Nachtschattengedanken

29.07.2014 um 02:10 Uhr

Wir hätten zusammen singen können...

Ich schau dir nicht mehr in die Augen. Ich tu es seit einigen Tagen nicht mehr. Du seit einigen Jahren. Ich habe dich manchmal gezwungen. Habe gesagt: Schau mir in die Augen. Deinen Namen habe ich gesagt. Flehend. Verzweifelt. Und voller Liebe. Bitte, bitte schau mir in die Augen. Und als würde dir eine unsichtbare Macht den Kopf zur Seite drücken, hast du dich mir zugewandt, voller Abneigung, voller Widerstand. Und dann sind deine grauen Augen in meine blauen eingetaucht. Kurz nur. Für eine Sekunde oder zwei. Und ich hatte nie viel Zeit in ihnen zu lesen. Aber darin war eine schreckliche und fatale Zerrissenheit. Bestimmt war da noch mehr. Aber mich hast du immer nur diese Zerrissenheit spüren lassen. Und dann hattest du diesen Rolläden-Trick. Du hast ihn schon angewendet, bevor wir zusammenkamen. Ich versuchte dich mit all meiner Intensität zu treffen und du hast die Schotten dicht gemacht. Faszinierend fand ich das. Und war mir sicher, dass du irgendwann aufmachen wirst.

Ich war mir auch immer sicher, dass diese Zerrissenheit nicht mir persönlich gilt. Dass es dein Inneres Ich betrifft, das du schützt, das du nicht preisgeben willst. Aus Angst. Aus Unsicherheit.

Ich dachte tatsächlich, dass ich zu dir durchdringen werde. Dass ich dein Vertrauen gewinne. Dass ich dich so sehr lieben werde, so sehr, dass du nicht anders können würdest, als auch deine Liebe zu mir zuzulassen. Und dass sie vorhanden ist, daran habe ich nie wirklich gezweifelt. Ein zerrissener Mann, der der Heilung bedarf. Wer hätte besser geeignet sein können als ich? Dich aufzutauen. Du Eisprinz. Du Machine Man. Du gebrochene Seele. Du Held in der Festung. Das Heldenlied... Ich habe mein schönstes Gedicht für dich geschrieben. Damals. Als du hier im Blog über eine andere Frau schriebst. Über den Sternenschein auf ihren Brüsten damals in Florenz. Und währenddessen war ich in Berlin arbeiten und schrieb dir tagelang ein Gedicht, was länger und länger wurde. Und dann wusste ich nicht recht, wie ich es enden lassen soll. Und schaute mal hier rein. Was du hier in meiner Abwesenheit so schreibst. Und was schriebst du? Über die Brüste einer anderen Frau. Im Sternenschein der frühen Neunziger....

Und so lautete die Strophe, die ich weinend im Zug nach Hause schrieb:

vielleicht kommt es anders
herzlos und kalt
grausam der prinz
hört wie es schallt
hört der prinzessin klage im sturm
bleib mein prinz bleibe
gefangen im turm

Und als du mich vom Bahnhof abholtest, mit einer Sonnenblume in der Hand, einen Tag vor deinem Geburtstag, für den dieses Gedicht gedacht war, da schossen sie wieder in meine Augen, die Tränen. Ich schaute dich an. Und fragte nach diesem Text. Nicht sauer. Traurig. Ich wollte es verstehen. Und du sagtest nichts dazu. So gut wie nichts. Du fandest es albern, dass ich so getroffen war. Und ich fand mich dann selbst irgendwann albern. Aber wie weh das getan hatte, das WAR nicht albern. Du wusstest, dass ich das lese. Hattest mir eine Liebeserklärung versprochen. Weil du deine Liebe nicht so gut zeigen kannst. Es wird was kommen, hast du gesagt. Schriftlich. Ich werde dir etwas schreiben. Und dann schreibst du über deine große Liebe aus Florenz? Hier, wo ich auch lese und schreibe? Du konntest, wolltest wahrscheinlich nicht sehen, warum es mich verletzt. Und wie tief. Wütend angesehen hast du mich. Nein. Du hast mich nicht angesehen. Du hast wütend an mir vorbeigeschaut. Ich konnte es kaum ertragen. Und irgendwann sind wir nach Hause gegangen. In unser Zuhause. Und ich kam mir so falsch vor. So fehl am Platz an deiner Seite. Du hast mich nicht angesehen. Meine Augen standen voller Tränen. Die ganze Zeit. Du hast es nicht gesehen. Wolltest es nicht sehen. In meinem Hals ein so dicker Kloß. Nimm meine Hand. Dachte ich. Nimm mich in den Arm. Flehte ich. Stumm. Und: Sieh mich doch an. Sieh mich doch nur einmal wirklich an.

Hast du nicht. Du hast mich glaube ich niemals wirklich angesehen. Wohl begründet mit deiner inneren Zerrissenheit. Aber als wir damals zuhause waren, hast du dein Blog gelöscht. Unwiderruflich. Zwei Jahre Texte. Mehr oder weniger tägliche Texte. Alle weg. Oh, wie warst du wütend. Wütend hast du auf den Löschenknopf gedrückt. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dich ängstlich aus den Augenwinkeln beobachtet habe und dachte: Das wird er doch jetzt nicht tun. Das hilft doch jetzt niemandem. Und dann bist du aufgesprungen.  So aggressiv. So feindselig. Und du standst auf dem Balkon. Trankst Bier, während du grimmig in die Nacht starrtest. Und ich weiß auch nicht, warum ich mich nur noch so zaghaft an dich rantraute. Ich war es doch, die verletzt war. Und doch tippte ich dich ganz sanft, ganz leise an. Und du hast nichts mehr gesagt. Und auch in den darauf folgenden Wochen und Monaten nicht. "Ich habs doch gelöscht." hast du wieder und wieder gesagt. "Das MUSS doch reichen."

Ich hab dir das Heldenlied einen Tag später an deinem Geburtstag vorgelesen. Mir kam die letzte Strophe für eine letzte Strophe zu hart vor. Ich hing noch eine weitere an:

doch hörst du den wind
und wirst teil von dem sturm
naht das ende der festung
wird zum kerker der turm
der prinz wird verzagen
der held wird ihn sprengen
sei beides und lausche
den heldengesängen

Und viel besser hätte man meine Hoffnung gar nicht auf den Punkt bringen können. Meinen tiefen Glauben, dass in dir beides steckt. Der ängstliche Prinz, in dem ein furchtloser Held verborgen ist, der irgendwann die Fesseln abwirft, zerreißt, der entfesselt vor mir steht. Und dann hättest du mir nichts mehr sagen müssen. Nichts mehr tun müssen. Du hättest mich nur ansehen müssen. Nur einmal länger als diese ein bis zwei Sekunden unsere Augen verschmelzen lassen müssen. Und wir hätten uns einfach nur geliebt. Wie sehr man noch ein kleines Mädchen sein kann zwischen dreißig und vierzig. Meine Güte, wie kitschig. Meine Güte, wie trivial. Meine Güte, wie dumm.

Dass du tatsächlich keines von beidem bist, weder mein Prinz, noch mein Held, darauf bin ich damals einfach nicht gekommen. Und so habe ich die nächsten acht Jahre damit verbracht, in deinen Augen nach etwas zu suchen, was schlicht nicht da war. Du warst nur zu feige, mich anzusehen. Zu feige, es mir zu sagen. Was du suchst, ist nicht da. Ich liebe dich nicht.

Das Gedicht lag monatelang unberührt auf deinem Schreibtisch. Ich habe es irgendwann weggenommen. Du hast nie wieder danach gefragt. Du hast es bis heute nicht noch einmal gelesen. Noch nicht einmal daran gedacht. Ich habe dich danach gefragt. Du warst noch nicht mal mitfühlend genug, um zu lügen.

Aber wie hätte ich all den Menschen glauben können, die mich gewarnt haben? Die mich zweifelnd angesehen haben, wenn ich von uns erzählt habe? Wie hätte ich dich loslassen können ohne ein endgültiges Nein von dir?

Du sagtest immer wieder: Es ist alles da. Alles in mir drin. Ich habe meine Liebe für dich eingesperrt, ich kann sie nur nicht hinauslassen. Ich habe dir geglaubt. Und daran, dass wir eines Tages singen werden. Voller Freude. Unsere Stimmen harmonieren. Eines Tages haben wir das gezeigt auf dieser dämlichen Karaoke-Party, bei der du am Ende betrunken Tische umgeworfen und mit der seltsamen Frau Emailadressen ausgetauscht hast. Ich habe dir zugesehen. Voller Ergebenheit. Weil ich der festen Überzeugung war, dass ich trotz all dieser Grausam- und Achtlosigkeiten die EINE für dich bin. Die Mutter deiner Kinder. Die, die deinen Humor versteht. Die sich in deiner zerrissenen Seele zurechtfindet. Die dich versteht und dir verzeihen kann. Immer und immer wieder. Voller Wärme und voller Innigkeit. Weil ich dich kenne. Auch wenn du mir nicht in die Augen gesehen hast. Ich kannte dich.

Hast du mich gesehen? Manchmal. Hast du gesagt. Manchmal, da hast du mich verliebt angesehen. Wenn ich es nicht bemerkt habe. Wenn wir auf Partys waren. Und ich getanzt habe. Oder mit anderen Menschen gesprochen. Oder mit unserm Kind gespielt. Dann, wenn ich es nicht bemerkt habe...

Einmal hast du mir eine betrunkene Liebeserklärung gemacht. Und ich habe sie mir hernach unzählige Male durchgelesen und wieder und wieder vor Augen geführt. Wir sind schweigend durch die Hitze zu dieser Hochzeit gefahren. Vorher hatte ich mit dir gestritten. Ich mit dir. Du nicht mit mir. Wir haben uns nie gestritten. Ich war es, die gestritten hat. Gekämpft. Genörgelt. Gefleht. Gelächelt. Gefühlt. Geweint. Gelacht. Ich hab mit all meinem Innern, all meinem Herzen, meiner Seele, meinem Körper, meinem Geist, allem, was mir zur Verfügung stand versucht, dich zu erreichen. Zu dir durchzudringen. Dich mit mir zu vereinen. Es ist mir nicht gelungen. Nie.

Wir hatten unsere Momente. Momente, in denen ich uns tatsächlich zusammen singen hörte. Zusammen aus tiefem Herzen lachen. Ich hab mir das so gewünscht. Mit dir aus tiefstem Grund zu weinen. Dich fest im Arm halten zu dürfen. Mich in deine fallen zu lassen. Mit dir zu reden. Über mich. Dich. Das Leben. Ich hab mir gewünscht, mich nach dir zu sehnen. Und deine Sehnsucht zu spüren. Dass wir nach längerer Trennung aufeinander zu laufen. Oder einfach nur langsam gehen. Mit irgendeiner Art von Intensität. Oder Vertrautheit. Oder Verbundenheit. Aber sie kamen einfach nicht, diese Momente.

Bitte geh nicht fort, habe ich vor einigen Jahren voller Verzweiflung gedacht. Und gehört. Und gesagt. Ne me quitte pas. If you go away, on this summer's day, you might as well take the sun away... Was habe ich damals Tränen vergossen. So bitter. So tief in meiner Kehle vergraben. So bittere schmerzende Tränen. Und ich habe dieses Lied gehört. Dieses verzweifelte Flehen, dieses Betteln gehört. Und ich hab die Welt nicht mehr verstanden. Wie hätte ich es auch verstehen können? Du hast gesagt, es ist zu Ende. Du hast gesagt, du liebst mich nicht mehr. Du hast gesagt, du gehst. Aber du BIST nicht gegangen. Du hast es all die Jahre vorher und nachher gezeigt, dass du nicht bleiben willst. Dass es dich etwas kostet, zu bleiben. Dass ich dankbar sein muss, dass du diese Tage und Nächte an meiner Seite ausharrst. Aber gegangen? Gegangen bist du nicht. Wieder und wieder habe ich dich gefragt. Und wurde ahnungslos und verunsichert zurückgelassen. Ich weiß es nicht. With or without you. Ich kann nicht richtig bei dir sein. Aber ich gehe auch nicht.

Ich dachte, dich hält etwas, das mit mir zu tun hat. Aber heute sehe ich nur zwei Dinge, die dich aufgehalten haben: Feigheit und Bequemlichkeit. Die Kinder? Ja. Vielleicht auch die Kinder.

Und so habe ich nun weit über acht Jahre um deine Liebe gebuhlt. But if you stay, i make you a day, like no day have been or will be again...

Ich habe es versucht. Mit allen Mitteln. Nicht nur mit Bettelei. Auch mit Wut. Mit Tränen. Verständnis. Vorwürfen. Resignation. Gleichgültigkeit. Coolness. Erhabenheit. Vernunft. Ich habe es mit Nähe und Distanz versucht. Ich habe dich gesucht. Gesucht. Gesucht.

And I'd been the shadow of your shadow if you might have kept me by your side...

Und nun? Nun sind wir wieder an diesem einem Punkt. Dieses Mal habe ich nicht locker gelassen. Ich habe kein Vielleicht akzeptiert. Kein 'Ich kann nicht." Kein 'Im Moment nicht.' Kein 'Ich kann es nicht ausdrücken.' Ich habe nochmal alles in die Waagschale geworfen. Und dir in die Augen gesehen. Und dort war nichts. Du bist mir ausgewichen. Und ich habe dich wochenlang gefragt. Wochenlang nach dir gefahndet. Nach unserem Glück. Nach unserer Verbundenheit. Und da war...

... nichts.

Und irgendwann, ja irgendwann musstest du meiner Hartnäckigkeit nachgeben. Und du hast es herausgestottert: 'Ja... So wie du es darstellst, ist es nicht genug.' So, wie ICH es darstelle? Ja, sag mal, tickst du noch einigermaßen richtig? 13 Jahre gibst du einfach so auf mit den Worten: So wie du es darstellst, ist es nicht genug? Du bist nach diesem Satz eingeschlafen. Und am nächsten Tag meinem Blick ausgewichen.

Und jetzt? Jetzt bleibst du immer noch. Du gehst nicht. Du sagst nichts. Wir sollen einfach weitermachen. So tun, als gäbe es diesen Abgrund nicht. Du hast nicht gefragt, wie es mir geht. Du bittest mich nach wie vor um Geld. Und weichst feige meinem Blick aus. Weil du nicht sehen willst, was es darin zu entdecken gibt. Feige. Feige. Feige.

Achtlos. Lieblos. Tot.

Und wieder mal ist es ein Song von Emiliana Torrini, der mich entdeckt hat. Du hast es bei aller Blöße, die ich mir mittlerweile gegeben habe, nicht getan. Ich werde dir nicht mehr in die Augen schauen. Dabei hätten wir zusammen singen können...

 

 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Hedera schreibt am 30.07.2014 um 15:49 Uhr:Ich lese deine Worte und fühle mit dir und fühle mich in manchen Sachen erinnert an Dinge in meinem Leben.
    Man kann nicht so viel liebe haben, dass ein Teil der eigenen auf den anderen "überschwappt" und liebe macht tatsächlich blind, so dass wir mitunter wirklich jahrelang Dinge mit uns machen lassen, über die anderen nur den Kopf schütteln können.
    Und einen einsamen Wolf, der uns den Eindruck vermittelt (wie auch immer er das getan hat) nur wir könnten ihn erlösen - wir erlösen ihn garantiert nie......................ich hatte ewig und drei Tage ein Faible für Männer, die eher einen Therapeuten denn eine Frau benötigt hätten.
    Wenn man zurück blickt, und endlich erkennt, wie viel Zeit man mit jemandem verbracht hat, der einen eben nicht so liebt, wie man es verdient hätte, könnte man weinen, wenn man denn könnte...
    und die Tatsache, dass er an all dem nichts ändern will und wird, die ist ebenfalls normal. Leider. Für ihn hat sich ja nichts geändert. Deine Sicht ist anders geworden, seine nicht. Und selbst wenn, das ist für MANN kein Grund zu gehen. Läuft doch. irgendwie. Das reicht
  2. sunnysightup schreibt am 31.07.2014 um 22:38 Uhr:danke hedera für deine worte... tatsächlich ist dieser eintrag ein jahr alt. inzwischen ist er weg.

    und der letzte link funktioniert noch. und wie lustig ist es, wie ironisch, wie sehr musste ich lachen, dass inzwischen eine schmerzmittelwerbung vorgeschaltet ist. :-)
  3. ellu schreibt am 29.10.2014 um 20:23 Uhr:sunysigthup, Was ist es am Ende? Bitterkeit,Trauer, Schmerz und/oder deine eigene zerrissenheit? Mir ist nach 15 Jahren meine Frau davon gelaufen - ich höre genau deine Worte, was löst durse Emotionen aus nach 15 Jahren? Es muss doch während der schönsten, wärmsten und intensivsten Zeit möglich sein,die Türe zjm Herzen, den Gefühlen, der Liebe aufzustossen? Es hagelt Vorwürfe das ich mir ziemlich schlecht vorkomme und alkes falsch gemacht habe? Nein das ist zu trivial. Mein Vetständnis von inniger Liebe, offenheit und Wärme ist simpel - wir sollten lernen zu reden - zu arbeiten, zu fühlen und auszudrücken was wir sagen wollen.
    Ich sehe es nicht als Lösung des Problems einfach davon zu laufen und sich dem nächst besten um den Hals zu werfen. Die Liebe sitzt tief im inneren unserer Herzen - hast du Zugang zum Herzen - arbeitet auch das Hirn mit und du spürst - tiefe innige Gefühle.

    Toller Beitrag von dir, eine unglaubliche Offenheit schonungslos und null Emotionen.

    Ich wünsche dir viel Kraft und bitte schreib weiter ich sehe gewisse Paralelen die mich zum positiv denken anregen.

Einloggen zum Kommentieren:

Hinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren.