Nachtschattengedanken

18.10.2008 um 23:23 Uhr

sehnsucht

manchmal vermisse ich dieses gefühl. das prickeln im hals, die wärme im bauch, das karussell im kopf, das sich langsam in bewegung setzt. alles wird bunter, wärmer, lustiger, mit jedem schluck...

da können andere drogen nicht mithalten...

höm.

 

 

13.10.2008 um 23:44 Uhr

Schon wieder guter alter Therapeut...

Da sitzt er wieder mit seinem neutral-gütigen Altmännlein-Gesicht (aufgemerkt!) und schaut mich an. Weder auffordernd noch mitfühlend noch neugierig. Das muss er lange geübt haben. Tapfer. Sehr tapfer.

Nun, ich habs aufgegeben, das Spiel mit 'Wer-zuerst-spricht-hat-verloren', ich will schließlich was von ihm, er nicht von mir.

"Ich war brav." beginne ich und wühle in meiner Tasche. Er grinst, als ich grad nicht hingucke, aber ich hab ja den sechsten Sinn, was er eigentlich wissen müsste. Mit ein paar Zetteln in der Hand richte ich mich wieder auf. "Hier, ich hab das Märchen geschrieben." Er neigt seinen Kopf. Ich überreiche ihm die drei schon ein wenig mitgenommenen Seiten. "Für die Akten." grins ich schief. Er lächelt unbestimmt, big Sunny is watching him.

"Also, was mein inneres Kind betrifft. Klein Sunny..."

Kunstpause. Er hebt die Augenbrauen. Got you!

"Ich mag sie nicht besonders."

Jetzt kritzelt er was in diese Patientenakte. Wow. So weit hatte ich ihn lang nicht mehr.

"Also, was heißt jetzt nicht mögen..." Aha. Die Faselphase. "Ähm, ich misstraue ihr."

Die Augenbrauen rutschen was höher.

"Und sie mir."

Gekritzel.

"Außerdem konnte ich die Hexe nicht sterben lassen."

Er nickt. "Ihre Wut ist unheilig. Sie muss heilig werden."

"Hä?" denk ich und nicke. Ich fühle, was er meint. All dieses Zeug von wegen Recht auf Wut, Wut zulassen, Mut zur Wut, hahaha, nee, nich lustich, gar nich.

"Naja, aber ich habe drumrum geschrieben. Es gibt trotzdem ein Happy End."

"Na, da bin ich aber neugierig." sagt er und sucht die letzte Seite.

"PAH!" Mich packt heilige Wut. "Das Ende zuerst lesen? Mh? Das geht ja wohl gar nicht!"

"Wissen Sie, was gar nicht geht?`Literatur von Ihnen quer lesen. DAS geht nicht."

"Na, hören'Se mal, es sind noch 35 min Zeit. In der Zeit habe ich es Ihnen sogar drei oder vier mal sehr akzentuiert VORgelesen!"

Na? Kann ich dominant sein? Klar. Kann ich. Um meiner Überlegenheit mehr Ausdruck zu verleihen, verlass ich den Raum und hol mir im Flur ein neues Glas Wasser. Um Überheblichkeit draus zu machen, stelle ich das volle Glas Wasser auf den kleinen Tisch neben die Schnupftücherkiste und gehe wieder aus dem Zimmer, um mir das Näschen zu pudern. Ich hör ihn noch lachen: "Aha! Der Zauberer!" Verlegen grinsend betret ich die Toilette.

Als ich wiederkomme, isser fertig mit lesen. Um ehrlich zu sein, wollt ich mich doch nur um die Stille drücken.

Einige lobende Worte und inhaltliche Anmerkungen über mein verletztes inneres Kind später klopft er plötzlich fachmännisch auf die erste Seite und sagt das Folgende:

"Es muss eine gesunde kleine Sunny geben. Ihr Unterbewusstsein weiß das. Es steht hier."

Er zeigt auf den ersten Absatz. Ratlos schau ich ihn an. Wieso kommt immer und immer wieder der Punkt, an dem ich in diesem therapeutischen Dialog ratlos dasitze?

"Wenn Sie das fröhliche, kleine Mädchen finden, kann Ihnen das genauso nützlich sein wie der Zauberer."

"hä?" denk ich und nicke nachdenklich. Ich fühle, was er meint, bekomme es aber nicht zu fassen. Die Sitzung ist jetzt zwei Wochen her. Immer wieder schwoffen meine Gedanken zu der fröhlichen kleinen Sunny, aber sie schwoffen vorbei, drüber hinweg, drunter durch. Ich konnt mir nix darunter vorstellen. Bis heute. Heute hat Klein-Sunny Ämtergänge erledigt. Vertrauensselig hat sie Verwaltungsangestellte angelächelt, ihr Wohl in ihre Hände gelegt. Gestaunt hat sie über ALL die VIELEN Papiere und die HOHEN Gebühren. Geld ist ihr unter den Tisch gekullert. Beim Aufheben hat sie gekichert und sie hat sich von den unbeweglichen Gesichtern über den Pullundern nicht verunsichern lassen. Klein-Sunny war gut drauf. Gut gelaunt hat sie Nummern gezogen, Platz genommen, unterschrieben (fast wette ich, dass die Zungenspitze dabei im rechten Mundwinkel zu sehen war), artig Danke gesagt und Quittungen verl..., äh nee, da hatte mein erwachsenes Ich interveniert.

Überheblich. Schüchtern. Zynisch. Nachsichtig. Abgeklärt. Unbedarft. Vernünftig. Verspielt. Seriös. Verschroben. Bockig. Folgsam. Schwermütig. Vergnügt. Verzagt. Zuversichtlich. Öffentlicher Dienst. Künstlerseele.

Widersprüche? Widersprüche sind irrelevant.