Nachtschattengedanken

30.09.2009 um 19:21 Uhr

...und nicht tun...

Stumm werden also die feinen Socken angestarrt. Ich habe den Ball und schaue mich hilflos um. Die Therapeuten ertragen ja Stille mit stoischer Gelassenheit. Ich nicht. Ich tue, was ich immer tue, wenn alle schweigen. Ich beginne zu plappern:

"Also zum Beispiel: Ein Vortrag. Ich soll einen Vortrag halten. Ich kann ZU-, aber ich kann auch ABsagen. Ist meine Sache. Ich SOLLTE ihn halten, den Vortrag, und ich WEISS auch, dass ich es KANN. Aber die Angst. Die Angst sagt nein. Das fühlt sich an, als ob ich den Vortrag nicht halten WOLLTE. Aber ich weiß AUCH, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich ihn absage.  Dann habe ich gekniffen. GeNAU das, was die Angst will. Wie widerstehe ich dieser Scheißangst?"

Man beliebt zu schweigen. Na gut, ich hab noch einen.

"Oder mein Handy. Neulich schrieb ich eine sms. Und in diesem Moment stürzte mein Handy ab. Gottseidank neben einem Handyladen. Und die sagten mir, dass irgendwas Ernstes mit der Software nicht stimmt. Und ich dachte sofort, dass sich die sms an ALLE Menschen in meinem Adressbuch versendet hat. Es war eine priVATe sms.Und mein Herz raste wie wild. Die Angst sagte: Überprüf das. Überprüf das jetzt sofort. Leih dir ein Handy. Die MÜSSEN dir ein Ersatzhandy geben, damit du wenigstens einen Menschen anrufen kannst, der dir sagen kann, ob die sms bei ihm angekommen ist. Das ist doch krank oder?"

Das rothaarige Mädchen mir gegenüber schaut plötzlich interessiert von ihren Socken hoch. "Was hast du gemacht?"

"Nun..." Ich schaue das rothaarige Mädchen mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Anspannung an. Irgendwie wollte ich gar nicht antworten. "Ich habe die bekniet, dass sie mir ein Ersatzhandy geben, dann habe ich eine Freundin angerufen und sie gefragt, ob eine sms angekommen ist."

Zwei Menschen nicken. Sie nicken mit diesem konspirativen, gemeinschaftlichen Bewusstsein. Zwei weitere starren mich misstrauisch an.

"Ich habe morgens Herzrasen." sagt jetzt leise mein Lieblingsgruppentherapiemitglied, eine quirlige Mittsechzigerin, die ungeheuer schön aussieht und schon um die halbe Welt gereist ist. Wir schauen sie schweigend an. Ich habe einen verblüfften Gesichtsausdruck, weil sie die letzte war, von der ich das erwartet habe. Wer weiß, wie verblüfft die anderen von mir waren, jedenfalls fährt sie fort: "Ich habe Angst zu sterben. Oder dass jemand aus meiner Familie stirbt. Ich wache auf udn denke, dass mich eine schlimme Nachricht erwartet. Jemand stirbt. Ich weiß es. Ich fühl es. Und dann stehe ich auf und die Angst ist erstmal wieder weg. Aber sie kommt wieder. Das ist klar."

Ich komm mir plötzlich schäbig vor mit meine Handy-Angst. Kann ich nicht wenigstens Platzangst haben? Achso, hab ich ja. Hab ich nur nicht gesagt. Das rothaarige Mädchen ergreift das Wort: "Ich kann weder Bus noch Bahn fahren. Im Auto kann ich nicht Beifahrerin sein. Es geht einfach nicht. Manchmal fahre ich doch mit der Bahn und steige nach zwei Haltestellen aus, weil ich es einfach nicht mehr aushalte."

"Ich wache nachts auf, und kann nicht wieder einschlafen."  Der schweigsame Mittvierziger. "Grübeln. Über die Arbeit. Nachts aufstehen. Mails überprüfen. Zahlen checken."

"Ich habe Angst, dass mein Mann mich betrügt." Oha. Die Grundschullehrerin. 

Leise weint rechts von mir die schöne junge Frau mit dem unglaublichen Busen.

Geständnis über Geständnis entfährt den Menschen mit den feinen Socken. 

Und ich denke: Oh Gott. Was hast du denn DA angestellt?

In ein energiegeladenes Schweigen platze ich heraus mit meinen nun noch drängenderen Fragen: "Was TUN wir denn jetzt mit der Angst? Wie gehen wir denn authentisch mit Angst um? Wie wehre ich mich gegen eine Gefühl, wenn ich mich eigentlich nicht gegen ein Gefühl wehren SOLL?"

Ich schaue im in die Augen, dem guten alten Therapeuten. Er ist blass um die Nase, aber er hält meinem Blick stand.

Er holt tief Luft. Wir auch. Nur, dass wir fast alle vor lauter Spannung vergessen, wieder auszuatmen.

 

tbc

 

 

 

11.09.2009 um 13:14 Uhr

Das Gefühl aushalten...

Es war in einer dieser unsäglichen Gruppentherapiesitzungen, als ich über mich hinauswuchs und freiwillig den blöden bunten Ball nahm und sagte: Ich habe etwas zu sagen.

Alle schauten mich an. Der gute alte Therapeut war gespannt. Vielleicht wusste er, dass ich nur spreche, wenn mir wirklich etwas auf dem Herzen liegt. Und ich? Ich sagte das folgende:

"Was ist eigentlich mit Angst?"

Schweigen.

"Ich meine... Also... Wir lernen hier authentisch mit Gefühlen umgehen. Weint, wenn ihr traurig seid, schreit, wenn ihr wütend seid, lacht, wenn ihr traurig seid. Aber was tue ich denn, wenn ich Angst habe?"

Schweigen. Blasse Gesichter starren mich an. Der Therapeut sieht mich ratlos an. Die Co-Therapeutin nickt langsam und bedächtig mit dem Kopf: "Das ist ein sehr gutes Thema."

Schweigen.

Oh. Offensichtlich nicht. Denn weiterhin starren mir diese ausdruckslosen Gesichter entgegen. Und keiner sagt etwas. Ich beginne zu stottern: "Wisst ihr, was ich meine? Wie kann man authentisch mit Angst umgehen? Wut, Freude, Trauer, das kann ich alles nachvollziehen, aber die Angst sagt: LAUF WEG. Und wenn ich diesem Gefühl nachgebe, wächst sie, die Angst, aber wenn sie wächst, geht es mir nicht gut, und wenn ich stehen bleibe, wehre ich mich gegen ein Gefühl." 

Langsame Erkenntnis macht sich auf dem Gesicht meines Therapeuten breit. Die Erkenntnis, dass ich ein GANZ heißes Eisen angepackt hatte.

Schweigen.

Vielleicht bin ich die einzige, die Angst hat, denke ich plötzlich. Vielleicht weiß keine Sau, was ich meine? Ich bekomme Angst. Keiner sagt was. Alle starren auf ihre Socken. Socken sind spannend in der Gruppentherapie. Manche tragen nur funkelniegelnagelneue, keine ausgebleichten, gern auch mal geringelt, mit corall gewaschene, aber niemals, wirklich niemals hatten sie Löcher, die Socken, auch meine nicht, obwohl ich verdammt viele Socken mit Löchern besitze. Und auch anziehe. Aber eben nicht in der Gruppentherapie.

Na, meine Güte, es kann mir doch keiner erzählen, dass DAS nichts mit Angst zu tun hat. Die Menschen HABEN doch löchrige Socken. Oder nicht?

 

tbc...