Nachtschattengedanken

12.12.2008 um 00:22 Uhr

Tränen

Schatten oder Licht? So einfach isses immer gewesen. Ja, und so schwer habe ich es mir damit gemacht. Wer weint, sitzt im Dunkeln. Wer lacht, wendet sich dem Licht zu. Und so lächelte ich mich tapfer durchs Leben. Tränen wurden unterdrückt, zwischen vermeintlichem Licht und dem gemiedenem Schatten lag die Leere. Beruhigend, vertraut, eine trügerische Sicherheit.

Wann immer ich an Tränen dachte, hatte ich ein Bild. Mal wieder war das eine der Therapiesitzungen, in der der Therapeut sich gespannt nach vorn lehnte. "Tränen sind nicht gut." flüsterte ich vor ungefähr zwei Jahren mit tränenerstickter Stimme. "Mhm." brummte er, wie er es immer tat, wenn er einen Ausbruch vermutete. Ich schluckte. Schluckte und hörte auf zu atmen. "Atme." sagte er. Nein. Jeder Atemzug tat weh. Trotzig hob ich den Blick. "Ich habe ein Bild für Tränen." "Ja?" Seine Haltung war an Körperspannung nicht zu überbieten. Wir schwiegen eine Weile. Er gespannt wie ein Flitzebogen. Ich zögerlich. "Schwarze Suppe." sagte ich schließlich leise und beschämt. Was für ein armseliges Bild. Aber so war es. Immer, wenn mich meine Traurigkeit zu übermannen drohte, sah ich ein Loch im Boden, aus dem pechschwarze Flüssigkeit sprudelte, nein, sie sprudelte nicht, sie suppte da so raus, mit einer gruseligen, pumpenden Kraft, überschwemmte den Boden, versickerte, suppte, schwappte, versickerte erneut, und das Suppen und Schwappen nahm kein Ende, alles, was hochkam, floß wieder zurück, ein widerlicher, klebriger Kreislauf, der in einem ölig schlammigen Krater enden würde. Wer will da weinen? Wer?

Reinigende Wirkung von Tränen? Lachhaft.

Heute habe ich geweint. Und die Tränen waren leicht. So leicht, dass es mich wunderte, dass sie der Schwerkraft nicht trotzten und tatsächlich auf meinem Hals und in meinem Nacken nasse kleine Spuren hinterließen. Sie flossen einfach so aus mir heraus. Nachher putzte ich mir die Nase und atmete tief durch.

Wer hat nochmal Heureka geschrien? Archimedes? Was hat der nochmal entdeckt? Ach scheiß drauf, es kann nicht so weltbewegend gewesen sein, wie diese meine heutige Erkenntnis, dass es Tränen gibt, die nicht weh tun.

Warum ich geweint habe?

Nun, nur so viel: Das Lächeln saß unmittelbar daneben und wartete neidlos und geduldig auf seinen Auftritt.