Nachtschattengedanken

19.11.2008 um 11:22 Uhr

Angst, Angst, die alte Angst...

Sie hat mich wieder in ihren Fängen. Streckt ihre klebrigen langen Finger nach mir aus, umfasst mich, würgt mich, lässt mich nicht los, und selbst, wenn ich mich für eine Weile losreiße, streicht eine ihrer Fingerspitzen spinnwebengleich meinen Rücken entlang. Sie ist immer hinter mir, mein Herz ist ein pochender Eisklumpen, mein Magen ein heißkalter Stein, die Rippen schmerzen, die Luft ist dünn, mein Atem geht schnell und doch schreit meine Lunge, mein Körper nach Befreiung. Alles scheint eng zu sein, in diesen Tagen, wie groß die Räume auch sein mögen, eng sind sie, eng, Menschen zu fern, zu nah, Augen auf mich gerichtet, wenden sich ab, verächtlich schnaubend.

Wovor habe ich Angst? Wovor?

Diffus, irrational, nicht greifbar, unantastbar ist sie, die Angst, die Angst, die alte Angst.

"Es gibt zwei Arten von Ängsten", so sagte mein guter alter Therapeut mal zu mir.  "Die Angst vor dem Tod, zum einen." Mit schwebender Intonation hielt er inne und betrachtete mich aus den Augenwinkeln. Ich entspannte mich. Nein. Die Angst vorm Sterben, vorm Tod, die beschäftigt mich nicht. Es ist nicht der Ziegelstein, der mir auf den Kopf fallen könnte, den ich fürchte. Auch nicht das Flugzeug. Oder der Bus. Krankheiten. Ach. Egal.

Irgendwann sagte mal ein Arzt zu mir, dass einige Symptome, die ich aufwies, auf Krebs hindeuten könnten. Nun. Ich machte den Fehler, im Internet zu recherchieren. Raucherin. Mitte Dreißig. Risikogruppe. Oje, dachte ich, dann werden alle sagen, dass es meine Schuld ist. Die Angst vor der Krankheit war es nicht. Die Angst vor der Reaktion der Außenwelt war es. Und dann stand da auch noch was über HIV. Und da machte was Klick. Ich sah mich von Geschlechtspartner zu Geschlechtspartner wackeln und dürftige Entschuldigungen vorbringen. Oje. Wenn ich HIV hätte. Dann hätte ich alle angesteckt. Ich wäre vielleicht für den Tod von einigen Menschen verantwortlich. Dass MICH jemand angesteckt haben könnte, und wer, darüber dachte ich nicht nach. Dass HIV eine schlimme Krankheit ist, unter der ICH dann zu leiden hätte, auch das war egal. Es kam einfach nicht vor in meinen Gedanken. Natürlich dachte ich auch keine Sekunde daran, dass ich gar kein HIV haben KÖNNTE, weil ich, wenn ich mich angesteckt haben SOLLTE, es vor ca. 12 Jahren geschehen wäre. Der gute alte Therapeut sagte: "Wenn Sie seit 12 Jahren HIV hätten, wären Sie jetzt tot." Das beruhigte mich ein bisschen. Ich entspannte mich. Und wisst ihr warum? Weil mir klar wurde, dass eine tödliche Krankheit zu haben, hieße, dass ich sterben würde. Und wenn ich tot bin, kann mich keiner mehr beschuldigen.

Schuld. Schuld. Schuld.

Ein Fels auf meinen Schultern. Ich trage ihn. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn mich manchmal völlig vergessen lässt. Und dann frage ich mich, warum ich langsamer voran komme als die anderen. Der siebte Gang.

"Die zweite Angst", sagte mein Therapeut, während ich meinen Gedanken nachhing. "ist die, verrückt zu werden." Ich zuckte zusammen. Scheiße. Scheißescheißescheiße. Erwischt. Erwischterwischterwischt. Die Angst, verrückt zu werden. Es ist auch ein Tod, fiel mir ein. Ein geistiger Tod. Ein, und das vor allem, ein gesellschaftlicher Tod.

Und das fürchte ich: Den gesellschaftlichen Tod. Ausgestoßen. Ab in den Wald mit dir. Lebe allein. Wir wollen dich nicht. Du taugst nichts. Du genügst nicht. Du bist krank. Krank im Kopf.

Was das mit der Realität zu tun hat? Nichts. Menschen machen mir Angst. Ja. Das stimmt. Aber Menschen lieben mich auch. Sie tun es einfach. Einer meine effektivsten Muster ist, mich so tadellos und einwandfrei auf meine Mitmenschen einstellen zu können, dass sie nicht anders können, als mich sympathisch zu finden. Ich habe jetzt Kollegen. Viele Kollegen. Seit drei Wochen. Und was haben sie gemacht? Sie haben Geburtstagskuchen für mich gebacken. Einen tollen Kuchen. Mit Smarties. Und weißer und brauner Schokolade. Verziert. Sie haben mir ein Survival-Paket ins Büro gestellt. Taschenücher. Cappucinopulver. Zigaretten. Feuerzeuge. Tee. Kaugummis. Suppenpulver (weil ich immer so wenig esse). Sie sorgen sich, sie mögen mich. Sie fragen um Rat und geben Tipps. Nette Menschen. Die mich "toll finden" (O-Ton), "angenehm" (O-Ton), "liebenswürdig" (O-Ton), "positiv" (O-Ton), "charismatisch" (O-Ton).

Was fürchte ich?

Den gesellschaftlichen Tod.

Absurd. 

Es ist sowas von, absolut und völlig absurd.

Aber es ist so. Mein Herz ist ein rasender Eisklumpen, der Magen ein schwere Stein, ein Alb liegt auf meiner Brust, die sich zitternd hebt und senkt. Die Luft ist dünn, und ich kann mir nur eines sagen: "Es geht vorbei. Es wird vorbei gehen. Immer wieder wächst das Gras."