Noch ein Spruch der Woche
Du hast verstanden?
Du hast verziehen?
Du hast vergessen?
Welch ein Mißverständnis! Du hast nur aufgehört zu lieben.
Du hast verstanden?
Du hast verziehen?
Du hast vergessen?
Welch ein Mißverständnis! Du hast nur aufgehört zu lieben.
Hypnotisches hat etwas Unausweichliches, irgendwie etwas Unantastbares. Nachrichten aus einem unbekannten, aber nahen Universum. Auf einer Traumreise begab ich mich vor ein paar Wochen in mein altes Kinderzimmer. Schockierend, wie häßlich es war. Wir sollten ein Spielzeug mitnehmen und es beim nächsten Mal mitbringen:
Ich halte sie hoch, die winzig kleine Babypuppe. Betrachte sie selbst das erste Mal genauer. Sie ist schmutzig. Nackt. Der Fuß mit Kuli verschmiert. Das Schienbein mit einem Verband umwickelt. Ein wenig muss ich schmunzeln. Meine Große hat Arzt gespielt, sag ich. Irgendwie hab ich sie lieb, die kleine häßliche, schmutzige Puppe. Das sag ich auch. Dann halte ich sie wieder hoch. Sie passt zu dem hässlichen Kinderzimmer. Sag ich. So usselig. Aber usselig ist nicht das richtige Wort. Fühl ich. Sie sieht irgendwie... Ich suche nach Worten. Die schmutzige kleine Puppe. Ich betrachte sie von hinten. Von vorne. Wie sagt man denn dazu? Frag ich. Da gibt es ein Wort. Sie ist... Wie heißt das denn?
...
"Verletzt." Murmeln einige.
Und ich weiß, dass das das richtige Wort ist. Und ich denke: Scheiße. Ja.
Plötzlich fühl ich mich genauso nackt wie die Puppe. Für eine Sekunde habe ich das Gefühl, alle können mich sehen. So wie ich bin. Nackt und verletzt. Scheiße.
Ich reiß mich zusammen. Schaue hoch von der Puppe und erzähle von meiner Mutter. Wie sie reinkam in mein Kinderzimmer. In der Traumreise. Und diese Sätze sagte. "Ich will dass du aufhörst!" "Immer stehst du nur rum!"
Ja. Vielleicht sind das
typische Müttersätze. Aber wie sie es gesagt hat. Dieser hässliche
Tonfall. Dieses Röhren in der Stimme, was den nächsten Wutanfall
ankündigt. Immerzu konnte sie so wütend werden. Und schreien und
schreien und schlagen und treten und spucken. Mich anspucken und treten.
Immer wieder treten. All das kann ich nicht sagen. Ich sage diese
typischen Müttersätze. Ohne den Tonfall. Und alle nicken.
Aber dann erzähl ich auch, dass
ich diesen Satz geschrieben habe: Meine Mutter ist eine gemeine Frau.
Ich sage ihn. Und ich fühle mich schuldig dabei. Aber als ich ihn
geschrieben hatte, da habe ich mich nicht schuldig gefühlt. Hätte ich
nachgedacht, sag ich, hätte ich diesen Satz nicht geschrieben. Aber sie IST gemein. Das stimmt. Ich sage das mit Nachdruck. Und dann mit weniger
Nachdruck: Zumindest aus meiner Sicht.
Nun ja. Zumindest ist es raus. Meine Mutter ist eine gemeine Frau. So. Ich habs gesagt. Und so ist es. Aber so etwas sagt man nicht, und tatsächlich wird schnell interveniert. "Der Weise verzeiht seinen Eltern früh.", sagt jemand. Ja. Denke ich. Und wie lange bin ich diesen Weg gegangen. Habe versucht ihn zu gehen. Verzeihen. Verstehen. Sie war geistesgestört. Sie hatte ein schweres Leben. Sie konnte nicht anders. Sie hat mich geliebt. Auf ihre Art.
Wem verzeihen? Ich kann Euch
sagen, wem der Weise früh verzeihen sollte. Sich selbst. Gegen MICH
richtet sich meine Wut. Warum ist mir das passiert? Wieso hab ich mich
nicht gewehrt? Wieso konnte ich sie nicht retten? Was habe ich getan,
dass sie mir das angetan hat? Wieder und wieder und wieder. Ich MUSS
doch irgendwas getan haben?
Ich sehe dieses Kind im Kinderzimmer stehen. Es drückt seine Puppe an sich. Sein Haar ist verstrubbelt. Seine Füße nackt. Die Tür hinter ihm öffnet sich. Und das schlimme ist nicht, was die Stimme sagt. Oder wie sie es sagt. Das Schlimme ist, dass das Kind weiß, was kommt. Es weiß es, weil es ständig passiert. Wieder und wieder und wieder. Und es zuckt zusammen. DIe Tür knarzt und es zuckt zusammen. Duckt sich. Macht sich klein. Sagt nix. Denn egal, ob es da rumsteht. Egal, ob es spielt. Oder hüpft. Oder singt. Oder schläft. Oder einfach nur auf dem Boden sitzt. Oder malt. Egal. Es kommt. Es kommt wieder und wieder und wieder.
Ich habe Kinder. Sie sind klein.
Noch. Und schutzlos. Noch. Das schlimmste für ein Kind muss doch sein,
wenn es, so klein, so verletzlich, so vielen Gefahren in der Welt
ausgesetzt, doch den allerschlimmsten, unberechenbarsten Feind im
eigenen Haus hat.
Manchmal frage ich mich, ob ich nicht anders kann... Kann ich nur allein? Kenne ich nur Alleinsein? Allein sein ist kein Zustand, sagt mein indischer freundlicher Geist. Allein sein ist eine Eigenschaft, sagt er.
Und jetzt?
Das seltsame ist, dass diese Eigenschaft nicht so weh tut, wenn wirklich niemand da ist. Je mehr um mich herum schwirren, umso mehr wächst das Alleinsein. Zum Alleinsein kommt das Kleinsein.
Ist es Alleinfühlen? Und Kleinfühlen?
Lauere ich auf jede Gelegenheit, allein gelassen zu werden? Will ich verlassen sein? Mache ich es den Menschen so leicht, mich zu verlassen? Tun sie es am Ende gar nicht?
Erst im vollständigen Alleinsein verlässt mich die Angst verlassen zu werden.
Ihr weicht zurück, weil ich euch verscheuche. Wenn ich das sehe, warum seht ihr es dann nicht?
Und wieder spür ich, wie langsam um mich herum das Licht ausgeht. Müde. Schwerfällig. Mutlos. Das hatte ich lange nicht mehr. Das Licht geht aus. Die Traurigkeit verlässt mich. Keine Tränen.
Ich schalte ab.
ich bin traurig. ich bin todtraurig und ich versinke in einem dunklen see. langsam sinke ich tiefer und tiefer hinab, so wie du es mich gelehrt hast, indischer geist. ich sinke auf den tiefsten grund meiner traurigkeit. du lehrst mich, dass dies ein moment ist. und in der nächsten sekunde, minute, stunde, morgen werden neue kommen und sie lösen sich ab, diese momente, und ich muss nichts fürchten, denn ich habe nichts verloren, denn in mir ist alles vorhanden, was ich brauche, um die momente kommen und gehen zu lassen.
es gibt keine kausalen ketten. es gibt keine verbindungen zwischen dem jetzt, dem gestern und dem morgen. es ist losgelöst. ich bin losgelöst. ich bin heute.
da war mir kein wort eingefallen.
ich wollte so ein richtig scharfes spitzes wort.
und mich danach mal so richtig schön selbst auf die schippe nehmen.
aber dazu kam es nicht...
In einem rosa gerüschten Wohnzimmer sitze ich auf einem schneeweißem Sofa. Um mich herum ein Meer von erzgebirgischen Weihnachtsschmuck. Ein Plüschelch singt Jingle Bells und Uschi meine Stiefschwiegermutter gibt in Begleitung einer sich drehenden Porzellanballerina Stille Nacht Heilige Nacht zum Besten. Dass mir das Atmen schwer fällt, ist normal in diesen Tagen. Dass aber selbst die bescheidene Luftzufuhr durch die Nase, die ich mir in großen Abständen zu gönnen imstande bin, versiegt, weil die ganze Wohnung weihrauchgeschwängert ist, hat zur Folge, dass mir inmitten von unglücklichen Menschen, die sich gegenseitig seltsam geformte Päckchen aus der Hand reißen, kotzübel wird.
Nach einigen Minuten kniendem Nachluftringen auf dem rosa Plüsch der parfümflaschenübersäten Toilette taumel ich gegen den tüllbehangenen Weihnachtsbaum. Gern hätte ich das golddurchwirkte Kissen auf dem cremefarbenen Sessel vollgekotzt. Ich habe es mir unter allergrößter Anstrengung verkniffen. Man sieht mich auf meinem Weg zurück zum Sofa kurz indigniert an und schweigt. Leider schweigt man nicht weiter. Leider plappern nun alle durcheinander. Tausende von Wörtern irren durch den Raum, verbrennen sich am Kerzenlicht, ecken an Stuhlkanten an, legen sich auf dem mintgrünen Teppich zur Ruhe, um von dort wieder aufgewirbelt zu werden und gegen meine Schläfen zu krachen. All die sinnlosen Wörter. Zusammen mit den kalten Blicken aus toten Augen über bittersüßen Mündern bilden sie einen Schraubstock um meinen Kopf, durchdringen die äußere Hülle, um einen überdrehten Zappeltanz in meinem Kopf aufzuführen, der sich schon nach kurzer Zeit zu einem knorrigen Knoten verdichtet, um dann in einem kollossalen Schmerz hinter meiner Stirn zu explodieren.
Angst macht sich breit. Sie grummelt nun schon seit Tagen in meinen Eingeweiden. Wartet verschlagen auf ihre Gelegenheit. Jetzt ist sie gefunden. Ich will mich noch wegducken, da merke ich schon, dass sich die Wurzeln wie Tentakel von innen ausbreiten, überall finden sie Wege, die Arbeit, die Familie, soziales Netzwerk, meine Tochter, meine Mutter, meine Ehe, alles überkreuzt sich plötzlich, nichts läuft mehr in geordneten Bahnen, ein Wirrwarr an Gefühlen und Gedanken, die irgendwann ihr Ziel finden: meine Schuld. Natürlich. Was sonst. Ein Ozean, ein Fluss, eine Kette aus falschen Entscheidungen haben mich hierher geführt, in dieses Marzipanrosenhaus mit leblosen Menschen, deren Seelen seit Jahrzehnten jammern, weil sie ausgesperrt sind.
Keine Ahnung, wie und wann ich aus dieser Panik wieder rauskam. Vielleicht auf der Autobahn, vielleicht auf dem kleinen Fußmarsch über die Brücke, vielleicht schon bei der halben Zigarette auf Uschis Balkon.
Aber sie lauert. Die Angst.
Zu Furcht gefrorene Federn verwehen die Spuren einer schönen Zeit.
Die Sonne. Sie wird es richten. Das Licht kommt jetzt wieder.
Fröhliche Weihnachten nachträglich...
Unser alter Meister holt also tief Luft. "Angst..." man hört, dass er sich wie auf Eiern bewegt, ein sensibles Thema, weiß Gott. "Angst ist vielleicht kein Gefühl. Es ist ein Gedanke. Ein Gedanke, der Stress, Herzrasen, Schweißausbrüche und Kurzschlussreaktionen auslöst."
Ich schau ihn nachdenklich an. Joah, damit konnte ich was anfangen.
"Die damit einhergehenden Gefühle sind allesamt unangenehm."
oha. Bis dato waren alle Gefühle gleich vor seinen meisterlichen Augen.
"Und dadurch, dass sie von außen kommen, sind sie schlechte Ratgeber."
Ok."Auch ich habe Angst."
Aha.
"Und meine Erfahrung sagt, dass man sich nicht gegen sie wehren kann."
"Aber nicht wehren, heißt weglaufen!" Ich kann mich nicht zurückhalten. Der Einwurf muss sein.
Der weißhäuptige Doc schüttelt den Kopf. "Man muss das Gefühl zulassen. Vielleicht zulassen, dass es schlimmer und schlimmer wird. Ihm nachspüren, beobachten, dabei bleiben."
"Und dann?" Ich bin unzufrieden.
"Nicht tun, was die Angst sagt."
"Hä?"
"Es geht darum, das Gefühl auszuhalten und dann nicht zu tun, was die Angst sagt."
Wir schweigen alle sehr lange. Die Widersprüchlichkeit in diesen Worten waberte durch den Raum. Jeder von uns drehte sich, glaube ich, im Kreis um sich selbst. Das Gefühl aushalten. Schon mal scheiße. Und dann nicht tun, was es sagt. Dableiben. Zulassen. Dableiben.
Scheiße.
Scheißscheißescheiße.
Aber so ist es. Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es wirklich vorbei geht. Dass man dem Gefühl nachspüren kann, wie es kleiner wird und sich auflöst, dann ist der Beginn der Angst schon weniger groß im Kopf. Man kann sie ansprechen: "Holla. Da bist du wieder, altes Haus. Na dann wolllen wir mal gucken, was du heute drauf hast. Früher oder später wirst du kleiner und verschwindest wieder."
Mangelndes Vertrauen begünstigt sie, die Angst. Man denkt: Na gut. Dann mehr Vertrauen, weniger Angst. Aber so ist es nicht. Das einzige, worauf man vertrauen kann, ist, dass sie weg geht, ohne, dass man sich gegen sie wehrt. Und dafür muss man voll hineingeheh. Sich dem Gefühl ganz hingeben. Es anschauen von allen Seiten. Und das in einer üblen Stressituation. Schwierig. Schiwerig. Schwierig,
Eine Zeitlang habe ich Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Sie machten gleichgültig. Die Angst war noch da, aber ganz gedämpft. Ich konnte sie leise wimmern hören, aber das war mir egel. Die Dinger waren der Hammer. So richtig mit Suchtfaktor und so. Ich war damals so veränstigt, dass ich nach einer halben Stunde Schlaf eine davon nehmen konnte und völlig fit bis zur Nacht durch den Tag wanderte. Alles war leiser. Nicht so grell. Nicht so scharf und räumlich.
Ich habe sie eine Woche genommen, die Dinger. Und es war gut, dass ich sie genommen habe. Ich verlor etwas, was mir unangenehm ist. Und ich verlor auch alles andere.
Meine Angst ist ein Preis. Ein Preis, den ich zahle für all die bunten Farben, die Weichheit des Grases unter meinen Füßen, die sanfte Luft auf meiner Haut, das Funkeln in den Augen der Menschen da draußen, das Lachen, die Wärme. Mein Funkeln. Mein Funkeln hat einen Preis. Es kostet Angst. Und ich weiß inzwischen, wie ich diesen Preis bezahle, ohne alles andere zu verlieren.
Schön.
Beruhigend, beängstigend schön.
Wie ich schon sagte: Widersprüche sind irrelevant.
Stumm werden also die feinen Socken angestarrt. Ich habe den Ball und schaue mich hilflos um. Die Therapeuten ertragen ja Stille mit stoischer Gelassenheit. Ich nicht. Ich tue, was ich immer tue, wenn alle schweigen. Ich beginne zu plappern:
"Also zum Beispiel: Ein Vortrag. Ich soll einen Vortrag halten. Ich kann ZU-, aber ich kann auch ABsagen. Ist meine Sache. Ich SOLLTE ihn halten, den Vortrag, und ich WEISS auch, dass ich es KANN. Aber die Angst. Die Angst sagt nein. Das fühlt sich an, als ob ich den Vortrag nicht halten WOLLTE. Aber ich weiß AUCH, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich ihn absage. Dann habe ich gekniffen. GeNAU das, was die Angst will. Wie widerstehe ich dieser Scheißangst?"
Man beliebt zu schweigen. Na gut, ich hab noch einen.
"Oder mein Handy. Neulich schrieb ich eine sms. Und in diesem Moment stürzte mein Handy ab. Gottseidank neben einem Handyladen. Und die sagten mir, dass irgendwas Ernstes mit der Software nicht stimmt. Und ich dachte sofort, dass sich die sms an ALLE Menschen in meinem Adressbuch versendet hat. Es war eine priVATe sms.Und mein Herz raste wie wild. Die Angst sagte: Überprüf das. Überprüf das jetzt sofort. Leih dir ein Handy. Die MÜSSEN dir ein Ersatzhandy geben, damit du wenigstens einen Menschen anrufen kannst, der dir sagen kann, ob die sms bei ihm angekommen ist. Das ist doch krank oder?"
Das rothaarige Mädchen mir gegenüber schaut plötzlich interessiert von ihren Socken hoch. "Was hast du gemacht?"
"Nun..." Ich schaue das rothaarige Mädchen mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Anspannung an. Irgendwie wollte ich gar nicht antworten. "Ich habe die bekniet, dass sie mir ein Ersatzhandy geben, dann habe ich eine Freundin angerufen und sie gefragt, ob eine sms angekommen ist."
Zwei Menschen nicken. Sie nicken mit diesem konspirativen, gemeinschaftlichen Bewusstsein. Zwei weitere starren mich misstrauisch an.
"Ich habe morgens Herzrasen." sagt jetzt leise mein Lieblingsgruppentherapiemitglied, eine quirlige Mittsechzigerin, die ungeheuer schön aussieht und schon um die halbe Welt gereist ist. Wir schauen sie schweigend an. Ich habe einen verblüfften Gesichtsausdruck, weil sie die letzte war, von der ich das erwartet habe. Wer weiß, wie verblüfft die anderen von mir waren, jedenfalls fährt sie fort: "Ich habe Angst zu sterben. Oder dass jemand aus meiner Familie stirbt. Ich wache auf udn denke, dass mich eine schlimme Nachricht erwartet. Jemand stirbt. Ich weiß es. Ich fühl es. Und dann stehe ich auf und die Angst ist erstmal wieder weg. Aber sie kommt wieder. Das ist klar."
Ich komm mir plötzlich schäbig vor mit meine Handy-Angst. Kann ich nicht wenigstens Platzangst haben? Achso, hab ich ja. Hab ich nur nicht gesagt. Das rothaarige Mädchen ergreift das Wort: "Ich kann weder Bus noch Bahn fahren. Im Auto kann ich nicht Beifahrerin sein. Es geht einfach nicht. Manchmal fahre ich doch mit der Bahn und steige nach zwei Haltestellen aus, weil ich es einfach nicht mehr aushalte."
"Ich wache nachts auf, und kann nicht wieder einschlafen." Der schweigsame Mittvierziger. "Grübeln. Über die Arbeit. Nachts aufstehen. Mails überprüfen. Zahlen checken."
"Ich habe Angst, dass mein Mann mich betrügt." Oha. Die Grundschullehrerin.
Leise weint rechts von mir die schöne junge Frau mit dem unglaublichen Busen.
Geständnis über Geständnis entfährt den Menschen mit den feinen Socken.
Und ich denke: Oh Gott. Was hast du denn DA angestellt?
In ein energiegeladenes Schweigen platze ich heraus mit meinen nun noch drängenderen Fragen: "Was TUN wir denn jetzt mit der Angst? Wie gehen wir denn authentisch mit Angst um? Wie wehre ich mich gegen eine Gefühl, wenn ich mich eigentlich nicht gegen ein Gefühl wehren SOLL?"
Ich schaue im in die Augen, dem guten alten Therapeuten. Er ist blass um die Nase, aber er hält meinem Blick stand.
Er holt tief Luft. Wir auch. Nur, dass wir fast alle vor lauter Spannung vergessen, wieder auszuatmen.
tbc
Es war in einer dieser unsäglichen Gruppentherapiesitzungen, als ich über mich hinauswuchs und freiwillig den blöden bunten Ball nahm und sagte: Ich habe etwas zu sagen.
Alle schauten mich an. Der gute alte Therapeut war gespannt. Vielleicht wusste er, dass ich nur spreche, wenn mir wirklich etwas auf dem Herzen liegt. Und ich? Ich sagte das folgende:
"Was ist eigentlich mit Angst?"
Schweigen.
"Ich meine... Also... Wir lernen hier authentisch mit Gefühlen umgehen. Weint, wenn ihr traurig seid, schreit, wenn ihr wütend seid, lacht, wenn ihr traurig seid. Aber was tue ich denn, wenn ich Angst habe?"
Schweigen. Blasse Gesichter starren mich an. Der Therapeut sieht mich ratlos an. Die Co-Therapeutin nickt langsam und bedächtig mit dem Kopf: "Das ist ein sehr gutes Thema."
Schweigen.
Oh. Offensichtlich nicht. Denn weiterhin starren mir diese ausdruckslosen Gesichter entgegen. Und keiner sagt etwas. Ich beginne zu stottern: "Wisst ihr, was ich meine? Wie kann man authentisch mit Angst umgehen? Wut, Freude, Trauer, das kann ich alles nachvollziehen, aber die Angst sagt: LAUF WEG. Und wenn ich diesem Gefühl nachgebe, wächst sie, die Angst, aber wenn sie wächst, geht es mir nicht gut, und wenn ich stehen bleibe, wehre ich mich gegen ein Gefühl."
Langsame Erkenntnis macht sich auf dem Gesicht meines Therapeuten breit. Die Erkenntnis, dass ich ein GANZ heißes Eisen angepackt hatte.
Schweigen.
Vielleicht bin ich die einzige, die Angst hat, denke ich plötzlich. Vielleicht weiß keine Sau, was ich meine? Ich bekomme Angst. Keiner sagt was. Alle starren auf ihre Socken. Socken sind spannend in der Gruppentherapie. Manche tragen nur funkelniegelnagelneue, keine ausgebleichten, gern auch mal geringelt, mit corall gewaschene, aber niemals, wirklich niemals hatten sie Löcher, die Socken, auch meine nicht, obwohl ich verdammt viele Socken mit Löchern besitze. Und auch anziehe. Aber eben nicht in der Gruppentherapie.
Na, meine Güte, es kann mir doch keiner erzählen, dass DAS nichts mit Angst zu tun hat. Die Menschen HABEN doch löchrige Socken. Oder nicht?
tbc...
Fast ein halbes Jahr bin ich ohne Einträge hier ausgekommen. Ich hatte diesen Blog für Notfälle eingerichtet. Lange Zeit war nahezu jeder zweite Tag ein Notfalltag. Der Ernstfall? Täglich. Gewohnheit. Mit dem Ernstfall konnte ich leben. Notfälle waren unangenehm. Katastrophen waren, was sie eben waren. Überrascht haben sie mich jedenfalls nicht. Ich war stets gut vorbereitet.
Und jetzt? Das Leben ist kein Ernstfall mehr. Und ich? Ich auch nicht. Meine Umgebung ist es nicht. Die Umstände erst recht nicht. Der Ernst der Lage? Ach hört mir auf. Ich bin nicht im Krieg. Und sollte ich es dennoch irgendwann sein, werde ich mich anpassen.
Was für eine Leere sich zunächst eröffnet, wenn man das begreift. Verdammt, womit soll ich mich denn beschäftigen, wenn nicht mit all diesen Abwehr- und Angriffsstrategien, mit dem Kreisen um das nächste Worst Case Scenario, wo auch immer es sich befindet?
Und dann noch ein Umdenken: Es ist keine Leere. Es ist Raum. Wat? Raum? Jawohl. Raum. Raum für mich, für Farben, Bilder, Menschen, Gerüche, Musik, nach meinem Geschmack
Irgendwann wurde ich aus der Therapie als 'geheilt' entlassen. Naja, meine Stunden liefen auch aus und selber bezahlen kam nicht in Frage. Die erste Therapie-Etappe beendete der Therapeut mit den Worten: "Es ist auch besser, irgendwann alleine zu gehen. Immer eine Stütze zu benötigen, ist nicht gesund." "Hä? welche Stütze?" dachte ich, und schaute ihn etwas indigniert an. Die zweite Therapie-Etappe war wesentlich intensiver und endete mit den Worten: "Du kannst gehen." Da heulte ich wie ein Schlosshund, und apropos: Ich fühlte mich wie ein wildes Tier, das man zwischendurch aufgepeppelt hat und nun wieder huschhusch in den Wald entließ. "Wohin bloß, wohin mit mir?" dachte ich. Bis es mir grad einfiel: Ab in den Wald. Mit ein paar wehen Blicken zurück habe ich mich in die Büsche geschlagen. Und siehe: Die Lage war nicht ernst. Zum ersten Mal nahm ich die grünen Blätter war, die Wärme der Sonne, den Regen, die Kälte des Windes. Zum ersten Mal dachte ich über mich als einen Teil des Ganzen nach. Kein hilfloser, verbannter Sonderling, sondern ich, atmend, denkend, essend, trinkend, liebend, stark und verletzbar, wie alle anderen, ein Teil des Ganzen.
Irgendwann bei einer kleinen Stippvisite im therapeutischen Rahmen fragte ich verschlagen nach dem Begriff 'geheilt'. Der Therapeut lachte. "Ach, geheilt, was soll das schon heißen. Probleme wird dat immer geben..."
Ich musste ebenfalls lachen. Ich bin froh, ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh, dass ich nie das Gefühl vermittelt bekam, krank zu sein. Ich hatte Probleme. Ja. Hatte ich. Aber wie nennt man die zu den Problemen gehörige Krankheit? Mh? Meine Diagnose, Herr Doktor? Na? Der Therapeut verweigerte. Unerbittlich. So wie er jedwede Wertung verweigerte. Irgendwann entfleuchte ihm der ein oder andere Fachbegriff, aber da hatte ich Gottoderwemauchimmerseidank nicht mehr das Bedürfnis nachzulesen, was sich dahinter verbirgt. Neulich tat ich es dennoch. Aus reiner Langeweile, vermute ich. Vielleicht aber auch, weil etwas in mir mein Leid nicht wirklich loslassen wollte. Ich wollte vielleicht doch nochmal sehen, wie ernst die Lage war, wie ernst sie vielleicht noch ist.
Und wisst ihr was? Ich habe Tränen gelacht. Was ich nicht alles war. Was nicht alles plötzlich auf mich zutraf. Auf beiden Gleisen wanderte ich entlang. Zu einem Teil zutiefst fasziniert, wie besonders, wie gefährdet, wie schwer zu behandeln ich war. Zum anderen extrem belustigt über die Kategorien, es war ein bisschen wie bei einem Horoskop, alles konnte zutreffen, wenn ich es nur für mich zurecht bog.
Ob ich keine Probleme mehr habe? Ob ich jetzt gesund bin? Ach. Hört doch auf. Ich stimme ihm zu, meinem Therapeuten: Was soll das schon heißen? Ich wurde nach beiden Therapie-Etappen gefragt, was ich für mich aus der Therapie bisher habe an Erkenntnissen ziehen können. Die erste Antwort lautete: Ich kann nicht mehr sein, als die Summe meiner Teile. Die zweite: Es ist beruhigend, aus so immens vielen Teilen zu bestehen.
Und mit denen gilt es zu leben. Krank? Krank = schlecht? Weg damit? Quatsch! Es geht nicht weg. Es bleibt. Gut so. Das bin ich. Auf! Huschhusch! Ab in den Wald...
Schatten oder Licht? So einfach isses immer gewesen. Ja, und so schwer habe ich es mir damit gemacht. Wer weint, sitzt im Dunkeln. Wer lacht, wendet sich dem Licht zu. Und so lächelte ich mich tapfer durchs Leben. Tränen wurden unterdrückt, zwischen vermeintlichem Licht und dem gemiedenem Schatten lag die Leere. Beruhigend, vertraut, eine trügerische Sicherheit.
Wann immer ich an Tränen dachte, hatte ich ein Bild. Mal wieder war das eine der Therapiesitzungen, in der der Therapeut sich gespannt nach vorn lehnte. "Tränen sind nicht gut." flüsterte ich vor ungefähr zwei Jahren mit tränenerstickter Stimme. "Mhm." brummte er, wie er es immer tat, wenn er einen Ausbruch vermutete. Ich schluckte. Schluckte und hörte auf zu atmen. "Atme." sagte er. Nein. Jeder Atemzug tat weh. Trotzig hob ich den Blick. "Ich habe ein Bild für Tränen." "Ja?" Seine Haltung war an Körperspannung nicht zu überbieten. Wir schwiegen eine Weile. Er gespannt wie ein Flitzebogen. Ich zögerlich. "Schwarze Suppe." sagte ich schließlich leise und beschämt. Was für ein armseliges Bild. Aber so war es. Immer, wenn mich meine Traurigkeit zu übermannen drohte, sah ich ein Loch im Boden, aus dem pechschwarze Flüssigkeit sprudelte, nein, sie sprudelte nicht, sie suppte da so raus, mit einer gruseligen, pumpenden Kraft, überschwemmte den Boden, versickerte, suppte, schwappte, versickerte erneut, und das Suppen und Schwappen nahm kein Ende, alles, was hochkam, floß wieder zurück, ein widerlicher, klebriger Kreislauf, der in einem ölig schlammigen Krater enden würde. Wer will da weinen? Wer?
Reinigende Wirkung von Tränen? Lachhaft.
Heute habe ich geweint. Und die Tränen waren leicht. So leicht, dass es mich wunderte, dass sie der Schwerkraft nicht trotzten und tatsächlich auf meinem Hals und in meinem Nacken nasse kleine Spuren hinterließen. Sie flossen einfach so aus mir heraus. Nachher putzte ich mir die Nase und atmete tief durch.
Wer hat nochmal Heureka geschrien? Archimedes? Was hat der nochmal entdeckt? Ach scheiß drauf, es kann nicht so weltbewegend gewesen sein, wie diese meine heutige Erkenntnis, dass es Tränen gibt, die nicht weh tun.
Warum ich geweint habe?
Nun, nur so viel: Das Lächeln saß unmittelbar daneben und wartete neidlos und geduldig auf seinen Auftritt.
Sie hat mich wieder in ihren Fängen. Streckt ihre klebrigen langen Finger nach mir aus, umfasst mich, würgt mich, lässt mich nicht los, und selbst, wenn ich mich für eine Weile losreiße, streicht eine ihrer Fingerspitzen spinnwebengleich meinen Rücken entlang. Sie ist immer hinter mir, mein Herz ist ein pochender Eisklumpen, mein Magen ein heißkalter Stein, die Rippen schmerzen, die Luft ist dünn, mein Atem geht schnell und doch schreit meine Lunge, mein Körper nach Befreiung. Alles scheint eng zu sein, in diesen Tagen, wie groß die Räume auch sein mögen, eng sind sie, eng, Menschen zu fern, zu nah, Augen auf mich gerichtet, wenden sich ab, verächtlich schnaubend.
Wovor habe ich Angst? Wovor?
Diffus, irrational, nicht greifbar, unantastbar ist sie, die Angst, die Angst, die alte Angst.
"Es gibt zwei Arten von Ängsten", so sagte mein guter alter Therapeut mal zu mir. "Die Angst vor dem Tod, zum einen." Mit schwebender Intonation hielt er inne und betrachtete mich aus den Augenwinkeln. Ich entspannte mich. Nein. Die Angst vorm Sterben, vorm Tod, die beschäftigt mich nicht. Es ist nicht der Ziegelstein, der mir auf den Kopf fallen könnte, den ich fürchte. Auch nicht das Flugzeug. Oder der Bus. Krankheiten. Ach. Egal.
Irgendwann sagte mal ein Arzt zu mir, dass einige Symptome, die ich aufwies, auf Krebs hindeuten könnten. Nun. Ich machte den Fehler, im Internet zu recherchieren. Raucherin. Mitte Dreißig. Risikogruppe. Oje, dachte ich, dann werden alle sagen, dass es meine Schuld ist. Die Angst vor der Krankheit war es nicht. Die Angst vor der Reaktion der Außenwelt war es. Und dann stand da auch noch was über HIV. Und da machte was Klick. Ich sah mich von Geschlechtspartner zu Geschlechtspartner wackeln und dürftige Entschuldigungen vorbringen. Oje. Wenn ich HIV hätte. Dann hätte ich alle angesteckt. Ich wäre vielleicht für den Tod von einigen Menschen verantwortlich. Dass MICH jemand angesteckt haben könnte, und wer, darüber dachte ich nicht nach. Dass HIV eine schlimme Krankheit ist, unter der ICH dann zu leiden hätte, auch das war egal. Es kam einfach nicht vor in meinen Gedanken. Natürlich dachte ich auch keine Sekunde daran, dass ich gar kein HIV haben KÖNNTE, weil ich, wenn ich mich angesteckt haben SOLLTE, es vor ca. 12 Jahren geschehen wäre. Der gute alte Therapeut sagte: "Wenn Sie seit 12 Jahren HIV hätten, wären Sie jetzt tot." Das beruhigte mich ein bisschen. Ich entspannte mich. Und wisst ihr warum? Weil mir klar wurde, dass eine tödliche Krankheit zu haben, hieße, dass ich sterben würde. Und wenn ich tot bin, kann mich keiner mehr beschuldigen.
Schuld. Schuld. Schuld.
Ein Fels auf meinen Schultern. Ich trage ihn. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn mich manchmal völlig vergessen lässt. Und dann frage ich mich, warum ich langsamer voran komme als die anderen. Der siebte Gang.
"Die zweite Angst", sagte mein Therapeut, während ich meinen Gedanken nachhing. "ist die, verrückt zu werden." Ich zuckte zusammen. Scheiße. Scheißescheißescheiße. Erwischt. Erwischterwischterwischt. Die Angst, verrückt zu werden. Es ist auch ein Tod, fiel mir ein. Ein geistiger Tod. Ein, und das vor allem, ein gesellschaftlicher Tod.
Und das fürchte ich: Den gesellschaftlichen Tod. Ausgestoßen. Ab in den Wald mit dir. Lebe allein. Wir wollen dich nicht. Du taugst nichts. Du genügst nicht. Du bist krank. Krank im Kopf.
Was das mit der Realität zu tun hat? Nichts. Menschen machen mir Angst. Ja. Das stimmt. Aber Menschen lieben mich auch. Sie tun es einfach. Einer meine effektivsten Muster ist, mich so tadellos und einwandfrei auf meine Mitmenschen einstellen zu können, dass sie nicht anders können, als mich sympathisch zu finden. Ich habe jetzt Kollegen. Viele Kollegen. Seit drei Wochen. Und was haben sie gemacht? Sie haben Geburtstagskuchen für mich gebacken. Einen tollen Kuchen. Mit Smarties. Und weißer und brauner Schokolade. Verziert. Sie haben mir ein Survival-Paket ins Büro gestellt. Taschenücher. Cappucinopulver. Zigaretten. Feuerzeuge. Tee. Kaugummis. Suppenpulver (weil ich immer so wenig esse). Sie sorgen sich, sie mögen mich. Sie fragen um Rat und geben Tipps. Nette Menschen. Die mich "toll finden" (O-Ton), "angenehm" (O-Ton), "liebenswürdig" (O-Ton), "positiv" (O-Ton), "charismatisch" (O-Ton).
Was fürchte ich?
Den gesellschaftlichen Tod.
Absurd.
Es ist sowas von, absolut und völlig absurd.
Aber es ist so. Mein Herz ist ein rasender Eisklumpen, der Magen ein schwere Stein, ein Alb liegt auf meiner Brust, die sich zitternd hebt und senkt. Die Luft ist dünn, und ich kann mir nur eines sagen: "Es geht vorbei. Es wird vorbei gehen. Immer wieder wächst das Gras."
manchmal vermisse ich dieses gefühl. das prickeln im hals, die wärme im bauch, das karussell im kopf, das sich langsam in bewegung setzt. alles wird bunter, wärmer, lustiger, mit jedem schluck...
da können andere drogen nicht mithalten...
höm.
Da sitzt er wieder mit seinem neutral-gütigen Altmännlein-Gesicht (aufgemerkt!) und schaut mich an. Weder auffordernd noch mitfühlend noch neugierig. Das muss er lange geübt haben. Tapfer. Sehr tapfer.
Nun, ich habs aufgegeben, das Spiel mit 'Wer-zuerst-spricht-hat-verloren', ich will schließlich was von ihm, er nicht von mir.
"Ich war brav." beginne ich und wühle in meiner Tasche. Er grinst, als ich grad nicht hingucke, aber ich hab ja den sechsten Sinn, was er eigentlich wissen müsste. Mit ein paar Zetteln in der Hand richte ich mich wieder auf. "Hier, ich hab das Märchen geschrieben." Er neigt seinen Kopf. Ich überreiche ihm die drei schon ein wenig mitgenommenen Seiten. "Für die Akten." grins ich schief. Er lächelt unbestimmt, big Sunny is watching him.
"Also, was mein inneres Kind betrifft. Klein Sunny..."
Kunstpause. Er hebt die Augenbrauen. Got you!
"Ich mag sie nicht besonders."
Jetzt kritzelt er was in diese Patientenakte. Wow. So weit hatte ich ihn lang nicht mehr.
"Also, was heißt jetzt nicht mögen..." Aha. Die Faselphase. "Ähm, ich misstraue ihr."
Die Augenbrauen rutschen was höher.
"Und sie mir."
Gekritzel.
"Außerdem konnte ich die Hexe nicht sterben lassen."
Er nickt. "Ihre Wut ist unheilig. Sie muss heilig werden."
"Hä?" denk ich und nicke. Ich fühle, was er meint. All dieses Zeug von wegen Recht auf Wut, Wut zulassen, Mut zur Wut, hahaha, nee, nich lustich, gar nich.
"Naja, aber ich habe drumrum geschrieben. Es gibt trotzdem ein Happy End."
"Na, da bin ich aber neugierig." sagt er und sucht die letzte Seite.
"PAH!" Mich packt heilige Wut. "Das Ende zuerst lesen? Mh? Das geht ja wohl gar nicht!"
"Wissen Sie, was gar nicht geht?`Literatur von Ihnen quer lesen. DAS geht nicht."
"Na, hören'Se mal, es sind noch 35 min Zeit. In der Zeit habe ich es Ihnen sogar drei oder vier mal sehr akzentuiert VORgelesen!"
Na? Kann ich dominant sein? Klar. Kann ich. Um meiner Überlegenheit mehr Ausdruck zu verleihen, verlass ich den Raum und hol mir im Flur ein neues Glas Wasser. Um Überheblichkeit draus zu machen, stelle ich das volle Glas Wasser auf den kleinen Tisch neben die Schnupftücherkiste und gehe wieder aus dem Zimmer, um mir das Näschen zu pudern. Ich hör ihn noch lachen: "Aha! Der Zauberer!" Verlegen grinsend betret ich die Toilette.
Als ich wiederkomme, isser fertig mit lesen. Um ehrlich zu sein, wollt ich mich doch nur um die Stille drücken.
Einige lobende Worte und inhaltliche Anmerkungen über mein verletztes inneres Kind später klopft er plötzlich fachmännisch auf die erste Seite und sagt das Folgende:
"Es muss eine gesunde kleine Sunny geben. Ihr Unterbewusstsein weiß das. Es steht hier."
Er zeigt auf den ersten Absatz. Ratlos schau ich ihn an. Wieso kommt immer und immer wieder der Punkt, an dem ich in diesem therapeutischen Dialog ratlos dasitze?
"Wenn Sie das fröhliche, kleine Mädchen finden, kann Ihnen das genauso nützlich sein wie der Zauberer."
"hä?" denk ich und nicke nachdenklich. Ich fühle, was er meint, bekomme es aber nicht zu fassen. Die Sitzung ist jetzt zwei Wochen her. Immer wieder schwoffen meine Gedanken zu der fröhlichen kleinen Sunny, aber sie schwoffen vorbei, drüber hinweg, drunter durch. Ich konnt mir nix darunter vorstellen. Bis heute. Heute hat Klein-Sunny Ämtergänge erledigt. Vertrauensselig hat sie Verwaltungsangestellte angelächelt, ihr Wohl in ihre Hände gelegt. Gestaunt hat sie über ALL die VIELEN Papiere und die HOHEN Gebühren. Geld ist ihr unter den Tisch gekullert. Beim Aufheben hat sie gekichert und sie hat sich von den unbeweglichen Gesichtern über den Pullundern nicht verunsichern lassen. Klein-Sunny war gut drauf. Gut gelaunt hat sie Nummern gezogen, Platz genommen, unterschrieben (fast wette ich, dass die Zungenspitze dabei im rechten Mundwinkel zu sehen war), artig Danke gesagt und Quittungen verl..., äh nee, da hatte mein erwachsenes Ich interveniert.
Überheblich. Schüchtern. Zynisch. Nachsichtig. Abgeklärt. Unbedarft. Vernünftig. Verspielt. Seriös. Verschroben. Bockig. Folgsam. Schwermütig. Vergnügt. Verzagt. Zuversichtlich. Öffentlicher Dienst. Künstlerseele.
Widersprüche? Widersprüche sind irrelevant.
Es flimmert um mich herum. Letztens war der Tank noch halb voll, jetzt ist er leer. Nein, nicht halb leer, ich Pessimistenfrau, leer, leer, leer.
Es ist die Wiederholung. Die ewige Wiederholung. Vielleicht der Kreis. Brumm-brumm-brumm. Vielleicht aber auch die breite Straße, der graue Asphalt, das vertrocknete Gras am Straßenrand, der Staub, die Räder, die Geschwindigkeit, die grelle Sonne, der schnurgerade Mittelstreifen, der geradewegs ins Nichts führt.
Am Horizont lauert die Hoffnung, die alte Schlampe, die mich davon abhält, mich in die Büsche zu schlagen.
Es ist nicht mein Weg. Ich gehe ihn mit jemand zusammen. Ich bleibe stehen, überhole, gehe rückwärts, seitwärts. Ich schlage Räder, Purzelbäume, ich singe, keife, schreie. Ich renne, schlurfe, krieche, hüpfe auf einem Bein. Lache, weine, schlage um mich. Und nichts davon wird etwas daran ändern, dass ich mich immer geradeaus bewege. Mitten hinein ins Nichts.
Ich kenne die lauschigen Pfade, die gefährlichen Grate, die Schluchten, die Seen, die Hecken, die Wiesen.
Ach.
Lass mich allein.
Ich bin müde.
So müde.
Es ist kein trauriger Tanz mehr. Kein dunkler Schleier, hinter dem blaue Augen sich mandelformvollendet mit Tränen füllen. Kein subtiler leidender Zug um die fein geschwungenen Lippen. Kein Marmor. Keine Starre. Kein Stolz mehr...
Irgendwann tut es eben einfach nur noch weh.
Und es kam der Tag, an dem Sisyphos dem Stein beim Poltern zusah. Ja, eines Tages hatte er einfach mal genauer hingesehen als an den anderen Tagen der Ewigkeit. Ein Tag in der Ewigkeit ist weder kurz noch lang. Und der Stein tat das, was er jeden Tag tat. Er polterte den Hang hinab. Badumm, badumm, badumm. Sisyphos sah ihn springen und rollen. Sah, wie er von anderen Felsbrocken abprallte, mal nach rechts mal nach links ausschlug, auf seinem unausweichlichen Weg ins Tal, zum Ufer des Bergs.
Und dann lachte Sisyphos. Er lachte so sehr. Seine Augen quollen aus den Höhlen. Sie füllten sich wieder und wieder mit tiefen Seen der Trostlosigkeit des Daseins. Alle seine Muskeln waren zum zerreißen gespannt. Sie schienen zu bersten, und dass er sie nun zum ersten Mal seit langem wieder wahrnahm, steigerte sein Lachen in Hysterie. Tränen der Verzweiflung mischten sich in die der Ausgelassenheit. Der Wahnsinn hat Methode, dachte Sisyphos. Und das stimmte. Und die Beschaffenheit dieser Wahrheit ließ Sisyphos hilflos gekrümmt auf der Spitze des Berges zusammenbrechen. Die Krämpfe schüttelten ihn. Immer wiederkehrenden Salven schluchzenden Gelächters überrumpelten ihn, wollten und wollten kein Ende nehmen.
Sisyphos lachte. Und lachend erhob er sich, lachend wankte er den Berg hinunter, lachend nahm er den Felsbrocken in seine schwieligen Hände, lachend rollte er ihn vor sich her. Und er spürte, wie er vergaß. Wie das Lachen verebbte, dessen Ursache er nicht mehr kannte. Und er langte am Gipfel an. Ergab sich dem vertrauten Schmerz. Und von neuem begann die Unendlichkeit.
Ein Tag in der Ewigkeit ist weder kurz noch lang.
Das Mädchen hielt inne, schwieg lange und richtete seinen Blick nach innen. "Was ist dein Begehr." wiederholte der Zauberer eindringlich und ließ sanft sein Glockenspiel erklingen. Und ganz leise, ganz plötzlich ertönte eine zarte Stimme und Glöckchen bemerkte erstaunt, dass es seine eigene war:
"Die Hexe... Sie soll verschwinden."
"So sei es." ertönte die gütige Stimme des Zauberers, die sich in den wunderbaren Klang des Glockenspiels mischte, das abermals in seiner betörenden Melodie Glöckchens Herz berührte. Und es geschah etwas ganz Bezauberndes: Glöckchens Lachen kehrte zu ihr zurück. Sie konnte es tief in sich hören, wie es mit einem klaren Plätschern nach oben drang. Tief aus ihrem Bauch perlte das Lachen hervor und rieselte wie ein glitzerndes Bächlein in das dunkle Turmzimmer. Tausende von bunt schimmernden Perlen schwebten durch den Raum, vervielfältigten sich und drangen durch die Ritzen der finsteren Mauern. Glöckchen fühlte, wie der Turm um es herum zerbrach. Es hielt die Augen geschlossen, aber es konnte die Helligkeit um es herum erahnen und da wusste es, dass es wieder sehen konnte. Und nun, wo es sein Lachen wiederhatte, konnte es damit gar nicht mehr aufhören, Tränen der Freude mischten sich unter die bunt schimmernden Perlen und tanzten eine lustigen Reigen. Beinahe hätte man das Wutgeschrei der Hexe überhört, die zurückgekehrt war und ihren Turm einstürzen sah. Je fröhlicher und freier Glöckchen lachte, desto leiser wurde die Hexe, bis sie ganz und gar verstummte und als hilfloses altes Weiblein, so schnell sie konnte, davonhinkte.
Als Glöckchen die Augen öffnete, saß es mit dem Zauberer auf einer sonnigen Blumenwiese, und das Glockenspiel sang ein fröhliches Lied. Und als das kleine Mädchen an sich herabsah, bemerkte es, dass es zu einer schönen Frau herangewachsen war.
"Die Hexe wird dich nicht mehr behelligen. Ihre Macht ist zerbrochen." sagte der Zauberer. "Du kannst gehen, wohin du möchtest, aber wenn du mich brauchst, so komm hierher und rufe nach mir, ich werde da sein."
Da dankte die junge Frau dem Zauberer und wanderte im Sonnenschein über die Wiese davon. Weil die Angst vor der bösen Hexe verschwunden war, fand sie die richtigen Wege und Pfade. Sie traf einen mutigen jungen Prinzen, der sie zur Frau nahm. Zusammen lebten sie in Frieden und glücklich beieinander, und Gott schenkte ihnen eine riesige Zahl an Kindern und Kindeskindern.
Ein jedes Mal, wenn sich die junge Frau an die Zeit mit der Hexe im dunklen Turm erinnerte, stattete sie der Blumenwiese einen Besuch ab. Bald rief sie nicht mehr nach dem Zauberer, denn sie spürte seine Anwesenheit. Und manchmal, wenn sie besonders ängstlich oder traurig war, hörte sie im warmen Sonnenschein das leise Klingen seines Glockenspiels und spürte ihr Kinderlachen in sich aufsteigen, das zu ihr zurückkehrte.