüssigkeit sprudelte, nein, sie sprudelte nicht, sie suppte da so raus, mit einer gruseligen, pumpenden Kraft, überschwemmte den Boden, versickerte, suppte, schwappte, versickerte erneut, und das Suppen und Schwappen nahm kein Ende, alles, was hochkam, floß wieder zurück, ein widerlicher, klebriger Kreislauf, der in einem ölig schlammigen Krater enden würde. Wer will da weinen? Wer?

Reinigende Wirkung von Tränen? Lachhaft.

Heute habe ich geweint. Und die Tränen waren leicht. So leicht, dass es mich wunderte, dass sie der Schwerkraft nicht trotzten und tatsächlich auf meinem Hals und in meinem Nacken nasse kleine Spuren hinterließen. Sie flossen einfach so aus mir heraus. Nachher putzte ich mir die Nase und atmete tief durch.

Wer hat nochmal Heureka geschrien? Archimedes? Was hat der nochmal entdeckt? Ach scheiß drauf, es kann nicht so weltbewegend gewesen sein, wie diese meine heutige Erkenntnis, dass es Tränen gibt, die nicht weh tun.

Warum ich geweint habe?

Nun, nur so viel: Das Lächeln saß unmittelbar daneben und wartete neidlos und geduldig auf seinen Auftritt.

 

19.11.2008 um 11:22 Uhr

Angst, Angst, die alte Angst...

Sie hat mich wieder in ihren Fängen. Streckt ihre klebrigen langen Finger nach mir aus, umfasst mich, würgt mich, lässt mich nicht los, und selbst, wenn ich mich für eine Weile losreiße, streicht eine ihrer Fingerspitzen spinnwebengleich meinen Rücken entlang. Sie ist immer hinter mir, mein Herz ist ein pochender Eisklumpen, mein Magen ein heißkalter Stein, die Rippen schmerzen, die Luft ist dünn, mein Atem geht schnell und doch schreit meine Lunge, mein Körper nach Befreiung. Alles scheint eng zu sein, in diesen Tagen, wie groß die Räume auch sein mögen, eng sind sie, eng, Menschen zu fern, zu nah, Augen auf mich gerichtet, wenden sich ab, verächtlich schnaubend.

Wovor habe ich Angst? Wovor?

Diffus, irrational, nicht greifbar, unantastbar ist sie, die Angst, die Angst, die alte Angst.

"Es gibt zwei Arten von Ängsten", so sagte mein guter alter Therapeut mal zu mir.  "Die Angst vor dem Tod, zum einen." Mit schwebender Intonation hielt er inne und betrachtete mich aus den Augenwinkeln. Ich entspannte mich. Nein. Die Angst vorm Sterben, vorm Tod, die beschäftigt mich nicht. Es ist nicht der Ziegelstein, der mir auf den Kopf fallen könnte, den ich fürchte. Auch nicht das Flugzeug. Oder der Bus. Krankheiten. Ach. Egal.

Irgendwann sagte mal ein Arzt zu mir, dass einige Symptome, die ich aufwies, auf Krebs hindeuten könnten. Nun. Ich machte den Fehler, im Internet zu recherchieren. Raucherin. Mitte Dreißig. Risikogruppe. Oje, dachte ich, dann werden alle sagen, dass es meine Schuld ist. Die Angst vor der Krankheit war es nicht. Die Angst vor der Reaktion der Außenwelt war es. Und dann stand da auch noch was über HIV. Und da machte was Klick. Ich sah mich von Geschlechtspartner zu Geschlechtspartner wackeln und dürftige Entschuldigungen vorbringen. Oje. Wenn ich HIV hätte. Dann hätte ich alle angesteckt. Ich wäre vielleicht für den Tod von einigen Menschen verantwortlich. Dass MICH jemand angesteckt haben könnte, und wer, darüber dachte ich nicht nach. Dass HIV eine schlimme Krankheit ist, unter der ICH dann zu leiden hätte, auch das war egal. Es kam einfach nicht vor in meinen Gedanken. Natürlich dachte ich auch keine Sekunde daran, dass ich gar kein HIV haben KÖNNTE, weil ich, wenn ich mich angesteckt haben SOLLTE, es vor ca. 12 Jahren geschehen wäre. Der gute alte Therapeut sagte: "Wenn Sie seit 12 Jahren HIV hätten, wären Sie jetzt tot." Das beruhigte mich ein bisschen. Ich entspannte mich. Und wisst ihr warum? Weil mir klar wurde, dass eine tödliche Krankheit zu haben, hieße, dass ich sterben würde. Und wenn ich tot bin, kann mich keiner mehr beschuldigen.

Schuld. Schuld. Schuld.

Ein Fels auf meinen Schultern. Ich trage ihn. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn mich manchmal völlig vergessen lässt. Und dann frage ich mich, warum ich langsamer voran komme als die anderen. Der siebte Gang.

"Die zweite Angst", sagte mein Therapeut, während ich meinen Gedanken nachhing. "ist die, verrückt zu werden." Ich zuckte zusammen. Scheiße. Scheißescheißescheiße. Erwischt. Erwischterwischterwischt. Die Angst, verrückt zu werden. Es ist auch ein Tod, fiel mir ein. Ein geistiger Tod. Ein, und das vor allem, ein gesellschaftlicher Tod.

Und das fürchte ich: Den gesellschaftlichen Tod. Ausgestoßen. Ab in den Wald mit dir. Lebe allein. Wir wollen dich nicht. Du taugst nichts. Du genügst nicht. Du bist krank. Krank im Kopf.

Was das mit der Realität zu tun hat? Nichts. Menschen machen mir Angst. Ja. Das stimmt. Aber Menschen lieben mich auch. Sie tun es einfach. Einer meine effektivsten Muster ist, mich so tadellos und einwandfrei auf meine Mitmenschen einstellen zu können, dass sie nicht anders können, als mich sympathisch zu finden. Ich habe jetzt Kollegen. Viele Kollegen. Seit drei Wochen. Und was haben sie gemacht? Sie haben Geburtstagskuchen für mich gebacken. Einen tollen Kuchen. Mit Smarties. Und weißer und brauner Schokolade. Verziert. Sie haben mir ein Survival-Paket ins Büro gestellt. Taschenücher. Cappucinopulver. Zigaretten. Feuerzeuge. Tee. Kaugummis. Suppenpulver (weil ich immer so wenig esse). Sie sorgen sich, sie mögen mich. Sie fragen um Rat und geben Tipps. Nette Menschen. Die mich "toll finden" (O-Ton), "angenehm" (O-Ton), "liebenswürdig" (O-Ton), "positiv" (O-Ton), "charismatisch" (O-Ton).

Was fürchte ich?

Den gesellschaftlichen Tod.

Absurd. 

Es ist sowas von, absolut und völlig absurd.

Aber es ist so. Mein Herz ist ein rasender Eisklumpen, der Magen ein schwere Stein, ein Alb liegt auf meiner Brust, die sich zitternd hebt und senkt. Die Luft ist dünn, und ich kann mir nur eines sagen: "Es geht vorbei. Es wird vorbei gehen. Immer wieder wächst das Gras." 

 

18.10.2008 um 23:23 Uhr

sehnsucht

manchmal vermisse ich dieses gefühl. das prickeln im hals, die wärme im bauch, das karussell im kopf, das sich langsam in bewegung setzt. alles wird bunter, wärmer, lustiger, mit jedem schluck...

da können andere drogen nicht mithalten...

höm.

 

 

13.10.2008 um 23:44 Uhr

Schon wieder guter alter Therapeut...

Da sitzt er wieder mit seinem neutral-gütigen Altmännlein-Gesicht (aufgemerkt!) und schaut mich an. Weder auffordernd noch mitfühlend noch neugierig. Das muss er lange geübt haben. Tapfer. Sehr tapfer.

Nun, ich habs aufgegeben, das Spiel mit 'Wer-zuerst-spricht-hat-verloren', ich will schließlich was von ihm, er nicht von mir.

"Ich war brav." beginne ich und wühle in meiner Tasche. Er grinst, als ich grad nicht hingucke, aber ich hab ja den sechsten Sinn, was er eigentlich wissen müsste. Mit ein paar Zetteln in der Hand richte ich mich wieder auf. "Hier, ich hab das Märchen geschrieben." Er neigt seinen Kopf. Ich überreiche ihm die drei schon ein wenig mitgenommenen Seiten. "Für die Akten." grins ich schief. Er lächelt unbestimmt, big Sunny is watching him.

"Also, was mein inneres Kind betrifft. Klein Sunny..."

Kunstpause. Er hebt die Augenbrauen. Got you!

"Ich mag sie nicht besonders."

Jetzt kritzelt er was in diese Patientenakte. Wow. So weit hatte ich ihn lang nicht mehr.

"Also, was heißt jetzt nicht mögen..." Aha. Die Faselphase. "Ähm, ich misstraue ihr."

Die Augenbrauen rutschen was höher.

"Und sie mir."

Gekritzel.

"Außerdem konnte ich die Hexe nicht sterben lassen."

Er nickt. "Ihre Wut ist unheilig. Sie muss heilig werden."

"Hä?" denk ich und nicke. Ich fühle, was er meint. All dieses Zeug von wegen Recht auf Wut, Wut zulassen, Mut zur Wut, hahaha, nee, nich lustich, gar nich.

"Naja, aber ich habe drumrum geschrieben. Es gibt trotzdem ein Happy End."

"Na, da bin ich aber neugierig." sagt er und sucht die letzte Seite.

"PAH!" Mich packt heilige Wut. "Das Ende zuerst lesen? Mh? Das geht ja wohl gar nicht!"

"Wissen Sie, was gar nicht geht?`Literatur von Ihnen quer lesen. DAS geht nicht."

"Na, hören'Se mal, es sind noch 35 min Zeit. In der Zeit habe ich es Ihnen sogar drei oder vier mal sehr akzentuiert VORgelesen!"

Na? Kann ich dominant sein? Klar. Kann ich. Um meiner Überlegenheit mehr Ausdruck zu verleihen, verlass ich den Raum und hol mir im Flur ein neues Glas Wasser. Um Überheblichkeit draus zu machen, stelle ich das volle Glas Wasser auf den kleinen Tisch neben die Schnupftücherkiste und gehe wieder aus dem Zimmer, um mir das Näschen zu pudern. Ich hör ihn noch lachen: "Aha! Der Zauberer!" Verlegen grinsend betret ich die Toilette.

Als ich wiederkomme, isser fertig mit lesen. Um ehrlich zu sein, wollt ich mich doch nur um die Stille drücken.

Einige lobende Worte und inhaltliche Anmerkungen über mein verletztes inneres Kind später klopft er plötzlich fachmännisch auf die erste Seite und sagt das Folgende:

"Es muss eine gesunde kleine Sunny geben. Ihr Unterbewusstsein weiß das. Es steht hier."

Er zeigt auf den ersten Absatz. Ratlos schau ich ihn an. Wieso kommt immer und immer wieder der Punkt, an dem ich in diesem therapeutischen Dialog ratlos dasitze?

"Wenn Sie das fröhliche, kleine Mädchen finden, kann Ihnen das genauso nützlich sein wie der Zauberer."

"hä?" denk ich und nicke nachdenklich. Ich fühle, was er meint, bekomme es aber nicht zu fassen. Die Sitzung ist jetzt zwei Wochen her. Immer wieder schwoffen meine Gedanken zu der fröhlichen kleinen Sunny, aber sie schwoffen vorbei, drüber hinweg, drunter durch. Ich konnt mir nix darunter vorstellen. Bis heute. Heute hat Klein-Sunny Ämtergänge erledigt. Vertrauensselig hat sie Verwaltungsangestellte angelächelt, ihr Wohl in ihre Hände gelegt. Gestaunt hat sie über ALL die VIELEN Papiere und die HOHEN Gebühren. Geld ist ihr unter den Tisch gekullert. Beim Aufheben hat sie gekichert und sie hat sich von den unbeweglichen Gesichtern über den Pullundern nicht verunsichern lassen. Klein-Sunny war gut drauf. Gut gelaunt hat sie Nummern gezogen, Platz genommen, unterschrieben (fast wette ich, dass die Zungenspitze dabei im rechten Mundwinkel zu sehen war), artig Danke gesagt und Quittungen verl..., äh nee, da hatte mein erwachsenes Ich interveniert.

Überheblich. Schüchtern. Zynisch. Nachsichtig. Abgeklärt. Unbedarft. Vernünftig. Verspielt. Seriös. Verschroben. Bockig. Folgsam. Schwermütig. Vergnügt. Verzagt. Zuversichtlich. Öffentlicher Dienst. Künstlerseele.

Widersprüche? Widersprüche sind irrelevant.

 

 

13.08.2008 um 00:30 Uhr

Müde

Es flimmert um mich herum. Letztens war der Tank noch halb voll, jetzt ist er leer. Nein, nicht halb leer, ich Pessimistenfrau, leer, leer, leer.

Es ist die Wiederholung. Die ewige Wiederholung. Vielleicht der Kreis. Brumm-brumm-brumm. Vielleicht aber auch die breite Straße, der graue Asphalt, das vertrocknete Gras am Straßenrand, der Staub, die Räder, die Geschwindigkeit, die grelle Sonne, der schnurgerade Mittelstreifen, der geradewegs ins Nichts führt.

Am Horizont lauert die Hoffnung, die alte Schlampe, die mich davon abhält, mich in die Büsche zu schlagen.

Es ist nicht mein Weg. Ich gehe ihn mit jemand zusammen. Ich bleibe stehen, überhole, gehe rückwärts, seitwärts. Ich schlage Räder, Purzelbäume, ich singe, keife, schreie. Ich renne, schlurfe, krieche, hüpfe auf einem Bein. Lache, weine, schlage um mich. Und nichts davon wird etwas daran ändern, dass ich mich immer geradeaus bewege. Mitten hinein ins Nichts.

Ich kenne die lauschigen Pfade, die gefährlichen Grate, die Schluchten, die Seen, die Hecken, die Wiesen.

Ach. 

Lass mich allein.

Ich bin müde.

So müde.