Nachtschattengedanken

06.06.2008 um 20:01 Uhr

Die gläserne Kugel, Teil Drei

Das Mädchen hielt inne, schwieg lange und richtete seinen Blick nach innen. "Was ist dein Begehr." wiederholte der Zauberer eindringlich und ließ sanft sein Glockenspiel erklingen. Und ganz leise, ganz plötzlich ertönte eine zarte Stimme und Glöckchen bemerkte erstaunt, dass es seine eigene war:

"Die Hexe... Sie soll verschwinden."

"So sei es." ertönte die gütige Stimme des Zauberers, die sich in den wunderbaren Klang des Glockenspiels mischte, das abermals in seiner betörenden Melodie Glöckchens Herz berührte. Und es geschah etwas ganz Bezauberndes: Glöckchens Lachen kehrte zu ihr zurück. Sie konnte es tief in sich hören, wie es mit einem klaren Plätschern nach oben drang. Tief aus ihrem Bauch perlte das Lachen hervor und rieselte wie ein glitzerndes Bächlein in das dunkle Turmzimmer. Tausende von bunt schimmernden Perlen schwebten durch den Raum, vervielfältigten sich und drangen durch die Ritzen der finsteren Mauern. Glöckchen fühlte, wie der Turm um es herum zerbrach. Es hielt die Augen geschlossen, aber es konnte die Helligkeit um es herum erahnen und da wusste es, dass es wieder sehen konnte. Und nun, wo es sein Lachen wiederhatte, konnte es damit gar nicht mehr aufhören, Tränen der Freude mischten sich unter die bunt schimmernden Perlen und tanzten eine lustigen Reigen. Beinahe hätte man das Wutgeschrei der Hexe überhört, die zurückgekehrt war und ihren Turm einstürzen sah. Je fröhlicher und freier Glöckchen lachte, desto leiser wurde die Hexe, bis sie ganz und gar verstummte und als hilfloses altes Weiblein, so schnell sie konnte, davonhinkte.

Als Glöckchen die Augen öffnete, saß es mit dem Zauberer auf einer sonnigen Blumenwiese, und das Glockenspiel sang ein fröhliches Lied. Und als das kleine Mädchen an sich herabsah, bemerkte es, dass es zu einer schönen Frau herangewachsen war.

"Die Hexe wird dich nicht mehr behelligen. Ihre Macht ist zerbrochen." sagte der Zauberer. "Du kannst gehen, wohin du möchtest, aber wenn du mich brauchst, so komm hierher und rufe nach mir, ich werde da sein."

Da dankte die junge Frau dem Zauberer und wanderte im Sonnenschein über die Wiese davon. Weil die Angst vor der bösen Hexe verschwunden war, fand sie die richtigen Wege und Pfade. Sie traf einen mutigen jungen Prinzen, der sie zur Frau nahm. Zusammen lebten sie in Frieden und glücklich beieinander, und Gott schenkte ihnen eine riesige Zahl an Kindern und Kindeskindern.

Ein jedes Mal, wenn sich die junge Frau an die Zeit mit der Hexe im dunklen Turm erinnerte, stattete sie der Blumenwiese einen Besuch ab. Bald rief sie nicht mehr nach dem Zauberer, denn sie spürte seine Anwesenheit. Und manchmal, wenn sie besonders ängstlich oder traurig war, hörte sie im warmen Sonnenschein das leise Klingen seines Glockenspiels und spürte ihr Kinderlachen in sich aufsteigen, das zu ihr zurückkehrte.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Zwischenweltler schreibt am 09.06.2008 um 11:43 Uhr:Warum fällt es häufig so schwer, unseren Zorn, anstatt ihn auf uns selbst zu richten, weil wir das Unmenschliche nicht fertigbringen, auf denjenigen zu lenken, der das Unmenschliche von uns verlangt?

    Eine sehr schöne Geschichte hast Du da geschrieben, liebe Frau SPunkt.
    Wie hat die kleine Sunny denn darauf reagiert, als Du sie vorgelesen hast? Hat sie den Sinn verstanden - ich meine in ihrem Fühlen, nicht nur im Denken?
  2. sunnysightup schreibt am 09.06.2008 um 12:56 Uhr:Danke für deine Worte, lieber Zwischenweltler. Sie bedeuten mir viel, weil ich sehe, dass du mich verstanden hast. Komischerweise sind alle Bedeutsamkeiten dieser Geschichte nebenbei entstanden. Ich habe mir bei nix was gedacht, habe sie einfach so runtergeschrieben und es ist wahnsinnig viel Unbewusstes mit reingeflossen.
    Die kleine Sunny? Wie sie reagiert hat? Das muss ich noch verarbeiten. Nur so viel: Es war irgendwie mehr eine Inter-aktion, als eine Re-aktion. Und wenn ich mir das jetzt grad so geschrieben ansehe, finde ich das noch viel besser.

    Liebe und sonnige Grüße an dich!
  3. Zwischenweltler schreibt am 09.06.2008 um 13:23 Uhr:Dialog und Interaktion... ist das nicht die Basis zur Versöhnung?
    Wenn die kleine Sunny und Frau SPunkt eine Geschichte gemeinsam schrieben... wenn sie gemeinsam den weiteren Fortgang bestimmten... das könnte mir gut gefallen. :-)

    Auch Dir ganz liebe Grüße!
  4. sternenschein schreibt am 15.06.2008 um 05:33 Uhr:Eine sehr berührende Geschichte. Ein Märchen nach allen Regeln der Kunst.
    Sollte die kleine Sunny dieses Märchen unbefangen hören, dann täte ihr Glöckchen sicher sehr leid. Sie wäre wütend auf die böse Hexe und würde mitfiebern, dass Glöckchen sich endlich die Freiheit von der Hexe wünscht.
    Ja, warum fällt es so schwer...
    Vielleicht weil wir hart sein wollen, stark sein wollen, mit allem fertig werden wollen. Manchmal vielleicht sogar müssen, um nicht zu zerbrechen.
    Nicht weich sein.
    Es zieht sich durch so vieles hindurch, nicht nur im Kindesalter. Dieses, ich schaffe es, egal was kommt. Ich gebe nicht auf, was es auch ist. Dieses daraus entstehende Gefühl versagt zu haben, wenn man es nicht schafft.
    Deshalb machen Jugendliche manchmal unmenschliche Mutproben, ziehen junge Soldaten in unmenschliche Kriege, wurden junge Menschen zu unmenschlichen KZ Aufsehern.. sie wollten nicht weich erscheinen. Und ihre Wut richtet sich gegen sich selbst und gegen die Opfer, aber nicht gegen die Veranlasser, die unmenschliches fordern.Vor deren Zorn hatten sie Furcht und Angst, glaubten an die Macht der bösen Hexen und Hexer.
    Die aber ihrer Macht beraubt werden, wenn ihnen nicht gefolgt wird. Wenn das helle Lachen welches jedes Herz erwärmt wieder erklingt und die Augen strahlen, Wenn die furcht dem Lachen weichen kann, dann humpeln diese Hexe(n) schnell davon.
    Nur kleine Glöckchen wissen das noch nicht, können sich noch nicht wehren und sind dem leider ausgeliefert. Bis ein Zauberer es erkennt und ihnen hilft, oder sie sich irgendwann selbst befreien können.

    Ich hoffe das Märchen hilft der kleinen Sunny zu erkennen und auch dabei sich ein Stück weit, ebenso wie Glöckchen die Kugel zusammensetzte, sich auch wieder aus diesen ganzen Scherben zusammenzusetzen.
    Und ich hoffe auch, dass sie dabei nicht zuviele Schnitte und Kratzer von den ganzen Scherbenteilchen an den Händen davonträgt.
    Alles Liebe
    sternenschein.
  5. sunnysightup schreibt am 02.10.2008 um 14:23 Uhr:hey sternenschein, dieser kommentar ist bis heute an mir vorbeigegangen, aus welchen gründen auch immer, ich habe ihn erst jetzt wahrgenommen, und ich danke dir für die vielen, ehrlichen worte, habe mich gefreut, werde drüber nachdenken und frage mich gleichzeitig, ob ich jetzt zu weich bin und lächel über diesen gedanken. kuschelige grüße (ganz ernst gemeint) sunny (klein und groß)

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