Nachtschattengedanken

08.10.2009 um 08:55 Uhr

...was die Angst sagt.

Unser alter Meister holt also tief Luft. "Angst..." man hört, dass er sich wie auf Eiern bewegt, ein sensibles Thema, weiß Gott. "Angst ist vielleicht kein Gefühl. Es ist ein Gedanke. Ein Gedanke, der Stress, Herzrasen, Schweißausbrüche und Kurzschlussreaktionen auslöst."

Ich schau ihn nachdenklich an. Joah, damit konnte ich was anfangen.

"Die damit einhergehenden Gefühle sind allesamt unangenehm." 

oha. Bis dato waren alle Gefühle gleich vor seinen meisterlichen Augen. 

"Und dadurch, dass sie von außen kommen, sind sie schlechte Ratgeber."

Ok.

"Auch ich habe Angst."

Aha.

"Und meine Erfahrung sagt, dass man sich nicht gegen sie wehren kann."

"Aber nicht wehren, heißt weglaufen!" Ich kann mich nicht zurückhalten. Der Einwurf muss sein.

Der weißhäuptige Doc schüttelt den Kopf. "Man muss das Gefühl zulassen. Vielleicht zulassen, dass es schlimmer und schlimmer wird. Ihm nachspüren, beobachten, dabei bleiben."

"Und dann?" Ich bin unzufrieden.

"Nicht tun, was die Angst sagt."

"Hä?"

"Es geht darum, das Gefühl auszuhalten und dann nicht zu tun, was die Angst sagt."

Wir schweigen alle sehr lange. Die Widersprüchlichkeit in diesen Worten waberte durch den Raum. Jeder von uns drehte sich, glaube ich, im Kreis um sich selbst. Das Gefühl aushalten. Schon mal scheiße. Und dann nicht tun, was es sagt. Dableiben. Zulassen. Dableiben.

Scheiße.

Scheißscheißescheiße.

Aber so ist es. Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es wirklich vorbei geht. Dass man dem Gefühl nachspüren kann, wie es kleiner wird und sich auflöst, dann ist der Beginn der Angst schon weniger groß im Kopf. Man kann sie ansprechen: "Holla. Da bist du wieder, altes Haus. Na dann wolllen wir mal gucken, was du heute drauf hast. Früher oder später wirst du kleiner und verschwindest wieder."

Mangelndes Vertrauen begünstigt sie, die Angst. Man denkt: Na gut. Dann mehr Vertrauen, weniger Angst. Aber so ist es nicht. Das einzige, worauf man vertrauen kann, ist, dass sie weg geht, ohne, dass man sich gegen sie wehrt. Und dafür muss man voll hineingeheh. Sich dem Gefühl ganz hingeben. Es anschauen von allen Seiten. Und das in einer üblen Stressituation. Schwierig. Schiwerig. Schwierig,

Eine Zeitlang habe ich Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Sie machten gleichgültig. Die Angst war noch da, aber ganz gedämpft. Ich konnte sie leise wimmern hören, aber das war mir egel. Die Dinger waren der Hammer. So richtig mit Suchtfaktor und so. Ich war damals so veränstigt, dass ich nach einer halben Stunde Schlaf eine davon nehmen konnte und völlig fit bis zur Nacht durch den Tag wanderte. Alles war leiser. Nicht so grell. Nicht so scharf und räumlich. 

Ich habe sie eine Woche genommen, die Dinger. Und es war gut, dass ich sie genommen habe. Ich verlor etwas, was mir unangenehm ist. Und ich verlor auch alles andere.

Meine Angst ist ein Preis. Ein Preis, den ich zahle für all die bunten Farben, die Weichheit des Grases unter meinen Füßen, die sanfte Luft auf meiner Haut, das Funkeln in den Augen der Menschen da draußen, das Lachen, die Wärme. Mein Funkeln. Mein Funkeln hat einen Preis. Es kostet Angst. Und ich weiß inzwischen, wie ich diesen Preis bezahle, ohne alles andere zu verlieren.

Schön.

Beruhigend, beängstigend schön.

Wie ich schon sagte: Widersprüche sind irrelevant.

 

30.09.2009 um 19:21 Uhr

...und nicht tun...

Stumm werden also die feinen Socken angestarrt. Ich habe den Ball und schaue mich hilflos um. Die Therapeuten ertragen ja Stille mit stoischer Gelassenheit. Ich nicht. Ich tue, was ich immer tue, wenn alle schweigen. Ich beginne zu plappern:

"Also zum Beispiel: Ein Vortrag. Ich soll einen Vortrag halten. Ich kann ZU-, aber ich kann auch ABsagen. Ist meine Sache. Ich SOLLTE ihn halten, den Vortrag, und ich WEISS auch, dass ich es KANN. Aber die Angst. Die Angst sagt nein. Das fühlt sich an, als ob ich den Vortrag nicht halten WOLLTE. Aber ich weiß AUCH, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich ihn absage.  Dann habe ich gekniffen. GeNAU das, was die Angst will. Wie widerstehe ich dieser Scheißangst?"

Man beliebt zu schweigen. Na gut, ich hab noch einen.

"Oder mein Handy. Neulich schrieb ich eine sms. Und in diesem Moment stürzte mein Handy ab. Gottseidank neben einem Handyladen. Und die sagten mir, dass irgendwas Ernstes mit der Software nicht stimmt. Und ich dachte sofort, dass sich die sms an ALLE Menschen in meinem Adressbuch versendet hat. Es war eine priVATe sms.Und mein Herz raste wie wild. Die Angst sagte: Überprüf das. Überprüf das jetzt sofort. Leih dir ein Handy. Die MÜSSEN dir ein Ersatzhandy geben, damit du wenigstens einen Menschen anrufen kannst, der dir sagen kann, ob die sms bei ihm angekommen ist. Das ist doch krank oder?"

Das rothaarige Mädchen mir gegenüber schaut plötzlich interessiert von ihren Socken hoch. "Was hast du gemacht?"

"Nun..." Ich schaue das rothaarige Mädchen mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Anspannung an. Irgendwie wollte ich gar nicht antworten. "Ich habe die bekniet, dass sie mir ein Ersatzhandy geben, dann habe ich eine Freundin angerufen und sie gefragt, ob eine sms angekommen ist."

Zwei Menschen nicken. Sie nicken mit diesem konspirativen, gemeinschaftlichen Bewusstsein. Zwei weitere starren mich misstrauisch an.

"Ich habe morgens Herzrasen." sagt jetzt leise mein Lieblingsgruppentherapiemitglied, eine quirlige Mittsechzigerin, die ungeheuer schön aussieht und schon um die halbe Welt gereist ist. Wir schauen sie schweigend an. Ich habe einen verblüfften Gesichtsausdruck, weil sie die letzte war, von der ich das erwartet habe. Wer weiß, wie verblüfft die anderen von mir waren, jedenfalls fährt sie fort: "Ich habe Angst zu sterben. Oder dass jemand aus meiner Familie stirbt. Ich wache auf udn denke, dass mich eine schlimme Nachricht erwartet. Jemand stirbt. Ich weiß es. Ich fühl es. Und dann stehe ich auf und die Angst ist erstmal wieder weg. Aber sie kommt wieder. Das ist klar."

Ich komm mir plötzlich schäbig vor mit meine Handy-Angst. Kann ich nicht wenigstens Platzangst haben? Achso, hab ich ja. Hab ich nur nicht gesagt. Das rothaarige Mädchen ergreift das Wort: "Ich kann weder Bus noch Bahn fahren. Im Auto kann ich nicht Beifahrerin sein. Es geht einfach nicht. Manchmal fahre ich doch mit der Bahn und steige nach zwei Haltestellen aus, weil ich es einfach nicht mehr aushalte."

"Ich wache nachts auf, und kann nicht wieder einschlafen."  Der schweigsame Mittvierziger. "Grübeln. Über die Arbeit. Nachts aufstehen. Mails überprüfen. Zahlen checken."

"Ich habe Angst, dass mein Mann mich betrügt." Oha. Die Grundschullehrerin. 

Leise weint rechts von mir die schöne junge Frau mit dem unglaublichen Busen.

Geständnis über Geständnis entfährt den Menschen mit den feinen Socken. 

Und ich denke: Oh Gott. Was hast du denn DA angestellt?

In ein energiegeladenes Schweigen platze ich heraus mit meinen nun noch drängenderen Fragen: "Was TUN wir denn jetzt mit der Angst? Wie gehen wir denn authentisch mit Angst um? Wie wehre ich mich gegen eine Gefühl, wenn ich mich eigentlich nicht gegen ein Gefühl wehren SOLL?"

Ich schaue im in die Augen, dem guten alten Therapeuten. Er ist blass um die Nase, aber er hält meinem Blick stand.

Er holt tief Luft. Wir auch. Nur, dass wir fast alle vor lauter Spannung vergessen, wieder auszuatmen.

 

tbc

 

 

 

11.09.2009 um 13:14 Uhr

Das Gefühl aushalten...

Es war in einer dieser unsäglichen Gruppentherapiesitzungen, als ich über mich hinauswuchs und freiwillig den blöden bunten Ball nahm und sagte: Ich habe etwas zu sagen.

Alle schauten mich an. Der gute alte Therapeut war gespannt. Vielleicht wusste er, dass ich nur spreche, wenn mir wirklich etwas auf dem Herzen liegt. Und ich? Ich sagte das folgende:

"Was ist eigentlich mit Angst?"

Schweigen.

"Ich meine... Also... Wir lernen hier authentisch mit Gefühlen umgehen. Weint, wenn ihr traurig seid, schreit, wenn ihr wütend seid, lacht, wenn ihr traurig seid. Aber was tue ich denn, wenn ich Angst habe?"

Schweigen. Blasse Gesichter starren mich an. Der Therapeut sieht mich ratlos an. Die Co-Therapeutin nickt langsam und bedächtig mit dem Kopf: "Das ist ein sehr gutes Thema."

Schweigen.

Oh. Offensichtlich nicht. Denn weiterhin starren mir diese ausdruckslosen Gesichter entgegen. Und keiner sagt etwas. Ich beginne zu stottern: "Wisst ihr, was ich meine? Wie kann man authentisch mit Angst umgehen? Wut, Freude, Trauer, das kann ich alles nachvollziehen, aber die Angst sagt: LAUF WEG. Und wenn ich diesem Gefühl nachgebe, wächst sie, die Angst, aber wenn sie wächst, geht es mir nicht gut, und wenn ich stehen bleibe, wehre ich mich gegen ein Gefühl." 

Langsame Erkenntnis macht sich auf dem Gesicht meines Therapeuten breit. Die Erkenntnis, dass ich ein GANZ heißes Eisen angepackt hatte.

Schweigen.

Vielleicht bin ich die einzige, die Angst hat, denke ich plötzlich. Vielleicht weiß keine Sau, was ich meine? Ich bekomme Angst. Keiner sagt was. Alle starren auf ihre Socken. Socken sind spannend in der Gruppentherapie. Manche tragen nur funkelniegelnagelneue, keine ausgebleichten, gern auch mal geringelt, mit corall gewaschene, aber niemals, wirklich niemals hatten sie Löcher, die Socken, auch meine nicht, obwohl ich verdammt viele Socken mit Löchern besitze. Und auch anziehe. Aber eben nicht in der Gruppentherapie.

Na, meine Güte, es kann mir doch keiner erzählen, dass DAS nichts mit Angst zu tun hat. Die Menschen HABEN doch löchrige Socken. Oder nicht?

 

tbc...

 

01.06.2009 um 10:53 Uhr

Der Ernst der Lage

Fast ein halbes Jahr bin ich ohne Einträge hier ausgekommen. Ich hatte diesen Blog für Notfälle eingerichtet. Lange Zeit war nahezu jeder zweite Tag ein Notfalltag. Der Ernstfall? Täglich. Gewohnheit. Mit dem Ernstfall konnte ich leben. Notfälle waren unangenehm. Katastrophen waren, was sie eben waren. Überrascht haben sie mich jedenfalls nicht. Ich war stets gut vorbereitet.

Und jetzt? Das Leben ist kein Ernstfall mehr. Und ich? Ich auch nicht. Meine Umgebung ist es nicht. Die Umstände erst recht nicht. Der Ernst der Lage? Ach hört mir auf. Ich bin nicht im Krieg. Und sollte ich es dennoch irgendwann sein, werde ich mich anpassen.

Was für eine Leere sich zunächst eröffnet, wenn man das begreift. Verdammt, womit soll ich mich denn beschäftigen, wenn nicht mit all diesen Abwehr- und Angriffsstrategien, mit dem Kreisen um das nächste Worst Case Scenario, wo auch immer es sich befindet?

Und dann noch ein Umdenken: Es ist keine Leere. Es ist Raum. Wat? Raum? Jawohl. Raum. Raum für mich, für Farben, Bilder, Menschen, Gerüche, Musik, nach meinem Geschmack

Irgendwann wurde ich aus der Therapie als 'geheilt' entlassen. Naja, meine Stunden liefen auch aus und selber bezahlen kam nicht in Frage. Die erste Therapie-Etappe beendete der Therapeut mit den Worten: "Es ist auch besser, irgendwann alleine zu gehen. Immer eine Stütze zu benötigen, ist nicht gesund." "Hä? welche Stütze?" dachte ich, und schaute ihn etwas indigniert an. Die zweite Therapie-Etappe war wesentlich intensiver und endete mit den Worten: "Du kannst gehen." Da heulte ich wie ein Schlosshund, und apropos: Ich fühlte mich wie ein wildes Tier, das man zwischendurch aufgepeppelt hat und nun wieder huschhusch in den Wald entließ. "Wohin bloß, wohin mit mir?" dachte ich. Bis es mir grad einfiel: Ab in den Wald. Mit ein paar wehen Blicken zurück habe ich mich in die Büsche geschlagen. Und siehe: Die Lage war nicht ernst. Zum ersten Mal nahm ich die grünen Blätter war, die Wärme der Sonne, den Regen, die Kälte des Windes. Zum ersten Mal dachte ich über mich als einen Teil des Ganzen nach. Kein hilfloser, verbannter Sonderling, sondern ich, atmend, denkend, essend, trinkend, liebend, stark und verletzbar, wie alle anderen, ein Teil des Ganzen.

Irgendwann bei einer kleinen Stippvisite im therapeutischen Rahmen fragte ich verschlagen nach dem Begriff 'geheilt'. Der Therapeut lachte. "Ach, geheilt, was soll das schon heißen. Probleme wird dat immer geben..."

Ich musste ebenfalls lachen. Ich bin froh, ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh, dass ich nie das Gefühl vermittelt bekam, krank zu sein. Ich hatte Probleme. Ja. Hatte ich. Aber wie nennt man die zu den Problemen gehörige Krankheit? Mh? Meine Diagnose, Herr Doktor? Na? Der Therapeut verweigerte. Unerbittlich. So wie er jedwede Wertung verweigerte. Irgendwann entfleuchte ihm der ein oder andere Fachbegriff, aber da hatte ich Gottoderwemauchimmerseidank nicht mehr das Bedürfnis nachzulesen, was sich dahinter verbirgt. Neulich tat ich es dennoch. Aus reiner Langeweile, vermute ich. Vielleicht aber auch, weil etwas in mir mein Leid nicht wirklich loslassen wollte. Ich wollte vielleicht doch nochmal sehen, wie ernst die Lage war, wie ernst sie vielleicht noch ist.

Und wisst ihr was? Ich habe Tränen gelacht. Was ich nicht alles war. Was nicht alles plötzlich auf mich zutraf. Auf beiden Gleisen wanderte ich entlang. Zu einem Teil zutiefst fasziniert, wie besonders, wie gefährdet, wie schwer zu behandeln ich war. Zum anderen extrem belustigt über die Kategorien, es war ein bisschen wie bei einem Horoskop, alles konnte zutreffen, wenn ich es nur für mich zurecht bog.

Ob ich keine Probleme mehr habe? Ob ich jetzt gesund bin? Ach. Hört doch auf. Ich stimme ihm zu, meinem Therapeuten: Was soll das schon heißen? Ich wurde nach beiden Therapie-Etappen gefragt, was ich für mich aus der Therapie bisher habe an Erkenntnissen ziehen können. Die erste Antwort lautete: Ich kann nicht mehr sein, als die Summe meiner Teile. Die zweite: Es ist beruhigend, aus so immens vielen Teilen zu bestehen.

Und mit denen gilt es zu leben. Krank? Krank = schlecht? Weg damit? Quatsch! Es geht nicht weg. Es bleibt. Gut so. Das bin ich. Auf! Huschhusch! Ab in den Wald...

 

 

12.12.2008 um 00:22 Uhr

Tränen

Schatten oder Licht? So einfach isses immer gewesen. Ja, und so schwer habe ich es mir damit gemacht. Wer weint, sitzt im Dunkeln. Wer lacht, wendet sich dem Licht zu. Und so lächelte ich mich tapfer durchs Leben. Tränen wurden unterdrückt, zwischen vermeintlichem Licht und dem gemiedenem Schatten lag die Leere. Beruhigend, vertraut, eine trügerische Sicherheit.

Wann immer ich an Tränen dachte, hatte ich ein Bild. Mal wieder war das eine der Therapiesitzungen, in der der Therapeut sich gespannt nach vorn lehnte. "Tränen sind nicht gut." flüsterte ich vor ungefähr zwei Jahren mit tränenerstickter Stimme. "Mhm." brummte er, wie er es immer tat, wenn er einen Ausbruch vermutete. Ich schluckte. Schluckte und hörte auf zu atmen. "Atme." sagte er. Nein. Jeder Atemzug tat weh. Trotzig hob ich den Blick. "Ich habe ein Bild für Tränen." "Ja?" Seine Haltung war an Körperspannung nicht zu überbieten. Wir schwiegen eine Weile. Er gespannt wie ein Flitzebogen. Ich zögerlich. "Schwarze Suppe." sagte ich schließlich leise und beschämt. Was für ein armseliges Bild. Aber so war es. Immer, wenn mich meine Traurigkeit zu übermannen drohte, sah ich ein Loch im Boden, aus dem pechschwarze Flüssigkeit sprudelte, nein, sie sprudelte nicht, sie suppte da so raus, mit einer gruseligen, pumpenden Kraft, überschwemmte den Boden, versickerte, suppte, schwappte, versickerte erneut, und das Suppen und Schwappen nahm kein Ende, alles, was hochkam, floß wieder zurück, ein widerlicher, klebriger Kreislauf, der in einem ölig schlammigen Krater enden würde. Wer will da weinen? Wer?

Reinigende Wirkung von Tränen? Lachhaft.

Heute habe ich geweint. Und die Tränen waren leicht. So leicht, dass es mich wunderte, dass sie der Schwerkraft nicht trotzten und tatsächlich auf meinem Hals und in meinem Nacken nasse kleine Spuren hinterließen. Sie flossen einfach so aus mir heraus. Nachher putzte ich mir die Nase und atmete tief durch.

Wer hat nochmal Heureka geschrien? Archimedes? Was hat der nochmal entdeckt? Ach scheiß drauf, es kann nicht so weltbewegend gewesen sein, wie diese meine heutige Erkenntnis, dass es Tränen gibt, die nicht weh tun.

Warum ich geweint habe?

Nun, nur so viel: Das Lächeln saß unmittelbar daneben und wartete neidlos und geduldig auf seinen Auftritt.

 

13.10.2008 um 23:44 Uhr

Schon wieder guter alter Therapeut...

Da sitzt er wieder mit seinem neutral-gütigen Altmännlein-Gesicht (aufgemerkt!) und schaut mich an. Weder auffordernd noch mitfühlend noch neugierig. Das muss er lange geübt haben. Tapfer. Sehr tapfer.

Nun, ich habs aufgegeben, das Spiel mit 'Wer-zuerst-spricht-hat-verloren', ich will schließlich was von ihm, er nicht von mir.

"Ich war brav." beginne ich und wühle in meiner Tasche. Er grinst, als ich grad nicht hingucke, aber ich hab ja den sechsten Sinn, was er eigentlich wissen müsste. Mit ein paar Zetteln in der Hand richte ich mich wieder auf. "Hier, ich hab das Märchen geschrieben." Er neigt seinen Kopf. Ich überreiche ihm die drei schon ein wenig mitgenommenen Seiten. "Für die Akten." grins ich schief. Er lächelt unbestimmt, big Sunny is watching him.

"Also, was mein inneres Kind betrifft. Klein Sunny..."

Kunstpause. Er hebt die Augenbrauen. Got you!

"Ich mag sie nicht besonders."

Jetzt kritzelt er was in diese Patientenakte. Wow. So weit hatte ich ihn lang nicht mehr.

"Also, was heißt jetzt nicht mögen..." Aha. Die Faselphase. "Ähm, ich misstraue ihr."

Die Augenbrauen rutschen was höher.

"Und sie mir."

Gekritzel.

"Außerdem konnte ich die Hexe nicht sterben lassen."

Er nickt. "Ihre Wut ist unheilig. Sie muss heilig werden."

"Hä?" denk ich und nicke. Ich fühle, was er meint. All dieses Zeug von wegen Recht auf Wut, Wut zulassen, Mut zur Wut, hahaha, nee, nich lustich, gar nich.

"Naja, aber ich habe drumrum geschrieben. Es gibt trotzdem ein Happy End."

"Na, da bin ich aber neugierig." sagt er und sucht die letzte Seite.

"PAH!" Mich packt heilige Wut. "Das Ende zuerst lesen? Mh? Das geht ja wohl gar nicht!"

"Wissen Sie, was gar nicht geht?`Literatur von Ihnen quer lesen. DAS geht nicht."

"Na, hören'Se mal, es sind noch 35 min Zeit. In der Zeit habe ich es Ihnen sogar drei oder vier mal sehr akzentuiert VORgelesen!"

Na? Kann ich dominant sein? Klar. Kann ich. Um meiner Überlegenheit mehr Ausdruck zu verleihen, verlass ich den Raum und hol mir im Flur ein neues Glas Wasser. Um Überheblichkeit draus zu machen, stelle ich das volle Glas Wasser auf den kleinen Tisch neben die Schnupftücherkiste und gehe wieder aus dem Zimmer, um mir das Näschen zu pudern. Ich hör ihn noch lachen: "Aha! Der Zauberer!" Verlegen grinsend betret ich die Toilette.

Als ich wiederkomme, isser fertig mit lesen. Um ehrlich zu sein, wollt ich mich doch nur um die Stille drücken.

Einige lobende Worte und inhaltliche Anmerkungen über mein verletztes inneres Kind später klopft er plötzlich fachmännisch auf die erste Seite und sagt das Folgende:

"Es muss eine gesunde kleine Sunny geben. Ihr Unterbewusstsein weiß das. Es steht hier."

Er zeigt auf den ersten Absatz. Ratlos schau ich ihn an. Wieso kommt immer und immer wieder der Punkt, an dem ich in diesem therapeutischen Dialog ratlos dasitze?

"Wenn Sie das fröhliche, kleine Mädchen finden, kann Ihnen das genauso nützlich sein wie der Zauberer."

"hä?" denk ich und nicke nachdenklich. Ich fühle, was er meint, bekomme es aber nicht zu fassen. Die Sitzung ist jetzt zwei Wochen her. Immer wieder schwoffen meine Gedanken zu der fröhlichen kleinen Sunny, aber sie schwoffen vorbei, drüber hinweg, drunter durch. Ich konnt mir nix darunter vorstellen. Bis heute. Heute hat Klein-Sunny Ämtergänge erledigt. Vertrauensselig hat sie Verwaltungsangestellte angelächelt, ihr Wohl in ihre Hände gelegt. Gestaunt hat sie über ALL die VIELEN Papiere und die HOHEN Gebühren. Geld ist ihr unter den Tisch gekullert. Beim Aufheben hat sie gekichert und sie hat sich von den unbeweglichen Gesichtern über den Pullundern nicht verunsichern lassen. Klein-Sunny war gut drauf. Gut gelaunt hat sie Nummern gezogen, Platz genommen, unterschrieben (fast wette ich, dass die Zungenspitze dabei im rechten Mundwinkel zu sehen war), artig Danke gesagt und Quittungen verl..., äh nee, da hatte mein erwachsenes Ich interveniert.

Überheblich. Schüchtern. Zynisch. Nachsichtig. Abgeklärt. Unbedarft. Vernünftig. Verspielt. Seriös. Verschroben. Bockig. Folgsam. Schwermütig. Vergnügt. Verzagt. Zuversichtlich. Öffentlicher Dienst. Künstlerseele.

Widersprüche? Widersprüche sind irrelevant.

 

 

04.06.2008 um 20:53 Uhr

Guter alter Therapeut

Er sagt es jedes Mal: "Wenn was ist, kommen Sie einfach her. Wir gucken mal, was wir tun können."

Und ich scheue mich. Wieder und wieder scheue ich mich. "Nee" denke ich. "Neeneenee, so schlecht gehts ja auch wieder nicht." Oder: "Der hat ja nun wahrHAFTIG Besseres zu tun, als mir zu helfen. Die Zeit eines Therapeuten ist schließlich kostbar."

Heute musste es mal wieder sein. Ich saß da an seinem Schreibtisch - für Stippvisiten ist der Sessel tabu, und er lächelt mir wie immer freundlich zu.

"Das kleine Mädchen in Ihnen. Die kleine Sunny." Sofort schießen mir fette Kullertränen in die Augen. Scheiße, er schafft es immer wieder. "Jedenfalls DAS muss getröstet werden. Sie verzeihen dem kleinen Mädchen nicht. Befreien Sie das kleine Mädchen von seiner Schuld."

Frau SPunkt sitzt da und schaut ihn mit großen Augen an. Klein-Sunny-Augen. Verständnislose Klein-Sunny-Augen mit dicken Kullertränen.

"Vielleicht schreiben Sie dem Mädchen ein Märchen. Ein Märchen, das die Schuldfrage auflöst. Schön klar, verständlich im klassischen Märchenstil und das lesen Sie der kleinen Sunny dann vor."

Aha. Na, der hat ja mal wieder Nerven. Haben wir's auch mal ein bisschen kleiner parat? Ich schreib also mal mir nichts dir nichts ein Märchen, das die Schuldfrage auflöst, und dann setz ich mich mit mir selber aufs Sofa und les mir was vor?

"Gute Idee," stammel ich.

"Ja, und nach meinem Urlaub, machen wir vielleicht ne Stunde und Sie erzählen mir, wie es gelaufen ist."

"Ja-ha." Ich nicke brav.

"Und falls Sie zwischendurch Hilfe brauchen, gibt es ja auch noch den Vertretungsarzt, der kann Ihnen-" Er bricht ab und schaut mich skeptisch an. "Nee," sagt er Kopf schüttelnd. "Sie haben auch schon schlimmere Krisen allein gemeistert. Man kann ja schon fast von Routine sprechen."

"Ja, genau, Routine" wiederhole ich mechanisch, stehe auf und gehe zur Tür. "Einen schönen Urlaub wünsche ich." "Danke", kommt zurück. "Und machen Sie es gut."

Ok, schreibt also die Märchentante Frau SPunkt der kleinen Sunny ein Märchen - ich hoffe, es ist nicht zu grausam geworden...

 

28.01.2008 um 22:39 Uhr

Patt

Lange lange saß ich unendlich gelangweilt beim Therapeuten. Ich langweilte mich. Also mich selber. Oder, ähm, ich langweilte den Therapeuten? Nein, es war anders, es langweilte mich, dass ich den Therapeuten langweilte. Oder war es so, dass er sich langweilte und mich damit langweilte? Langweilte ich mich? Er mich? Ich ihn? Oder - oder wir uns?

Und jetzt alle: Jeanny, quit livin' on dreams...

Wie ging das nochmal weiter? Jeanny, life is not what it seems...

Lassen wir das mit der kalten Welt und dem einsamen kleinen Mädchen weg, aber ja, da saß ich, Dienstag für Dienstag, in diesem roten Sessel, beide Hände ruhten auf den überdimensionalen Lehnen, ich hatte die ersten zehn Sitzungen hinter mir, meine Lebensgeschichte war erzählt. Was nun? Wieder von vorne anfangen? Er stellte keine Fragen. Keine einzige. Ja, sollte ich alles alleine machen? Wofür war er denn dann da? Nachdem ich sagte, so das wars fürs erste, und, was meinen Sie?, weiß ich noch genau, dass er meinte: "Puh. Ja. Scheiße, ne?"

Wie? Was? Dafür geh ich zum Therapeuten? Dafür zahlt die Krankenkasse, dass man von einem Fachmann bestätigt bekommt, dass man ganz schöne Scheiße erlebt hat? Und? Wo war meine Diagnose? Er wusste doch nun, was ich erlebt hatte. Welche Neurosen oder wat auch immer lösen denn solche Erlebnisse aus?

Er sagte noch etwas: "Naja, Sie haben den Film, aber Ihnen fehlt der Soundtrack."

Hä?

"Nun. Sie sollten es fühlen. Was fühlen Sie, wenn Sie das alles Revue passieren lassen?"

Heureka, eine Frage! Was freute ich mich. Aber, ja, ähm, was fühlte ich?

Ich habe irgendwas von Verbitterung gefaselt. Sollte ich denn irgendwas anderes fühlen? Traurigkeit? Diese Softtücher aus der Box vollrotzen? Der Doc stellte jedenfalls irgendwann fest, dass Selbstmitleid nicht mein Ding ist. Mann, da hab ich mich gefreut. Ich war ja so hart. Mann mann mann, war ich hart.

Eine der nächsten Sitzungen bekam ich die zweite Frage. Und sogar noch eine Antwort dazu. Na, dieser Dienstag hatte sich ja richtig gelohnt. Er fragte: "In welchem Verhältnis, glauben Sie, stehen die guten und die schlechten Erlebnisse aus Ihrer Kindheit?"

Uiuiui. Ich wog ab. Wog hin und her. Drehte. Wendete. Rollte die Augen, sah nachdenklich nach unten, nachdenklich nach oben und kratzte mich am Kopf.

Ich sagte: "Naja, ich würd mal sagen 80 schlecht, 20 gut."

Er schüttelte den Kopf. "Ich sag Ihnen mal was." (na endlich) "Fünfzig - fünfzig!"

Hab ich nicht verstanden. Ehrlich nicht. Und heute versteh ich nicht mehr, wie ich das nicht verstehen konnte. Es stimmt. Egal, was grad läuft. Tränen. Gänsehaut. Herzklopfen. Alles fifty-fifty. Und allerbestenfalls haben wir einen Blick auf beide Seiten, freuen uns an den schönen Dingen, wissen in schlechten Zeiten, dass auch wieder gute kommen, und blenden in guten Zeiten nicht aus, dass es uns auch schon mal schlecht ergangen ist.

Schlimmstenfalls allerdings machen wir dicht, reden uns die Welt schlecht oder schön, je nach dem, ohne Soundtrack, sammeln Indizien und werten im Kopf aus nach Schema F, das wiederum schlimmstenfalls gewohnheitsmäßig die schlechte Seite bevorzugt.

Trotzdem: Ich hab was zu meckern! Fifty - fifty ist definitiv nicht gut ausgedrückt - es klingt nach schwarz-weiß, dabei ist die Welt bunt, und jede verdammte Farbe hat ihren Reiz und ihre Tücken.

Das macht es sicherlich nicht übersichtlicher, aber doch immerhin abwechslungsreicher.

Selbst Langeweile hat eine Farbe.

Wie schön.

17.10.2006 um 14:49 Uhr

Performance

Heute sollen wir in der Gruppentherapie was vormachen. Jawohl. Was vormachen. Zuerst dachte ich, das is ja geil, mit Hausaufgaben kann ich gut umgehen, das ist Druck, das kenn ich, das mach ich, da hab ich keine Wahl.

Die hab ich aber.

Cool oder uncool. Das ist nämlich die Frage. Witz oder Melancholie?

Wofür is das denn ne Gruppe, wenn ich Angst haben muss, was uncooles zu machen.

Überhaupt ist mir gerade wieder danach, Pipikakaarsch zu sagen und dann fertig.

Oder (kicher) ich singe das Regenwürmchenlied:

 

So ein Regenwurm hats gut

So ein Regenwurm hats fein

Drum möcht ich gern, drum möcht ich gern

Ein Regenwürmchen sein.

 

Ist ja nun auch was Wahres dran...

 

24.08.2006 um 11:29 Uhr

Therrare humanum est

Na, Herr Therapeut?

Na?

Komm sag mal, wass'n los? Sag, was mit mir is und glotz nich' so die ganze Zeit, du Esel, komm schon, raus damit oder trauste dich nicht, mach deine verdammte Arbeit, stell ne Diagnose, schreib'n Rezept, oder weißtes nicht, wie d'es machen sollst, fürchteste die Konsequenzen, haste Angst, ich dreh durch und dann wirste belangt, sitz'de lieber da rum und glotzt und glotzt und glotzt und sagst, dass ich das alleine rausfinden muss, ja das is doch ne gottverdammte Scheiße, das sag ich dir, wieso komm ich denn zu nem Arzt, wenn ichs alleine machen muss, verdammt nochmal, was glaubste denn? Bin ich gekommen, weil ichs alleine kann? Hab immer alles alleine gemacht, alleine gegessen, alleine zum Kindergarten, alleine zur Schule, alleine zum Spielplatz, alleine AUF dem Spielplatz, alleine Hausaufgaben, alleine zu Kindergeburtstagen, leider nicht alleine geschlafen, leider nicht alleine gedacht, leider nicht alleine entschieden, leider nicht Nein gesagt, leider nicht gegangen, weil ich ja dann alleine gewesen wäre, und jetzt komm ich zu dir und dann hörste dir alles an und glotzt und brummst vor dich hin und sagst, ich soll es alleine machen???? Aber bitte, das kann doch nicht dein Ernst sein, was soll denn die Scheiße, kümmert dich doch gar nicht, wirst dafür bezahlt, dir Geschichten anzuhören und dann hilfste nich, hörst dir alles an, schaust auf die Uhr und sagst 'so, dann bis zum nächsten Mal', ach vergiss doch das nächste Mal, du kannst mich mal.

Alleine? Pff, na gut, dann halt alleine, aber dann muss ich dabei auch nicht in dein bewegungsloses, glotzendes Gesicht starren, so schön biste wahrlich nicht, mein Lieber und wenn'de das nächste Mal überfordert bist, sagstes direkt, du Schwachkopf.

Is doch wahr...


Mensch.

 

Menno.

 

Kann mich mal, der Typ.

Oder stimmt das alles? Wird man bei einer Therapie nur gezwungen, sich einmal die Woche mit der ganzen Scheiße auseinander zu setzen? Der Therapeut lediglich ein Aufnehmer? Ein nicht eingreifendes Element, geschmacksneutral, nie wertend, unbeeinflussbar?

Ist ein Therapaut am Ende wie Tofu? Nicht Fisch, nicht Fleisch, für jedes meiner Würzmittel zugänglich?

Ein Scheuerlappen, den ich ins Schmutzwasser tauchen kann, so viel ich will, auswringen und wieder von vorne?

Na super.

Dann könnt ich mir ja viel mehr rausnehmen?

Mmh.

So richtig auf die Kacke hauen?

Mal so richtig?

Also echt feste?

So richtig dolle?

Zieh dich warm an, Doc.

Wenn ich mich trau, könnt's ungemütlich werden...