Nachtschattengedanken

21.11.2007 um 09:47 Uhr

Der siebte Gang

"Franz Müntefering", so sagte ich vor ein paar Tagen zu einem Freund, "ist ein guter Mensch." "Wos?" und ein Schnauben ertönte, "Hör mir auf! Der ist Spitzenpolitiker!" "Nope", trumpfte ich auf, "jetzt nicht mehr." Rücktritt also. Dass ich in Sachen Politik mal was zuerst weiß, ist selten. Das liegt daran, dass ich die Dinge einfach nicht wahrnehme. Ich habe mich irgendwann dagegen entschieden, politische Zusammenhänge erfassen zu wollen und in dieser Sache bin ich erstaunlich konsequent geblieben. Das liegt daran, dass ich mir immer überlege, wie sich die einzelnen Menschen der Spitzenpolitik fühlen. Sei es nun Frau Merkel beim Dalai Lama (war sie beeindruckt, hatte sie Angst/Zweifel, wie geht sie mit Kritik um, so für sich selbst, leidet sie darunter?) oder der einstige Höhenflug von Schröder (hatte er Momente, in denen er sich so richtig bescheuert vorkam?) oder Stoiber - der muss doch nun wirkliich merken, dass er einfach zu dumm ist, um teilzunehmen, oder nicht? Fragen über Fragen, die mit der Sache an sich nichts zu tun haben, also lass ich es. Müßig müßig... Beim Franz glaube ich, dass er - kranke Frau hin, kranke Frau her - einfach den internen Vernetzungen nicht mehr Stand gehalten hat, dem war das zu viel. Der hat schon unter Schröder gelitten, Ideale verloren und hat kapituliert.

Franz Müntefering hätte niemals mein Fahrrad gestohlen. Es stand da, am Nachmittag seines Rücktritts, unabgeschlossen vorm Supermarkt. Er hätte es nicht gestohlen, Nicht, weil er keins braucht, nicht, weil er hätte erwischt werden können, nicht, weil er keine Zeit gehabt hätte. EInfach, weil man niemandem etwas wegnimmt. Das tut man einfach nicht. Jetzt kann es ja sein, dass ich mich gründlich in Herrn Müntefering täusche, aber dann ist mein Aufhänger weg, deshalb muss er einfach jetzt mal herhalten als Idealfigur, als aufrichtiger faltiger Mensch mit Tränensäcken und wässrigen Augen. Einer, dem ich irgendwie glauben kann, dass ers ehrlich meint.

Lieber hätte ich einen Papa, den ich idealisieren könnte. Einen richtig coolen. Einen mit kleiner runden Sonnenbrille und einem stoppeligen Doppelkinn und gütigen Augen (ja, auch die dürfen wässrig sein, er wär ja wahrscheinlich weit über sechzig), einer, der murmelt: "Och Mensch, sowas macht man doch auch nicht." Womit er sowohl den Diebstahl als auch meine Fahrlässigkeit meinen würde. Er würde mir über den Kopf streichen, denn er wüsste, dass er es war, der mich zu dieser Naivität und Gutgläubigkeit erzogen hätte. Als Mädchen hätte er mir erzählt, dass die Welt da draußen im Grunde gut ist, dass man daran glauben könnet, und er würde mal wieder überlegen, ob es richtig war, mich so eindringlich davon überzeugen zu wollen. Dann würde er die Schultern zucken, sich sagen, dass es schließlich seine Überzeugung war und ist. Und er würde mit mir losziehen und mir bei einem guten Freund, der Fahrradhändler ist, ein neues zu besorgen. Natürlich ein gebrauchtes, denn soviel Geld hat er nicht, mein Papa, schließlich ist mit Aufrichtigkeit kein Staat zu machen, aber er würde mich drücken und sagen, das ist ein gutes Rad, für 150 € ein richtig gutes, habs mir angesehen, jetzt fährste schön meine Enkeltochter abholen und dann kommt ihr nochmal auf'n Kaffee und Stück Kuchen vorbei, ich mach den Kamin an, würde er sagen...

Hab keinen Papa. Hab ich nicht. Also passiert alles wie beschrieben, nur ohne Erziehung zur Gutgläubigkeit, ohne Entschuldigung, ohne Unterstützung, ohne Kaffee und Kuchen, ohne Kamin...

Und dann kauf ich ein Fahrrad für 150 €. Nur kein gutes. Eines, das nur im siebten Gang fährt.

Und da sitz ich nun jeden Tag drauf bei dem Scheißwetter. Und trete, trete, trete gegen den Wind an. Und manchmal, da erwisch ich genau die richtige Kraft, genau die richtig Stärke, dann läuft der siebte Gang wie geschmiert. Dann ist es, als flöge ich dahin, auf meinem ollen Fahrrad für viel zu viel Geld, dann trete ich gleichmäßig in die Pedalen und denke, Mensch ist doch nicht so schwer. Ist der siebte Gang, aber es gibt nun mal keinen anderen. Keine Wahl, aber irgendwie gehts schon - und so nach und nach auch erstaunlich gut.

Ich werd ihn zur Rede stellen, den Fahrradhändler. Franz Müntefering und mein phantasierter Papa werden bei mir sein. Dann bekomm ich meine fehlenden Gänge zurück. Wenn doch nur alles so einfach wäre im Leben. Man ginge einfach in Reparatur und bekäme all die fehlenden Sachen wieder. Wo, verdammt nochmal, ist die Gewährleistung?

Gibts keine? Herrje...

09.11.2007 um 22:15 Uhr

im fluss

und wo ich so schön dabei bin: ich begebe mich in den fluss, panta-panta-rhei, der schwarze einsame panta rhei, ich lach mich kaputt.

ihr müsst es mir glauben, ich bin weder bekifft noch besoffen.

aber der fluss, versteht ihr? es geht immer weiter. und immer weiter. morgen is anders als heute und übermorgen anders als gestern und morgen und so weiter (weiter, weiter, weiter).

wenn man diesen abgefahrenen gedanken mal an sich rangelassen hat, muss man sich um seine stimmung keine gedanken mehr machen. da zählt dann auch nicht mehr, dass es gerade schwarze nacht ist, denn die bleibt es ja nicht.

kikeriki...

herrlich.

03.11.2007 um 01:06 Uhr

einen schritt weiter...

manchmal gehe ich in gedanken ein schritt weiter.

einen großen.

und dann schau ich mich um, und erschrecke mich vor mir selbst. schüttel den kopf im angesicht meiner früheren ideen. reiße entgeistert die augen auf beim anblick meines verhaltens.

ich sehe mich, wie ich vor drei jahren monatelang die wand anstarrte, sehe, wie ich vor zwei jahren nacht für nacht aus albträumen hochschreckte, sehe mich taumelnd suchen, weinend jede tür meines geistigen palastes aufreißen, sehe mich schreiend durch die inneren tunnel rennen, die erinnerung hinter mir, und kein entrinnen...

ein solches szenario zeitigt wirkung nach außen... krisen vergehen und machen uns stärker. ich bin froh geschrieben zu haben, doch - seltsam - ich erinner mich an den prozess des schreibens, nicht aber an die beschriebenen gefühle. beklommen schau ich sie mir an, meine dunklen texte, frage mich: wer war das? und: wie ist ein mensch, der solche krisen durchmacht?

anstrengend, sehr sehr anstrengend. entwicklung ist ja so anstrengend. der knoten platzt nie, er zerfasert in einem zähen und zermürbenden prozess. manchmal habe ich eine schlaufe in der hand, ein hochgefühl, ich denke, hier noch einmal durch, den nippel durch die lasche und dann is vorbei, chapeau madame, und BUMS, nur einen winzigen augenblick später: neue wirrungen und irrungen, knötchen um knötchen, je kleiner, umso schwieriger zu lösen.

vielleicht sollte man das nicht machen, einen schritt weitergehen, vielleicht sollte man nicht daran denken, wie seltsam das eigene ich in ein bis zwei jahren auf einen selbst wirken wird. der spiegel verzerrt, erinnerungen sind trügerisch, der moment spricht die wahrheit, auch wenn es morgen eine andere sein wird.

und wer weiß, ob ich diesen text in einer stunde noch verstehen werde...