Die gläserne Kugel, Teil Drei
Das Mädchen hielt inne, schwieg lange und richtete seinen Blick nach innen. "Was ist dein Begehr." wiederholte der Zauberer eindringlich und ließ sanft sein Glockenspiel erklingen. Und ganz leise, ganz plötzlich ertönte eine zarte Stimme und Glöckchen bemerkte erstaunt, dass es seine eigene war:
"Die Hexe... Sie soll verschwinden."
"So sei es." ertönte die gütige Stimme des Zauberers, die sich in den wunderbaren Klang des Glockenspiels mischte, das abermals in seiner betörenden Melodie Glöckchens Herz berührte. Und es geschah etwas ganz Bezauberndes: Glöckchens Lachen kehrte zu ihr zurück. Sie konnte es tief in sich hören, wie es mit einem klaren Plätschern nach oben drang. Tief aus ihrem Bauch perlte das Lachen hervor und rieselte wie ein glitzerndes Bächlein in das dunkle Turmzimmer. Tausende von bunt schimmernden Perlen schwebten durch den Raum, vervielfältigten sich und drangen durch die Ritzen der finsteren Mauern. Glöckchen fühlte, wie der Turm um es herum zerbrach. Es hielt die Augen geschlossen, aber es konnte die Helligkeit um es herum erahnen und da wusste es, dass es wieder sehen konnte. Und nun, wo es sein Lachen wiederhatte, konnte es damit gar nicht mehr aufhören, Tränen der Freude mischten sich unter die bunt schimmernden Perlen und tanzten eine lustigen Reigen. Beinahe hätte man das Wutgeschrei der Hexe überhört, die zurückgekehrt war und ihren Turm einstürzen sah. Je fröhlicher und freier Glöckchen lachte, desto leiser wurde die Hexe, bis sie ganz und gar verstummte und als hilfloses altes Weiblein, so schnell sie konnte, davonhinkte.
Als Glöckchen die Augen öffnete, saß es mit dem Zauberer auf einer sonnigen Blumenwiese, und das Glockenspiel sang ein fröhliches Lied. Und als das kleine Mädchen an sich herabsah, bemerkte es, dass es zu einer schönen Frau herangewachsen war.
"Die Hexe wird dich nicht mehr behelligen. Ihre Macht ist zerbrochen." sagte der Zauberer. "Du kannst gehen, wohin du möchtest, aber wenn du mich brauchst, so komm hierher und rufe nach mir, ich werde da sein."
Da dankte die junge Frau dem Zauberer und wanderte im Sonnenschein über die Wiese davon. Weil die Angst vor der bösen Hexe verschwunden war, fand sie die richtigen Wege und Pfade. Sie traf einen mutigen jungen Prinzen, der sie zur Frau nahm. Zusammen lebten sie in Frieden und glücklich beieinander, und Gott schenkte ihnen eine riesige Zahl an Kindern und Kindeskindern.
Ein jedes Mal, wenn sich die junge Frau an die Zeit mit der Hexe im dunklen Turm erinnerte, stattete sie der Blumenwiese einen Besuch ab. Bald rief sie nicht mehr nach dem Zauberer, denn sie spürte seine Anwesenheit. Und manchmal, wenn sie besonders ängstlich oder traurig war, hörte sie im warmen Sonnenschein das leise Klingen seines Glockenspiels und spürte ihr Kinderlachen in sich aufsteigen, das zu ihr zurückkehrte.
