Noch ein Spruch der Woche
Du hast verstanden?
Du hast verziehen?
Du hast vergessen?
Welch ein Mißverständnis! Du hast nur aufgehört zu lieben.
Du hast verstanden?
Du hast verziehen?
Du hast vergessen?
Welch ein Mißverständnis! Du hast nur aufgehört zu lieben.
Hypnotisches hat etwas Unausweichliches, irgendwie etwas Unantastbares. Nachrichten aus einem unbekannten, aber nahen Universum. Auf einer Traumreise begab ich mich vor ein paar Wochen in mein altes Kinderzimmer. Schockierend, wie häßlich es war. Wir sollten ein Spielzeug mitnehmen und es beim nächsten Mal mitbringen:
Ich halte sie hoch, die winzig kleine Babypuppe. Betrachte sie selbst das erste Mal genauer. Sie ist schmutzig. Nackt. Der Fuß mit Kuli verschmiert. Das Schienbein mit einem Verband umwickelt. Ein wenig muss ich schmunzeln. Meine Große hat Arzt gespielt, sag ich. Irgendwie hab ich sie lieb, die kleine häßliche, schmutzige Puppe. Das sag ich auch. Dann halte ich sie wieder hoch. Sie passt zu dem hässlichen Kinderzimmer. Sag ich. So usselig. Aber usselig ist nicht das richtige Wort. Fühl ich. Sie sieht irgendwie... Ich suche nach Worten. Die schmutzige kleine Puppe. Ich betrachte sie von hinten. Von vorne. Wie sagt man denn dazu? Frag ich. Da gibt es ein Wort. Sie ist... Wie heißt das denn?
...
"Verletzt." Murmeln einige.
Und ich weiß, dass das das richtige Wort ist. Und ich denke: Scheiße. Ja.
Plötzlich fühl ich mich genauso nackt wie die Puppe. Für eine Sekunde habe ich das Gefühl, alle können mich sehen. So wie ich bin. Nackt und verletzt. Scheiße.
Ich reiß mich zusammen. Schaue hoch von der Puppe und erzähle von meiner Mutter. Wie sie reinkam in mein Kinderzimmer. In der Traumreise. Und diese Sätze sagte. "Ich will dass du aufhörst!" "Immer stehst du nur rum!"
Ja. Vielleicht sind das
typische Müttersätze. Aber wie sie es gesagt hat. Dieser hässliche
Tonfall. Dieses Röhren in der Stimme, was den nächsten Wutanfall
ankündigt. Immerzu konnte sie so wütend werden. Und schreien und
schreien und schlagen und treten und spucken. Mich anspucken und treten.
Immer wieder treten. All das kann ich nicht sagen. Ich sage diese
typischen Müttersätze. Ohne den Tonfall. Und alle nicken.
Aber dann erzähl ich auch, dass
ich diesen Satz geschrieben habe: Meine Mutter ist eine gemeine Frau.
Ich sage ihn. Und ich fühle mich schuldig dabei. Aber als ich ihn
geschrieben hatte, da habe ich mich nicht schuldig gefühlt. Hätte ich
nachgedacht, sag ich, hätte ich diesen Satz nicht geschrieben. Aber sie IST gemein. Das stimmt. Ich sage das mit Nachdruck. Und dann mit weniger
Nachdruck: Zumindest aus meiner Sicht.
Nun ja. Zumindest ist es raus. Meine Mutter ist eine gemeine Frau. So. Ich habs gesagt. Und so ist es. Aber so etwas sagt man nicht, und tatsächlich wird schnell interveniert. "Der Weise verzeiht seinen Eltern früh.", sagt jemand. Ja. Denke ich. Und wie lange bin ich diesen Weg gegangen. Habe versucht ihn zu gehen. Verzeihen. Verstehen. Sie war geistesgestört. Sie hatte ein schweres Leben. Sie konnte nicht anders. Sie hat mich geliebt. Auf ihre Art.
Wem verzeihen? Ich kann Euch
sagen, wem der Weise früh verzeihen sollte. Sich selbst. Gegen MICH
richtet sich meine Wut. Warum ist mir das passiert? Wieso hab ich mich
nicht gewehrt? Wieso konnte ich sie nicht retten? Was habe ich getan,
dass sie mir das angetan hat? Wieder und wieder und wieder. Ich MUSS
doch irgendwas getan haben?
Ich sehe dieses Kind im Kinderzimmer stehen. Es drückt seine Puppe an sich. Sein Haar ist verstrubbelt. Seine Füße nackt. Die Tür hinter ihm öffnet sich. Und das schlimme ist nicht, was die Stimme sagt. Oder wie sie es sagt. Das Schlimme ist, dass das Kind weiß, was kommt. Es weiß es, weil es ständig passiert. Wieder und wieder und wieder. Und es zuckt zusammen. DIe Tür knarzt und es zuckt zusammen. Duckt sich. Macht sich klein. Sagt nix. Denn egal, ob es da rumsteht. Egal, ob es spielt. Oder hüpft. Oder singt. Oder schläft. Oder einfach nur auf dem Boden sitzt. Oder malt. Egal. Es kommt. Es kommt wieder und wieder und wieder.
Ich habe Kinder. Sie sind klein.
Noch. Und schutzlos. Noch. Das schlimmste für ein Kind muss doch sein,
wenn es, so klein, so verletzlich, so vielen Gefahren in der Welt
ausgesetzt, doch den allerschlimmsten, unberechenbarsten Feind im
eigenen Haus hat.