Nachtschattengedanken

15.01.2007 um 11:21 Uhr

Und wenn wir uns nicht mehr sehen: Guten Tag, guten Abend und gute Nacht!

Ein volles Haus an Weihnachten, Oma Elsi, Großtante Gisela, Opa Helmut, Mutter und Vater SPunkt, Enkelkind Lisa, Großcousin Thomas, Onkel Fabian mit Freundin Chantal, wie sehr habe ich mir das immerzu gewünscht, mein Leben lang, ein volles Haus an Weihnachten, Familie, Menschen, die zu mir gehören, Menschen, die, wie es sich gehört, den heilgen Abend zusammen begehen...

Wie schade, dass man sich diese Leute nicht aussuchen kann.

Wie schade, dass man sich nichts zu sagen hat.

Und sich nicht kennt.

Sich nicht zuhört.

Wie schade, dass ich wie Falschgeld durch diese Menschen stolper und spüre, dass sie gar nicht da sind, eine Maskerade aufführen, Dinge tun, die sie so gelernt haben, essen, schenken, plaudern, wie gehts sonst so fragen und nach Hause gehen.

Wenn ich dann meine Tochter sehe, wie sie versucht, diese Menschen zu erreichen, sie mit strahlenden Augen in die Arme schließt und bitter enttäuscht wird, weil sie überhaupt niemanden erreicht, weil sie gar nicht gesehen wird, weil von ihr erwartet wird, dass sie sich an die Regeln hält, ihren Salat aufisst, keinen Dreck macht und während des Essens kein Pipi muss, dann bin ich außerordentlich froh, dass ich solche Regln nie gelernt habe, dass ich Weihnachten stets mit einer verrückten Mutter verbracht habe, deren oberste Direktive darin bestand, genau diese Regeln, genau dieses System zu entkräften.

Schade, dass sie neue Regeln erfand. 

Gut, dass die so bescheuert waren, dass sie zu verinnerlichen unmöglich war.

Traurig, dass sie mir wehtat.

Gut, dass dies nicht zu übersehen war.

Denn mir kommt es schlimmer vor, in diesem Panoptikum aufzuwachsen, stets seinen Teller leer zu essen und nie über dessen Rand hinwegzusehen.

Es stimmt was nicht?

Seid brav, esst auf, haltet Euch sauber und schneidet keine Fratzen.

Und falls Ihr euch mal weh getan habt:

Bis Ihr heiratet, werdet Ihr es vergessen haben.