Nachtschattengedanken

05.06.2008 um 19:58 Uhr

Die gläserne Kugel, Teil Zwei

Der Zauberer schaute das Mädchen gütig an und sagte: "Nun, wenn das dein Begehr ist, so kann dir geholfen werden." Mit einer geschmeidigen Handbewegung ließ er das gläserne Glockenspiel erklingen und dessen Klang erfüllte Glöckchens Herz mit so viel Wärme und Glückseligkeit, dass es jauchzend in die Hände klatschte. Gläserne Scherben flogen durch die Luft und fügten sich von selbst wieder zur Kugel zusammen, die funkelte und glänzte, als sei nie etwas gewesen.

Um Mitternacht erschien die Hexe und sah, dass ihre Kugel wieder heil war. Aber anstatt sich zu freuen, fing sie erneut an zu zetern und zu toben. "Dabei hat dir der Teufel geholfen!" kreischte sie und warf die Kugel an die Wand, wo sie abermals zerbrach. Sie besah sich die Scherben und hob den Besen. "Sieh, was du angerichtet hast, du nutzloses Ding!" Wieder gab die Hexe dem Mädchen bis Mitternacht Zeit, die Kugel zu einem Ganzen zusammenzufügen. "Und wenn du es nicht schaffst oder dir helfen lässt, fresse ich dich!"

Wieder vergoss Glöckchen bittere Tränen, denn dieses Mal war die Kugel in noch viel mehr Teile zerbrochen. Weinend wühlte es dennoch im Scherbenhaufen, als der alte Zauberer erneut vor ihm auftauchte. "Geh schnell weg", flüsterte Glöckchen. "Die Hexe weiß, dass mir geholfen wurde." "Ich weiß," sagte der Zauberer. Wieder huschte ein Lächeln über sein freundliches Gesicht. "Sag mir, was dein Begehr ist, und ich werde es erfüllen." Glöckchen schüttelte den Kopf. "Nein. Ich muss es allein schaffen, sonst werde ich gefressen." "Wenn das dein Begehr ist, so sei es." Und wieder ertönte der liebliche Klang des Glockenspiels und wieder durchfloss eine wunderbare Wärme Glöckchens Herz, ein heller Schein strömte in ihre Augen und mit einem Mal zog wie ein kleiner Sonnenstrahl ein Lächeln über Glöckchens Gesicht, weil es plötzlich wusste, welche Teile zusammengehörten. Fieberhaft arbeitete es bis kurz vor Mitternacht. Und als die Kugel wieder heil war, wartete es zitternd und mit zerschnittenen Händen auf die Ankunft der Hexe. Diese kam und schrie laut auf, als sie die Kugel sah. Sie betrachtete die unzähligen Schnitte auf Glöckchens Händen und blickte in seine Augen. Als sie den goldenen warmen Schimmer in ihnen sah, verzog sich ihr Gesicht zu einer zornigen Grimasse. "Dir hat jemand die Augen geöffnet." zeterte sie wutentbrannt, ein Blitzstrahl fuhr aus ihren dürren Fingern und die Kugel zerplatzte direkt vor Glöckchens Gesicht in Millionen von kleinen Splittern. "Du böses böses Ding" schrie die Hexe mitleidlos. "Schau dir nur diese Bescherung an!" Aber Glöckchen konnte nichts mehr sehen. Unzählige Splitter waren in seine Augen gelangt und hatten es erblinden lassen.

Die Hexe aber scherte sich nicht darum. "Bis Mitternacht muss alles wieder heil sein, sonst wirst du gefressen!" Glöckchens Angst war kaum zu beschreiben, denn wie sollte es die Kugel flicken, wenn es sie nicht sehen konnte? Da ertönte plötzlich der Klang des Glockenspiels direkt neben seinem Ohr und das alte Sprüchlein ertönte: "Sage mir, was dein Begehr ist, und ich werde es dir erfüllen." "Die Kugel," antwortete Glöckchen. "ich habe sie wieder zerbrochen und die Hexe wird mich fressen, wenn ich sie nicht wieder flicke." "Du hast die Kugel nicht zerbrochen. Die Hexe war es." "Die Kugel," wiederholte Glöckchen, "sie muss wieder heil werden." Der Zauberer seufzte. "Ich komme nun zum dritten Mal zu dir. Ich sehe, was dir angetan wurde. Deine Hände sind zerschnitten. Deine Augen sind erblindet. Dein Herz ist allein. Sag mir dein Begehr." "Die Kugel-" hob das Mädchen erneut an. "Überlege gut, was du nun von mir verlangst," unterbrach es der Zauberer. "Lausche tief in dich hinein, denn es wird der letzte Wunsch sein, den ich dir erfüllen kann."

- Fortsetzung folgt -

 


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